News Bild Festakt zum 60. Geburtstag von Bischof Gerhard Ludwig Müller

Festakt zum 60. Geburtstag von Bischof Gerhard Ludwig Müller

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Verehrter Geburtstags-Jubilar, Hohe Festversammlung!

Mir ist die ehrenvolle Aufgabe zuteil geworden, meinem Freund und ehemaligen Kollegen Gerhard Ludwig Müller, dem seit gut fünf Jahren amtierenden Bischof von Regensburg, die »Laudatio« anläßlich seines 60. Geburtstages zu halten. »Diffamationes« aus trüben, gelegentlich gar aus betrüblichen Quellen hat er ja genug über sich ergehen lassen müssen. Ich werde also eine »Laudatio« halten.
Dabei bedarf es keiner Verbiegungen. Man muß nur den »res gestae« des Jubilars folgen, dann ergibt sich die Laudatio wie von selbst.

Schon ein kurzer Blick auf seine Herkunft läßt ein Signal aufleuchten. Gerhard Ludwig Müller stammt aus Finthen, einem Dorf, das heute zur Stadt Mainz gehört und das durch den Besuch von Papst Johannes Paul II. dadurch geadelt wurde, daß er auf dem Finther Airfield 1980 seine Mainzer Messe feierte. Der Name Finthen leitet sich her von der römischen Flurbezeichnung „fontanetum“, zu deutsch: Quellgebiet. In der Tat entspricht das bisherige Lebenswerk von Gerhard Ludwig Müller, dieses nicht nur körperlich großen Mannes, seinem Herkunftsort auf eindrucksvolle Weise: »Nomen est omen!« In seinem bisherigen Lebenswerk fließen die Quellen überreich.

Das konnte man freilich noch nicht wissen, als er dort am letzten Tag des Jahres 1947 das Licht der Welt erblickte. Seine Eltern ließen ihr viertes Kind auf die Namen Gerhard Ludwig taufen. Wie seine beiden Schwestern und sein Bruder ihn aufgenommen haben, entzieht sich natürlich der Kenntnis des Laudators. Jedenfalls haben die in einfachen Verhältnissen lebenden Eltern alles daran gesetzt, ihren vier Kindern eine fest im Glauben ihrer katholischen Kirche gründende Erziehung und Ausbildung zuteil werden zu lassen und sie für ein eigenständiges Leben auszurüsten. Ihren jüngsten Sproß konnten sie auf das renommierte Willigis-Gymnasium in Mainz schicken, wo er 1967 als Neunzehnjähriger sein Abitur bestand.

Eine spektakuläre Berufungsgeschichte ist bis heute nicht bekannt geworden. So dürften es vor allem drei Einflüsse gewesen sein, die in dem Abiturienten den Gedanken an den Priesterberuf haben heranwachsen lassen: die katholische Atmosphäre im Elternhaus, die Beteiligung am kirchlichen Leben in der Heimatpfarrei St. Martin sowie der intellektu-ell und geistlich überzeugende Religionsunterricht. Jedenfalls hat er sich in das Mainzer Priesterseminar aufnehmen lassen und in den Jahren 1967 bis 1972 an der Heimatfakultät und an der Universität München, seinem späteren langjährigen Wirkungsort, das Studium der Philosophie und der Theologie erfolgreich betrieben. Diese Studienjahre sind in eine Zeit gefallen, in der Theologie und Kirche teils hoffnungsvoll, teils besorgniserregend in Bewegung geraten waren. Angesichts einer verbreiteten Orientierungslosigkeit, die auch vor manchen Professoren in den Theologischen Fakultäten nicht haltmachte, war es für Studenten nicht immer leicht, die Spreu vom Weizen zu trennen. Der damals vielfach beschworene sog. »Geist des II. Vatikanischen Konzils« wurde nicht selten gegen die Texte dieser säkularen Kirchenversammlung ausgespielt.

Gerhard Ludwig Müller hat sich in dieser Situation jedenfalls dazu entschlossen, nach erfolgreichem Abschluß des ordentlichen Theologiestudiums zunächst eine schöpferische Pause einzulegen und nach einem Thema für eine Doktorarbeit Ausschau zu halten. Deshalb folgte er 1972 seinem Professor für Dogmatik Karl Lehmann nach Freiburg und vereinbarte mit ihm ein Thema, das er ansatzweise schon in seiner Diplomarbeit über die „Beichte bei Dietrich Bonhoeffer“ angegangen war und das von ökumenischer Bedeutung sein konnte . Im Jahr 1977 ist er zum Doktor der Theologie promoviert worden. Die Dissertation wurde unter dem Titel »Bonhoeffers Theologie der Sakramente« veröffentlicht; sie hat viel Beachtung gefunden.

In seinem Bischof hatte Gerhard Ludwig Müller offensichtlich einen wohlwollenden Patron. Selbst hochangesehener ehemaliger Professor für Dogmatik hat Kardinal Hermann Volk das junge Talent gefördert, ihm die frühe Promotion ermöglicht und ihn anschließend ins Pastoralseminar aufgenommen. Am 11. Februar 1978 – in knapp einem Monat wird es 30 Jahre her sein – hat der Mainzer Bischof ihn in der heimatlichen Pfarrkirche St. Martin in Finthen zum Priester geweiht, ihn sodann nacheinander als Kaplan in drei Pfarreien erste Seelsorgserfahrungen sammeln lassen, um ihn anschließend als Religionslehrer an einem Gymnasium zu erproben, verbunden mit nebenamtlicher Gemeindeseelsorge.

Kardinal Volk, der in der Sache gewiß ein Urteil hatte, erkannte, daß in dem jungen Priester noch mehr steckte, und so hat er ihn 1982 zur Vorbereitung einer Habilitation – erneut an der Universität in Freiburg – freigestellt. In den drei Jahren bis zur Habilitation hat der junge Wissenschaftler wiederum nebenher in seiner Wohnpfarrei seelsorglich mitgeholfen. 1985 konnte sich Gerhard Ludwig Müller mit einer umfangreichen Arbeit über die Grundlagen der Heiligenverehrung habilitieren.
Bis zu diesem Zeitpunkt einschließlich hatte Gerhard Ludwig Müller schon 3 Bücher und 11 teils umfangreiche wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht. So war es kein Wun-der, daß die Katholisch–Theologische Fakultät der Ludwig–Maximilians–Universität in München auf ihn aufmerksam wurde, als es darum ging, einen Lehrstuhl für Dogmatik neu zu besetzen. Ungewöhnlich allerdings war es für die traditionsreiche Münchener Fakultät, einen »frisch gebackenen« Privatdozenten nicht nur ernsthaft in Erwägung zu ziehen, sondern schließlich auch dem Minister für die Ernennung zum Ordinarius vorzuschlagen.

16 Jahre lang – von 1986 bis 2002 – hat Gerhard Ludwig Müller als Lehrstuhlinha-ber an der Universität München geforscht und gelehrt. Hier sind wir uns erstmals begegnet, sind aufeinander aufmerksam geworden und haben wir uns nach und nach besser kennengelernt. Ich erinnere mich noch wie heute an meinen ersten Besuch in seinem Haus an der Münchner Lindpaintnerstraße. Wir hatten uns für den Sonntagnachmittag zu einem Spaziergang im nahen Nymphenburger Park verabredet. Zuvor aber hatte er mir seine Bibliothek gezeigt. Nicht schlecht bin ich in Erstaunen geraten über den Umfang der reichhaltigen Bibliothek, die der doch noch junge Professor sich bereits zugelegt hatte. Für sie war es notwendig geworden, auch den Keller fachgerecht herrichten zu lassen. Als er ein Exemplar der »Summa Theologica« des Thomas von Aquin in die Hand nahm, schaute er mich groß an und bemerkte kurz und bündig: „… ganz durchstudiert, von vorn bis hinten!“ Ich dachte bei mir: ‚Außer dem einen oder anderen Spezialisten wird es heutzutage nicht viele Theologieprofessoren geben, die das ehrlich von sich sagen können.’

Daß er ein Mann von hoher Forscherqualität ist, hat sich in den Münchener Jahren immer eindrucksvoller erwiesen. Er hat seine Weisheit nicht für sich behalten. Sein wissenschaftliches Œuvre, das in diesen 16 Münchener Jahren entstanden ist, muß jedermann hohe Bewunderung abnötigen. Zum ganzen breiten Spektrum der dogmatischen Theologie hat er seine Beiträge veröffentlicht. Allein in die Münchner Jahre fällt die Erarbeitung und Veröffentlichung von 9 Monographien, von denen mehrere auch im Ausland so großes Interesse gefunden haben, daß sie in anderen Sprachen zusätzlich erschienen sind. Als Herausgeber und Bearbeiter hat er 10 weitere Bücher verantwortet, von denen ebenfalls einige auch in anderen Sprachen veröffentlicht worden sind. Hinzukommen über 110 (114) Aufsätze in wissenschaftlichen Zeitschriften. Außerdem hat er allein zur Neu-auflage des Lexikons für Theologie und Kirche 28 Artikel beigetragen, sowie 25 weitere zu anderen Lexika.

Bei all dem hat der Professor nie vergessen, daß er Priester ist. In der Münchener Pfarrei »Leiden Christi« in Obermenzing hat er täglich die Hl. Messe gefeiert, die Sakra-mente gespendet, sonntags auch regelmäßig gepredigt, und wenn Not am Mann war auch noch in Nachbarpfarreien ausgeholfen.

Unsere anfänglich sporadischen Spaziergänge haben sich recht bald zu einer regelmäßigen sonntäglichen Institution entwickelt, verfeinert mit einer abschließenden Jause. Bei einer solchen Gelegenheit – es muß wohl 1993 oder Anfang 1994 gewesen sein – kamen wir auf die zahlreichen außeruniversitären Aktivitäten zu sprechen. Mir war aufgefallen, daß er viele Vortragsveranstaltungen bei x-beliebigen Vereinigungen und Gruppierungen auf sich nahm. Ich erlaubte mir die Frage, ob er nicht solcherlei Vorträge gut ausge-bildeten Oberstudienräten überlassen wolle, um statt dessen etwas Beständigeres zu schaffen, wozu andere nicht in der Lage seien. Da ich selbst mit den langwierigen Arbeiten an meinem eigenen Lehrbuch befaßt war, verstand er sogleich, worauf ich hinauswollte. Er habe sich auch schon mit dem Gedanken befaßt, ob er nicht so etwas wie den alten »Ott« versuchen solle. Diese Idee gefiel mir gut, aber einstweilen war das Thema erledigt. Seit dem erwähnten Gespräch war noch kein ganzes Jahr vergangen, da überraschte er mit dem fast fertigen Manuskript seiner »Katholischen Dogmatik – Für Studium und Praxis der Theologie«. Ein Werk von fast 900 Seiten. Ich war sprachlos. Wie war das möglich? Ich war Zeuge davon geworden, wie sich eine profunde theologische Bildung mit der Fähigkeit zu systematischer Durchdringung und Darstellungsgabe verbunden hatten, um in ganz kon-zentrierter und schneller Arbeitsbefähigung zum Ziel zu gelangen. Seine damaligen Assis-tenten Michael Schulz und Rudolph Voderholzer, heute selbst angesehene Professoren in Bonn bzw. Trier, können ein Lied davon singen, denn natürlich waren sie in diesem Fall ganz besonders in den Sog der Zielstrebigkeit ihres Professors geraten. – Ganz offensichtlich hat sich die Arbeit gelohnt. „Mächtige Architektur“ – so hat ein bekannter Theologe seine Rezension überschrieben und mit folgenden Worten zusammengefaßt: „Kein trocke-nes Lehrbuch, sondern ein Werk, das den Leser an die Hand nimmt, ihn in Atem hält und den gewiesenen Weg des Glaubens mitgeht“ (Eugen Biser).

Dem Buch war und ist ein außerordentlicher Erfolg vergönnt. 1995 erstmals erschienen, ist es im vergangenen Jahr (2007) bereits in siebter Auflage erschienen. Solches erreichen nur wenige wissenschaftliche Werke, und schon gar nicht in so kurzer Zeit. Schon 1998 ist eine spanische Überset-zung erschienen, ein Jahr später eine italienische, und erst vor wenigen Wochen eine un-garische Ausgabe. –
Forschung ist die eine Seite professoraler Tätigkeit. Zu einem guten Teil findet sie ihren Nährboden aus den Erfordernissen der Lehre, die die andere Seite bildet. Nirgendwo sonst wie in der Schaffung eines Lehrbuchs findet die Einheit von Forschung und Lehre einen vergleichbaren Ausdruck. Die Lehre ist für Gerhard Ludwig Müller eine ganz wesent-liche Seite seiner Existenz. Als akademischer Lehrer hat er hohe Anforderungen gestellt, zugleich aber wie ein Magnet namentlich auf die begabteren Studenten gewirkt.

Das hat seinen konkreten Niederschlag gefunden in der außerordentlichen Zahl qualifizierter und qualifizierender Untersuchungen, die unter seiner Leitung erarbeitet worden sind: 33 Promotionen zum Dr. theol. und 11 Habilitationen stellen eine Ernte dar, die so leicht keinen Vergleich findet. Manche seiner Schüler sind heute selbst als Professoren oder Dozenten tätig.

Bei unserem Kennenlernen stellte sich bald heraus, daß wir ein weiteres Interesse gemeinsam hatten, nämlich unsere Hinneigung zur Welt der Hispanidad. Schon manche Jahre hatte mein Freund und Kollege die sog. Sommerferien in Lateinamerika verbracht, vor allem in Peru. Es waren aber in der Tat nur sog. Ferien, denn diese Zeit nutzte er für zweierlei, einmal, um Vorlesungen zu halten, im Seminar von Lima oder hoch in den An-den in Cuzco (3300 m), sodann, um für den einen oder anderen Pfarrer die Ferienvertretung in armen Gemeinden zu übernehmen. Nebenbei hat er aus eigenen Mitteln einigen besonders begabten Studenten dazu verholfen, zu einem Promotionsstudium nach Rom gehen zu können. – Später hat er den etwas kürzeren Weg in die Hispanidad gewählt, als er öfters zu Gastvorlesungen und Blockveranstaltungen nach Santiago de Compostela und nach Salamanca sowie an die zwar noch junge, aber blühende Theologische Fakultät S. Damaso in Madrid eingeladen wurde. Es war vor allem der Dank für diese unermüdliche und selbstlose Tätigkeit, der ihm 2001 die Ehrung mit dem Prälatentitel eingebracht hat. Für uns beide handelt es sich insofern um eine gemeinsame Erinnerung, als zur gleichen Zeit auch für mich etwas vom Tisch des Hl. Vaters Johannes Paul zufiel. Der feierliche Vollzug fand in Rom am Rande einer gerade tagenden Bischofssynode statt. So kam es, daß – mit einer Ausnahme – alle deutschen Kardinäle, dazu der Kardinalerzbischof von Madrid und einige Bischöfe im Campo Santo Teutonico zusammenkamen, um an der Ehrung teilzunehmen und der anschließenden Einladung meines Heimatbischofs, Kardinal Meisner, zu einem mitbrüderlichen Abendessen im Haus Sta. Marta zu folgen – eine schöne gemeinsame Erinnerung!

Daß dies am Rande der Bischofssynode vor sich ging, war auch darin begründet, daß Prof. Müller schon zum zweiten Mal vom Hl. Vater als Peritus zu einer solchen Versammlung geladen war. Aus heutiger Sicht mag man es als ein erstes Wetterleuchten ansehen, daß man auf seinen Rat nicht verzichten wollte bei einer Bischofssynode, die stattfand zum Thema »Der Bischof als Diener des Evangeliums Jesu Christi für die Hoffnung der Welt«. – Im Übrigen waren der Rat und die Mithilfe des Professors aus München schon längst auch anderswo gefragt. Schon seit 1990 war er in die Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz, 1998 für eine vierjährige Amtszeit in die Internationale Theologenkommission bei der Glaubenskongregation in Rom berufen worden, 2001 als Mitglied der Pontificia Academia Sancti Thomae Aquinatis (Rom), 2002 Korrespondierendes Mitglied der Sektion Theologie der Real Academia de Doctores de España (Madrid). Gastvorlesungen hat er aber nicht nur in der spanischen Welt, sondern gewissermaßen in aller Welt gehalten (USA, Indien, Rom, Brasilien, Schweiz, Polen).

Verehrte Festversammlung!
Es war an einem Wochentag Mitte September (Mittwoch, 18.9.) 2002, als das Telefon in der Münchener Lindpaintnerstraße ohne den gewünschten Kontakterfolg klingelte, aber auf dem Anrufbeantworter sich die Nachricht fand, die Apostolische Nuntiatur bitte um Rückruf. Als der Bitte entsprochen wurde, erklärte der Apostolische Nuntius, er möchte sich gerne mit Prof. Müller treffen. So wurde für den übernächsten Tag ein Treffen am Flughafen in Nürnberg vereinbart. Worum es gehen sollte, war angesichts der vielfältigen Tätigkeiten des Münchener Professors auch für den Apostolischen Stuhl nicht ohne weiteres klar. Erzbischof Giovanni Lajolo eröffnete Prof. Müller den Wunsch des Hl. Vaters, ihm die Oberhirtensorge des Bistums Regensburg anzuvertrauen. Nach kurzem Bedenken hat Prof. Müller ohne Zögern diesem Wunsch entsprochen.

So konnte die Diözese Regensburg am Christkönigsfest 2002 mit der Bischofsweihe von Gerhard Ludwig Müller ein großes Fest feiern. Bestens paßte zum Festgeheimnis der Wappenspruch, den der neue Bischof sich gewählt hatte: »Dominus Jesus« – Jesus ist der Herr! Diese bündigste Form des urchristlichen Glaubensbekenntnisses war in jenen Tagen zugleich ein mutiges Bekenntnis zum lebendigen Lehramt der Kirche auf dem Boden des II. Vatikanischen Konzils, denn „Dominus Jesus“ lauten auch die namengebenden Anfangsworte des Dokumentes der Glaubenskongregation, das anläßlich des Millenniums die Lehre des II. Vatikanischen Konzils über die Kirche getreu zusammenfaßt und seither, besonders aber damals heiß diskutiert worden ist. Nicht umsonst kommt der Heilige Vater in seinem Geleitwort zu der heute zu überreichenden Festschrift darauf zu sprechen, und Herr Kollege Voderholzer hat in einem eigenen Beitrag zu der Festschrift sich dieser Glaubensformel in erhellender Weise angenommen.

Die Anteilnahme der Gläubigen an der Weihe ihres neuen Bischofs war sehr groß. Zum Hauptkonsekrator hatte sich der Ordinandus – altkirchlicher Sitte entsprechend – den zuständigen Metropoliten, den Erzbischof von München und Freising, Friedrich Kardinal Wetter, erbeten. Es lag gleichsam in der Luft, daß die Feier dieser Bischofsweihe über das gewohnte Maß hinaus Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein Kirchenhistoriker, der es wissen muß, hat darauf aufmerksam gemacht, daß in ihrer langen Geschichte die altehrwürdige Kathedrale von Regensburg noch niemals so viele Kardinäle bei einem Gottesdienst vereint erlebt hatte wie an diesem Christkönigsfest des Jahres 2002.
Unvergeßlich ist mir das Bild, als der neue Bischof nach der Weihehandlung vor die Kathedrale trat und mit der weit ausgestreckten Rechten die frohe Menge der Gläubigen segnend grüßte und umfing. Gleichwohl zog das kritische Transparent eines im Hintergrund agierenden Grüppchens, das der Zahl nach kaum die der anwesenden Kardinäle erreichte, schon erstes Interesse bestimmter Medien auf sich.

In der Bischofskonferenz ist dem langjährigen Mitglied der Glaubenskommission alsbald der stellvertretende Vorsitz in diesem Gremium angetragen worden. Außerdem hat die Bischofskonferenz ihn, seiner Vorbildung entsprechend, zum Vorsitzenden ihrer Kommission für ökumenische Fragen gewählt.

Seinen Hirtendienst hat Bischof Müller damit begonnen, daß er nach und nach alle 8 Regionen des Bistums besuchte, aber nicht so, daß er nach einem Gottesdienst und ein paar freundlichen Presseterminen wieder entschwunden wäre. Er wollte genauere Eindrücke vom kirchlichen Leben und von den Lebensbedingungen der Menschen gewinnen, die seiner Hirtensorge anvertraut sind. So hat er sich jeweils fast eine Woche lang in jeder Region aufgehalten, Pfarreien, kirchliche Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser, aber auch Betriebe aufgesucht, mit vielen Menschen gesprochen, Gottesdienste gefeiert, gepredigt. Hier hat sich erneut erwiesen, daß dieser große Mann der Wissenschaft durch und durch Seelsorger ist. Das ist auch der Hauptakzent seines bischöflichen Wirkens geblieben. Ermutigung für sein Verständnis von der Erfüllung des Bischofsamtes hat er sich immer wieder in der Befassung mit großen Kirchenreformern wie Karl Borromäus und Johann Michael Sailer, aber auch in der Lektüre der Schriften des großen Kirchenhistorikers Hubert Jedin geholt, der manche Kirchenkrisen scharfsinnig analysiert hat. So ist denn Bischof Gerhard Ludwig vor allem inmitten der ihm anvertrauten »portio Populi Dei« präsent geblieben, um überall in der Diözese Gottesdienste zu feiern und mit den Gläubigen ins Gespräch zu kommen.

Aber auch die altehrwürdige Kathedrale möchte er nicht zum viel besuchten und bewunderten Kunst– und Kulturobjekt verkümmern lassen; vielmehr hat er die Bischofs-kirche durch vermehrte feierliche Gottesdienste, aber auch durch die Einrichtung der vornehmlich dem stillen Gebet und der Meßfeier kleinerer Gruppen dienenden Sailer-Kapelle wieder deutlich zum Mittelpunkt der Gottesverehrung in der Diözese gemacht. – Mit den Domspatzen erfreut sich die Diözese Regensburg einer traditionsreichen kirchenmusikalischen Einrichtung von Weltrang, lange Jahre verbunden mit dem Namen von Domkapellmeister Georg Ratzinger, dem älteren Bruder unseres Heiligen Vaters. Sie haben Wesentliches zum Ruhm von Bistum und Stadt beigetragen. Um so erstaunlicher ist bisher das Fehlen einer großen Domorgel. Um darin Abhilfe zu schaffen, hat der Bischof eine Initiative in Gang gebracht, von deren absehbarer Verwirklichung man schon jetzt an der Nordwand des Querschiffes eine imaginäre optische Vorstellung gewinnen kann.

Die rechte Verkündigung der Frohbotschaft Jesu Christi ist dem Regensburger Bischof vordringliches Anliegen. Allen, die an dieser Aufgabe teilhaben, geht er mit gutem Beispiel voran. Keine Pontifikalmesse im Dom oder irgendwo in der Diözese, in der er nicht selbst predigte! Es geht ihm wie dem Hl. Paulus: „… Es liegt ein Zwang auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde“ (1 Kor 9, 16). Dabei ist sein Herz so voll und sein gebildeter Verstand so wohl geordnet, daß er mit Freimut und zu allermeist manuskriptfrei sich den Gläubigen zuwendet. – Ganz abgesehen davon ist natürlich der Theologe in dem Bischof Gerhard Ludwig nicht abgestorben. Auch während seiner bischöflichen Jahre hat er sich mit einer erstaunlichen Zahl von Büchern als Autor (5) oder als Herausgeber (4) und mit sonstigen wissenschaftlichen Beiträgen (41), ja sogar mit Gastvorlesungen (wie vor wenigen Wochen erst in Pamplona/Spanien) stark zu Wort gemeldet. Kein Wunder, daß seine immensen Leistungen sowohl in der wissenschaftlichen Theologie wie auch in der bischöflichen Verkündigung durch die Verleihung der Ehrendoktorwürden von Lublin und von Warschau gewürdigt worden sind. Und erst vor wenigen Tagen (20.12.07) hat der Heilige Vater ein unmißverständliches Zeichen seiner hohen Wertschätzung für Bischof Gerhard Ludwig gegeben und ihn zum Mitglied der wichtigsten römischen Kongregation, nämlich der für die Glaubenslehre, berufen.

In das Feld der Glaubensverkündigung gehört auch die Sorge des Bischofs um die angemessene Präsenz der Kirche auf dem Gebiet der christkatholischen Bildung und Erziehung. So hat er das gesamte kirchliche Schulwesen in einer diözesanen Schulwerksstiftung zusammengefaßt. Damit hat er nicht nur etwas nachgeholt, was es in anderen bayerischen Diözesen schon längst gab, sondern auch die Voraussetzung dafür geschaffen, daß mehr als 60 kirchliche Schulen erhalten, manchmal im letzten Moment gerettet und in kirchlicher Trägerschaft gesichert werden konnten. – Auch die Sorge um den Priesternachwuchs und die rechte Priesterbildung ist dem Bischof ein vordringliches Anliegen.

Schon als Professor in München hat er wie kein anderer seiner Kollegen – sieht man von dem hierzu dienstlich verpflichteten Direktor des Georgianums ab – sich um die Priester-amtskandidaten gekümmert. In Regensburg hat er einen allmonatlich in einer Innenstadt-kirche stattfindenden Bittgottesdienst eingeführt, den er nach Möglichkeit selbst zusam-men mit den Gläubigen feiert. Dem Priesterseminar hat er in personeller und struktureller Hinsicht ein neues Gepräge gegeben, hierhin auch die von Bischof Graber verdienstvoll gegründete Ausbildung auf dem zweiten Bildungsweg vom österreichischen Kloster Heiligenkreuz heimgeholt und zu Ehren des Gründerbischofs als »Studium Rudolphinum« ein-gerichtet. Inzwischen ist das Regensburger Priesterseminar das mit Abstand größte in Bayern.

Zu der Sorge um die rechte Verkündigung gehört natürlich auch das Wächteramt über die rechte Verkündigung und die ordnungsgemäße Feier der Sakramente in der ganzen Diözese. Diese Verantwortung nimmt der Bischof sehr ernst, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Gläubigen einen Anspruch auf die wahre Verkündigung und auf die Liturgie gemäß der Ordnung der Kirche haben (vgl. cc. 213, 214 CIC). Regensburg konnte sich immer schon eines verhältnismäßig guten Gottesdienstbesuches der Gläubigen erfreuen; inzwischen liegt die Diözese in dieser Hinsicht an erster Stelle aller deutschen Bistümer . Während in vielen Diözesen Pfarreien im großen Stil zusammengelegt, die Zahl von Eucharistiefeiern reduziert und mancherorts an Sonntagen Wortgottesdienste angesagt sind und Kirchengebäude säkularisiert werden, konnte in Regensburg die Zahl der Pfarreien konstant gehalten und die sonntägliche Eucharistiefeier noch in jeder Pfarrkirche gewährleistet werden.

Seine starke Führungsqualität nimmt Bischof Gerhard Ludwig in erster Linie durch das gute Beispiel seines bewundernswerten seelsorglichen Einsatzes wahr. Es gilt aber auch, das Recht der Gläubigen auf rechte Verkündigung und die ordnungsgemäße Feier der Sakramente zu schützen. Wenn es in diesem Zusammenhang zu Konfliktfällen kommt, geht der Bischof ihnen nicht aus dem Weg. Wenn Ermahnungen nichts fruchten, scheut er sich nicht, durchzugreifen. Es ist nicht verwunderlich, daß er damit von den einen auch Kritik auf sich zieht, andere wenigstens nervös macht. Das steht er durch, selbst wenn das gelegentlich bittere Folgen hat.
Die geistliche Entschlossenheit des Bischofs hat auch zu der Neuordnung des ge-samten Rätewesens in der Diözese Regensburg geführt. Damit hat er an einen heiklen Fragenkomplex gerührt, der die Kirche im gesamten deutschen Sprachbereich seit der Zeit bald nach dem II. Vatikanischen Konzil betrifft und hier zu Sonderwegen geführt hat, die von den einen für vertretbar gehalten oder gar als Errungenschaft gefeiert werden, von anderen dagegen kritisch bewertet und vor allem vom Apostolischen Stuhl immer wieder, aber vergeblich angemahnt worden sind. Weitsichtig hatte Klaus Mörsdorf, einer der bedeutendsten Kirchenrechtler des vergangenen Jahrhunderts, schon Ende der 60er Jahre vor der Gefahr der Herausbildung einer »anderen Hierarchie« gewarnt . Es ist hier nicht der Ort, den ganzen Fragenkomplex zu erörtern.

Eines aber ist klar: Die Neuordnung hat dazu geführt, daß Regensburg die einzige Diözese im deutschen Sprachbereich ist, in der das Rätewesen in jeder Hinsicht der Kirchenlehre des II. Vatikanischen Konzils und den Anforderungen des allgemeinen Kirchenrechts entspricht. Eine frustrierende Überorganisation – namentlich auf der mittleren Verfassungsebene – ist beseitigt worden, auf der Diözesanebene ist die Mitverantwortung der Laien und die Autonomie ihrer Vereinigungen gestärkt worden, und – was vielleicht das Wichtigste ist – auf der Pfarreiebene ist die Amtsverantwortung des Pfarrers wieder in ihr Recht eingesetzt und damit das rechte Verständnis des priesterlichen Dienstes saniert worden. Trotz des großen Geschreis, das von interessierter Seite hauptsächlich außerhalb der Diözese entfacht worden ist, haben die Menschen im Bistum Regensburg die Reform ruhig umgesetzt, und man hat nicht gehört, daß das so wertvolle ehrenamtliche Engagement von zahllosen Gläubigen zusammengebrochen wäre oder auch nur gelitten hätte. Im Gegenteil! Das Bewußtsein von der gemeinsamen Aufgabe im Zeugnis des Glaubens und des Lebens ist gestärkt worden.

Trotz schwerer und in manchen Medien eifrig lancierter, aber in der Sache unbegründeter Vorwürfe hat der Bischof Stehvermögen bewiesen. Das gilt auch für einen anderen traurigen Fall, der in jüngster Zeit viel Aufsehen erregt hat, in dem ein Priester unter dem Verdacht steht, sich schwer schuldig gemacht zu haben. Das kann hier nicht einfach übergangen werden. Aus durchsichtigen Gründen, die ganz wo anders lagen, haben interessierte Kreise außerhalb, aber – Gott sei es geklagt – auch innerhalb der Kirche geradezu kampagneartig in vielen Medien dem Bischof eine öffentliche Entschuldigung – und das heißt: das Eingeständnis von eigener Schuld – abtrotzen wollen. Der Bischof hatte nach bestem Wissen und Gewissen eine Entscheidung getroffen gemäß dem Rat seiner Fachleute und aufgrund der Aussagen unabhängiger Instanzen; im Nachhinein scheint es freilich so, daß diese sämtlich sich geirrt haben. Deshalb hat der Bischof das getan, was wirklich notwendig war, nämlich sein tiefes Bedauern über die vermutliche Untat des Priesters und sein Mitgefühl und die Hilfsbereitschaft der Diözese gegenüber den so schwer Betroffenen zum Ausdruck gebracht. Es paßt in das Gesamtbild, daß ein Politiker, der einen hochgestellten deutschen Kirchenmann als „Haßprediger“ verunglimpft hatte, nach besserer Einsicht zwar sein „Bedauern“ zum Ausdruck gebracht hat, allerdings mit der ebenso einschränkenden wie scheinheiligen Klausel nur für den Fall, daß seine Wortwahl Mißverständnisse ausgelöst haben sollte. Hier hat man dann aber nichts davon gehört, daß dieselben Medien eine Entschuldigung verlangt hätten, obwohl der Politiker – ganz anders als Bischof Müller – sich durch seine Wortwahl persönlich schuldig gemacht hatte.

In einer Zeit, in der die katholische Kirche aus verschiedenen Anlässen eine erhöhte Medienpräsenz auf sich ziehen konnte, sind zugleich ihre Gegner nervös und auf den Plan gerufen worden. Das gilt um so mehr, als die katholische Kirche in wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen dem aufweichenden politischen »mainstream« Widerstand leistet, Fragen, in denen es vor allem um die Wahrung der Würde des Menschen in seinem ganzen Leben sowie um Ehe und Familie geht . Da ist es manch einem unangenehm, daß die katholische Kirche immer noch in der Lage ist, Menschen – namentlich junge Menschen – in großer Zahl anzusprechen und zu bewegen, so anläßlich der Wahl des aus Deutschland stammenden Papstes, ebenso beim großen Weltjugendtag in Köln und nicht zuletzt auch beim Besuch des Papstes in seiner bayerischen Heimat. Der Heimatbesuch des Papstes bedeutete für Regensburg ein Jahrtausendereignis, denn in dieser Stadt hat Papst Benedikt wesentliche Jahre seines Lebens als Universitätsprofessor gewirkt. Für Bischof Gerhard Ludwig muß es ein persönlich besonders anrührendes Ereignis gewesen sein, den Papst in Regensburg begrüßen zu können, den Papst, der als Kardinal Ratzinger hoher Gast schon bei der Bischofsweihe gewesen war. Das Hauptanliegen aber war es für den Bischof, daß der Papstbesuch zu einem großen geistlichen Ereignis für die ganze Diözese werden sollte. Und so hat er zusammen mit dem Domkapitel und den Pfarrern sowie unzähligen Mitarbeitern dafür gesorgt, daß die Gläubigen über ein ganzes Jahr lang sich religiös auf dieses Ereignis vorbereiten konnten.

Unter dem Motto des Papstwortes „Wer glaubt, ist nie allein“ ist der Besuch denn auch zu einem großen Ereignis gemeinsamer Glaubenserfahrung geworden, und dieses Motto lebt weiter nicht zuletzt in dem Hymnus, der aus diesem Anlaß geschaffen und auf Anhieb zu einem besonders beliebten, fast schon klassischen Kirchenlied geworden ist: Wer glaubt, ist nie allein!

Hohe Festversammlung! Ich komme zum Schluß. Gerhard Ludwig Müller hat sich sowohl als Mann der Wissenschaft wie als bischöflicher Oberhirte als eine herausragende Gestalt der Kirche in Deutschland erwiesen. Er hat seinem Herkunftsort Finthen alle Ehre gemacht, denn für viele Menschen er ist ein wahrer geistlicher Quellgrund geworden. An-läßlich seines 60. Geburtstages können wir im Dank an Gott dem Bischof – nicht zuletzt auch in unserem eigenen Interesse – von Herzen ein »Ad multos annos« wünschen. Das Bistum Regensburg aber darf stolz sein auf seinen großen Bischof.