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Feier vom Leiden und Sterben Christi am Karfreitag

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Im vollbesetztem Dom feierten die Gläubigen zusammen mit Bischof Gerhard Ludwig Müller im Hohen Dom zu Regensburg die Feier vom Leiden und Sterben Christi am Karfreitag. Die Regensburger Domspatzen unter der Leitung von Domkapellmeister Roland Büchner gestalteten die Gottesdienstfeier musikalisch.

Lesen Sie nachfolgend die Predigt von Bischof Gerhard Ludwig Müller im Wortlaut:



Die Passionsgeschichte stellt uns das heilbringende Leiden unseres Herrn Jesus Christus vor Augen. Wenn wir den Weg Jesu von der Verhaftung und Verurteilung bis zum Tod am Kreuz mitgehen, werden wir an jeder Station gefragt: Wie stehen wir zu Jesus? Sind wir bereit, ihm weiter nachzufolgen bis zum bitteren Ende?

Die Begegnung mit dem Auferstandenen ist nur dann möglich, wenn wir auch unter dem Kreuz geblie-ben sind, wenn wir geistlich-existentiell ihn vom Kreuz abnehmen, seinen Leichnam ins Grab legen und schließlich am Ostersonntag in der Frühe zum Grab gehen, um die Osterbotschaft zu hören: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden“ (Lk 24,5f.). Die En-gel als Botschafter Gottes sagen zu den Frauen, die zum Grab gekommen waren: „Erinnert euch an das, was er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muss den Sündern ausgelie-fert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen“ (Lk 24,6f.). Die Leidensgeschichte anzuhö-ren als bloße Information über ein historisch-biographisches Ereignis und die jährliche Erinnerung an die „größte Geschichte aller Zeiten“, wie der Titel eines Filmklassikers heißt, wäre zu wenig. Dies bringt vielleicht Rührung und Erbauung in unserer Seele hervor. Bloße Emotionen und moralische Appelle sind aber kein tragfähiges Fundament für unseren Glauben, durch den uns das Heil zukommt, das Christus durch seinen Tod für alle Menschen erwirkt hat. Mit dem Apostel Paulus wollen wir uns viel-mehr geistlich in die Passion Christi hineinversenken, um real vereinigt zu sein mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn und Erlöser: „Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen“ (Phil 3,10).

Die Passionsgeschichte handelt nicht nur von Jesus sondern auch von uns allen. Jeder kann sich ganz oder zu einem Teil in den handelnden Personen wiederfinden. Da begegnet uns Judas, der Verräter aus dem engsten Kreis der Apostel. Auch wir sind von Gott berufen, haben in der Taufe die Gotteskind-schaft empfangen und wurden in der Firmung mit dem Heiligen Geist gestärkt. In der heiligen Kom-munion schenkt sich Christus uns als Unterpfand des ewigen Lebens. Und doch sind auch wir in der Lage, ihn zu verraten, weil wir Gott auf die Probe stellen oder ihn nötigen und bestrafen wollen durch den Verrat an Jesus oder an seinem Leib, der die Kirche ist als Gemeinschaft aller Berufenden und Glaubenden unter Christus, dem Haupt.

Da sagt der zum universalen Amt der Einheit und der Gemeinschaft berufene Apostel Petrus: „Ich ken-ne diesen Menschen nicht“ (Mk 14,71). Verleugnen nicht auch wir manchmal unsere Zugehörigkeit zur Kirche Jesu Christi, weil andere uns ihre Vorurteile und negativen Klischees um die Ohren schlagen? Rechtfertigen nicht auch wir uns für unsere Flucht von der Kirche, indem wir zwischen Jesus und sei-nem Leib, der Kirche, unterscheiden, obwohl Haupt und Leib der ganze und der eine Christus sind? Es gibt Getaufte, die die Gemeinschaft mit der Kirche aufkündigen, weil sie die Kirche gar nicht mehr erkennen als das Sakrament des Heils der Welt in Christus und sie mit einem weltlichen Vereinigung verwechseln, in die man ein- und austritt, je nachdem ob sie mir etwas nützt und bringt?
Da sind die Diener des Hohenpriesters und die Soldaten der römischen Besatzungsmacht, die an Jesus und an den Unschuldigen ihre angestauten Aggressionen, ihre Spottlust und ihren Sadismus austoben. Da sind die Vertreter der führenden Schichten mit ihrem Machtspielen, für die man auch einen völlig schuldlosen Menschen über die Klinge springen lässt: „Es ist besser, dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt“ (Joh 18,14). Da ist Pilatus, der Opportunist der Macht und Streber nach oben, der für seine Karriere auch kräftig nach unten tritt. Da ist die leicht erregbare und verführbar Masse, die heute je-manden hoch schreibt und am nächsten Tag, wenn der Wind aus einer anderen Richtung weht, nicht schnell genug ihren Publikumsliebling in Grund und Boden rammt.

All diese Gestalten, die in der Passionsgeschichte auftauchen, sind gleichsam Typen, die in anderem Gewand auch heute auftreten. Es sind aber auch die Archetypen der Versuchung im Abgrund des menschlichen Herzens, sich von Christus abzuwenden oder sich gegen ihn zu stellen.
Nicht der Messias wie ihn sich die Menschen ausdenken und nach ihren Wünschen als Hoffnungsträ-ger aufbauen, kann uns retten, sondern nur Jesus Christus, „der von Gott eingesetzte Richter der Le-benden und der Toten“ (Apg 10,42). So verkündet Petrus bei der Taufe des Heiden Cornelius: „Von ihm bezeugen alle Propheten, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt“ (Apg 10,43).

Das lenkt unserem Blick nun hin zu den Personen in der Passionsgeschichte; die bei Jesus unter dem Kreuz ausharren. Sie zeigen vom Kreuz her, wer in Wahrheit Jünger Jesu ist in seiner Kreuzesnachfol-ge: „Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klo-pas, und Maria von Magdala. Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19,25ff.). Maria ist das Urbild des Christen. Jesus macht seine Mutter zur Mutter aller, die an ihn glauben und ihm nachfolgen auf dem Weg des Leidens und des Kreuzes. In dem Jünger, den Jesus liebte, ist die Kirche dargestellt, die sich in ihrem Leben und in ihrer Mission ganz der Liebe Christi, ihres Bräutigams verdankt. Christus hat „die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen“ (Eph 5,26). Vom Kreuz her ist die Kirche ganz marianisch geprägt nach dem Vorbild der Mutter Jesu, die auf die Botschaft des Engels hin bekannt hat: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Die Kirche in der Gesamtheit aller Gläubigen und in den Diensten und Charismen, durch die sie im Heiligen Geist wirkt und lebt, ist ganz Dienerin und „Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (II. Vat., Lumen gentium 1), die Christus aller Feindschaft der Menschen zum Trotz durch sein Kreuz und seine Auferstehung grundgelegt hat. Jesus Christus ist der einzige wirkliche und wahre Hoffnungsträ-ger der ganzen Menschheit.

Im Johannesevangelium begegnet uns bei den Berichten von der Selbstoffenbarung des auferstande-nen Herrn immer wieder Petrus, der Erste der Apostel, der bei der Passion durch seine Verleugnung Jesu so schmählich versagt hatte. Ihn setzt Jesus ein als den universalen Hirten. Indem er mit der dreimaligen Frage „Liebst du mich mehr als diese?“ (Joh 21,15) an die dreimalige Verleugnung erinnert hat, bestätigt er den reuigen Sünder Petrus durch das dreimalige Auftragswort: „Weide meine Läm-mer!“ „Weide meine Schafe!“ (Joh 21, 16ff.). So gibt er der Kirche auch eine petrinische Dimension, insofern wir bedenken sollen: Als Jünger sind wir immer in der Gefahr, Jesus zu verleugnen. Es gibt aber auch die Möglichkeit zu Reue und Erneuerung unserer Liebe und zum Weitergehen auf dem Weg der Nachfolge Jesu als tägliche Gleichgestaltung mit Tod und Auferstehung des Herrn.
Im Geiste Marias, der Mutter des Herrn, und geleitet von Petrus, dem Felsen, auf den der Sohn Gottes seine Kirche erbaut hat, kann die Jüngergemeinde im Oster-Mysterium tiefer hineinwachsen in die Einheit mit Jesus Christus. Die Kirche erfüllt ihre Mission in der Nachfolge des gekreuzigten Herrn und dient seiner Offenbarung als Hoffnung eines jeden Menschen in seinem Leben und Sterben. „Wie aber Christus das Werk der Erlösung in Armut und Verfolgung vollbrachte, so ist auch die Kirche berufen, den gleichen Weg einzuschlagen (…) So ist die Kirche, auch wenn sie zur Erfüllung ihrer Sendung menschli-cher Mittel bedarf, nicht gegründet, um irdische Herrlichkeit zu suchen, sondern um Demut und Selbst-verleugnung auch durch ihr Beispiel auszubreiten.“ Während aber Christus „die Sünde nicht kannte (…) umfasst die Kirche Sünder in ihrem eigenen Schoße. Sie ist zugleich heilig und stets der Reinigung be-dürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und Erneuerung“ (II. Vat., Lumen gentium 8).

Darum meditiert die Kirche an jedem Karfreitag sich im Lichte der Leidensgeschichte ihres Herrn. Die Passion ist der große Beichtspiegel der Kirche und der Gewissenspiegel der Feinde des Kreuzes Christi. Denn nur im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung. Amen.