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Zur Neuigkeit
Madagaskar: Die Buschschulen von Moramanga
Der lange Weg zur Schule
Moramanga, München, Regensburg, 17. April 2026
Tagesmärsche ins nächste Dorf oder Arbeiten für den Topf Reis am Abend – Millionen Kindern in Madagaskar bleibt das Lernen verwehrt. Die Kirche hat beschlossen: Wenn die Kinder nicht zur Schule kommen, dann kommt die Schule eben näher zu ihnen. In den „Écoles de brousse“ von Moramanga, den sogenannten Buschschulen, gibt es nicht vieles, aber guten Unterricht. Für viele Mädchen und Jungen die einzige Chance. Bischof Dr. Rudolf Voderholzer, der sich mit missio in diesen Tagen auf eine Pastoralreise nach Madagaskar begibt, wird eine dieser Buschschulen besuchen.

Für Zindonat Randrianjatovo heißt es heute wieder Abschied nehmen. Wie jeden Sonntagmittag. Er packt Schulbücher, Hefte und Stifte in eine grüne Plastiktüte, schnürt ein paar Kleider zu einem Bündel. Ein Paket Holzkohle muss auch noch geschultert werden, zum Kochen und als Zahlungsmittel. Dann macht sich der 13-Jährige zusammen mit seiner ein Jahr jüngeren Schwester auf zu einem dreistündigen Fußmarsch. Auf hügeligen Hochlandpfaden geht es ins nächstgelegene Dorf Ambodiriana. „Ambodiriana“, was soviel heißt, wie: „Wo die heiligen Bäume stehen“. Am Rand des Regenwaldes, oder was von ihm übrig ist, steht seit nun fünf Jahren auch die katholische Schule Sainte Trinité, die einzige der Gegend. Dort, in einer gemieteten Hütte, werden die Geschwister alleine ihre Woche verbringen. Sie werden lernen, sie werden sich morgens etwas Reis zubereiten und abends Maniok, sie werden ihren Schlafraum fegen und, bevor die Sonne untergeht, vielleicht noch ein wenig mit den anderen Kindern spielen. Am Samstag werden sie sich auf den Rückweg machen, um ihre Familie zu sehen.
Nur drei Stunden einfach – und Eltern, die Ja dazu sagen: Zindonat hat Glück gehabt. Anders 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Madagaskar, die laut UN keine Schule besuchen. Für weitere zwei Millionen fehlt die Vorschule. Gründe dafür gibt es viele in einem Land, in dem die Infrastruktur kaum entwickelt ist. Viele Dörfer sind nur zu Fuß oder per Boot erreichbar. Rund 90 Prozent des überhaupt befahrbaren Straßennetzes führen über nicht asphaltierte Routen, die sich besonders in der Regenzeit in schlammige Pisten verwandeln können.
Zudem leben bis zu 80 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Gleichzeitig zählt die Geburtenrate mit im Durchschnitt bis zu vier Kindern pro Frau zu den höchsten weltweit. Wo es immer nur darum geht, wieviel Reis am Abend im Topf ist, müssen viele Kinder früh zum Einkommen der Familie beitragen. Wo die meisten Familien umgerechnet mit einem oder maximal zwei Dollar am Tag auskommen müssen, bleibt kaum Geld für Bücher oder eine Schuluniform – und wenig Sinn für Kinder, die etwas lernen wollen. Nur etwa die Hälfte aller Grundschüler in Madagaskar schließt die Grundschule überhaupt ab. Ein Umstand, der das Bildungsministerium des Landes offenbar nicht sonderlich interessiert. Noch weniger, seit das im vergangenen Herbst an die Macht geputschte Militärregime die Regierung gänzlich abberufen hat.
„Für den Staat stand Bildung noch nie an oberster Stelle“, sagt Jean Rochel Leonard Randrianaivoarison und dreht den Zündschlüssel. Der Motor des alten Landrovers stolpert sich mühsam warm. Der Ordensmann hat es heute einfacher als der Schüler Zindonat. Sainte Trinité ist vom Städtchen Moramanga aus mit dem Auto zu erreichen. Père Rochel will sich heute ein Bild von der Baustelle neben der Schule machen. Es muss dringend etwas getan werden in Ambodiriana. Ungefähr 12 000 Quadratkilometer umfasst die Diözese Moramanga im Osten des riesigen Inselstaats. Père Rochel vom Orden der Unbeschuhten Karmeliten betreut die Menschen in 19 Außenstationen und kümmert sich um den Betrieb von fünf „Écoles de brousse“, sogenannten Buschschulen. Besucht er die Gemeinde, die am weitesten von Moramanga entfernt liegt, muss er 50 Kilometer einfach zurücklegen – zu Fuß. Eine Woche ist der Priester dann unterwegs. Heute wird er nur wenige Stunden brauchen. 20 Kilometer geht es über eine teilweise asphaltierte Straße mit tiefen Schlaglöchern, bevor sich nach einem Abzweig eine rötliche Lehmpiste öffnet. In der Nacht hat es geregnet. Die Reifen des Landrovers graben tiefe Furchen, der Wagen schwimmt. Père Rochel kennt es nicht anders. „Das schaffen wir schon“, sagt er gutgelaunt und schiebt seinen Cowboyhut aus der Stirn. Priester oder Ranger? Père Rochel ist beides, durchstreift sein Gebiet, grüßt hier und da, behält alles im Blick.

Unterdessen in Ambodiriana: Pünktlich um sieben Uhr läutet die Schulglocke alle Klassen zum Unterricht. Das tut sie nicht immer. Zum Beispiel wenn das Wellblechdach mal wieder einem tropischen Wirbelsturm nicht Stand halten konnte. Oder wenn die Wassermengen von tagelangem Regen mal wieder durch alle Ritzen in die Klassenzimmer rinnen. In allen Räumen stehen Eimer bereit. Die hohe Luftfeuchtigkeit lässt den Putz von den Lehmwänden bröckeln. Strom gibt es nicht, auch keinen Wasseranschluss. Nur eine notdürftige Latrine. Aber heute lässt sich niemand aufhalten. Auch nicht die Schülerinnen und Schüler der „3ième“, wie das letzte Jahr der Mittelstufe genannt wird, hier das Abschlussjahr. Die Mädchen und Jungen haben in den drei Gebäuden der Schule keinen Platz mehr. Also sind sie bis auf Weiteres in der Dorfkirche oben auf dem Hügel untergebracht. Schulbänke, Pult und Tafel im Kirchenschiff – das passt doch gut, findet Père Rochel: „Wo immer an den Rändern in Madagaskar die katholische Kirche ist, da findet man auch immer eine Schule.“
Oft eine wie Sainte Trinité, wo eine Handvoll Lehrerinnen und Lehrer mit dem Wenigen, das sie haben, Kindern etwas beibringen. Kinder, von denen manche täglich mehr als eine Stunde zu Fuß zur Schule gehen und andere während der Woche bei Verwandten im Dorf Unterschlupf finden. Kinder, die nach ihrer Heimkehr keine Hausaufgaben mehr erledigen können, da zu Hause Arbeit auf sie wartet und ohne Strom ab Sonnenuntergang jedes Licht fehlt.
In die Buschschule Sainte Trinité dürfen schon Vierjährige kommen, zur Vorschule. Die Ältesten sind 16. Unterrichtet wird neben Lesen und Schreiben in Französisch und Malagasy auch ein wenig Englisch. Dazu Mathe und Physik, Geschichte und Geographie, Sport und Religion. Nur knapp mehr als die Hälfte der Schüler ist katholisch. 112 Schüler sind es inzwischen, davon deutlich mehr Mädchen. Wie Santatra und ihre kleine Schwester Shania. Die beiden besuchen dieselbe Grundschulklasse. Erste Stunde heute: Französisch. Lieblingsfach der jüngeren. Santatra selbst, zehn Jahre, mag lieber Malagasy – noch versteht sie das besser. Zu Hause hat sie viele Aufgaben: Sie kümmert sich um den Abwasch und erledigt die Wäsche der Familie im Fluss. Hier, in der Schule, darf sie einfach nur lernen und in den Pausen mit ihren Freundinnen Gummitwist spielen. Und später? „Einen guten Beruf haben“, sagte sie. Eben mehr als nur die Wäsche. Im Team der Lehrer in Ambodiriana hat bewusst eine der Jüngsten den Hut auf: Jeanne Mericia. Nicht immer findet die 29-Jährige Zeit, zu unterrichten. Die Schule braucht dringend mehr Platz. Solarpanele könnten in der Zukunft für Strom sorgen. Heute zum Beispiel muss sie, wie so oft, Eltern aufsuchen und um die Begleichung der Schulgebühren bitten.


„Die meisten Familien haben kaum Geld. Für sie ist schon der geringe Betrag von gut zwei Dollar pro Kind und Monat für den Besuch der Grundschule zu viel“, sagt Jeanne Mericia. Aber Lehrer wollen bezahlt und Bücher und Mobiliar muss angeschafft werden. „Schulgebühren sind Pflicht“, sagt die Schulleiterin. Sie seien nötig, aber auch symbolisch wichtig, um allen zu zeigen, dass jeder seinen Beitrag leisten müsse. Heute geht Jeanne Mericia zu den Eltern von Santatra und Shania. Père Rochel ist dabei. Er kennt die Familie gut. Sie gehört der katholischen Gemeinde in Ambodiriana an und wohnen in einem kleinen Weiler aus gut 15 Hütten, etwa eine gute halbe Stunde Fußweg entlang eines Bachs. „Die meisten Familien fällen Bäume, um Holzkohle zu gewinnen. Damit bezahlen sie“, erklärt Père Rochel. „Einige haben auch ein Reisfeld und können übrigen Reis auf dem Markt verkaufen. Aber für die Schule bleibt als letztes etwas übrig.“ Er sagt: „Natürlich wollen wir nicht, dass auch nur ein Kind nicht mehr zur Schule gehen kann.“ Aus der kleinen Hütte tritt Marie Rananairana. Sie freut sich über den Besuch.
Normalerweise kümmert sie sich täglich um das kleine Reisfeld der Familie, das 13 Kilometer entfernt in einem Flusstal liegt. Heute hat eine der älteren Töchter den Gang übernommen. Ihr Mann ist noch unterwegs, heute ist Markt. Sechs Kinder hat die Familie. Nicht jedes von ihnen konnte zur Schule gehen, weil es vor wenigen Jahren in Ambodiriana noch keine gab. Jetzt aber haben die beiden kleinsten Mädchen Santatra und Shania die Chance – und Madame Rananairana ist dankbar dafür: „Diese Schule ist ein guter Ort“, sagt sie und ist froh, dass die beiden bis zum Nachmittag gut betreut sind und etwas lernen. Dabei soll es auch bleiben. Bezahlt wird bestimmt. So bald wie eben möglich. Santatra und Shania dürfen also weiterlernen. Sie besitzen und tragen keine Schuhe. Aber Schultaschen. Das ist erst der Anfang.
Text: Kristina Balbach, Fotos: © Jörg Böthling
(jas)
Weitere Infos
Madagaskar im Fokus:
Zum Monat der Weltmission nimmt missio in diesem Jahr Madagaskar in den Blick. Partnerinnen und Partner aus dem Inselstaat werden im Oktober in Regensburg und in Speyer zu Gast sein und von ihrer Arbeit berichten. www.weltmissionsmonat.de














