Weiden, St. Josef

Kirchen aus dem Bistum Regensburg: St. Josef in Weiden

Ein Raum, der den Menschen erhebt


Weiden / Regensburg, 18. Dezember 2025

St. Josef in Weiden erweist sich als bewusst gestalteter Gegenentwurf zur funktionalisierten Moderne: ein Sakralraum, der den Menschen sammelt, ordnet und über den Alltag hinaushebt. Architektur, Jugendstilkunst und ein geschlossenes ikonographisches Programm verbinden sich zu einer geistigen Dramaturgie, die Glauben, Geschichte und Schöpfung als sinnhaften Zusammenhang erfahrbar macht. Die Kirche wird so zu einem kulturellen und spirituellen Statement, das zeigt, dass Schönheit, Transzendenz und innere Maßhaltung keine nostalgischen Relikte, sondern bleibende menschliche Bedürfnisse sind.

Wer die Kirche St. Josef in Weiden betritt, erkennt unmittelbar, dass Sakralbauten nicht aus bloß technischen oder funktionalen Gründen entstehen. Diese Kirche ist nicht für den Gebrauch im alltäglichen Sinn erbaut worden, sondern für die innere Erhebung des Menschen. In ihr zeigt sich die Einsicht, dass der Mensch Räume braucht, die ihn über seine Routinen hinausführen und ihm eine Ahnung davon vermitteln, dass er mehr ist als ein Zweckwesen in einer Welt der Beschleunigung. Die Entstehungszeit dieses Gotteshauses war geprägt von denselben Spannungen, die auch unsere Gegenwart kennt. Die Stadt wuchs, die konfessionellen Bindungen veränderten sich, und das alte Simultaneum war in seiner räumlichen und geistigen Enge an seine Grenzen gelangt.

Der Neubau von St. Josef war in diesem Kontext nicht lediglich der Versuch, Platzprobleme zu lösen, sondern ein Akt kultureller Selbstbehauptung. Stadtpfarrer Max Josef Söllner erkannte früh, dass die katholische Gemeinde nicht nur ein Haus brauchte, sondern einen Raum, der ihren Glauben sichtbar machte und ihre Identität stärkte. Die Grundsteinlegung durch Bischof Ignatius von Senestrey im Juni 1899 war daher mehr als ein liturgisches Ereignis. Sie war die bewusste Entscheidung, der Kirche in einer Zeit wachsender Unsicherheiten eine neue Gestalt zu schenken. Mit der Einweihung am 11. November 1900 begann für die Gemeinde eine neue Phase kirchlichen Lebens, die den Wandel der Stadt geistig begleitete und prägte.

Architektur als Schule des inneren Maßes

Der Münchner Architekt Johann Baptist Schott antwortete auf diese geistige Erwartung mit einer Architektur, die sich an der Strenge und Ruhe romanischer Vorbilder orientierte. Seine neoromanische Basilika ist eine bewusste Absage an die Zerfranstheit und Nervosität der Moderne. Die klare Doppelturmfassade, die ruhigen Wandflächen, die streng rhythmisierten Arkaden und die mächtigen Gewölbe sprechen eine Sprache der Ordnung, der Stille und des Maßes.

Dieser Raum fordert den Menschen heraus, sich selbst wieder zusammenzunehmen. Wer ihn betritt, spürt, wie die alltägliche Zersplitterung von Gedanken, Pflichten und Eindrücken zurücktritt. Der Blick hebt sich, und mit ihm hebt sich auch der innere Horizont. Die Architektur St. Josefs erinnert uns daran, dass die menschliche Existenz nicht im Funktionieren aufgeht, sondern nach Sinn und Tiefe verlangt. Die Dimensionen des Bauwerks – die 64 Meter Länge, die weit ausschwingenden Querarme, die 18 Meter hohe Mittelschiffwölbung und die über 60 Meter hohen Türme – verstärken diesen Eindruck einer geistigen Weite, die über das rein Materielle hinausführt.

Jugendstil – Kunst als Deutung der Wirklichkeit

Mit Franz Hofstötter erhält die Kirche jene unverwechselbare ästhetische Spannung, die sie zu einem der bedeutendsten Jugendstilräume Bayerns macht. Hofstötters Jugendstil ist kein dekoratives Beiwerk, sondern eine geistige Antwort auf eine Zeit, die Gefahr lief, sich in Nützlichkeit und Funktionalität zu erschöpfen. Seine Kunst widerspricht der nüchternen Moderne, indem sie Schönheit, Symbolik und Sinnlichkeit als eigene Erkenntnisformen ernst nimmt.

Die abgesenkte Apsiswölbung, das flammende Kreuz Christi, die plastisch ausgearbeiteten Nimben, die Marmorflächen, die Mosaiken und die zahlreichen Stuckreliefs verdichten sich zu einem theologischen Bilderbuch, das die zentralen Geheimnisse des Glaubens sichtbar macht. Hofstötter verstand, dass der Mensch Bilder braucht, um sich selbst und Gott zu verstehen. Seine Apsis ist ein geistlicher Kommentar in Form von Farbe, Licht und Material. Der Gnadenstuhl, der Christus nicht als Leidenden, sondern als König zeigt, widerspricht einer Moderne, die das Transzendente zu verdrängen sucht. In dieser Darstellung begegnet der Besucher einer überzeitlichen Wahrheit: Der Mensch steht nicht im Leeren, sondern in einem größeren Zusammenhang, der auf Hoffnung und Erfüllung verweist.

Weg durch die Heilsgeschichte

St. Josef verfolgt ein außergewöhnlich geschlossenes ikonographisches Programm. Es beginnt im Langhaus mit den Gestalten des Alten Bundes – Jonas, Judith, Abraham, Mose und anderen –, die als Vorläufer des Heilsweges erscheinen. Diese Figuren erinnern daran, dass Glauben immer ein Weg ist, der durch Unsicherheiten und Prüfungen führt. Im Chorraum tritt der Besucher in den Raum der Menschwerdung und des Wirkens Christi ein. Die Reliefs des freudenreichen Rosenkranzes, die Heimsuchung, die Verkündigung, die Geburt und die Darbringung im Tempel bilden den sichtbaren Mittelpunkt dieser Phase der Heilsgeschichte. Die Apsis schließlich zeigt die Dreifaltigkeit in großer ikonographischer Klarheit. Gottvater thront auf einem mit Edelsteinen besetzten Thron, Christus erscheint als königlicher Erlöser, und der Heilige Geist verbindet die göttlichen Personen zu einem Gnadenstuhl. Diese Darstellung führt den Weg des Menschen auf seine Vollendung hin.

Das Querhaus öffnet den Blick in die Zukunft, indem es die Visionen der Offenbarung aufgreift. Die apokalyptischen Wesen im Vierungsgewölbe, die vier Reiter und die Szenen im Zusammenhang mit dem Lamm Gottes zeigen die dramatische Ernsthaftigkeit der biblischen Endzeiterwartung. Sie erinnern daran, dass Geschichte nicht in Beliebigkeit endet, sondern auf ein Ziel hin geordnet ist.

Die Schöpfung als geistiger Mitspieler

Hofstötter integrierte in der Kirche eine Vielzahl an Tieren, Pflanzen und mythologischen Motiven. Diese Darstellungen sind nicht bloße Dekoration, sondern Ausdruck einer schöpfungstheologischen Einsicht. Der Mensch begegnet in St. Josef einer Welt, die selbst voller Bedeutung ist. Der Wolf neben dem Lamm, der Pelikan, der Pfau, der Phönix und die Tiergestalten an den Säulen oder in den Apsiden verweisen auf eine Ordnung der Welt, die über das Sichtbare hinausführt. Die Kirche macht so erfahrbar, dass die gesamte Schöpfung in den Lobpreis Gottes einbezogen ist. Sie erinnert daran, dass der Mensch die Welt nicht als Ware besitzen, sondern als Gabe empfangen und bewahren soll.

Die Eisenbarth-Orgel, die 1983 erbaut und später restauriert wurde, gibt dem Raum eine vierte Dimension: die des Klanges. Sie ist kein bloßes Instrument, sondern eine Stimme, die den Raum zum Klingen bringt und ihn in eine spirituelle Resonanz verwandelt. Die Verbindung aus barocker Klarheit und romantischer Klangfülle eröffnet musikalische Möglichkeiten, die von der Meditation bis zur großen liturgischen Festlichkeit reichen.

Gegen die Zerstreuung der Gegenwart

St. Josef ist ein Gegenentwurf zu einer Moderne, die den Menschen zunehmend auf Funktion, Konsum und Geschwindigkeit reduziert. Diese Kirche erinnert daran, dass der Mensch ein Geschöpf der Tiefe ist und dass er Räume braucht, die ihn nicht zerstreuen, sondern sammeln. In einer Zeit, in der digitale Oberflächen und ökonomische Logiken vieles bestimmen, bietet dieser Bau eine Erfahrung, die man nicht mehr oft macht: Die Erfahrung, dass Schönheit eine Form von Wahrheit ist und dass Transzendenz dem Menschen nicht fremd, sondern notwendig ist.

Text: Stefan Groß

(sig)

Weitere Infos

Die klare, neuromanische Formensprache tritt beonders deutlich hervor auf dieser historischen Postkarte, die die Kirche St. Josef in Weiden von Südosten zeigt.



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