Friedhof vor einer schlichten weißen Kirche

Sebastianskapelle in Beratzhausen

Für Soldaten, gegen Seuchen


Beratzhausen, 16. Januar 2026

So manche Bauernregel rankt sich um den Festtag des heiligen Sebastian am 20. Januar. Er gilt als bäuerlicher Lostag, an dem und um den herum manche Bräuche stattfinden. Und angesichts der diesem Heiligen zugeschriebenen Attribute haben sich auch Sebastiani-Bruderschaften gegründet, die zum Teil bis heute aktiv sind. Der Heilige Sebastian gilt unter anderem als Patron gegen Pest und Seuchen, Schutzpatron der Sterbenden und Leichenträger. Diesen Zuweisungen steht aber vor dem historischen Hintergrund, dass Sebastian römischer Soldat war, ein weiteres Patronat gegenüber: für Soldaten und alle Waffenfähigen, etwa Polizisten und Schützenbruderschaften. Viele unterschiedliche Funktionen hatte im Laufe der Jahrhunderte auch die Kirche St. Sebastian in Beratzhausen.

Wann genau die Beratzhausener Sebastianskirche erbaut wurde, ist heute nicht mehr bekannt. Vermutungen weisen in die Mitte des 15. Jahrhunderts, die ersten urkundlichen Hinweise stammen vom Jahr 1496. Damals verschrieb Michl Proner zu Oberndorf (bis zur Gebietsreform 1972/78 zur Gemeinde Mausheim, heute zum Markt Beratzhausen gehörig) der Sebastianskirche eine Gült, das heißt eine aus einem Grundstück an den Grundherrn zu zahlende Abgabe oder eine Geldrente aus seinem Haus und Garten. Der Berg, auf dem die Kirche stand, hieß nun „Pronberg“. Später ist der Name „Hennenberg“ verbreitet, älteren Beratzhausenern durchaus noch geläufig. Zechpröpste – Vermögensverwalter der Pfarrei – waren Ende des 15. Jahrhunderts Hans Kleuflen und Lorenz Lanckhamer.

Von den Stauffern zu Ehrenfels erbaut?

Der frühere Beratzhausener Bürgermeister Franz-Xaver Staudigl (1925 – 2009) vermutet, dass die Kapelle höchstwahrscheinlich von den Stauffern zu Ehrenfels erbaut wurde und daher sowohl das Soldaten- als auch das Seuchen-Patronat (Pest in Europa zwischen 1347 und 1351) für die Sebastians-Widmung ursächlich sein könnte. Angesichts vieler weiterer (Tier-)Seuchen und Epidemien im Laufe der nächsten Jahrhunderte hat dieses Patronat schließlich überwogen.

Mit diesem Aspekt korrespondiert eine andere Gegebenheit. Ursprünglich lag der Friedhof neben der Pfarrkirche. Die Michaelskapelle neben der Pfarrkirche, in deren Karner heute noch Totenschädel aufgeschichtet sind, war somit Friedhofskirche. Da aber im 16. Jahrhundert die Angst wuchs, dass vom Friedhof eine Gefahr für die Gesundheit ausgehen könnte, wurde um 1590 ein weiterer Friedhof bei der Sebastianskapelle angelegt. Die dortigen geologischen Rahmenbedingungen sowie die weite Entfernung vom Ort führten dazu, dass weiterhin beide Friedhöfe benutzt wurden. Erst im Zuge der Reformen Montgelas’ wurden die Bestattungen bei der Pfarrkirche im Jahr 1803 endgültig eingestellt und der „alte“ Friedhof auf Anordnung des Landgerichtes Hemau zerstört. Die Sebastianskapelle war damit nun die offizielle Friedhofskirche.

Epitaphien aus dem frühen 17. Jahrhundert

Der Umbau und die Erneuerung der Kirche im Jahr 1713 ist mit Sicherheit im Licht der Verehrung Sebastians als Patron gegen die Pest und Seuchen zu sehen. Das Gotteshaus ist ein traufständiger Saalbau mit eingezogenem Chor, der wiederum ein Kreuzrippen- und Kappengewölbe aufweist. Zentral im Hochaltar ist die in einen Goldrahmen gestellte Holzfigur des Heiligen Sebastian. Überaus interessant, da aus dem frühen 17. Jahrhundert (ca. 1604) stammend, sind die Epitaphien (Grabdenkmäler bzw. -platten) aus feinstem Kalkstein auf den beiden Seitenaltären – wahre Schmuckstücke aus der Renaissance. Beide beziehen sich auf den Freiherrn Tobias Hersztenczky, der pfalz-neuburgischer Pfleger in Beratzhausen und Oberjägermeister war. Das Hochreliefepitaph im linken Seitenaltar mit dem auferstandenen Jesus widmet sich den Kindern des Freiherrn, das im rechten Seitenaltar zeigt die Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind sowie im Fegefeuer schmorende Seelen. Als „Künstler“ ist ein Conrad Jos von stuottgart „verewigt“. Ebenfalls ins 17. Jahrhundert zu datieren ist das bemalte Holzepitaph für den verstorbenen Beratzhausener Bürger und Schreiner Georg Hueber. Der Verblichene ist auf dem Bild vor dem gekreuzigten Christus dargestellt. 

Zu den weiteren Besonderheiten gehört ein Triptychon (dreigeteiltes Gemälde) mit dem gekreuzigten Jesus und wohl Maria und Johannes im mittleren Hauptbild. Auf dem kleineren linken Bild sind der Pfarrpatron Petrus und die Heilige Barbara, auf dem rechten Bild die Heiligen Sebastian und Rochus abgebildet. Aus welcher Zeit dieses Werk stammt sowie weitere Daten dazu ließen sich nicht ermitteln. Erwähnt seien von den weiteren Bildern unter anderem eine Pieta-Darstellung, ein Kruzifix und ein Votivbild. Natürlich ist auch der Beichtstuhl noch erhalten.

Um- und Rückbauten im 20. Jahrhundert

Im Jahr 1940 wurde der rückwärtige Teil der Kapelle zur Leichenhalle umgebaut und etwa 25 Jahre später, nach dem Bau des neuen Friedhofs mit Leichenhalle, wieder in seinen früheren Zustand zurückversetzt. Von 1945 bis zum Bau ihrer Erlöserkirche im Jahr 1970/71 diente die Kapelle der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde als Gotteshaus. Eine grundlegende Innenrenovierung erfolgte schließlich im Jahr 1972.

Der Festgottesdienst zum Patrozinium am oder um den 20. Januar in eben dieser Kapelle gehört schon immer zum Jahresablauf der Pfarrei, ebenso Rosenkränze und Andachten, wozu die drei Kirchenglocken einladen. Bei Renovierungsmaßnahmen der Pfarrkirche St. Peter und Paul fanden Requien anlässlich von Beerdigungen in der Sebastianskapelle statt.

Aufleben der Wallfahrt

Eine Aufwertung erhält die Kapelle seit 2014. Die Pfarrei feierte von 2012 bis 2014 in einem „TriAnnum“ das 250-jährige Jubiläum von der Grundsteinlegung bis zur Einweihung der Pfarrkirche (1762 – 1764) in ihrer jetzigen Form. In diese Feiern wurden auch die örtlichen Kirchen und Kapellen einbezogen und die frühere Wallfahrt zur Sebastianskirche zum Patrozinium wieder eingeführt. Seit 2013 wurde diese Prozession durchgeführt.

Viel Arbeit für den Kirchenpfleger 

Im Vorfeld ist der seit einigen Jahren hier als Kirchenpfleger tätige Josef Beer gefragt. Er wohnt in unmittelbarer Nachbarschaft zur Sebastianskirche und hat diesen ehrenamtlichen Dienst von den Familien Koller und Ferstl übernommen, als diese alters- und gesundheitsbedingt passen mussten. „Zunächst sollte ich nur durch Witterung bedingte Schäden im Blick haben“, schildert Beer. Doch bald wurde es mehr: die Arbeiten rund um das Patrozinium im Januar und in den Monaten Mai bis Oktober. In diesen findet einmal monatlich eine Rosenkranzandacht und Eucharistiefeier statt. Spinnweben entfernen, Kirchenschmuck, Reinigungsarbeiten und natürlich das Auf- und Zusperren sind da Beers Tätigkeiten, wobei ihn auch seine Gattin Maria tatkräftig unterstützt. Und sollte außerhalb der Reihe in der Sebastianskirche eine Andacht oder Messe stattfinden, steht er natürlich - nach rechtzeitiger Absprache - zur Verfügung. Als Ministrant in den 1960er Jahren und nun als Obmann der örtlichen Marianischen Männerkongregation bringt er sich seit seiner Jugend in die Pfarreiarbeit ein. Handwerklich beteiligt war er zudem zuletzt an den vier Adventssternen aus Holz in der Pfarrkirche St. Peter und Paul.


Text: Markus Bauer

(kw)

Weitere Infos

Heuer ist das Patroziniumsfest am Sonntag, 18. Januar. Um 8.15 Uhr startet die Prozession an der Pfarrkirche St. Peter und Paul, um 8.30 Uhr ist dann Eucharistiefeier in der Sebastianskirche zum Patrozinium.

Weitere Infos bei der Pfarreiengemeinschaft Beratzhausen-Pfraundorf



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