Radierung von Goya

Reflexionen zum Begriff der Aufklärung

Der Mut, selbst zu denken


Regensburg, 22. September 2026

Das Wort „Aufklärung“ erfreut sich großer Beliebtheit und weiter Verbreitung. Zurecht wünscht sich niemand „vor die Aufklärung“ zurück – auch die katholische Kirche nicht. Allerdings dürfte – so jedenfalls unser Autor Sigmund Bonk – eine gewisse Idealisierung, wie sie gegenwärtig unbezweifelbar im Schwange ist, nicht ganz frei sein von historischer Naivität und ideologischer Simplifizierung. Und sollte nicht auch Lorenz Jäger aufhorchen lassen, wenn er frei heraus feststellt: „Heute ist die Aufklärung fast regierungsamtlich die maßgebliche Hintergrundideologie“? Versteckt sich in einer historischen und terminologischen „Verklärung“ des Aufklärungsbegriffs nicht manchmal auch ein Angriff auf das Christentum – einer unleugbar „voraufklärerischen“ Religion, die indessen für sich beansprucht, heute noch gehört zu werden?

Dem Begriff der Aufklärung dürfte somit eine gewisse kritische Beleuchtung keinesfalls schaden. Allzu oft findet er auf geradezu euphemistische Weise Verwendung, ohne jede Spur von Andeutung, dass damit auch heikle und sogar abstoßende Geschehnisse (und damit Konnotationen) impliziert sind. Von der radikalen Phase („la Terreur“) der Französischen Revolution angefangen, über den kalten politischen Rationalismus – beispielsweise unter der Herrschaft Kaiser Josephs II. in Österreich oder Kaiserin Katharinas II. in Russland (inklusive der lange währenden Demütigung der römischen Päpste seit der Proklamation der Einheit bzw. des Königreichs Italien) – bis hinein in die Gegenwart (man denke nur an die säkularistisch-liberalistischen Tendenzen der EU in der Familienpolitik) erwies sich die Aufklärung als janusköpfig: Neben der lächelnden Lichtseite war immer wieder auch ihre bedrohliche  Schattenseite zum Vorschein gekommen. 

Im Gegensatz zum Wort „Christentum“ oder gar „Katholizismus“ hat das Wort „Aufklärung“ heute also einen durch und durch positiven Klang. Praktisch jeder, der in intellektueller Hinsicht etwas auf sich hält, verortet sich und allen, denen er Gutes nachsagen will, undifferenziert dieser Tradition ein. Lorenz Jäger bemerkte einst dazu: „Heute ist die Aufklärung fast regierungsamtlich die maßgebliche Hintergrundideologie.“  Bedauerlich ist in diesem Zusammenhang auch, dass dieser Begriff in aller Regel ebenso schwammig verwendet wird wie die anderen „Großbegriffe“, die in staatstragenden Ansprachen und Sonntagsreden inflationär Verwendung finden („Freiheit“, „Demokratie“, „Toleranz“, „Diversität“ u.a.). Die Definitionsfrage soll hier jedoch nicht näher verfolgt werden (am Schluss werden hierzu einige Hinweise gegeben). 

Abgesehen wird bei der üblichen Rede von „Aufklärung“ von all dem, was die sog. Frankfurter Schule im Anschluss an Adorno und Horkheimer zutreffend als Dialektik der Aufklärung bezeichnet hatte, womit nicht von Ungefähr (und mit vielen guten Argumenten unterfüttert) vor der Möglichkeit eines Umschlags eines gewissen, zunächst gut gemeinten Humanismus‘ in Inhumanität und Barbarei gewarnt wurde, welche aus der Verbindung zwischen einer oberflächlich verstandenen Zweck-Rationalität und einer bloß noch instrumentell eingesetzten (Teil-)Vernunft von vorne herein zu erwarten gewesen war, dazu auch oft genug historische Realität geworden sei.

Aufklärung bei Francisco de Goya

In diesem Zusammenhang könnte des spanischen Zeitgenossen Goethes, Francisco de Goyas (1746-1828) gedacht werden. Seine Grafik „Der Schlaf (Traum?) der Vernunft gebiert Ungeheuer“ aus der Serie „Los Caprichos“ (im Sinne von „launische Einfälle“) war ursprünglich als Titelblatt einer gesellschaftskritischen Grafikserie geplant und zeigt einen Künstler oder Schriftsteller (vermutlich Goya selbst) schlafend und wohl auch träumend an seinem Arbeitstisch, umkreist von unheimlichen nächtlichen Wesen (Eulen, Fledermäusen und einem Luchs). Auf einer Seite des Tisches findet sich die Aufschrift: „El sueño de la razón produce monstruos.“ 

Damit bieten sich zwei unterschiedliche, beinahe schon gegensätzliche Interpretationen an. Zunächst die etwas flache, beinahe schon banale „populär-aufklärerische Deutung“, wonach immer dann, wenn die Vernunft „schläft“ (auch in Staatsregierungen, man erinnere sich an den „Münchner im Himmel“) sich Angst und Grauen einstellen. Die hierzu passende Moral würde lauten: Niemals vernunftlos handeln – und schon gar nicht dann, wenn es Bedeutendes zu entscheiden gilt! Die demgegenüber interessantere (wie sie bezeichnet werden könnte, „Frankfurter“) Deutung versteht demgegenüber das Wort „sueño de la razón“ als „Traum“ im Sinne von „Ideal“ der Vernunft, nämlich deren Alleinherrschaft: Und wo immer diese wirklich werde, so lautete die Aussage Goyas, da stellten sich unvermeidlich „monstruos“ ein. Man könnte hierbei an die Napoleonischen Kriege seiner Zeit denken, die ja mit der Absicht geführt worden sind (zusätzlich zum nationalistischen Motiv, was sich ja von selbst versteht), den rationalistischen Idealen der Aufklärung in Europa dauerhaft zum Durchbruch zu verhelfen. 

Die erstgenannte Deutung dürfte sich, wie uns Experten wissen lassen, unter rein biografischen und werkimmanenten Gesichtspunkten näher legen als die zweite, jedoch darf letztere nicht nur als spannender, sondern ebenso als aktueller gelten – wobei gewiss nicht auszuschließen ist, dass auch Goya (wie der späte Goethe, etwa in „Faust II“) vor allzu viel berechnender Rationalität im Leben und in der Politik Angst bekommen hat. Denn wie sich der radikale Rationalismus (etwa eines Descartes oder Spinoza) auf dem Gebiet der Philosophie alles andere als bewährt hat, so erwies sich auch eine konsequent aufklärerische Politik für die davon betroffene Gesellschaft noch niemals als Segen.

Vernunftgemäßes Denken ist unentbehrlich

Um dem Missverständnis, mit solchen Feststellungen sei einem Irrationalismus oder gar Obskurantismus das Wort geredet, vorzubeugen, sei dem sogleich hinzugefügt: Vernunftgemäßes Denken und Handeln ist nicht nur nicht falsch – es ist unentbehrlich für ein jedes Leben, das im tieferen Sinne des Wortes als ein menschliches bezeichnet werden darf. Und in der Politik wird Irrationalismus früher oder später immer in einer Katastrophe enden. Das legt den Gedanken nahe: Es würde etwas Entscheidendes im Leben des Einzelnen wie im Gemeinschaftsleben und den Entscheidungen der Staatsregierung fehlen, herrschte dort jeweils ein rein rationalistisches Denken vor. 

Das ganz zu Recht viel thematisierte „Böckenförde-Diktum“ besagt, dass das demokratische Gemeinwesen d. i. der freiheitliche Staat, zu seiner eigenen Fundierung und gewissermaßen Gesunderhaltung auf andere Mächte und Kräfte als seine eigenen angewiesen ist bzw. von Voraussetzungen lebt, „die er [der Staat] selbst nicht garantieren kann“. Ernst-Wolfgang Böckenförde hat da ohne jeden Zweifel etwas ebenso Richtiges wie Wichtiges erkannt (wenn auch nicht als erster, da diese Einsicht in breiter Entfaltung bereits in Tocquevilles „Über die Demokratie in Amerika“ zu entdecken gewesen wäre) und treffsicher auf den diesbezüglich und für vorliegende Reflexionen entscheidenden Punkt gebracht. 

Lebenselement der Demokratie

Vom Wortlaut des Staatsrechtlers abweichend dürfte dieser Punkt in der Einsicht zu finden sein: Die Demokratie benötigt als ihr Lebenselement eine im weitesten Sinn sittlich-religiöse Grundlage, mit der sie sich, ganz wie ein Lebewesen mit seiner ökologischen Nische, dauerhaft verbinden muss, um nicht zugrunde zu gehen. Die Verantwortungsträger in einer Demokratie sollten, mit anderen Worten gesagt, besser nicht an dem Ast sägen, auf dem sie hängt und ruht – will sie nicht sich selbst zu Fall kommen, was spätestens dann geschieht, wenn sie zum anderen ihrer selbst wird, nämlich totalitär (gegebenenfalls auch untergründig, also nicht offen ersichtlich totalitär). Einer solchen Gefährdung ist die Demokratie umso mehr ausgesetzt wie sie zur bloßen Mehrheitsdemokratie tendiert. Der „Ast“, von dem gerade metaphorisch die Rede war, trägt nun einmal nicht die Aufschrift „reine Vernunft“. Er setzt sich in Europa aus Traditionen, die sich bewährt haben, aus dem Geist des Christentums und des klassischen Humanismus mit seinen griechischen und römischen Quellen, dazu aus all dem, was Hegel mit dem Wort „Sittlichkeit“ bezeichnet hat, aus einer Portion Menschlichkeit, dem Gewissenszuspruch und einem guten Schuss „gesunden Menschenverstand“ zusammen.

Was einem latenten Totalitarismus des Aufklärungsdenkens (Tocqueville sprach von einem kommen werdenden „sanften Despotismus“) wie nichts Vergleichbares einen Weg ebnet ist der weitgehende Untergang dessen, was in einer jeden gesunden Gesellschaft bisher sozusagen „zwischen“ dem Staat und dem Individuum zu finden war, das „Kommunitäre“, angefangen bei der Familie und dem Freundeskreis, über die Vereine und Verbände, die Kollegschaften, Gewerkschaften und übergreifenden Vereinigungen Gleichgesinnter bis hin zu den politischen Parteien, Religionsgemeinschaften und Kirchen. Wo immer der sozusagen atomisierte Bürger dem Staat so gut wie isoliert gegenübersteht (und in genau diese Richtung verläuft die Entwicklung in liberalen Demokratien) wird dieser eher als böser Stiefvater, denn als guter Vater empfunden werden. 

Der Mensch als Gemeinschaftswesen

Die Staatsverdrossenheit wächst überall dort signifikant (Stichwort: Hate speech“), wo man sich nicht im vertrauten Kreis austauschen und gegebenenfalls „Dampf“ ablassen kann. Das Bewusstsein „der Einzelne gegen den Staat“ nährt den Hass, zerstört die Gesellschaft und führt in Einzelfällen sogar zum Terrorismus. Doch auch davon abgesehen ist der Mensch von Natur (bzw. dem Schöpfungsgedanken) her eindeutig ein Gemeinschaftswesen. Schon Aristoteles definiert ihn als „zoon politikon“ (ζῷον πολιτικόν bezeichnet bei ihm, wie schon bei seinem Lehrer Platon, ein mit Vernunft begabtes Gemeinschaftswesen, das auf ein Leben in der politischen Gemeinschaft ausgerichtet ist). 

So hatte bereits die Perikleische Polis ihr spezifisches, an Homer, anderen Dichtern und Weisen sowie ersten Philosophen orientiertes sowie geschultes Ethos in einer fast schon symbiotischen Verbindung mit der klassisch-griechischen Mythologie und der damals de facto praktizierten Religion. Die demokratischen Verhältnisse, wie sie unter Perikles († 429 v. Chr.) im Stadtstaat Athen zu beobachten und bewundern gewesen sind, lassen sich sicherlich nicht wiederherstellen, aber sie gewissen Politikern in den USA (von Russland ganz zu schweigen), aber auch der EU zu erläutern, sollte eigentlich heilsame Wirkungen zeitigen. Gemeinschaftswesen sind nämlich nicht zuletzt auch „friedensbewegte“ Wesen…

Mut zum selbstständigen Urteilen

Einer Reflexion über den Begriff der Aufklärung würde Wesentliches mangeln, wenn sie nicht (was nun abschließend zu leisten ist) auf Kants berühmte Definition aus dem Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1784) zu sprechen käme: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Erläuternd wird fortgefahren mit: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen.“ Daraus folgt die Maxime: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Ein entscheidender Punkt ist, dass bei Kant „mehr Aufklärung“ nicht einfach mit „mehr Wissen bzw. Wissenschaft“ gleichgesetzt wird. Aufklärung liegt s. E. erst dann vor, wo einer – idealerweise sogar jeder (Bürger) – selbst zu denken anfängt, anstatt Informationen, Schlüsse und Überzeugungen und „Einstellungen“ einfach nur zu übernehmen. In einem Medienzeitalter wie dem unseren, welches noch dazu mit KI („ChatGPT“ und Co.) abrundet worden ist, eignet gerade dieser Feststellung durchaus Brisanz. Ein zweiter Punkt ist eng damit verknüpft. „Selbstverschuldet“ meint nämlich nicht, dass jemand grundsätzlich unfähig wäre – oder die Menschheit vor der Epoche der Aufklärung sich außerstande befunden habe – selbst zu denken. Die Vokabel zielt vielmehr darauf ab, dass Bequemlichkeit, Konformismus, Karrierismus und etwas Feigheit dazu führen können, das Meinen und Urteilen anderen (den Medien- und Meinungsmachern, poetischer ausgedrückt: dem „Zeitgeist“) zu überlassen.

Damit erweisen sich die oben gegen die Idealisierung der Aufklärung vorgebrachten Gedanken als zumindest ein Stück weit „Kant-konform“. Aufklärung kann nicht heißen oder darin bestehen, möglichst viel zu wissen und „der Wissenschaft“ (existiert eine solche als Ganzheit überhaupt“?) blind zu folgen, sondern den Mut zu haben, selbständig zu urteilen. Insbesondere wäre „Political Correctness“ kein Denken und Verhalten, das gemäß Kant auf irgendeine Weise das ehrende Epitheton „aufgeklärt“ verdient haben würde. Und lautet denn der Titel von Kants Hauptwerk nicht Kritik der reinen Vernunft…?
 

Text: Sigmund Bonk

(kw)

 


  1. ^ Diese wird für die USA wunderbar beschrieben und klarsichtig analysiert in dem Buch: Robert T. Putnam, Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community (Revised and Updated), New York 2001.


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