Grünewald: Kreuzigung Christi

Durch das Kirchenjahr: der Blog zum Karfreitag

Offenbarung


Karfreitag – Johannes 18, 1 – 19, 42

„(…)19,16bSie übernahmen Jesus. 17Und er selbst trug das Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelstätte, die auf Hebräisch Golgota heißt. 18Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte aber Jesus. 19Pilatus ließ auch eine Tafel anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift lautete: Jesus von Nazaret, der König der Juden. 20Diese Tafel lasen viele Juden, weil der Platz, wo Jesus gekreuzigt wurde, nahe bei der Stadt lag. Die Inschrift war hebräisch, lateinisch und griechisch abgefasst. 21Da sagten die Hohepriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. 22Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. 23Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen Teil, und dazu das Untergewand. Das Untergewand war aber ohne Naht von oben ganz durchgewoben. 24Da sagten sie zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. Dies taten die Soldaten. 25Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. 26Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! 27Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. 28Danach, da Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet. 29Ein Gefäß voll Essig stand da. Sie steckten einen Schwamm voll Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund. 30Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist. (…)“

Im Tagesgebet des Karfreitags beten wir: „Gedenke, Herr, der großen Taten, die dein Erbarmen gewirkt hat.“ Unter dieses großen Taten dürfen wir alles begreifen, was Gott von der Erschaffung dieser Welt bis hin zum Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi an seiner Menschheit getan hat. In dieser Bitte dürfen wir daher auch heute an den Auszug Israels aus Ägypten denken, der uns am Gründonnerstag und in der Osternacht deutlich vor Augen tritt, aber auch das Verständnis der Kirche vom heutigen Todestag Jesu prägte. Die Kirche verstand früh bereits Jesu Tod als „Pascha“, als Übergang vom Tod zum ewigen Leben. 

Die Geschichte des Auszugs Israels aus der ägyptischen Sklaverei beginnt mit der Berufung des Mose an jenem Dornbusch, der zwar brennt, aber nicht verbrennt (vgl. Ex 3). Gott offenbart sich dem Mose: „Der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne sein Leid.“ (Ex 3,7). Das ist die Begründung für das Eingreifen Gottes, für alles, was nun folgt – die zehn Plagen über Ägypten mit der Tötung aller Erstgeborenen am Ende, der Durchzug Israels durch das Meer, der Tod der ägyptischen Streitmacht in den Wasserfluten: Gott hat das Leid seines Volkes gesehen und ihren Schrei gehört. Er will das Leid wandeln und sein Volk erlösen. 

Der große Ägyptologe Jan Assmann hat mit Blick auf diese Begebenheit am berennenden Dornbusch festgestellt: „Nicht um seine Macht zu offenbaren, sondern um sein Volk zu retten, begibt sich Gott seiner außerweltlichen Verborgenheit und greift schicksalswendend in die Geschichte ein.“ Freilich: Gott offenbart dann im Folgenden seine Macht und zeigt, dass er stärker ist als der Pharao samt seiner Kriegsmacht. Der Anstoß für diese Offenbarung ist aber kein Selbstzweck, sondern das Schicksal der Menschheit. 

Wahrlich: Unser Gott will nicht schlicht seine Macht, seine Größe zeigen. Das unterscheidet ihn von den Göttern, die sich die antike Menschen erdachten und die letztlich wie Menschen mit übermenschlichen Kräften erscheinen: Selbstbezogen und selbstverliebt. Unser Gott dagegen offenbart sich um der Menschheit willen. Er handelt, um uns zu erlösen. Durch die Heilige Schrift zieht sich wie ein roter Faden, dass Gott auf seine Menschheit hört und schaut. Er nimmt ihr Leiden wahr.

Wir sehen heute, wie dies am Kreuz Wirklichkeit ist. An den Balken hängt der Sohn Gottes. Nichts an diesem leidenden Mann ist selbstverliebt, nichts selbstbezogen. Seine ausgebreiteten Arme weisen ganz auf die Menschheit hin, für die er diesen Tod erleidet. In ihm offenbart sich der Gott, der ganz auf andere bezogen ist, ganz in seine Menschen verliebt. In diesem leidenden Mann sehen wir, dass Gottes Liebe keine Grenzen kennt. Er hat den Schrei der Menschheit gehört und ihr Leid gesehen – einer Menschheit, die immer neue Leiden erduldet, in der die Schwachen noch immer und immer wieder ausgebeutet werden, die Kleinen unterdrückt, die Stummen verletzt. An diesem Kreuz hängt nicht einer, dem es um sich selbst geht. Da hängt einer, dem es um die Anderen – um uns – geht. Wenn Gott diesen Tod auf sich nimmt, was könnte uns noch von seiner Liebe scheiden? Wenn er diesen Weg geht, um sich zu offenbar, welche Macht könnten Sünde und Tod dann noch haben?

Text: Benedikt Bögle

(sig)

Das Zitat stammt aus: Jan Assmann: Exodus. Die Revolution der Alten Welt, C.H. Beck München, 3. Aufl. 2015, Seite 175f.



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