News Bild Bischof Voderholzer nimmt an Gedenkveranstaltung für Fritz Gerlich teil

Bischof Voderholzer nimmt an Gedenkveranstaltung für Fritz Gerlich teil

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Am 11. März 2013 fand in München eine Gedenkfeier für den katholischen Journalisten und Märtyrer Fritz Gerlich statt. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer war neben Heribert Prantl als Hauptredner zugegen. Hier lesen Sie seine Ansprache in Schriftform.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter Herr Dr. Prantl,
sehr geehrter Herr Krügel,
Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ich danke Ihnen sehr für die Einladung zu dieser Gedenkveranstaltung heute Abend. Seit mich die Süddeutsche Zeitung mit Ihrer Artikelserie 1993 auf ihren früheren Chefredakteur, späteren Herausgeber des Geraden Weges und schließlich Märtyrer im antinationalsozialistischen Widerstand Fritz Gerlich aufmerksam gemacht hat, fasziniert mich dieser Mann. Ich habe mich seither bemüht, alles von ihm zu lesen und ihn zu verstehen. Und manche durfte ich schon neugierig machen auf ihn.

Sie geben mir zugleich Gelegenheit, meine Heimatstadt zu besuchen und mich auf den neuesten Stand zu bringen, was die baulichen Veränderungen hier in der Innenstadt betrifft – nicht dass ich mich plötzlich in meiner Heimatstadt nicht mehr auskenne!

Ich erinnere mich noch gut an den 30. Juni 1994, als die Tafeln hier erstmals angebracht wurden und an die Gedenkrede des damaligen Gesellschafters Alfred Schwingenstein, als ich zur kleinen erlauchten Schar der Zuhörer gehörte. Ich durfte auch damals schon dabei sein – als zeitgeschichtlich interessierter Assistent am Lehrstuhl für Dogmatik an der LMU.
Zuletzt war ich vor vier Jahren auf diesem Gelände unterwegs. Ich war der Bitte einiger Interessierter nachgekommen, eine Gerlich-Führung zu machen. Eine Führung, die so heute nicht mehr möglich wäre: Auftakt im Café „Streiflicht“ und Abschluss am großen Konferenztisch im Gebäudeteil an der Sendlinger Straße, dazwischen meine erste und vermutlich letzte Fahrt in einem Pater-Noster-Aufzug. Sie, sehr geehrter Herr Krügel, hatte uns damals durch das Haus geführt. Es war so etwas wie ein Abschied vom alten SZ-Gebäude und ein vorübergehender Abschied von den Gedenktafeln. Ich freue mich sehr, dass sie jetzt wieder hier hängen.

In einem der Büros dort im alten SZ-Gebäude hat Fritz Gerlich von 1920 bis 1928 als Hauptschriftleiter der Münchner Neuesten Nachrichten gearbeitet.
Hier vorne in der Hofstatt waren die Redaktionsräume des Geraden Weges, die am 9. März 1933 – die Nationalsozialisten hatten seit gerade einmal ein paar Stunden die Macht auch in Bayern übernommen – von der SA gestürmt wurden. Gerlich nahmen sie, wie es zynisch hieß, in „Schutzhaft“.
Ja, eines haben die Nationalsozialisten sehr früh erkannt: die Macht des Wortes und die Bedeutung der Massenmedien. Darum haben sie mit großer Konsequenz alle Redakteure aus dem Weg geräumt, die sich mit ihren Worten und ihrer Medienkompetenz der Wahrheit verpflichtet wussten. Neben dem Geraden Weg wurde am 9. März auch die sozialdemokratische neue Post ausgeschaltet, und am 13. März bei den Münchener Neuesten Nachrichten alle die entmachtet, die sich dem freien Wort verschrieben hatten.
Erich Kästner wird das Wort zugeschrieben: „Totalitäre Diktaturen können nur verhindert werden, ehe sie an der Macht sind.“ Mit dem 9. März war es vorbei.

Meine Damen und Herren, der kühle Abend hier noch dazu im Freien und stehend, ist nicht der Zeitpunkt für eine umfassende wissenschaftliche Würdigung des Werkes von Fritz Gerlich. Ich möchte Ihnen einfach sagen, warum ich diesen Mann verehre.

Fritz Gerlich fasziniert mich als ein kompromissloser und radikaler Wahrheitssucher. Er macht es einem nicht zwar nicht immer leicht, zu ihm zu stehen. Seine Sympathie für Alldeutsches Gedankengut etwa in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts und während des Ersten Weltkriegs ist verstörend.
Aber er konnte auch Irrwege einräumen und sich der tiefer erkannten Wahrheit beugen.
So auch 1927, als er dem Bericht von Erwein Freiherr von Artin in der Wochenendbeilage der Münchener Neuesten Nachrichten über Therese Neumann nicht glauben wollte und selbst nach Konnersreuth fuhr, um dem vermeintlichen Schwindel auf die Spur zu kommen.
Er kam bekanntlich völlig durcheinander zurück. Das Zeugnis der einfachen Bauerstochter aus der Oberpfalz ließ ihn nicht mehr los und führte ihn schließlich auf den Weg radikaler Christus-Nachfolge.

Es war die Resl, die ihn ermunterte, nach dem Ausscheiden bei den Münchener Neuesten Nachrichten doch wieder in die Zeitung zu gehen und sich dem heraufziehenden Nationalsozialismus mit der Kraft des Wortes entgegenzustellen.

Was dann kommt, fasziniert mich nicht minder: Gerlich kauft, finanziell maßgeblich unterstützt von Erich Graf von Waldburg Zeil, eine am Eingehen begriffene Zeitung, den Illustrierten Sonntag, eine Klatschblatt, muss man sagen, und wandelt sie Schritt für Schritt um in ein politisches Kampfblatt. Das muss ihm erst einmal einer nachmachen. Als sich abzeichnet, dass der Titel „Illustrierter Sonntag“ nicht mehr passt, wird der Vorschlag aufgegriffen, ihn in „Der Gerade Weg“ umzubenennen. Kardinal Faulhaber, der von den Plänen der Umbenennung schon gewusst haben muss, greift den neuen Titel auf und predigt darüber bei der Firmung Gerlichs im Oktober 1931 in der erzbischöflichen Hauskapelle – ausgehend vom 9. Kapitel der Apostelgeschichte. Gerlich war unter dem Eindruck der Resl und begleitet von seinem engsten Mitarbeiter Ingbert Naab im September 1931 konvertiert und nahm den zweiten Namen Michael an, den er allerdings in der Öffentlichkeit nicht führte.

Mit der ersten Nummer 1932 beginnt der Kampf ohne Deckung und Visier. Der Untertitel des Geraden Weges lautet: „Deutsche Zeitung für Wahrheit und Recht“. Und in einer der letzten Ausgaben, am 8. Februar 1933 die Schlagzeile: „Und dennoch: die Wahrheit!“ Zuletzt versucht er mit einem vier Seiten langen Leitartikel vor den anstehenden Reichstagswahlen – die Hitler dann ja gewonnen hat – der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen. Einem seiner Mitarbeiter bei der MNN hatte Gerlich anvertraut, dass er öfters in der Nacht, auf dem Weg von den Redaktionsräumen hier zu seiner Wohnung unweit des Karolinenplatzes, im Portal des Domes kniend gebetet hat, Gott möge ihn die Wahrheit erkennen lassen.

Ein letzter Gesichtspunkt:
Gerlich war den Nazis nicht ein Gegner unter vielen. Er stand ganz oben auf den Hasslisten: „Den Gerlich bringen wir als ersten um“ – so lautet eines der überlieferten Zitate. Gerlich hat früh erkannt, dass es sich um eine totalitäre Bewegung handelt. Eine Weltanschauung, eine Pseudoreligion, die Anspruch auf den ganzen Menschen erhebt, in der allen Beteuerungen auf politischer Ebene zum Trotz für Gott kein Platz vorgesehen war. Schon 1920 hatte er scharfsichtig in seinem Buch „Der Kommunismus als Lehre vom Tausendjährigen Reich“ den pseudo-religiösen Charakter dieser Ideologie aufgedeckt. Und wo Gott geleugnet, ja bekämpft wird, ist auch die Würde des Menschen in Gefahr. Das aufzudecken, darum ging es Gerlich letzten Endes.

Überbordend groß ist der Bekanntheitsgrad von Fritz Gerlich beileibe nicht, auch wenn es inzwischen einige Orte und Memorials für den mutigen Journalisten gibt. Da sind die Gedenktafeln an Gerlichs Wohnhaus in der Richard-Strauß-Straße und der vor der Katholischen Akademie wachende und auf Gerlich verweisende Löwe Suapo. Im ifp, der katholischen Journalistenschule, die seit einigen Jahren im Kapuzinerkloster in der Isarvorstadt angesiedelt ist, ist ein Zimmer nach Fritz Gerlich benannt. Ich deute dies so, dass junge Journalisten in Gerlich ein Vorbild erkennen.

Mir scheint, Fritz Gerlich hat genau das verwirklicht, was das Zweite Vatikanische Konzil Jahre später unter dem Weltcharakter der Laienchristen versteht. Als umfassend gebildeter Historiker und begnadeter Journalist hat er, bei allen Ecken und Kanten seines schwierigen Charakters, doch alle seine Fähigkeiten in den Dienst des Evangeliums, in den Dienst von Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit gestellt und zuletzt sogar mit seinem Leben dafür bezahlt.

Ich verehre Fritz Gerlich als Märtyrer, also als einen Blutzeugen. Die Nazis sorgten vor, dass es kein Grab geben sollte, wo sich die Verehrung sozusagen verorten könnte, indem sie seine Leiche verbrannten.

Der frühere Bundespräsident Roman Herzog hatte dazu aufgerufen, der Erinnerung an die Opfer Orte und Namen zu geben.

Ich bin froh, dass es auch diesen Ort der Erinnerung an Fritz Gerlich und die anderen Münchener Märtyrer der Pressefreiheit gibt. Allen, die sich um die Wiederanbringung und diese Feierstunde verdient gemacht haben, sage ich meinen herzlichen Dank!