Sylvia Pemmerl sitzt am Schreibtisch

Person der Woche: Sylvia Pemmerl, Medizinisch-Ärztliche Direktorin des Caritas-Krankenhauses St. Josef Regensburg

Mensch in seiner Gesamtheit betrachten


Regensburg, 29. Mai 2026 

Im Rahmen unserer Reihe „Person der Woche” stellen wir jede Woche interessante Persönlichkeiten aus dem Bistum Regensburg und darüber hinaus vor. In diesem Beitrag geht es um Prof. Dr. med. Sylvia Pemmerl. Sie ist Medizinisch-Ärztliche Direktorin des Caritas-Krankenhauses St. Josef Regensburg, an dem sie auch die Geschäftsleitung hat. Bei der Fachärztin für Innere Medizin liegt außerdem die Leitung der Stabsstelle Krankenhäuser im Diözesan-Caritasverband Regensburg e.V., zu denen auch St. Lukas Kelheim und St. Maria Donaustauf gehören. Im Interview spricht sie über die aktuelle Entwicklung des Gesundheitssystems in Deutschland und ihren persönlichen Glauben.

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Pemmerl, wo steht das Gesundheitswesen in Deutschland? 

Wir stehen vor einem entscheidenden Wendepunkt, der über die Zukunft entscheiden wird. Das Gesetz, das der Bund mit dem GKV-Sparpaket (GKV: Gesetzliche Krankenversicherung) verabschieden möchte, ist für die stationäre Krankenversorgung nicht tragbar. Und es geht uns alle etwas an. Denn es geht nicht nur darum, ob wir 2,50 Euro mehr für ein verschreibungspflichtiges Medikament zuzahlen müssen, sondern im Grunde, ob wir künftig noch eine ausreichende stationäre Versorgungsicherheit deutschlandweit gewährleisten können. Dies wird politisch nicht so drastisch dargestellt, ist aber leider die Konsequenz aus den anvisierten Sparplänen. 

Was heißt das? 

Die gesetzliche Krankenversicherung muss stabilisiert werden. In ihr sind Kostenfaktoren enthalten, die nicht dorthin gehören. Es ist nachvollziehbar und unbestritten, dass ein Sparkurs angezeigt ist, nicht zuletzt da die Wirtschaft in Deutschland schwächelt. Die Frage lautet jedoch: Wo sparen? Und wie sparen? Es ist stets sinnvoll, nicht einfach den Geldhahn zuzudrehen, sondern gleichzeitig strukturelle Vorgaben auf den Prüfstand zu stellen. Aus unserer Sicht wäre es wichtig, erneut zu evaluieren, ob die Strukturen so angepasst werden können, dass sich auch aufgrund von Veränderungen in diesem Bereich Einsparungen erzielen lassen.

Wurde in der Vergangenheit so gar nichts bewegt? 

Der stationäre Sektor wurde in den vergangenen Jahrzehnten, wenn ich mir das Bild erlauben darf, ausgepresst wie eine Zitrone. Wir rechnen bayernweit allein für 2025 mit einem Defizit von über 600 Millionen Euro. Damit sollte für jeden klar sein, dass es in dieser Situation keine Finanzkraft mehr gibt, um weitere, deutliche Einschränkungen vorzunehmen. Gewiss braucht man nicht jedes stationäre Bett in Bayern. Allerdings ist zu fragen: Gehe ich die damit verbundenen Vorgänge gezielt an oder leite ich einen kalten Strukturwandel ein? 


Was bedeutet derlei für die Krankenhäuser, für die Sie maßgeblich Verantwortung tragen? 

Es stellt sich für freigemeinnützige Träger wie uns, die wir keinen Defizitausgleich durch den Steuerzahler haben, einigermaßen drastisch dar. Entgegen der landläufigen Meinung kann hier keine Subventionierung durch den Kirchensteuerzahler stattfinden und es wird auch nichts für unseren Träger, die Caritas, abgeschöpft. Alles, was wir erwirtschaften, wird wieder investiert und kommt so direkt den Patientinnen und Patienten zugute. Umso wichtiger sind gesundheitspolitische Rahmenbedingungen, die uns eine Wirtschaftlichkeit ermöglichen. 

Also: Womit ist zu rechnen? 

Versorgungssicherheit geht verloren, wenn Krankenhäuser unkontrolliert schließen müssen, die das genannte Defizit nicht mehr tragen können. Krankenhausstandorte werden sterben und nicht jede wegfallende Leistung kann andernorts kompensiert werden. Zudem müssen unterfinanzierte Bereiche, die möglicherweise aktuell quersubventioniert werden, eingestellt werden.

Sind St. Josef, St. Maria und St. Lukas, allesamt Caritas-Krankenhäuser in der Diözese Regensburg, konkret betroffen? 

Auch wir müssen über Sparmaßnahmen nachdenken und hoffen nach wie vor auf die Einsicht von Seiten der Bundespolitik, an die wir auf ganz unterschiedlichen Wegen heranzutreten versuchen. Die Caritas-Krankenhäuser St. Josef und St. Maria sind grundsätzlich als Schwerpunktversorger respektive Fachklinik gut aufgestellt und haben überregionale Sogwirkung. Gemeinsam mit dem Landkreis Kelheim ist es uns wichtig, auch die ländliche Grund- und Regelversorgung mit dem Caritas-Krankenhaus St. Lukas sicherzustellen, und auch dies wird durch die mögliche Reform noch schwieriger werden. 

Wie sehen Sie die Entwicklungen im Bereich der Pflege? 

Für uns ist es ausgesprochen wichtig, dass wir Bedingungen schaffen, dass die Mitarbeitenden wirklich gut und gerne bei uns arbeiten können. Seit Jahren stärken wir den Bereich der Pflege erfolgreich – mit unseren Pflegeschulen und der Förderung akademisierter Pflege. Die Zahl unserer qualifizierten Fachkräfte in die- sem Bereich steigt kontinuierlich, was einen aussagekräftigen positiven Indikator darstellt. In diesem Sinne hilfreich war nicht zuletzt, dass das sogenannte Pflegebudget etabliert wurde, welches Refinanzierungen in diesem Bereich ermöglichte. 

Das ist nun nicht mehr so? 

Nein. Denn auf einmal plant der Gesetzgeber, in diesem Bereich Refinanzierungen zu streichen und Tarifsteigerungen nicht mehr zu bezahlen. Diejenigen würden belohnt, die im Tarifsystem nicht etabliert sind. Wir aber bieten – und zahlen – seit Jahren gute Tariflöhne. Dies müssen und wollen wir auch weiter tun und brauchen hierzu die notwendigen finanziellen Mittel. Auch die Streichung von finanziellen Mitteln für pflegeentlastende Maßnahmen ist völlig kontraproduktiv und setzt das falsche Signal für diesen wichtigen Berufsstand. 

Da ist zu fragen: Wer entscheidet bei den politischen Entscheidenden faktisch? 

Das Bundesgesundheitsministerium und die amtierende Koalition. Kürzlich waren wir von Herrn Peter Aumer MdB ins Bundesgesundheitsministerium nach Berlin eingeladen. Dort haben wir unsere Sorgen zum Ausdruck gebracht, ohne allerdings nennenswerte Erfolge zu erzielen. In diesem und anderen Gesprächen haben wir den Eindruck gewinnen müssen, dass nicht selten auch von falschen Annahmen ausgegangen wird und vielleicht auch nicht immer alle Argumente der Fachexperten gehört werden. Dabei ist unbestritten, dass wir daran arbeiten müssen, dass wir die gesetzliche Krankenkasse stabilisieren und einen sinnvollen Sparkurs einschlagen. Wir würden hier aber, wie bereits erwähnt, völlig andere Ansätze vorschlagen. Dazu zählen u.a. auch die mögliche Ausgliederung der Gesundheitsversorgungskosten der Bürgergeldempfänger in einen anderen Finanztopf. Politiker und Politikerinnen sind bei so dem Beschluss von Sparpaketen grundsätzlich natürlich nicht zu beneiden, allerdings muss auch klar sein: Sparpaketen ohne Strukturreformen fehlt die Effektivität und das prangern wir vorrangig an. 


Und das „Regensburger Modell“, die Kooperation aus dem Caritas-Krankenhaus St. Josef und der Universität Regensburg? 

Das Regensburger Modell – also die Auslagerung von einzelnen Lehrstühlen an andere Krankenhäuser in Regensburg – ist ein klares Erfolgsmodell, welches seit über 20 Jahren etabliert ist. Es spart dem Freistaat sogar Geld und hat Entwicklungen in unserer Region ermöglicht, die sonst vielleicht gar nicht möglich gewesen wären. Eines der herausragendsten 

Beispiele für das Erfolgsmodell ist die Etablierung eines gemeinsamen Tumorzentrums zwischen dem Universitätsklinikum Regensburg und unserem Krankenhaus, welches als Teil der sogenannten CCC WERA Allianz agiert. Hier haben sich vier universitäre Standorte (Würzburg, Erlangen, Regensburg, Augsburg) zusammengeschlossen, um onkologi- sche Spitzenmedizin in einem großen vernetzen Zentrum zu bündeln. Diese Allianz ist seit vier Jahren eines von sechs NCT-Standorten (Nationales Zentrum für Tumorerkrankungen) – die höchste Qualifikationsebene in der Onkologie in Deutschland. Sie ermöglicht es, dass Tausende von Patienten an neusten Therapiemethoden z.B. innerhalb von großen weltweiten Studien, teilnehmen können. 

Wie würden Sie die Gesamtsituation analysieren? 

Wir tun alles dafür, dass wir nicht nur überlebensfähig bleiben, sondern zukunftsweisend positive Akzente setzen können. Dafür bedarf es der angemessenen finanziellen Rahmenbedingungen. Der jetzige Gesetzentwurf stellt vieles davon in Frage. 

Und die Marktteilnehmer? Auf gut Deutsch: die Konkurrenz? 

Ob private, kommunale oder freigemeinnützige Träger: Alle sehen, dass dieser Gesetzentwurf nicht sinnvoll ist. Er stellt uns alle vor riesige finanzielle Herausforderungen. Dies ist umso dramatischer, da durch die Krankenhausreform ohnehin einer der größten Finanzierungsumbrüche der letzten Jahrzehnte ansteht, dessen finanzielle Auswirkungen vermutlich am Ende auch nicht positiv ausfallen. 

Bitte, wo liegt das Problem? 

Einerseits wird das Finanzierungssystem komplett geändert, was viele Unwägbarkeiten und keinerlei Planungssicherheit mit sich bringt. Gleichzeitig werden in verschiedensten Bereichen Kürzungen der Finanzmittel vorgenommen, obwohl diese im letzten Jahr erst erhöht wurden, weil erkannt wurde, wie chronisch unterfinanziert dieses System ist. Zudem werden uns noch mehr bürokratische Auflagen gemacht, die noch mehr Fachpersonal für klinikfremde Tätigkeiten binden werden. Dies ist in unseren Augen völlig kontraproduktiv; insbesondere vor dem Hintergrund, dass Vorschläge der Deutschen Krankenhausgesellschaft in keiner Weise in den Sparplänen berücksichtigt wurden. 

Haben Sie konkrete Vorschläge? 

Wie bereits erwähnt, würden wir vorschlagen, die Kosten für die Gesundheitsversorgung der Bürgergeldempfänger aus einem anderen Topf zu finanzieren. Das haben die vergangenen Regierungen angedacht, aber nicht umgesetzt. Und: Die Strukturen können im Sinne von Entbürokratisierung deutlich verschlankt und verbessert werden. Auch dies könnte zu Ersparnissen führen. Nicht zuletzt: die Pharmaindustrie gehört mit an den Tisch. Wir müssen nämlich den gesamten Gesundheitsmarkt betrachten. Grundsätzlich ist die Gesundheits- versorgung in Deutschland eine hochwertige, gerade deshalb muss sie durch Strukturreformen auch in eine gute Zukunft geführt werden. Last but not least: Es ist bei der Prävention und an Gesundheitsaufklä- rung anzusetzen. 

Was ist das Besondere an Ihren Krankenhäusern? 

Unter vielem anderen ist das Besondere unser Wertekomplex, den wir in unseren Häusern praktisch leben. Es gelingt uns, Mitarbeiter teilweise über Jahrzehnte zu binden, die ein WIR-Gefühl verspüren und andere damit mitreißen. Das erst macht es möglich, dass die Patientinnen und Patienten im Mittelpunkt unseres Handelns stehen.

Sind Sie Ärztin oder Managerin? 

Beides. Ich werde im Herzen immer Ärztin sein. Dankbar bin ich dafür, dass die Caritas das Vertrauen hat, dass ich seit gut fünf Jahren die Geschicke von St. Josef und St. Maria managen und leiten darf. Meine frühere Rolle in der täglichen Patientenversorgung, also die Erfahrung, ist nicht ohne Einfluss auf meine Rolle im Managementbereich. Das hilft in vielen Punkten weiter. Diesen Erfahrungsschatz möchte ich nicht missen wollen. 

Wo stehen Sie eigentlich glaubensmäßig, wenn wir fragen dürfen? 

Ich bin bekennende Katholikin, als solche bin ich aufgewachsen. Der damit verbundene Wertekom- plex der katholischen Kirche liegt mir nahe. Für mich ist es essenziell, Kommunikation wertschätzend ins Unternehmen zu bringen, dies aber auch meinen Mitarbeitern abzuverlangen. Das davon geprägte Füreinander und Miteinander ist uns ganz wesentlich. Das macht einen erheb- lichen Unterschied aus mit Blick auf andere Kliniken. Wir versuchen, den Menschen in seiner Gesamtheit zu betrachten und das Beste für seine Genesung zu bewirken. 

Die Fragen stellten Prof. Dr. Veit Neumann und Dr. Edith Heindl von der Katholischen Sonntagszeitung. 

Fotos: Katharina Beer, Lukas Pokorny, H.C. Wagner
(chb) 

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