Jesus spricht mit den Jüngern

Durch das Kirchenjahr: Blog zum Sonntagsevangelium

Sehen und erkennen


Sechster Sonntag der Osterzeit A – Johannes 14, 15 – 21

„In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: 15Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. 16Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, 17den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 18Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. 19Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet. 20An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch. 21Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt; wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“

In den Ostererzählungen spielt das „Sehen“ eine große Rolle. Immer wieder hören wir in Verbindung mit den Erscheinungen des Auferstandenen davon, dass die Jünger den Herrn „sahen“: Der Jünger, den Jesus liebte, sah das leere Grab – „er sah und glaubte.“ (Joh 20,8). Nachdem Maria von Magdala dem Auferstandenen begegnet war, berichtete sie den Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen.“ (Joh 20,8). Nachdem der Herr auch den Aposteln erschienen waren, sagten diese zu Thomas, der bei ihrer Zusammenkunft und damit auch bei ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen gefehlt hatte: „Wir haben den Herrn gesehen.“ (Joh 20,25). Thomas aber reagiert zweifelnd und sagt: „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ (Joh 20,25).

„Wir haben den Herrn gesehen“ wird zu einer Formel für den Auferstehungsglauben der Kirche. Dieses „Sehen“ lässt sich auf eine doppelte Weise verstehen. Einmal meint es einen tatsächlichen, biologischen Vorgang: Die Jüngerinnen und Jünger Jesu haben den Herrn „gesehen“, sie haben ihn lebend gesehen, obwohl er doch tot gewesen war. Dies ist ein Ausweis der Auferstehung Jesu von den Toten: Denn eigentlich hätten ihn die Jünger doch eben nicht mehr „sehen“ können, ihn, den Toten, der dem Grab übergeben worden war. Jesus aber hat den Tod besiegt, er lebt und aus diesem Grund können ihn die Apostel „sehen“. Der Begriff meint aber noch etwas Tieferes. Wir dürfen ihn auch im Sinn von „erkennen“ lesen. Denn mit dem bloßen Sehen im Sinne eines biologisches Vorgangs ist es eben nicht getan. Das zeigt uns etwa die Begegnung der Emmausjünger mit dem Auferstandenen. Die beiden Jünger waren eine lange Wegstrecke mit dem Auferstandenen gegangen. Sie haben diesen Mann wohl mit ihren Augen gesehen, aber gleichwohl nicht verstanden, wer da mit ihnen auf dem Weg ist. Das ändert sich erst, als der Herr wie im Abendmahlssaal das Brot bricht: „Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn.“ (Lk 24,31). Die wirkliche Begegnung mit dem Auferstandenen geschieht dort, wo die Jünger ihn nicht nur „sehen“, sondern auch „erkennen“. 

Für uns scheint das zur Herausforderung zu werden. Denn wir können den Herrn nicht „sehen“, in jenem biologischen Sinn. Der Auferstandene begegnet uns nicht als sichtbarer Mensch, den wir mit unseren Augen wahrnehmen könnten. Diese Herausforderung spricht der Herr selbst an, wenn er dem Thomas sagt: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20,29). Das nun ist ja unser Schicksal: Wir sehen den Herrn nicht. Gleichzeitig zeigt es, dass damit nicht jeder Glaube an den Auferstandenen unmöglich wird. Denn wir können offenbar gleichzeitig nicht sehen und doch glauben.

Im heutigen Evangelienabschnitt aus den Abschiedsreden sagt Jesus: „Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet.“ Die Welt sieht Jesus nicht mehr. Rein mit unseren Sinnesorganen können wir ihn nicht mehr wahrnehmen. Nach den Maßstäben dieser Welt ist der Herr Geschichte geworden. Doch der Herr ist mehr als vergangene Geschichte. Wir können ihn weiter „sehen“, „weil ich lebe und auch ihr leben werdet.“ Mit Jesus verbindet uns mehr als die Logik dieser Welt, mehr als unsere Sinnesorgane, mehr als das, was wir anfassen und ansehen können. Mit ihm verbindet uns das Leben, das er für uns eröffnet hat. Er lebt bereits in der Herrlichkeit des Vaters, doch auch wir sollen und werden leben. Weil wir in der Taufe Jesus im Tod gleich wurden, sollen wir ihm auch im Leben gleich werden. Und aus diesem Grund können auch wir Jesus erkennen, auch wenn wir ihn nicht mit unseren Augen sehen können. „Wir haben den Herrn gesehen“, kann daher auch zu unserem Glaubensbekenntnis der Auferstehung werden.

Text: Benedikt Bögle

(sig)



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