St. Anton, Regensburg

Kirchen aus dem Bistum: St. Anton in Regensburg

Der Raum als Antwort auf eine historische Bewegung


Regensburg, den 26 Februar 2026

St. Anton in Regensburg ist mehr als ein Kirchenbau – sie ist Ausdruck einer Stadt im Übergang und eines Raumes, der geistige Ordnung sichtbar macht. Zwischen romanisierender Form und moderner Konstruktion entfaltet sich eine Architektur, die nicht nur gebaut wurde, sondern gewachsen ist. In ihrem Raum verbinden sich Überlieferung, Bild und Struktur zu einer stillen Gegenwart, die bis heute fortwirkt.

Kirchen entstehen nicht zufällig, sondern sind Antworten auf Bewegungen – auf die Bewegungen der Menschen, auf die Veränderungen der Städte und auf die stillen Verschiebungen der Zeit selbst. St. Anton in Regensburg ist eine solche Antwort, hervorgegangen aus einer Phase, in der die Stadt ihre mittelalterlichen Grenzen überschritt und neue Räume erschloss, die nicht nur bebaut, sondern auch geistig geordnet werden mussten. Im Kasernenviertel, südlich der historischen Altstadt, entstand ein Stadtteil, der nicht aus der langsamen Selbstentfaltung gewachsener Strukturen hervorging, sondern aus Expansion, aus Planung und aus der Notwendigkeit, einer wachsenden Bevölkerung Heimat zu geben. Wo sich neue Wohnhäuser erhoben, musste auch ein Ort entstehen, der mehr war als ein funktionaler Raum, nämlich ein Ort der Sammlung, der Orientierung und der inneren Vergewisserung.

Mit der Gründung der Pfarrei am 1. Dezember 1921 wurde dieser Anspruch sichtbar, auch wenn er zunächst nur in einer vorläufigen Form Gestalt annahm. Die Notkirche, die der Gemeinde vorübergehend als Gottesdienstraum diente, war Ausdruck eines Übergangs, nicht einer Vollendung. Sie erfüllte eine unmittelbare Aufgabe, konnte jedoch auf Dauer nicht tragen, was über sie hinauswies. So wuchs mit der Gemeinde selbst auch die Notwendigkeit eines Bauwerks, das nicht nur Schutz bot, sondern Bestand versprach. Mit der Grundsteinlegung am 24. Juli 1927 begann dieser Prozess der architektonischen Verankerung, der mit der Weihe am 11. November 1928 durch Bischof Michael Buchberger seine sichtbare Vollendung fand.

Die Architektur als Gedächtnisform

Der Entwurf des Architekten Karl Schmid sen. griff bewusst auf die Form der Basilika zurück, die seit Jahrhunderten als räumlicher Ausdruck geistiger Ordnung verstanden wird. Diese Entscheidung war keine Rückwendung in die Vergangenheit, sondern eine bewusste Verortung innerhalb einer Kontinuität, die über die Gegenwart hinausreicht. Die dreischiffige Anlage schafft eine klare innere Gliederung, die den Raum nicht zerteilt, sondern sammelt, indem sie Bewegung in Richtung und Richtung in Bedeutung verwandelt. Mit einer Länge von etwa 70 Metern und einer Breite von rund 25 Metern entfaltet sich der Innenraum in einer ruhigen, tragenden Weite, die weder überwältigen noch beeindrucken will, sondern den Besucher in eine Ordnung einbindet, die größer ist als seine eigene Wahrnehmung. Der Turm, der sich bis auf knapp 50 Meter erhebt, markiert den Ort im Gefüge der Stadt, ohne ihn zu dominieren, und wird so zu einem Zeichen der Gegenwart, das nicht durch Lautstärke wirkt, sondern durch Beständigkeit.

Die romanisierende Formensprache des Bauwerks ist dabei Ausdruck einer bewussten Entscheidung für Dauer in einer Zeit, die von Unsicherheit und Beschleunigung geprägt war. Indem sie auf die architektonische Klarheit romanischer Vorbilder Bezug nimmt, schafft sie eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die nicht imitierend, sondern fortführend ist. Die Kirche wird so zu einem Gedächtnisraum, in dem sich Geschichte nicht als Erinnerung, sondern als Gegenwart vollzieht.

Konstruktion und Dauer

Gleichzeitig ist St. Anton ein Bauwerk ihrer eigenen Zeit, dessen konstruktive Grundlage aus einem Eisenbetonskelett mit Ziegelmauerwerk besteht und damit den technischen Möglichkeiten des frühen 20. Jahrhunderts entspricht. Diese moderne Bauweise bleibt im Erscheinungsbild bewusst zurückgenommen und dient nicht der Demonstration technischer Innovation, sondern der Verwirklichung räumlicher Klarheit. Die Konstruktion ermöglicht eine Stabilität und Offenheit des Raumes, die weder ornamental überladen noch demonstrativ reduziert ist, sondern sich aus der inneren Logik des Bauwerks ergibt. In dieser Verbindung von moderner Technik und traditioneller Form zeigt sich ein architektonisches Denken, das nicht im Bruch, sondern in der Weiterführung besteht und die Vergangenheit nicht überwindet, sondern in die Gegenwart integriert.

Seine eigentliche Tiefe gewinnt der Innenraum durch die Verbindung von Architektur und Bild, die in den Wand- und Apsismalereien des Regensburger Künstlers Georg Winkler ihre sichtbare Gestalt findet. Zwischen 1928 und 1938 entstand ein ikonographisches Programm, das nicht als bloße Ausschmückung gedacht ist, sondern den Raum in seiner geistigen Dimension erschließt. Die Darstellungen aus der Heilsgeschichte und die Figuren der Heiligen sind nicht isolierte Motive, sondern Teil eines Zusammenhangs, der den Raum selbst in Bedeutung verwandelt und ihn über seine physische Gestalt hinaus erweitert. Ergänzt werden diese Malereien durch die plastischen Arbeiten des Bildhauers Guido Martini, deren stille Präsenz den Raum nicht besetzt, sondern vertieft, indem sie dem Betrachter ein Gegenüber anbieten, das nicht fordert, sondern erinnert.

 

Der Chorraum als Ort der Sammlung

Am östlichen Ende von St. Anton verdichtet sich der Kirchenraum in einer Weise, die nicht als architektonischer Abschluss erscheint, sondern als innere Vollendung dessen, was sich zuvor entfaltet hat. Der Weg durch das Langhaus ist kein bloßer Durchgang, sondern eine Bewegung, die auf einen Punkt hin angelegt ist, an dem der Raum seine Richtung offenlegt. Im Chorraum, dort, wo der Altar seinen Ort findet, wird diese Bewegung nicht beendet, sondern in eine Form der Sammlung überführt, die den Raum nicht begrenzt, sondern ihm seine Mitte verleiht.

Hier zeigt sich mit besonderer Klarheit, dass sakrale Architektur nicht allein aus Wänden und Gewölben besteht, sondern aus der Ordnung, die sie hervorbringt. Der Chorraum ist nicht als isolierter Bereich konzipiert, sondern als Steigerung des Ganzen, als jener Ort, an dem sich die räumliche Struktur des Bauwerks in geistige Gegenwart verwandelt. Was zuvor als Ausdehnung erfahrbar war, gewinnt hier seine Konzentration, und in dieser Konzentration wird sichtbar, dass der Raum selbst auf Bedeutung hin angelegt ist.

Die Apsis, die diesen Bereich räumlich fasst, erfüllt dabei keine konstruktive Funktion. Sie ist nicht bloß architektonische Form, sondern Ausdruck einer Ausrichtung, die den Raum über seine physische Gestalt hinaus bestimmt. Ihre Präsenz schafft keine Abgrenzung, sondern eine Sammlung, die den Raum nicht verschließt, sondern ihn in eine Ordnung überführt, die als stilles Zentrum erfahrbar wird.

Die Evangelisten als Gegenwart der Überlieferung

Zu den Zeichen, die diesen Raum in einen größeren Zusammenhang stellen, gehören die Symbole der vier Evangelisten, die in St. Anton am Westportal in der Darstellung Christi sichtbar werden. Dort erscheint Christus umgeben von Löwe, Adler, Mensch und Stier – jenen Gestalten, die seit den frühesten Jahrhunderten des Christentums als Sinnbilder der Evangelisten überliefert sind. Diese Symbole stehen nicht für sich selbst, sondern für den Ursprung dessen, was im Raum gegenwärtig wird: die Überlieferung, aus der sich die Verkündigung speist und ohne die der sakrale Raum seine Bedeutung nicht entfalten könnte.

In ihrer symbolischen Form verweisen sie auf eine Ordnung, die nicht aus Gleichförmigkeit entsteht, sondern aus Übereinstimmung. Der Mensch oder Engel des Matthäus, der Löwe des Markus, der Stier des Lukas und der Adler des Johannes verkörpern unterschiedliche Perspektiven, die sich nicht widersprechen, sondern ergänzen. Sie machen sichtbar, dass Überlieferung nicht als starre Wiederholung besteht, sondern als fortdauernde Gegenwart eines Ursprungs, der sich in der Vielfalt seiner Zeugnisse bewahrt.

Ihre Platzierung am Portal verbindet den Eintritt in den Kirchenraum mit der Erinnerung an die Überlieferung, auf der die christliche Verkündigung beruht. Der Übergang vom äußeren Raum in den inneren wird dadurch nicht allein architektonisch, sondern auch symbolisch erfahrbar, indem sichtbar wird, dass der Kirchenraum nicht nur gebaut, sondern in einen Zusammenhang gestellt ist, der ihm vorausgeht und ihn trägt.

Die Einheit von Raum und Bedeutung

Im Zusammenwirken von architektonischer Form und ikonographischer Darstellung wird deutlich, dass St. Anton nicht allein als Konstruktion gedacht ist, sondern als Zusammenhang. Die Architektur schafft die räumliche Ordnung, doch erst durch die Gegenwart der Überlieferung gewinnt sie jene Tiefe, die sie über ihre materielle Gestalt hinaushebt. Der Chorraum und die Apsis erscheinen so nicht als isolierte Teile, sondern als Orte der Konzentration, in denen sich die Bedeutung des gesamten Bauwerks verdichtet.

Auf diese Weise wird erfahrbar, dass sakrale Architektur nicht im Sichtbaren aufgeht. Sie wirkt nicht durch das Einzelne, sondern durch das Gefüge, in dem sich Form, Bild und Überlieferung gegenseitig tragen. St. Anton ist in diesem Sinn kein Bauwerk, das sich durch seine äußere Erscheinung erschöpft, sondern ein Raum, der seine eigentliche Bedeutung erst im Zusammenhang seiner Ordnung offenbart.

Dauer und Gegenwart

Der Zweite Weltkrieg führte auch in St. Anton zu Verlusten, insbesondere bei Teilen der ursprünglichen Ausstattung, doch blieb das Bauwerk selbst in seiner strukturellen Integrität erhalten. Diese Kontinuität verleiht der Kirche eine besondere historische Tiefe, denn sie ist nicht nur ein Zeugnis ihrer Entstehungszeit, sondern auch ihrer Fähigkeit, die Veränderungen der Geschichte zu überdauern. Architektur, die bleibt, verändert ihre Bedeutung, weil sie nicht mehr nur als Bauwerk existiert, sondern als Teil der Erfahrung einer Stadt und ihrer Bewohner.

So steht St. Anton heute im Kasernenviertel nicht als isoliertes Monument, sondern als Teil eines gewachsenen Zusammenhangs, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart überlagern. Ihr Turm ist kein Zeichen der Abgrenzung, sondern der Zugehörigkeit, und ihre Architektur wirkt nicht durch Auffälligkeit, sondern durch die stille Selbstverständlichkeit ihrer Präsenz. In dieser Präsenz liegt ihre eigentliche Bedeutung, denn sie zeigt, dass Architektur nicht nur Raum schafft, sondern Ordnung, nicht nur Form, sondern Dauer, und nicht nur Gegenwart, sondern eine bleibende Verbindung zwischen Zeit und Ort.

Text: Stefan Groß

(sig)



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