Kardinal Désiré Tsarahazana

Monat der Weltmission: Interview mit Kardinal Désiré Tsarahazana

„Egoismus macht uns arm“


München / Regensburg, 17. August 2026

Das Bistum Regensburg ist im Jahr 2026 der offizielle Gastgeber für die zentralen Festlichkeiten zum Monat der Weltmission von missio München. Der Höhepunkt und bundesweite Abschluss, der Sonntag der Weltmission, findet am 25. Oktober 2026 unter dem Leitwort „Sei mutig und stark“ statt. Im Mittelpunkt der diesjährigen Aktion steht das Beispielland Madagaskar, aus dem wir hier in einer zweiten Folge einer kleinen Reportageserie berichten. Diesmal bringen wir ein Gespräch mit dem höchsten Vertreter der katholischen Kirche in Madagaskar: Désiré Tsarahazana, Kardinal und Erzbischof von Toamasina.

Eminenz, für das Interview heute tragen Sie Ihre rote Soutane. Im Alltag sieht man Sie gerne in FlipFlops und mit Basttasche. Welche Rolle ist wichtiger – die des Kardinals oder die des Madagassen?   

Ich trenne das nicht. Der heilige Franz von Sales sagte: „Lasst uns sein, was wir sind, und lasst uns das Gute tun“. Das lebe ich. Was ich jedoch immer bin, ist Christ. Und da wird es interessant, denn die christlichen Werte treffen unter Umständen auf kulturelle Zwänge. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In einer Gegend im Südosten von Madagaskar ist es beispielsweise ein Tabu, Zwillinge zu bekommen. Eigentlich sollten sie gar nicht geboren werden, und wenn sie es werden, sind sie schlimmsten Diskriminierungen ausgesetzt. Als Christ bin ich verpflichtet, die Betroffenen zu schützen und ein Umdenken voranzubringen. 

Gemeinsam haben wir gestern eine mobile Klinik der Kirche in entlegene Dörfer begleitet. Sie verlassen gerne den Schreibtisch, um bei den Menschen zu sein, oder?

Es macht mir große Freude! Jesus durchstreifte auch die Berge und Dörfer, um bei den Menschen zu sein. Als ich noch jünger war, bin ich manchmal drei Tage lang zu Fuß gegangen, um die entlegensten Winkel zu erreichen. Die Menschen freuen sich, mit ihrem Kardinal oder Bischof zusammenzutreffen. Allerdings erlaubt es mir meine Zeit nicht immer.

missio fördert Projekte in Madagaskar, auch in Ihrer Erzdiözese. Wie wichtig ist diese Solidargemeinschaft dieser Tage?

Sie ist immer wichtig. Ohne den Beitrag der Christen aus anderen Ländern würden wir in großen Schwierigkeiten stecken. Andersherum sehen Sie, dass Ihre Arbeit wiederum von uns mitgetragen wird. 

Mit Schwierigkeiten meinen Sie wohl auch die Folgen durch den Tropensturm Gezani, der im Februar weite Teile der Insel verwüstet hat. missio unterstützte mit Nothilfe. Wie geht es den Betroffenen?

Diese Katastrophe hat die Madagassen noch weiter in die Armut getrieben. Viele Familien haben fast alles verloren. Es geht auch Monate später noch darum, alle mit Lebensmitteln zu versorgen und Häuser wieder instand zu setzen. Dafür fahren Teams unseres Entwicklungszentrums in die Dörfer. Wir verteilen gerade auch Blechplatten für die Dächer. Ich fahre heute selbst raus. 

Auch die Infrastruktur der Kirche war in weiten Teilen zerstört….

Allein Hunderte kleiner Kirchen draußen im Busch wurden weggerissen. Wir sind immer noch dabei, alles zu reparieren. Die schnelle Hilfe von missio war sehr wichtig. Sie hilft bis heute. Dafür möchte ich nochmals ausdrücklich Danke sagen.

In Zeiten des Klimawandels kommt der nächste Zyklon sicher. Auch die anhaltende Dürre im Süden bereitet Sorgen. Wie rüstet sich das Land, und was kann die Kirche dazu leisten?

Wir müssen zum Beispiel endlich den Regenwald schützen. Die Menschen roden Bäume, um Flächen für den Reisanbau zu schaffen. Die Kirche versucht, die Menschen zu sensibilisieren und unterstützt bei der Aufforstung. Außerdem haben wir ein Projekt, das neue Anbaumethoden für Reis in die Praxis bringt. Wir tun, was möglich ist – aber wir können nicht alle Probleme lösen. Ich würde mir wünschen, dass sich auch der Staat einbringt. Es ist seine Aufgabe. Die Menschen müssen motiviert werden, ihr Land zu bewahren. Ich habe allerdings das Gefühl, dass sich der Staat nicht sonderlich dafür interessiert.

Dabei ist Madagaskar bekannt für seine Schönheit. Es gibt paradiesische Strände, in den Wäldern eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt und Rohstoffe. 

Das Potenzial ist enorm. Nur leider verfällt das Land zusehends. Es ist wie bei einem Korb, gefüllt mit Holzkohle, der auf dem Markt angeboten wird. Unten ist er jedoch mit Papier ausgestopft, so dass die Ware nach mehr aussieht. Madagaskar gehört jetzt schon zu den ärmsten Ländern der Welt. Die große Frage ist also: Warum sind wir arm, obwohl wir förmlich im Reichtum schwimmen? 

Haben Sie die Antwort?

Zum großen Teil ist es Egoismus, der uns arm macht. Natürlich tragen auch globale Faktoren und die Weltwirtschaft zu diesem Zustand bei. Es findet keine Wertschöpfung im Land statt. Die Stromversorgung ist schwierig, die Infrastruktur schlecht. 

Im September ist die junge Generation aufgrund dieser Missstände auf die Straße gegangen. 

Ungefähr alle zehn Jahre lehnt sich das madagassische Volk auf und stürzt seinen Präsidenten. Aber die, die nachfolgen, wiederholen die Fehler – oder machen es gar noch schlimmer. 

Warum lässt sich dieser Kreislauf nicht durchbrechen?

Die, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sind nicht gut. Und die, die gut sind, sind (noch) nicht bereit. Ich stelle ein großes Machtstreben fest. Aber die, die sich wirklich engagieren wollen, werden schnell sabotiert. Präsident zu sein, wird leider oft als Möglichkeit gesehen, Geschäfte zu machen und reich zu werden. Das ist die eine Seite. Und die andere Seite geht die Madagassen selbst an. Sie träumen vom Wandel. Aber sie müssen verstehen, dass auch sie ihren Teil dazu beitragen müssen. 

Inwiefern?

Korruption betrifft hier jeden, von der untersten bis zur obersten Ebene. Wollen wir einen echten Wandel, müssen wir unsere Mentalität ändern. Wir müssen uns unserem Land verpflichtet fühlen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Jeder Madagasse sagt: „Ich liebe mein Land“. Aber sobald man in höhere Kreise kommt, wird plötzlich kein Malagasy mehr gesprochen, sondern nur Französisch. Es fehlt an Identität.

Was braucht das Land außerdem?

Gute Bildung. Nur so kann bürgerliches Engagement entstehen. Und wir brauchen dezentrale Strukturen und Gewaltenteilung. Gesetze müssen endlich die Realität vor Ort berücksichtigen und nicht nur aus Büros heraus erlassen werden. Ein Beispiel: Sehen Sie die Kokospalmen dort draußen vor meinem Fenster, direkt an der Küste? Sie wurden vor 50 Jahren von Christen gepflanzt. Wir nutzen dieses Grundstück für Feste. Übers Jahr hält die Kirche es instand. Jetzt hat sich der Staat das Grundstück offiziell einverleibt. Mit dem Ergebnis, dass es verkommt. 

Scheint nicht allzu gut zu sein, das Verhältnis zwischen Kirche und Staat…

Die christlichen Kirchen spielen eine Rolle und werden als glaubwürdig wahrgenommen, von Gesellschaft und Staat. Mich nennen die Gläubigen zum Beispiel „Raimandreny“, was bedeutet, dass ich wie ein Vater und eine Mutter gleichzeitig bin. Aber auch wir Kirchenvertreter müssen leben, was wir predigen, und gute Vorbilder sein. Ein jeder von uns. Immerhin sind knapp die Hälfte der Madagassen Christen. Auch die Mehrheit derjenigen, die in diesem Land die Entscheidungen treffen. Daher tragen wir Verantwortung. 

Wie unterstützt die Kirche den Wunsch der „Generation Z“ nach Wandel konkret?

Diese jungen Menschen riskieren ihr Leben, um etwas zum Guten zu verändern. Das unterstützen wir. Die Regierenden hören, was wir sagen. Aber ich weiß nicht, ob sie darauf hören.

Hatten Sie nochmal Kontakt zum Übergangspräsidenten Michael Randrianirina? 

Wir haben uns vor einigen Wochen getroffen. Es ging unter anderem um Zölle auf Baumaterial, das wir dringend für den Wiederaufbau in den Dörfern benötigen. Auf welcher Seite er wirklich steht, wissen wir noch nicht. Manchmal haben wir Zweifel, dann wieder Hoffnung.

Interview: Kristina Balbach

(sig)

Weitere Infos

Der Regensburger Bischof Dr. Rudolf Voderholzer hat im April 2026 auf Einladung von missio München eine Delegationsreise nach Madagaskar unternommen. Darüber haben wir ausführlich berichtet:

Eindrücke von der Reise, Teil 2

Reportage über die Buschschulen von Moramanga

Das Nothilfeprogramm nach dem verheerenden Tropensturm „Gezani“ im Februar

Mehr über die Reise allgemein

Die Kirche in Madagaskar ist politisch, und das muss sie auch sein: Die Herausforderungen für die Bewohner des zweitgrößten Inselstaats der Welt sind enorm. Ausverkauf, Klimawandel und korrupte Eliten machen ein reiches Land zu einem der ärmsten der Welt. Der Staat ist im Umbruch. Welche Rolle spielt die Kirche? Kardinal Désiré Tsarahazana (70) stammt aus dem Norden der Insel. Mehrere Jahre stand er der Bischofskonferenz von Madagaskar vor. In Toamasina, der zweitgrößten Stadt und wichtigsten Hafenstadt des Landes, lebt und arbeitet der Erzbischof seit 2009. Kardinal ist er seit acht Jahren.

 



Nachrichten