News Bild Durch das Kirchenjahr: Zorn auf Jesus

Durch das Kirchenjahr: Zorn auf Jesus

Home / News

… mit Benedikt:

 

4. Sonntag im Jahreskreis – Lk 4,21-30

Jesus ist daheim! Das könnte der große Auftritt werden: Er kommt nach Nazareth, besucht die Synagoge, legt die Schrift aus – und alle sind erstaunt. Die Menschen sagen: „Ist das nicht Josefs Sohn?“ Die Evangelisten Markus und Matthäus werden noch deutlicher. Sie lassen das Volk sagen: „der Sohn des Zimmermanns“. Irgendwas geht da nicht ganz zusammen. Jesus stammt aus einer einfachen Familie. Sein Vater ist Handwerker. Er hat nicht die Bildung, plötzlich sachkundig die Tora auszulegen, so zu sprechen, dass das Herz der Menschen berührt wird. Woher kommt das?

Und Jesus? Reagiert schroff. Er unterstellt der Menge – völlig zurecht, wie sich zeigen wird – dass sie von ihm jetzt ein Wunder erwarten würden. In Kafarnaum hat er große Dinge getan, also bitte doch auch daheim, in Nazareth, wo er herkommt. Macht er aber nicht. Jesus verweist auf zwei Beispiele aus dem Alten Testament: Elija wirkte zur Zeit einer großen Hungersnot. Viele Arme, viele Witwen gab es im Land. Und was macht der Prophet? Hilft ausgerechnet einer Witwe in Sarepta. Einer Ausländerin! Als Elischa dann wirkte, gab es viele Kranke, die Hilfe gebraucht hätten. Wen heilt der Prophet? Naaman, einen Syrer. Einen Ausländer! Aber genau das sind eben nicht die Kategorien Gottes. Genau das spielt für ihn keine Rolle.

Zu Hause kann der Prophet nicht wirken, das will Jesus sagen. Aber hinter seinen Wort steckt doch noch etwas viel härteres, viel schwerer zu Ertragendes. Es stimmt doch: Wie viel Leid gibt es auf dieser Welt – und Gott lässt seine Propheten einer einzigen Witwe und einem einzigen Kranken helfen. Man möchte doch verzweifeln an diesem Gott! Man will ihn doch fragen, was das soll. So viel Leid in Syrien, im Jemen, so viel Hunger und Krankheit, so viel Hass und Bosheit. Wo ist dieser Gott in dieser Welt? Warum verweigert er ihr die Heilung?

Diese Frage ist nicht neu. In der Theologie nennt man sie die „Theodizee-Frage“: Wie kann Gott gütig sein und all das Leid zulassen? Es gibt viele Antwortversuche. Aber die Frage bleibt. Eine jüdische Geschichte berichtet von zwei Talmudschülern. Sie glauben, in der Stadt den Messias erkannt zu haben, laufen ganz aufgeregt zu ihrem Lehrer und berichten ihm davon. Der bleibt gelassen und fragt, ob der stadtbekannte Bettler immer noch auf der Straße sitzt. Ja, sagen die Jünger. Na also, meint ihr Lehrer, der Messias kann dann wohl noch nicht gekommen sein – dann würde es keine Bettler und keine Armut mehr geben.

Möchten wir das nicht auch manchmal Jesus fragen? Wie kann es sein, dass du der Retter der Welt bist, wenn es immer noch Krebs gibt und Krieg und Katastrophen? Genauso ging es den Menschen in Nazareth. Sie werden wütend und wollen Jesus von einem Abgrund stürzen, ihn in den Tod treiben. Es gelingt nicht. Das gleiche Vorhaben aber wird später gelingen: Jesus stirbt am Kreuz, verlassen, verzweifelt. Das beantwortet die Frage nach dem Leid in der Welt nicht so ganz einfach. Aber es gibt eine Hoffnung – die Hoffnung, aus der wir Christen leben. Jesus, der Sohn Gottes, nimmt das Leid dieser Welt selbst an. Und er überwindet es. Der Tod kann ihn nicht halten und wir hoffen, dass er auch uns nicht wird halten können, sondern wir mit Christus auferstehen – wenn er wiederkommt, die Welt zu richten. Dann, da bin ich sicher, wird es wirklich keine Bettler mehr geben. Da ist dann unser „daheim“, das letzte Zuhause.