News Bild Gedanken zur ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria
Gedanken zur ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria

Das Höchste kann nur empfangen werden

Home / News

Regensburg, 08.12.2022                       

Am 8. Dezember 1978 hat Johannes Paul II. zum ersten Mal als Papst die Basilika Santa Maria Maggiore in Rom betreten. Er wollte mit diesem Besuch nicht nur dem dortigen Marienbild „Salus populi Romani“ („Maria, Heil des römischen Volkes“) seine Verehrung und Huldigung bezeigen, sondern auch an den 21. November 1964, den Abschlusstag der dritten Sitzungsperiode des Zweiten Vatikanischen Konzils, erinnern, an dem Papst Paul VI. Maria offiziell zur „Mutter der Kirche“ erklärt hat und in Santa Maria Maggiore – der ehrwürdigsten Marienkirche Roms – „zusammen mit vielen Konzilsvätern Maria als die Mutter der Kirche gefeiert hat“ (Bischof Rudolf Graber, Bewahre Jesu Christi heiliges Erbe, 1980, S. 62).

 

Der entscheidende Punkt in der Heilsgeschichte

Rudolf Graber, der ehemalige Bischof von Regensburg, erinnert an den „kühnen Gedanken“ von Papst Johannes Paul II., dass die Unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter, die wir am 8. Dezember feiern, „der entscheidende Punkt in der Heilsgeschichte“ ist. Es sollte uns zu denken geben, dass es in der Dogmengeschichte „wohl einmalig ist“, dass eine Dogmenverkündigung „vom Himmel selbst eine Bestätigung erfuhr“. Am 8. Dezember 1854 hat Papst Pius IX. die Glaubenslehre von der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria verkündet, und am 25. März 1858 erklärte die Gottesmutter, von Bernadette in Lourdes nach ihrem Namen befragt: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“ Es ist bekannt, wie diese Selbstbezeichnung Marias den Pfarrer von Lourdes, Marie-Dominique Peyramale (1811-1877), „so erschütterte, dass er seinen Widerstand gegen die Erscheinungen aufgab und seitdem ein glühender Verfechter der Echtheit wurde“ (ebd.). Peyramale sah den Zusammenhang zwischen der Verkündigung des Dogmas und der Erscheinung; und die Tatsache, dass das Mädchen den Sinn der Worte der Gottesmutter überhaupt nicht erfasste, tat das Übrige.

 

Prometheus oder Christus

Warum ist die Verkündigung dieses Dogmas in der damaligen Zeit geschehen? Man muss – so Bischof Graber – dieses Mariendogma „in den großen geschichtlichen Ablauf der Neuzeit und der neuesten Zeit hineinstellen“ (ebd.). Der lutherische Theologe Alfred Dedo Müller (1890-1972) hat in seiner Schrift „Prometheus oder Christus. Die Krisis im Menschenbild und Kulturethos des Abendlandes“ (1948) in überzeugender Weise den Nachweis erbracht, dass um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert der Prometheus-Mythos sich besonders bei Goethe immer stärker bemerkbar machte und damit das Christusbild verdrängte. Hatte schon der Humanismus den Blick besonders auf den Menschen gelenkt, so wurde nun die Prometheusgestalt zum „Zielbild“ des Menschseins. Es rückte jener Mensch der Selbstherrlichkeit in den Mittelpunkt, der „kein Gesetz und keinen Gott über sich anerkennt, der sich selbst an die Stelle Gottes setzt, der in seinem Tatenrausch sich selbst alles zuschreibt und spricht: `Hast du nicht alles selbst vollendet, heilig glühend Herz?´ Es ist der Mensch, der stolz bekennt: `Hier sitz` ich, forme Menschen, nach meinem Bild, ein Geschlecht, das mir gleich sei, zu leiden, zu weinen, zu genießen und zu freuen sich, und dein nicht zu achten, wie ich.´“ (ebd.). Dieser Prometheus-Mythos geht heute Hand in Hand mit den weltumwälzenden technischen Erfindungen; und mit ihm beginnt – so Bischof Graber – die gewaltigste Kulturrevolution aller Zeiten. In Zusammenhang damit entsteht ein neues Arbeitsethos, das seinen literarisch hervorragendsten Niederschlag in der Faust-Dichtung Goethes gefunden hat, in der die weltzugewandte Aktivität als das Höchste gepriesen wird. „Ist es Zufall, dass die Uraufführung von Faust II ausgerechnet 1854 in Hamburg stattfand?“ (ebd., 63)

 

Die einzigartige Erwählung Marias

Genau in diesem Jahr tritt Gott auf den Plan; er verweist gegenüber dem prometheischen Menschen auf die Mutter seines Sohnes, die Makellose (immaculata). „Sie ist die Zielgestalt der Menschheit, nicht der Übermensch, der sich an die Stelle Gottes setzt“ (ebd.). Während der prometheische Mensch meint, er allein würde alles zustande bringen, gilt für „unser Zielbild“ das Wort des Hebräerbriefs: „Keiner nimmt sich eigenmächtig diese Würde, sondern er wird von Gott berufen“ (Hebr 5,4). Deshalb hat Papst Johannes Paul II. dem Wort „Erwählung“ eine so große Bedeutung beigelegt. Etwas von dieser einzigartigen Erwählung ist auch uns zuteilgeworden. Wir sind „irgendwie in diesem Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis inbegriffen“ (ebd.). Das Geheimnis der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria benennt den „totalen Widerpart“ gegen den prometheischen Menschen. Paulus fragt mit Recht: „Was hast du, das du nicht empfangen hättest?“ (1 Kor 4,7) Wir sind Gott gegenüber Empfangende, und Maria ist am Gipfel des Empfangens angekommen. „Dem modernen Menschen, der sich heute an einer zweiten Schöpfung versucht und sich in die Rolle des Schöpfergottes hineinsteigert, steht die demütige Magd Maria gegenüber, die nicht eine materielle Welt zu schaffen versucht, sondern unendlich mehr bewirkt: Sie empfängt Gott und schenkt ihn der Welt“ (ebd.). Das ist der entscheidende Punkt in der Heilsgeschichte.

 

Das Höchste kann nur empfangen werden

Maria bezeichnet sich in Lourdes als „die Unbefleckte Empfängnis“. Damit fällt auch ein Licht auf das Wesentliche der von ihrem Sohn begründeten Gemeinschaft. Auch die Kirche ist empfangend; sie ist Braut und Mutter. Überall, wo sich Menschen vom „selbstsüchtigen Emporstürmen“ distanzieren und ihre Herzen öffnen, um zu empfangen, geschieht dies in der Kraft des Geheimnisses der Unbefleckten Empfängnis. Für unser persönliches Leben entstehen – so Bischof Graber – „tiefe innere Beziehungen“, wenn wir den Kommunionempfang in Verbindung setzen mit der Unbefleckten Empfängnis. Das Höchste kann nur empfangen werden. In der Menschheit würde eine gewaltige Umwälzung eintreten, wenn „sich der Gestus des ichbezogenen, selbstsüchtigen, rechthaberischen und sich zur Göttlichkeit emporsteigernden Menschen wandeln würde in die Haltung des liebend empfangsbereiten Geschöpfes“ (ebd., 63 f). Papst Paul VI. hat von der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter gesagt, sie sei „der Anfang einer besseren Welt“. Vergangenheit und Zukunft sind auf diese Weise in Maria vereint. Wir sollten uns die auf Maria bezogenen Worte Papst Johannes Pauls II. zu eigen machen: „Ich bin ganz Dein, und alles, was ich besitze, gehört Dir. Ich nehme Dich auf in all das Meine.“

 

Text: Domkapitular Prof. Dr. Josef Kreiml, Leiter der Hauptabteilung Schule / Hochschule im Bistum Regensburg / (jw)