News Bild „Lasst uns nicht allein“ - Erzbischof Louis Sako und Weihbischof Antonius Aziz Mina berichten über die Situation der Christen im Vorderen Orient

„Lasst uns nicht allein“ - Erzbischof Louis Sako und Weihbischof Antonius Aziz Mina berichten über die Situation der Christen im Vorderen Orient

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(mef) Die Christen, alle Menschen im Irak sehnen sich nach Freiheit, nach Sicherheit, nach einem pluralen Staat.“ Mit diesen Worten wandte sich der Erzbischof der chaldäisch-katholischen Kirche im Irak, Erzbischof Louis Sako, im Rahmen eines Pressegesprächs zum Monat der Weltmission an die Öffentlichkeit. Zusammen mit Weihbischof Antonius Aziz Mina von der koptisch-katholischen Kirche besucht er auf Einladung des Internationalen Katholischen Missionswerk MISSIO derzeit die Diözese Regensburg und macht dabei vor allem auf die Situation der Christen im Irak und im Vorderen Orient aufmerksam.

Die Situation der Christen im Irak bezeichnete der Erzbischof als sehr schwierig, „weil die gesamte politische und gesellschaftliche Entwicklung sehr verworren ist und zeitgleich in entgegengesetzte Richtungen geht. Während der 35 Jahre des Regimes gab es keine Kultur, keine Freiheit– nur Panzer und Waffen, für die unser gesamter Wohlstand verwendet wurde. Wir waren geduldet, aber spielten keine Rolle. Mit der neuen Verfassung wurden wir nun zu einer Gruppe, die mit dazu gehört und mitentscheiden muss. Aber dazu brauchen wir die Hilfe von außen, von Regierungen und der weltweiten Kirche.“

Die Beziehungen zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen im Irak bezeichnete Erzbischof Sako als beispielhaft für gelebte Ökumene: „Das Volk macht keinen Unterschied: Sie sind Christen! In den Schulen wird der Religionsunterricht gemeinsam gehalten, sie benützen dieselben Schulbücher. Sie feiern Trauungen und Beerdigungen gemeinsam. Im Chaldäischen Seminar sind auch Angehörige der Syrischen und der Armenischen Kirche, und an der Theologischen Fakultät in Bagdad haben alle Seminaristen dieselbe Ausbildung.“ Aber gerade diese Gemeinsamkeit wurde in den letzten Monaten auch zur Belastung, da „viele fanatische Muslime uns in einen Topf werfen“. Besonders kritisch beobachtet der Erzbischof daher auch die Missionierungsversuche evangelikaler Christen vor allem aus den USA, „die unsere Mentalität nicht kennen und versuchen mit oberflächlichen Botschaften, bisweilen auch mit Geld, zu missionieren. Das macht uns kaputt!“

Leben inmitten einer muslimisch geprägten Umwelt
Vom Leben in einer muslimisch geprägten Umwelt sprach auch Weihbischof Antonius Aziz Mina vom koptisch-katholischen Patriarchat von Alexandria: „Unter 70 Millionen Ägyptern leben etwa 6 Millionen Christen. Davon bildet die koptisch-katholische Kirche nur eine kleine Gruppe von etwa 250.000 Christen. Aber wir leben unser Leben und unseren Glauben.“ Er berichtete von Schulen, sozialen Projekten, von einem blühenden Ordensleben und von Weiterbildungszentren vor allem für Frauen. Er verschwieg aber auch nicht die Schwierigkeiten. „Unsere Herausforderung in Ägypten ist die Bewahrung des Friedens. Wir dürfen nicht zulassen, dass fundamentalistische Gruppen die Einheit des Landes zerstören. Aber auch die Abwanderung vieler junger Christen macht uns zu schaffen, ebenso die hohe Zahl von Analphabeten.“ Deswegen sei es gut, dass in diesem Jahr MISSIO die Augen der Kirche in Deutschland auf den Nahen Osten richte. Für die Zukunft wünschte er sich, wie auch Erzbischof Sako, vor allem eine Intensivierung der Begegnung zwischen den Christen in Europa und im Vorderen Orient: „Wir brauchen einen kulturellen Austausch, wir brauchen Ideen und wir brauchen Mut, um die Wahrheit und den Glauben auch weiterhin zu bekennen.“

Missionarisch leben – Begegnung wagen
Eingeladen sind Erzbischof Sako und Weihbischof Mina vom Internationalen Katholischen Missionswerk MISSIO im Rahmen des Monats der Weltmission, der am 24. Oktober in allen katholischen Kirchen mit dem Weltmissionssonntag abgeschlossen wird. Diese Hilfsaktion der Christen steht dieses Jahr unter dem Motto „Missionarisch leben – Begegnung wagen“. Den Menschen in den Gemeinden im Nahen Osten und in Nordafrika gilt in diesem Jahr besondere Aufmerksamkeit.

Rund 3% der Iraker (750.000 unter 22 Millionen) bekennen sich zum Christentum. Dazu gehören neben der Chaldäisch-Katholischen Kirche auch andere christliche Kirchen, die das orientalische Erbe bewahren: die Syrisch-Orthodoxe und die Syrisch-Katholische Kirche, die Armenisch-Orthodoxe und die Armenisch-Katholische Kirche. In der Mitte des 16. Jahrhunderts entstand die chaldäische-katholische Kirche und zählt heute etwa 550.000 Gläubige im Irak, die jedoch durch Flucht vieler Christen immer weiter dezimiert wird. Oberhaupt ist der im Dezember 2003 gewählte Patriarch Emmanuel III. Delly.

Ebenso wie Erzbischof Sako lebt auch Weihbischof Mina und die koptisch-katholische Kirche in der Diaspora. Von den etwa 65 Millionen Einwohnern Ägyptens sind ca. 250.000 koptisch-katholisch neben 6 Millionen Kopten. Im 18. Jahrhundert trat der koptische Bischof von Jerusalem in Gemeinschaft mit Rom und wurde Vikar für alle koptisch-katholischen Christen (damals etwa 2.000 Gläubige). Seit 1947 existiert wieder ein koptisch-katholisches Patriarchat in Alexandria. Patriarch ist seit 1986 Kardinal Stephanos II. Ghattas.

Zu Erzbischof Louis Sako
Louis Sako wurde am 4. Juli 1948 in Mosul, dem antiken Ninive, geboren. Nach Schulaus-bildung und Studien - er studierte u.a. in Rom und Paris, hat einen Master-Abschluss in islamischer Geschichte und ist spezialisiert auf Alte Christliche Literatur - ist er am 1.6.1974 zum Priester geweiht worden. Sako, der 12 Sprachen beherrscht, wirkte als Rektor des chaldäischen Priesterseminars in Bagdad, und ist Berater des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog. 2002 erfolgte seine Wahl zum neuen Erzbischof der nordirakischen Erdölstadt Kirkuk durch die Synode des chaldäischen Patriarchats. Wegen der dramatischen Ereignisse im Irak erfolgte die päpstliche Bestätigung aber erst ein Jahr später, und die Bischofsweihe am 14. November 2003. Kirkuk, seit dem 4. Jahrhundert Erzbischofssitz, verlor in den letzten 40 Jahren viele Katholiken; ihre Zahl wird derzeit auf 6.000 geschätzt.

Zu Weihbischof Antonius Aziz Mina
Antonius Aziz Mina wurde am 09. Februar 1955 in El Minya in Ägypten geboren. 1988 erwarb er seinen Doktortitel in Orientalischem Kirchenrecht. Zurück in der Heimat arbeitete er in der Gemeindepastoral seiner Diözese und war gleichzeitig Richter und Präsident des diözesanen Kirchengerichts und Professor für Kirchenrecht am Großen Seminar von Maadi. 1992 wurde nach Rom berufen in die Kongregation der Orientalischen Kirchen. Zugleich hatte er die Professor für Orientalisches Kirchenrecht beim Ponitificio Instituto Orientale inne. Am 21.12.2002 wurde er dann von der Synode der Bischöfe der koptisch-katholischen Kirche zum Weihbischof des Patriarchats von Alexandria ernannt, zuständig für Alexandria und das Norddelta, und als Visitator für die Kopten der Diaspora.