Ein Auge in Großaufnahme auf einen Hintergrund mit Wolken und Weltraum montiert

Glaube als Akt des Erwachens bei Papst Benedikt XVI.

Die „Woken“ und die „Erwachten“


Regensburg, 8. Juli 2026

Der „wokeism“ ist längst zu uns herübergeschwappt. Doch das „Erwachen“ hat im religiösen Kontext lange vorher Verwendung gefunden, wie Prof. Sigmund Bonk aufzeigt. Eine Predigt von Papst Benedikt XVI. unter dem Titel „Die wahre, größte Schönheit schenken“ aus dem Jahr 2015 hat ihn zu folgenden Überlegungen über Wokeness, Vielfalt und den wahren Akt des Erwachens inspiriert.

Auch der jüngste, Anfang 2026 erschienene Band der „Mitteilungen“ des Instituts Papst Benedikt XVI. hat wieder hohe Beachtung verdient. Was dem Verfasser dieser Zeilen zuvor niemals möglich gewesen war, konnte nach dem unlängst erfolgten Eintritt in den Ruhestand problemlos realisiert werden: Band „MIPB 18/2025“ wurde so gut wie ganz durchgelesen (auch habe ich mich an den 63 farbigen Bildern im Anhang erfreut). Als besonders lesenswert empfunden wurden: der Brief des jetzigen Papstes Leo XIV. an Papst Benedikt XVI., Matthias Simperls Aufsatz „Nizäa als Antwort auf ein ‚angepasstes Christentum‘?“, Christian Schallers Anmerkungen zum persönlichen Verhältnis von Papst em. und Papst Franziskus, Rolf Schönbergers Laudatio für Marianne Müller und nicht zuletzt die Predigt des emeritierten Papstes mit dem Titel „Die wahre, größte Schönheit schenken“, die mich innerlich angerührt und dann zu den vorliegenden Reflexionen angeregt hat. 

Assoziationen mit einer gesellschaftspolitischen Bewegung

Legt es der Titel auch nicht gerade nahe, so handelt die Predigt vom spirituellen Erwachen – was Assoziationen zu einer gesellschaftspolitischen Bewegung bewirkt: dem aus den USA zu uns hinüber diffundierten „wokeism“. Das inzwischen weithin bekannt gewordene Adjektiv „woke“ stammt aus dem afroamerikanischen Englisch und bedeutet so viel wie „wach“, „wachsam“ oder auch „aufgeweckt“. Die Parole „Stay woke“ mahnt dazu, Diskriminierungen von Frauen, Farbigen, Transpersonen, sexuellen und anderen Minderheiten mit wacher Aufmerksamkeit zu begegnen und gesellschaftliche Ungleichheiten niemals (gewissermaßen „verschlafen“) einfach so hinzunehmen. Es gehe darum, an der Entstehung einer offeneren und gerechteren Gesellschaft aktiv mitzuwirken. 

Es war vor allem die Bewegung „Black Lives Matter“ welche die Vokabel „woke“ in Europa heimisch machte – wobei sich ihrem Siegeszug auch kritische Reaktionen angeschlossen hatten (einige Stichworte hierzu wären: „ideologisch gefärbte Form von – letztlich selbst ausgrenzend wirkender – Identitätspolitik“, „Erzeugung von Meinungsdruck“, „Versuch einer moralischen Bevormundung“, „Gefährdung der offenen Debattenkultur“, „Wachheit: oft nur auf die eigene Klientel bezogen“). Darüber, wie der „wokeism“ insgesamt zu beurteilen ist (eigenen Erachtens findet sich darin Positives und Bedenkliches zugleich) gehen die Meinungen bis heute weit auseinander.

Wie es zur weltweiten Beachtung der Woke-Bewegung kam

Die Antwort auf die Frage, wie es überhaupt zu der weltweiten Beachtung der Woke-Bewegung hatte kommen können, müsste komplex ausfallen. Eine Teilerklärung für den Erfolg dürfte jedoch in dem Umstand zu suchen sein, dass immer weniger Arbeiter sich als solche definieren wollten, da sie sich eher dem Bürgertum oder ökologischen Bewegungen verbunden fühlen. Die klassischen Arbeiterparteien Europas leiden deswegen länger schon an Mitglieder- und Wählerschwund. Seitdem befinden sich die Parteivorstände und Parteiideologen auf der Suche nach neuer Klientel – weswegen die amerikanische Woke-Bewegung bei linken Parteien sofort gewisse Hoffnungen erweckt hat: Könnten es nicht diskriminierte Menschen aller Art sein, welche die nach dem Verschwinden der klassischen Arbeiterkultur leer gewordenen Reihen neu auffüllen? Diese Wunschvorstellung dürfte sich inzwischen weitgehend zerschlagen haben, da die ostentative Hinwendung (etwa der SPD oder der Labour Party) insbesondere zu sexuellen Minderheiten diese selbst nur wenig beeindruckt hat. Jedoch führte die Sympathieoffensive in Richtung „LBGTQIA+“ bei nicht wenigen der noch verbliebenen Stammwählern aus dem Arbeitermilieu zum Parteiaustritt, wenn nicht gar zur AfD. 

Zweifellos gehört es zu den hervorstechenden Kennzeichen „woker“ Menschen, dass sie Vielfalt propagieren: eine große Diversität von Pflanzen und Tieren, eine Vielfalt von Kulturen (vulgo: „multikulti“) und von sexuellen Orientierungen sowie Gender-Identitäten. Das Wort „Vielfalt“ hat tatsächlich einen guten Klang und eine bunte Blumenwiese sieht in aller Regel hübscher aus als eine – oft monoton, wenn nicht langweilig wirkende – Rasenfläche. Dass Vielfalt allerdings keinen Eigenwert darstellt, macht man sich dabei kaum einmal klar. Diese Wahrheit leuchtete jedoch spontan ein, wenn – was allerdings nicht zu erwarten ist – in einem Werbeprospekt für einen Urlaubsort von einer „Vielfalt von Stechmücken“ zu lesen wäre. Vielfalt ist stets genauso gut oder schlecht wie das, worauf sie sich bezieht. Und sie stand jahrhundertelang im Schatten der (christlichen) Einfalt, von der etwa bei Ms. Eckhart zu lesen wäre. (Die gesamte platonische Tradition hatte der Einheit vor der Vielheit den Vorzug eingeräumt.) Wachsein hinsichtlich der Unterdrückung von Vielfalt erweist sich damit als eine moralisch ambivalente Qualität.

„Erwachen“ schon bei Joseph Ratzinger

Es entbehrt nicht eines gewissen Reizes, dass Joseph Ratzinger zweieinhalb Jahre nach seinem Rücktritt als Papst, also justament zu der Zeit, als auch bei uns das Woke-Wort heimisch zu werden begann, in einer Predigt in der Kirche des Campo Santo Teutonico (sie befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Petersdom) – zunächst einmal überraschend – festgestellt hat: „Der wahre Akt des Erwachens ist der Glaube.“ Ob die Predigt damit den „trendigen“ wokeism treffen wollte, wird sich inzwischen kaum mehr feststellen lassen. Dass die Rede vom Erwachen aber längst schon in religiösen Kontexten seine Verwendung gefunden hatte, unterliegt keinem Zweifel. So ist sie nicht nur in der Geschichte der christlichen und außerchristlichen (buddhistischen, sufistischen usw.) Mystik, sondern etwa auch im hinduistischen Vishnu-Kult prominent wiederzufinden. Nicht ohne jede Berechtigung wird man den „Wokeismus“ deswegen als eine säkularisierte Form einer ursprünglich religiösen Metaphorik bezeichnen dürfen.

Wenn wir einmal davon ausgehen, dass der emeritierte Papst der Woke-Bewegung eher skeptisch gegenüberstand, so stellte und stellt diese Positionierung selbst für dezidierte Christen keineswegs die einzige Option dar. Beispielsweise war dem Editorial der jesuitischen Traditionszeitschrift „Stimmen der Zeit“ die folgende Aussage zu entnehmen: „Das Christliche ist sicherlich – im jeweils ursprünglichen Sinn – sowohl woke wie links.“ Anstatt diese These (was freilich nicht ohne Reiz wäre) zu kommentieren, kehren wir besser flugs zur besagten Predigt zurück, deren zentrale These es gewiss verdient hat – und dies ganz unabhängig von ihrer Stellung zur Debatte um „wokeness“ – ernsthaft bedacht zu werden.

Erwacht, so der Papst emeritus, ist, wer sein Leben einrichtet gemäß der offenbarten Weisheit. „All der Reichtum der Wissenschaft und der Macht in der Welt“ erweise sich als Torheit, wenn sie „das Wesentliche vergisst: dass Gott existiert und dass der Mensch vor Gott steht.“ Vielleicht darf es ja gewagt werden, dieser Feststellung diese weitere hinzuzufügen: Achtsamkeit hinsichtlich gesellschaftlicher Diskriminierungen verschiedener Art ist grundsätzlich – zumindest solange sie frei bleibt von ärgerlichen Folgen – aller Ehren wert. Wird dabei jedoch das Wesentliche (jeder Mensch steht vor dem lebendigen Gott) übersehen, so greift sie viel zu kurz. Die Achtsamkeit sollte auf das innere Gesicht übergreifen, muss „das Antlitz Gottes suchen“. „Der wahre Akt des Erwachens“, so Benedikt – und dies sei bewusst wiederholt –, „ist der Glaube.“

Eine Realität hinter der Realität

Psalm 17, auf den Benedikt verweist, enthält Verse, die sich, in einer aus Spott und Mitleid zusammengesetzten Gemütslage, unmittelbar an Gott wenden, um ihm hinsichtlich der Reichen und Mächtigen vertraulich mitzuteilen: „Fülle ruhig ihren Leib mit Gütern, dass noch ihre Söhne davon satt werden und ihren Kindern den Rest überlassen. Ich aber will in Gerechtigkeit dein Antlitz schauen, mich sattsehen an deiner Gestalt, wenn ich erwache. [17,14f.]“ Mit diesem Erwachen, so Benedikt weiter, werde zweifellos auf das Wiedererwachen nach dem Tod angespielt, aber nicht nur:

„Diese Zukunft [der Jüngste Tag] ist in Wirklichkeit schon gegenwärtig, sie muss gegenwärtig sein; wir sind aufgerufen, schon jetzt auf diese Weise zu erwachen, zu erwachen zur Schönheit des Antlitzes Gottes, zu der Anschauung seines Antlitzes, damit er uns wahre Freude schenkt. Und so würde ich sagen: zu glauben, im Glauben voranzuschreiten, im Glauben geformt zu werden, in die Schönheit des Glaubens einzutreten, das ist der Akt des Erwachens.“ 

Der Zuruf „Stay woke“ würde damit, ins christliche Idiom übertragen, besagen: Bleibe du ein Mensch der erwachen und fortan wachsam sein möchte, aber belasse es nicht bei gesellschaftspolitischer und sozialer Aufmerksamkeit. Da gibt es nämlich noch eine Realität hinter der Realität in Raum und Zeit, in dessen geistigem Zentrum Gott bleibend anwesend ist. Versuche IHM im Glauben näherzukommen! Dieser Gott ist tatsächlich mehr als ein bloßer Gedanke, er ist die eigentliche Wirklichkeit – réalité par excellence. Vor dieser stehst du immer schon, ausgesetzt SEINEM ebenso prüfenden wie liebevollen Blick. Und wenn du das verstanden und verinnerlicht hast, so gib deine Einsicht, deine Glaubenserfahrung weiter. Auf diese und nur auf diese Weise wirst du einem Mitmenschen die „wahre, größte Schönheit schenken“.


Text: Sigmund Bonk

(kw)

 


  1. ^In allen Dingen, die erfolgreich sind, dürfte ein Körnchen Wahrheit stecken; woraus allerdings nicht abgeleitet werden sollte, dass die reine Wahrheit besonders erfolgreich sein müsste…
  2. ^Aus diesem Grund darf auch dem Lob der sexuellen Vielfalt, wie es regelmäßig im Zusammenhang mit „Christopher Street Days“ und „Pride Parades“ zu vernehmen ist, mit einem Schuss Skepsis begegnet werden. Es mag ja heiter stimmen, die lachenden Gesichter der aktiven Teilnehmer an diesen karnevalesken Umzügen zu sehen und dem begeisterten Klatschen der Ehrengäste und Zuschauer auf den Tribünen und an den Straßenrändern zu lauschen. Jedoch gibt es auch gute Gründe für Vorbehalte. Gewissen sexuellen Neigungen sollte selbst dann nicht nachgegangen werden, wenn beide Seiten mit ihrer Ausübung einverstanden sind. Ein sadistisch veranlagter Mann darf die Frau auch dann nicht schlagen, quälen, demütigen, wenn sie „freiwillig mitmacht“. Fast sicher liegt in diesem Fall bei der „Partnerin“ eine psychische Störung vor, deren Ursache bis in ihre frühe Kindheit zurückreichen kann – wobei diese Not seitens des Mannes gewissenlos ausgenutzt wird. Und das ist hochgradig unmoralisch (um vom sog. „einvernehmlichen Sex“ mit Kindern und Jugendlichen besser ganz zu schweigen.) 
  3. ^Joseph Ratzinger/P. P. em. Benedikt XVI., „Die wahre, größte Schönheit schenken“. (Predigt in der Kirche des Campo Santo Teutonico, Vatikan, am 27. September 2015), in: Rudolf Voderholzer, Christian Schaller, Franz-Xaver Heibl, Barbara Krämer (Hgg.), Mitteilungen Institut Papst Benedikt XVI., Jg. 18/2025), Regensburg 2026, S. 25-28.
  4. ^Stefan Kiechle SJ, „Woke – links – christlich?“ (Editorial), in: Simmen der Zeit, Heft 1/ Jan. 2024
  5. ^Joseph Ratzinger/P.P. em. Benedikt XVI., a.a.O., S. 27. 
  6. ^A.a.O., S. 28.
  7. ^Ebd.
  8. ^Teilhard de Chardin und andere sprachen von dem „milieu divin“. 


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