Wegkreuz

Durch das Kirchenjahr: der Blog zum Palmsonntag

Wunden


Palmsonntag A – Jesaja 50, 4 – 7

4GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören. 5GOTT, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück. 6Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel. 7Und GOTT, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate.“

Der Prophet Jesus besingt in mehreren Leider eine Figur, die wir heute als den „Gottesknecht“ kennen. Wir erfahren, dass dieser Knecht der Erwählte Gottes ist, auf den er seinen Geist gelegt hat (vgl. Jes 42,1). Ihn hat Gott bereits im Mutterleib berufen (vgl. 49,1). Heute nun hören wir, welches Schicksal auf diesen Knecht wartet: „Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.“ Dieser Knecht muss leiden, er ist den Menschen ausgeliefert, die ihm Gewalt antun. 

Diese Lieder können auf vielfältige Weise gedeutet werden. Man kann im Knecht das Volk Israel erkennen, das von Gott auserwählt ist, und dennoch leiden muss, zum Spielball mächtiger Völker wird. Vielleicht ist auch der Prophet Mose gemeint oder ein anderer Prophet. Die frühe Kirche jedoch hat diese Lieder auf Jesus Christus hin gelesen und in ihm jenen Knecht gesehen, der von Gott auserwählt ist und leiden muss. Wenn wir am heutigen Palmsonntag die Passionsgeschichte hören, dann mag uns die erste Lesung wirklich wie eine Zusammenfassung dessen wirken, was Jesus zu erleiden hat. Der Herr verliert in seinem Leiden alles. Er verliert seine Freunde, die ihn verraten und verlassen. Er verliert sein Recht, wenn er wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt wird – er, der doch selbst der Sohn Gottes ist. Er verliert auch seine Würde, wenn er der Kleider beraubt wird, geschlagen und verlacht. Er verliert sein Ansehen, wenn er wie ein Verbrecher gekreuzigt wird, obwohl er doch nichts verbrochen hat. Und zuletzt verliert der Herr auch sein Leben. 

In den Augen der Welt also hat der Herr alles verloren – in unseren gläubigen Augen aber hat er durch seinen freiwilligen Tod alles gewonnen und uns das ewige Leben erschlossen. Am Kreuz offenbart sich Gott gerade in der Verletztheit, im Schmerz und in den Wunden. Aus diesem Grund dürfen wir in zweifacher Weise auf den Herrn blicken: Wir dürfen einerseits in seinen Wunden unsere Wunden sehen. Wann immer auch wir Freunde, Recht, Würde, Achtung, Ansehen und zuletzt, am Ende der Tage, auch unser Leben verlieren, dürfen wir erkennen, dass Jesus all das geteilt hat. Unsere Wunden sind zu seinen Wunden geworden, unser Schmerz zu seinem. Und auf der anderen Seite müssen wir erkennen, dass wir selbst anderen Menschen Wunden schlagen: Auch wir berauben andere der Würde, des Rechts, der Achtung, der Freiheit. Wir müssen damit in den Wunden Jesu auch jene Wunden sehen, die wir selbst geschlagen haben. 

Darin liegt da Geheimnis des Kreuzes: Dass der Herr die Wunden gerade für jene erträgt, die sie ihm geschlagen haben. Dass Gott denen seinen Knecht schickt, die ihn ablehnen. Dass Gott die rettet, die immer wieder so tun, als bedürften sie der Rettung nicht.

Text: Benedikt Bögle

(sig)



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