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Zur Neuigkeit
800. Todestag des heiligen Franziskus – Vortrag von Bischof Rudolf Voderholzer
Alles begann vor dem Kreuz von San Damiano
Regensburg, 2. April 2026
Vortrag von Bischof Dr. Rudolf Voderholzer bei der Priesterfortbildung im März 2026 im Haus Werdenfels.
Im Zentrum dieses kleinen Vortrags steht das Kreuz von San Damiano, insbesondere unter ikonographischer Rücksicht. Welche Besonderheiten weist es auf, was sind die theologischen Hintergründe und wie unterscheidet es sich von späteren Kreuzigungsdarstellungen? Vor einer Kopie dieses Kreuzes in der Werktagskapelle der Regensburger Stadtpfarrei Heiliger Geist habe ich die Video-Aufzeichnung des diesjährigen Hirtenbriefes [Link: bistum-regensburg.de/news/hirtenwort-zur-oesterlichen-busszeit-2026] vornehmen lassen, der bereits im Zeichen des großen Franziskus-Jubiläums stand.
Das Jubiläumsjahr bewusst gestalten
Ich schlage vor, ja ich werbe dafür und ich rate Ihnen, das Gedenkjahr 800. Todestag des heiligen Franziskus aufzugreifen und für die Verkündigung, für die Pastoral inhaltlich fruchtbar zu machen, die Gestalt dieses großartigen und faszinierenden Heiligen in den Blick zu nehmen.
Ich rate, sich erst einmal persönlich mit ihm zu befassen, sich mit seinem Leben im Spiegel der verschiedenen Biographien, der Ikonographie auseinanderzusetzen, sich mit seinem Schrifttum, seinen Gebeten zu beschäftigen. Es gibt ja viel gute Literatur dazu.
Ich bin sehr froh und dankbar, dass etwa das Propädeutikum des Priesterseminars gleich zu Beginn als festen Programmpunkt eine Wallfahrt nach Assisi unternimmt.
Auch für die Vortragsreihe der KEB Regensburg, die sich in diesem Jahr ganz dem heiligen Franziskus widmet, bin ich sehr dankbar.
Man muss deshalb ja nicht gleich selbst ein Franziskaner werden. Auch geht es nicht um Konkurrenz zwischen verschiedenen Orden. Es hat mich sehr gefreut, gerade von einem Benediktinerpater eine sehr dankbare Rückmeldung bekommen zu haben. Die Heiligen sind ja dadurch gekennzeichnet, dass sie für jeden Stand, für alle anderen Berufungen auch etwas Inspirierendes zu geben haben.
Dann aber rege ich an, das Franziskus-Jubiläum auch als Inspiration für die Verkündigung, für die Arbeit in den Pfarreien, in der Jugendarbeit, in der Erwachsenenbildung usw. fruchtbar zu machen.
- Für die Organisation einer Wallfahrt nach Assisi noch heuer ist es wahrscheinlich zu spät. Aber man kann es vielleicht für das nächste Jahr einmal einplanen.
- Identifizieren Sie die Orte franziskanischer Frömmigkeit und franziskanischen Wirkens in Ihrer Umgebung.
- Die Befassung mit seinen Gebeten, besonders mit dem Sonnengesang.
- Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, mit Mitgliedern franziskanischer Gemeinschaften ins Gespräch zu kommen, sie über ihre franziskanische Berufung zu befragen, sie Zeugnis geben zu lassen.
Was ich im Hirtenbrief nicht auch noch angesprochen habe, weil er sonst noch länger geworden wäre: die franziskanischen Heiligen und Seligen, auch die des Bistums Regensburg:
Elisabeth von Thüringen, Bruder Konrad von Altötting, dann aus dem Bistum selbst der selige Liberat Weiß aus Konnersreuth, und für den Kapuziner Viktrizius Weiß, der zuletzt in Vilsbiburg gewirkt hatte, läuft ja ein Seligsprechungsprozess. Viele weitere wären zu nennen aus der großen Schar der Heiligen weltweit.
Den Franziskanern verdanken wir besonders die Kreuzweg-Frömmigkeit.
Der Fachbereich Liturgie hat für dieses Jahr einen Kreuzweg zusammengestellt unter Einbeziehung von Texten des heiligen Franziskus. Er ist auf der Homepage des Bistums verfügbar. Ich bete ihn bei den öffentlichen Kreuzwegandachten an den Sonntagen der Fastenzeit in Gotteszell, Dünzling, Schmidgaden und auf den Dreifaltigkeitsberg in Regensburg. Er enthält das Gebet des hl. Franziskus vor dem Kreuz von San Damiano, denn jeweils seine Ergänzung zum Anbetungsruf vor jeder Station „Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus, hier und in allen Deinen Kirchen auf der ganzen Welt, und wir preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast Du die Welt erlöst.
Der Huldigungsruf stammt aus der Liturgie der Kreuzauffindung, und wurde von Franziskus erweitert um die universale Perspektive der Kirchen auf der ganzen Welt, und damit auch noch einmal um seine eucharistische Frömmigkeit, ist der Herr doch in allen Kirchen gegenwärtig im Tabernakel. Für Franziskus kommt noch hinzu die tiefe Ehrfurcht vor allen möglichen Formen des Kreuzes und auch des Holzes, was alles für ihn transparent war auf die Liebe Christi hin.
Auch die Todesstrophe aus dem Sonnengesang ist aufgenommen, wo die Rede ist von „Schwester Tod“ – im lateinischen und italienischen ist „mors, mortis“, bzw. morte weiblich.
Franziskus regt uns an zur Pflege der Kreuzwege und der Kreuzwegandachten in den Kirchen, aber an vielen Orten auch im Freien. Ich versuche, hier auch nach Kräften zu unterstützen durch entsprechende Kreuzweg-Besuche.
Das Kreuz von San Damiano
Der heilige Franziskus lädt also ein, sich mit dem Geheimnis des Kreuzes Christi zu befassen.
Ich habe Ihnen eine Abbildung des Kreuzes von San Damiano mitgebracht [vgl. Abb. 1]. Sie kennen es sicher und haben sich vielleicht auch schon intensiver damit beschäftigt. Ich möchte nur ein paar Punkte in Erinnerung bringen und dann das Kreuz auch einordnen in die Geschichte der Kreuzigungsdarstellung. Alle Biographen des heiligen Franziskus sind sich einig darin, dass die Erfahrung des Giovanni Bernardone (von seiner französischen Mutter mit dem Kosenamen „Francesco“ bedacht) vor dem Kreuz von San Damiano im Jahr 1205 ein einschneidendes und folgenreiches Erlebnis für ihn gewesen war.
In den Trümmern einer baufälligen Kirche und vor den Trümmern seines eigenen Lebens spricht er das inständige Gebet:
O alto e glorioso Dio. Illumina le tenebre del cuore mio …
„Höchster, glorreicher Gott,
erleuchte die Finsternis meines Herzens
und schenke mir rechten Glauben,
gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe.
Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen,
damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle.
Amen.“
Franziskus bekommt eine Antwort. Der Gekreuzigte, vor dem er kniet, spricht zu ihm. Eine andere Quelle berichtet von einer inneren Stimme, die er hört.
„Franziskus, geh hin und stelle mein Haus wieder her, das, wie du siehst, schon ganz verfallen ist“.
Dass es zwischen dem Bild des Gekreuzigten und dem jungen Mann aus Assisi zu einem Dialog kommen kann, wird ermöglicht durch eine Besonderheit dieses Tafelbildes: Es zeigt nämlich ein Paradox. Einerseits ist der Gekreuzigte gestorben. Aus seiner Seitenwunde fließen Blut und Wasser. Und doch ist er nicht tot. Seine Augen sind geöffnet und strahlen eine innere Lebendigkeit aus. Der Gekreuzigte lebt, und er wendet sich an den um Licht und Orientierung betenden Francesco.
Das Kreuz aus San Damiano hängt heute in der Basilica di Santa Chiara in Assisi. Es gehört zu einer Reihe von umbrischen Tafelkreuzen. Auf ihnen ist nicht nur der gekreuzigte Christus dargestellt, sondern auf Seitenfeldern, welche die ganze Christusdarstellung umgeben, werden weitere Personen und Ereignisse mit dargestellt. Nicht nur die Hauptpersonen der Passion werden ins Bild gesetzt, durch die Einrahmung oben und ganz unten. (Eine gute Erklärung gibt das Buch Martina Kreidler-Kos / Niklaus Kuster, Christus auf Augenhöhe. Das Kreuz von San Damiano, Kevelaer ²2009., Bildteil nach S. 48)
So stehen unter dem Kreuz vom Betrachter aus links Maria, die Mutter Jesu, und Johannes, der Apostel und Evangelist, dem der Herr vom Kreuz herab, seine Mutter anvertraut. Auf der rechten Seite sind Maria von Magdala zu sehen und Maria, die Mutter des Jakobus, sowie ein Centurio (vielleicht der Hauptmann von Kafarnaum).
Die beiden kleinen Personen links und rechts unten zeigen einmal den Römer Longinus, der mit seiner Lanze die Seite des gekreuzigten Jesus durchstoßen hat. Die kleine Person rechts unten ist ein suchender und fragender Jude. Bei genauer Betrachtung sieht man sogar neben dem vom Betrachter aus rechten Bein des Gekreuzigten den Hahn, dessen dreimaliges Krähen Petrus an seine Verleugnung erinnert.
Der Querbalken des Kreuzes ist als Grab mit schwarzem Boden, roten Wänden und goldenem Rand gestaltet und weist somit auf die Grablegung wie auch schon auf das leere Grab hin, denn an den Enden dieses leeren Sarkophags verkünden Engel in der Frühe des Ostermorgens die Botschaft von der Auferstehung Christi. Sie fragen mich und Dich: „Was sucht Ihr den Lebenden bei den Toten?“ (Lk 25,5f.)
Über dem Kreuz ganz oben ragt die Hand des Vaters segnend herein. Er, der Schöpfer und Herr der Geschichte, lässt das Leben und Sterben seines Sohnes nicht im Grab enden. Der Vater bestätigt durch die Auferweckung des Sohnes den Anspruch Jesu, der Mittler der Gottesherrschaft zu sein, und setzt damit die ins Unrecht, die meinten Jesus wegen Gotteslästerung hinrichten zu müssen. Eine große Schar von Engeln empfangen den Auferstandenen, der mit dem Kreuzstab in der Hand leichtfüßig und in königlichem Gewand zum Himmel auffährt.
Auch unterhalb der Fußstütze sind Gestalten gemalt, das Bild aber ist zur Unkenntlichkeit verdorben. Am wahrscheinlichsten ist, dass Adam, Eva und die „Heiligen“ des Alten Bundes gezeigt werden, so dass das Kreuz von San Damiano die ganze Heilsgeschichte einbezieht. Andere Deuter erwägen, ob es sich vielleicht um Heilige handelt, die in Umbrien besonders verehrt werden.
Das Kreuz von San Damiano ist freilich nicht einzigartig in der Geschichte der Kreuzigungsdarstellung, sondern es enthält alle Elemente der älteren christlichen Kreuzesdarstellung in der Kirche des Westens:
- Der gekreuzigte ist dargestellt nicht hängend, sondern in Gebetshaltung.
- Er steht hoheitlich auf dem „Suppedaneum“, der Fußstütze, die ursprünglich dazu dienen sollte, dass sich der ans Kreuz gehängte unwillkürlich wieder aufrichtete und somit seinen eigenen Todeskampf verlängerte.
- Der Lendenschurz ist ganz symmetrisch und ästhetisch schön gestaltet mit einem kunstvollen Knoten (dessen Symbolik eigens zu bedenken wäre); auf anderen Kreuzen ist der Gekreuzigte mit einem langen Gewand bekleidet – statt nackt oder nur mit Lendenschurz umgeben.
- Das Haupt ist umgeben entweder von einer goldenen Krone oder von einem Nimbus, der Christus als den Heiligen schlechthin besonders hervorhebt. Die Frisur ebenfalls nicht ungeordnet, sondern in feiner Symmetrie gemalt.
Paradox des christlichen Glaubens: Im Tod ist Leben
Das für mich wichtigste am Franziskuskreuz – und bei allen Kreuzigungsbildern der westlichen Tradition bis ins 13. Jahrhundert ist das Paradox: die geöffneten Augen bei gleichzeitig geöffneter Seitenwunde, das Paradox des Miteinanders der Zeichen einmal für den erfolgten Eintritt des Todes, und die geöffneten, lebendigen Augen als Zeichen des Lebens.
Man spricht in diesem Zusammenhang gerne von einem „Auferstehungskreuz“, aber das ist nicht ganz exakt. Es gibt darüber eine sehr tiefgründige Studie des aus Pechbrunn in der (nördlichsten) Oberpfalz stammenden Jesuiten Aloys Grillmeier: Der Logos am Kreuz. Zur christologischen Symbolik der älteren Kreuzigungsdarstellung, München 1956.
Er geht aus von der Beobachtung, dass es in der Westkirche – nur in der Westkirche, nicht in der Ostkirche – bis herauf ins 13. Jahrhundert bei allen Kreuzigungsbildern so war, dass dieses Paradox gezeigt wird. Und er geht den Gründen dafür nach. Aus hunderten von Beispielen habe ich nur drei ausgewählt [vgl. Abb.]:
Santa Maria Antiqua, Rom, Fresko in der Theodotus-Kapelle, 741–752 n. Chr., 8. Jahrhundert [vgl. Abb. 2]: Jesus steht gleichsam am Kreuz. Die Augen sind geöffnet. Er ist mit einem ärmellosen, aber den Körper in seiner ganzen Länge bedeckenden Gewand bekleidet. Unter dem Kreuz Maria und Johannes sowie Longinus (mit Lanze) und der Soldat mit dem Essigschwamm.
Ein anderes Beispiel stammt aus Südtirol: Die Kreuzigungsgruppe aus der Stiftskirche in Innichen [vgl. Abb. 3]. Neben den geöffneten Augen und der goldenen Krone verdient der Adamsschädel zu Füßen des Herrn besondere Beachtung. Einer alten Überlieferung nach wurde Adam genau an der Stelle beerdigt, wo in der Fülle der Zeit das Kreuz Christi aufgerichtet wurde. Der tiefere Sinn: Das Heilswerk Christi, des neuen Adam, ist für alle Menschen geschehen.
Ein letztes Beispiel: Der Gekreuzigte in Heilig-Kreuz Forstenried vor den Toren Münchens [vgl. Abb. 4]. Das Kreuz wird datiert auf das Jahr 1170 und stammt aus dem nahe gelegenen Kloster Andechs. Seit 1224 befindet es sich in Forstenried. Auch hier ist ein Auftrag des Gekreuzigten an einen frommen Beter überliefert. Diese Legende setzt voraus, dass der Gekreuzigte lebt, wie es die geöffneten Augen ja auch sichtbar machen.
Warum die Augen des Gekreuzigten geöffnet sind
Die Gründe für das Paradox sind nach Grillmeier christologischer Natur. Man muss sich den christologisch-theologischen Hintergrund vergegenwärtigen. Die ernsthafte Frage war: Wie stelle ich den Gekreuzigten richtig dar, ohne etwas Wesentliches, ohne etwas Entscheidendes zu verstecken oder zu verleugnen? Man war hier, zurecht, sehr sensibel. Und sollte es auch heute noch sein. Die Lösung: Vor allem die geöffneten Augen am Kreuz. Zu Hilfe kam ein Stück frühchristlicher Literatur, der so genannte Physiologus, eine Art geistliche Zoologie.
Auch der Pelikan als Christus-Symbol wird hieraus genommen. Der Physiologus beschreibt den Pelikan als Tier, das sich um seiner Nachkommen willen selbst eine Herzwunde zufügt, um sie daraus zu tränken. Diese Christus-Typologie war vor allem in der Barockzeit sehr beliebt und ist auf vielen barocken Hochaltären bzw. Tabernakeln dargestellt.
Was das Paradox der geöffneten Augen bei gleichzeitig geöffneter Seitenwunde betrifft, stehen wir vor einer sehr komplexen aber schlüssigen allegorischen Deutung. Vorausgesetzt ist, dass Christus in der Offenbarung des Johannes als der „Löwe von Juda“ (vgl. Gen 49,9 in Verbindung mit Offb 5,5) identifiziert wird.
Vom Löwen nun wiederum weiß der Physiologus drei besondere Eigenarten zu berichten, deren zweite lautet:
„Wenn der Löwe in seiner Höhle schläft, dann wachen seine Augen, denn sie sind offen. Und im Hohenlied bezeugt das Salomo: ‚Ich schlafe, und mein Herz wacht.‘ So schläft der Körper meines Herren am Kreuz, seine Gottheit aber wacht zur Rechten Gottes, des Vaters. ‚Denn der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.‘“
Die Conclusio des Buches von A. Grillmeier: „Es gab so etwas wie einen Kanon des Crucifixus. Wir können auch mit einiger Sicherheit annehmen, dass am Anfang dieser Überlieferung ein lebenskräftiges symbolisches Denken und Schauen gestanden haben muss, das auch in der populären und gelehrten Literatur seinen Ausdruck gefunden hat. Diese Symbolik war zugleich gestützt durch die Theologie des 5. und 6. Jahrhunderts, die unüberhörbare Forderungen an die christliche Kunst stellte, insbesondere an das Christusbild. So entstand wohl der Christus crucifixus vigilans, der bewusst und in unübersehbarer Deutlichkeit die Gottheit des Gekreuzigten zum Ausdruck bringen wollte. Damit können wir einigermaßen den zeitlichen Raum abgrenzen, in dem er entstanden sein konnte. Wenn wir mit Recht den Physiologus einschalten dürfen, ist nunmehr nach E. Petersons Untersuchung über die Entstehung dieses christlichen Symbolhandbuches das Ende des 4. Jahrhunderts als untere Grenze für den Rabulas-Typ anzunehmen. Jedoch hat auch der Physiologus seine Zeit gebraucht, um jene Verbreitung zu finden, die einem von ihm her gestalteten Crucifixus das nötige Verständnis gesichert hätte. Wenn auch die Symbolik des offenen Auges der Gottheit schon lange vorher bekannt war, so bringt doch er als erster die Anwendung auf den Crucifixus. [...] . Der Christus crucifixus, dem Leibe nach schlafend den Schlaf des Todes, in seiner Gottheit aber wachend beim Vater, konnte nun verstanden werden. Der gekreuzigte Christus war als unsterblicher Logos gekennzeichnet – und als solchen allein nahm ihn der wache Glaube der damaligen Zeit entgegen“ (Grillmeier, Der Logos am Kreuz, 128 f.).
Warum sich die Augen des Gekreuzigten schließen
Wenn wir nun die weitere Entwicklung der Kreuzigungsdarstellungen verfolgen, machen wir eine bemerkenswerte Beobachtung: Mitte des 13. Jahrhunderts, also nach dem Tod des Franziskus, beginnen sich die Augen des Gekreuzigten auch auf den Kreuzigungsbildern der Westkirche zu schließen. Langsam, Schritt für Schritt, wird die Darstellung des Gekreuzigten realistischer, wird der Tod in seiner ganzen Schrecklichkeit ansichtig. Das lebenskräftige symbolische Denken weicht einem Realismus, der auch Leid und Schmerz zu zeigen wagt. Ziel ist das Erwecken von Mitleid, aber auch von Reue und Umkehrbereitschaft, hat der Herr doch all das Leid um meinetwillen und für meine Schuld auf sich genommen. Es liegt nahe, zwischen der mittelalterlichen Leidensmystik, die im 12. Jahrhundert vor allem durch die zisterziensische Bewegung weite Verbreitung fand und die im Leben und Wirken des schließlich sogar mit dem Wundmalen Christi stigmatisierten heiligen Franziskus einen Höhepunkt erreichte, sich auch auf die Ikonographie auswirkte.
Ein Beispiel für die bald nach Franziskus einsetzende Veränderung in der Darstellung des Gekreuzigten ist das gotische Kreuz der Äbtissin Benedetta in Santa Chiara in Assisi (um 1260) [vgl. Abb. 5]. Neben zwei Frauengestalten betrauert auch Franz von Assisi zu Füßen des Gekreuzigten den Tod des Herrn, dessen Augen nun geschlossen sind.
Ein weiteres Beispiel (unter einer Vielzahl möglicher) ist das Gabelkreuz aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, das im Landesmuseum für Kunst und Kultur in Münster zu sehen ist [vgl. Abb. 6]. Der ausgezehrte Körper Jesu, etwas unterlebensgroß, zeigt deutlich die Spuren, die Geißelung und Dornenkrone hinterlassen haben. Er hängt mit weit zurückgespannten Armen an einem Gabelkreuz. Der Kopf fällt auf die Brust.
Das Paradox der zugleich geöffneten Augen und der Seitenwunde wird aufgelöst zugunsten der realistischen Darstellung des Leidens und Sterbens. Prof. Wolfgang Vogl verdanke ich den Hinweis, dass es freilich fortlebt im Bild-Typus des „Schmerzensmannes“, auch „Erbärmde-Christus“ genannt.
Ein Beispiel aus dem Bistum Regensburg haben wir in die Sonntagsbibel (RSB, 436 f.) aufgenommen [vgl. Abb. 7]. Das Flachrelief in Form eines gotischen Kielbogens präsentiert den halbfigurigen Christus als Schmerzensmann mit rotem Umhang, das Haupt von fünf Blumenrosetten umgeben. Christus verweist mit seiner rechten Hand auf die klaffende Lanzenstichwunde, die Linke präsentiert die Nagelwunde. Er wendet sich unmittelbar an den Betrachter und erfleht Erbarmen, daher die Bezeichnung „Erbärmde-Christus“ oder „Erbärmdebild“. Dieser Schmerzensmann wurde wohl als Kultbild verehrt, da er im Bereich der Seitenwunde wie glatt poliert ist und an dieser Stelle offenbar über viele Jahre hinweg von den Gläubigen berührt wurde. Das Relief wurde nach dem Tod von Kanonikus Johann Stadler (1893–1982) vom Regensburger Kollegiatstift St. Johann dem Diözesanmuseum geschenkt.
Die Kreuzigungsdarstellung von Matthias Grünewald am Isenheimer Altar
Ein gewisser und schwer zu überbietender Höhepunkt der Entwicklung ist das Bild des Gekreuzigten auf dem so genannten Isenheimer Altar des Matthias Grünewald, datiert um 1515 [vgl. Abb. 8].
Vergleicht man das Bild mit dem Kreuz von San Damiano, stechen folgende Elemente besonders ins Auge.
- Die Arme sind auseinandergerissen, das Gewicht des Körpers biegt gleichsam den Querbalken nach unten.
- Die Dornenkrone hat den Nimbus bzw. die Goldkrone ersetzt.
- Die Füße stehen nicht mehr entspannt auf dem Suppedaneum, sondern der Nagel ist in das Suppedaneum hineingeschlagen.
- Die Augen sind geschlossen.
Bei aller Expressivität und Drastik der Darstellung ist das Kreuzigungs-Bild von Matthias Grünewald doch ein hochtheologisches Bild, ein Glaubensbild, ein Trostbild.
Vom Betrachter aus rechts unter dem Kreuz steht Johannes der Täufer, dessen Martyrium der Kreuzigung Jesu ja schon vorangegangen war. Seine ganze Gestalt mündet in seinen ausgestreckten überlangen Zeigefinger aus, der das Wort unterstreicht, mit dem er von sich weg auf den Herrn verweist, dem die Wege zu bereiten er gesandt war: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1,29). Dieser Botschaft zugeordnet ist das weiße Lamm zu seinen Füßen, das nicht nur den Kreuzstab gleichsam umarmt, sondern aus dessen Seitenwunde Blut in einen Kelch strömt. Der zerfetzte Lendenschurz Jesu nimmt motivisch die zerfetzten Windeln auf, in die das Jesuskind auf dem Weihnachtsbild desselben Altars gewickelt ist. So arm und notdürftig bekleidet, wie er als Kind vor den Toren Betlehems in den Armen Marias liegt, stirbt er vor den Toren Jerusalems am Kreuz. „Er der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“ (2 Kor 8,9)
Und so geht die Aussage dieses Bildes noch tiefer: Denn dieser Isenheimer Altar ist nicht für eine Kathedrale, auch nicht für eine Pfarrkirche geschaffen worden, sondern für ein Krankenhaus, näherhin für das Kloster der Antoniter in Isenheim. Die Gemeinschaft der Antoniter, entstanden gegen Ende des 11. Jahrhunderts und ist benannt nach dem heiligen Antonius (251–356), dem frühkirchlichen Vater des eremitischen Mönchtums. Es handelt sich um einen Krankenpflegeorden. In der Zeit ihrer Blüte im Mittelalter gab es 379 Hospitäler, die von Antonitern betreut wurden.
Ihre besondere Aufmerksamkeit galt den Menschen, die vom so genannten „Antoniusfeuer“, einer im Mittelalter weit verbreiteten Krankheit befallen waren, die, wie man heute weiß, auf eine Vergiftung mit dem „Mutterkorn“ zurückzuführen war. Das Mutterkorn ist ein schwarzer Pilz, der die Roggenähre befällt und beim Mahlen des Getreides unentdeckt bleibt. Im menschlichen Körper führt es zwangsläufig zu einer Vergiftung. Brennende Schmerzen aufgrund von Gefäßverengungen, die zum langsamen Absterben von Gliedmaßen führten, gehörten zu den Symptomen dieser Krankheit. Auch Krämpfe, Durst und Wahnvorstellungen begleiteten das Bild dieser Krankheit, gegen die in dieser Zeit noch kein Kraut gewachsen schien.
Das Besondere und schließlich auch Tröstliche des Kreuzigungsbildes auf dem Isenheimer Altar ist, dass Jesus der Gekreuzigte mit den Symptomen des Antoniusbrandes dargestellt ist, jener Krankheit also, unter der die Patienten litten, die von den Antonitern dort gepflegt wurden. „Vor diesem Bild beteten die Mönche mit ihren Kranken, die Trost fanden in der Erkenntnis, dass in Christus Gott mit ihnen litt. Von diesem Bild her wussten sie sich gerade durch ihre Krankheit mit dem gekreuzigten Christus identisch, der als Geschlagener mit allen Geschlagenen der Geschichte eins geworden war; sie erfuhren die Gegenwart des Gekreuzigten in ihrem Kreuz und wussten sich durch ihre Not hineingehalten in Christus und damit in den Abgrund ewigen Erbarmens. Sie erfuhren sein Kreuz als ihre Erlösung“ (Joseph Ratzinger, Gekreuzigt, gestorben und begraben. Karfreitag, in: JRGS 6, 639–646, hier 643 f.). Mit den Worten des heiligen Petrus wird ihnen zugerufen: „Durch seine Wunden seid Ihr geheilt!“ (1 Petr 2,24)
Sehen Sie hier weitere Kreuzigungsdarstellungen aus dem Vortrag.
Hinweis:
Ein Gebetsbild mit dem Kreuz von San Damiano kann beim Materialdienst der Hauptabteilung Seelsorge (Frau Sabine Klarl, seelsorge@bistum-reegensburg) bestellt werden.
(jas)




