Blick in den Kirchenraum

Bischof Rudolf feiert Pontifikalgottesdienst in der Abteikirche Seligenthal und eröffnet Ausstellung zum Turiner Grabtuch

„Ich bin es, ich, der mit dir spricht“


Landshut, 8. März 2026

Zur Eröffnung der sechswöchigen Ausstellung „Turiner Grabtuch“ in der Zisterzienserinnen-Abtei Seligenthal zelebrierte Diözesanbischof Dr. Rudolf Voderholzer mit Spiritual Pater Bonifatius und Regionaldekan Msgr. Josef Thalhammer die Heilige Messe in der Klosterkirche Mariä Himmelfahrt. Domorganist Prof. Franz Josef Stoiber aus Regensburg, Bassbariton Prof. Clemens Morgenthaler aus Freiburg und die Schwesternschola trugen zu einem ganz besonderen musikalischen Gottesdiensterlebnis bei.

„Wer ist der Mann auf dem Tuch?“ – dieser Frage geht die Ausstellung nach, die für viele Menschen eine Spurensuche bedeutet, sagte Pater Bonifatius. Wer bewusst oder unbewusst nach Gott suche, könne ihn hier vielleicht finden oder zumindest die Spur aufs Neue aufnehmen. „Gott geht mit uns durch die Geschichte, Gott führt seine Kirche“, so seine Überzeugung. In Erfüllung seines Amtes als Schirmherr der Ausstellung begrüßte Bischof Rudolf die Mitbrüder im Priesteramt, Äbtissin Christiane, die Mitschwestern der Abtei, Kuratorin Freifrau von Bechtolsheim, Prof. Giulio Fanti aus Turin, die Gläubigen vor Ort sowie die Zuhörer über Radio Horeb. Er dankte für die Initiative zur Ausstellung, für alle Mühe und für die Vorbereitung. Vieles spreche dafür, im Grabtuch von Turin authentisch dem menschlichen Antlitz des Herrn zu begegnen. Ganz sicher im Glauben aber sei, dass er in der Feier der Eucharistie unter den Menschen weilt, zu ihnen spricht und sich im Brot des Lebens verschenkt. Bischof Rudolf sagte, sehr gern sei er der Einladung gefolgt, nach Landshut-Seligenthal zu kommen, um am dritten Fastensonntag sein Amt als Schirmherr der Ausstellung auszuüben.

Wasser des Lebens

Das von Msgr. Josef Thalhammer verkündete Johannesevangelium (Joh 4,5–42) vom Gespräch Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen passe sehr gut zur Eröffnung der Ausstellung des Turiner Grabtuchs, betonte der Bischof zu Beginn seiner Predigt. Es erzähle von einer Glaubensgeschichte und Verwandlung einer Frau, deren von Schuld niedergedrücktes Leben keine Perspektive zu haben schien. Durch die Begegnung mit Jesus sei sie zu einer Missionarin und sprudelnden Quelle geworden, die ihren Landsleuten Jesus als den Messias bezeugte. Mehr noch als nach dem Wasser des Jakobsbrunnens dürste es ihn nach dem Glauben dieser Frau, besagt die Sonntagspräfation. Tief wie der Brunnen führt Jesus die Samariterin zum Quell des lebendigen Wassers in die Tiefe, zur Selbsterkenntnis und Beichte. Er offenbart sich ihr mit den Worten: „Ich bin es, ich, der mit dir spricht.“ Diese Erkenntnis möchte die Frau aus Samarien nicht für sich behalten. Sie führt viele Menschen zum Glauben. Es geschieht zur sechsten Stunde. Der Evangelist schlägt damit eine Brücke zur Passion, denn etwa um die sechste Stunde am Rüsttag vor dem Paschafest wird Jesus zum Tode verurteilt und danach am Kreuz hingerichtet. Aus der geöffneten Seite des Herrn flossen Blut und Wasser heraus. Aus ihm, dem Felsen, strömt das lebendige Wasser, von dem in der Lesung (Ex 17,3–7) zu hören war. All das zeige das Grabtuch von Turin, so Bischof Rudolf.

Im Jahr 1898 sollte das Tuch endgültig auf der „Müllhalde frommer Fälschungen und dem Glauben nicht dienlicher Pseudo-Reliquien“ verschwinden. Doch eine fotografische Dokumentation, ausgeführt nach der damals neuen, aufstrebenden Technik, ergab eine Sensation. Das Negativ der Fotoplatte zeigt ein viel deutlicheres Bild eines ganz umhüllten Gekreuzigten und die Gesichtsabdrücke des Toten blicken den Betrachter durchdringend an. Das Bild selbst wirkt wie eine Art Fotonegativ. Ab diesem Zeitpunkt sind Botaniker, Chemiker, Textilkundler, Ikonographen, Byzantinisten, Kunsthistoriker, Kunstmaler, Gerichtsmediziner, Historiker und Bibelwissenschaftler mit dem am besten untersuchten Textil der Geschichte beschäftigt. Bei dem vier Meter langen und einen Meter breiten Turiner Grabtuch handelt es sich offenkundig um kein von Menschen gemachtes Kunstwerk. Die längste Zeit war es wohl zusammengefaltet; dabei überstand es viele brenzlige Situationen. Wasserflecken sind zu sehen sowie Löcher, die durch flüssiges Metall bei einem Brand entstanden. Alle Versuche, das Tuch als ein frommes Gemälde zu entlarven, scheiterten. Eine Radiokarbon-Untersuchung im Jahr 1988, die es in das Mittelalter stellt, ist unhaltbar.

Gründe für hohe Wahrscheinlichkeit

Die Gründe, warum es sich nach hoher Wahrscheinlichkeit um das Leinen handelt, mit dem der Gekreuzigte bestattet wurde, seien vielfach. Das seien die geordnete Kreuzabnahme, die für ein tatkräftiges soziales Umfeld des Mannes spreche, die damals bei Verbrechern nicht übliche Dornenhaube, die Spuren von über 100 Geißelhieben und das schwere Objekt auf seinen Schultern. Überliefert von Jesus sind die Dornenkrone, die heftige Geißelung, das Schleppen des schweren Querbalkens und die Befestigung am Kreuz mit Nägeln anstelle von Seilen. Ein außerordentlich sprechendes Zeichen des Turiner Grabtuchs seien die eingehüllten Beine ohne Spuren des Zerschlagens und eine Stichwunde an der Seite. Dies entspreche exakt dem Bericht des Evangelisten Johannes. Fehlende Verwesungsanzeichen ließen auf eine kurze Verweildauer im Leinentuch schließen, erklärte der Bischof. Er zitierte Prof. Dietz, einen der besten Kenner der Grabtuchforschung: „Der Mathematiker Bruno Barberis hat berechnet, dass alle genannten ‚jesustypischen‘ Merkmale des Grabtuchs nur auf einen einzigen unter 200 Milliarden Gekreuzigten zutreffen. Selbstverständlich ist das kein zwingender Beweis, aber es sei doch angemerkt, dass in den letzten 2000 Jahren maximal 200 Milliarden Menschen gelebt haben.“ Niemand sei jedoch verpflichtet, an die Echtheit des Grabtuchs zu glauben. Das kirchliche Lehramt habe sich nicht zur Authentizität geäußert, und selbst wenn sie erwiesen wäre, würde dies den Glauben, der ein personaler Akt und ein Akt der Freiheit ist, nicht beweisen oder erzwingen, so der Bischof.

Persönliches Glaubenszeugnis

Im Sinne eines persönlichen Glaubenszeugnisses habe Papst Benedikt XVI. darauf hingewiesen: „Das heilige Grabtuch ist wie ein fotografisches Dokument, das ein Positiv und ein Negativ hat. Das dunkelste Geheimnis des Glaubens ist zur gleichen Zeit das hellste Zeichen einer Hoffnung, die keine Grenzen hat. Der Karsamstag ist das Niemandsland zwischen Tod und Auferstehung.“ Bischof Rudolf erklärte, wenn das Turiner Grabtuch nicht jenes sei, in das Jesus eingehüllt gewesen sei, stelle es zumindest den Erfindungsreichtum menschlicher Grausamkeit dar. Sollte es wirklich das Grabtuch Jesu sein, bestätige es die Aussage des Apostels Paulus im Zweiten Korintherbrief, dass Gott ihn für die Menschen zur Sünde gemacht hat. Jesus Christus hat den ganzen Hass der Welt an sich austoben lassen. Er vergilt Böses mit Gutem. Noch vom Kreuz herab betet er für seine Peiniger Der Bischof wünsche sich und bete dafür, dass die Begegnung mit dem Grabtuch und den anderen Exponaten der Ausstellung für viele zu einer Begegnung mit dem gekreuzigt-auferstandenen Herrn werde, sodass sie ihn, der Samariterin gleich, als „Retter der Welt“ verkünden.

Text und Fotos: Agnes Wimmer
(jas und SG)



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