Jesus Christus

Durch das Kirchenjahr: der Blog zum Sonntagsevangelium

Oberflächlichkeit


Zehnter Sonntag im Jahreskreis A – Matthäus 9, 9 – 13

„In jener Zeit 9sah Jesus einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Und Matthäus stand auf und folgte ihm nach. 10Und als Jesus in seinem Haus bei Tisch war, siehe, viele Zöllner und Sünder kamen und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern. 11Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? 12Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 13Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“

Jesus begegnet einem Zöllner und ruft ihn in seine Nachfolge: „Folge mir nach!“ Das Evangelium musste seinen ersten Lesern nicht ausdrücklich erklären, was für uns nicht mehr selbstverständlich ist. „Zöllner“ galten damals leichter als „Sünder“. Sie kollaborierten mit den römischen Machthabern und hatten zumindest die Gelegenheit, überhöhte Zölle zu fordern – eine Chance, die offenbar viele Zöllner auch ergriffen. In der Begegnung Jesu mit dem Zöllner Zachäus sehen wir das etwas deutlicher, wenn der Zöllner Zachäus dort verspricht: „Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“ (Lk 19,8). „Wenn ich zu viel gefordert habe“ scheint nicht nur eine theoretische Hypothese zu sein. Das wird immer wieder passiert sein: Im heutigen Evangelium scheinen derartige überhöhte Forderungen des Zöllners – wenngleich unausgesprochen – vorausgesetzt zu sein. 

Jesus begegnet diesem Zöllner, ruft ihn in seine Nachfolge und bekehrt ihn offenbar – ihn, ebenso wie die vielen anderen Zöllner und Sünder, mit denen er zusammen isst. Die Pharisäer aber sehen einmal mehr nur das Negative, nicht das Positive. Jesus isst mit Sündern zusammen, macht sich mit ihnen womöglich gemein! Sie sind blind, den wahren Charakter dieser Begegnung zu verstehen. Ihr Blick bleibt auf dem Oberflächlichen hängen; er kann nicht in die Tiefe dringen. Jesus reagiert mit einem Schriftwort: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!“ 

Dieser Satz begegnet uns auch in der ersten Lesung dieses Sonntag (Hos 6,3-6): „Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.“ Mit diesem Wort ist ein Gedanke verbunden, der sich im Alten Testament häufiger findet und auch als „Kultkritik“ bekannt wurde. Immer wieder treten Propheten auf, die zwar nicht den Tempelgottesdienst selbst ablehnen, aber gleichwohl einem gewissen Automatismus widersprechen wollen. Es scheint unter den angesprochenen Menschen im Volk Israel solche gegeben zu haben, die den Tempelkult zwar mit höchster Sorgfalt vollzogen, deren Herz sich aber Gott nicht im gleichen Maße zuwandte. Gottesdienst kann so zu einer Hülle werden, die zwar formal die Gebote beachtet, inhaltlich aber nicht zu einer echten Begegnung mit dem wahren Gott führt. 

Dieser Gedanke begegnet uns etwa auch in den Psalmen. Dort heißt es: „Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie dir geben, an Brandopfern hast du kein Gefallen. Schlachtopfer für Gott ist ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen. Nach deinem Wohlgefallen tu Gutes an Zion, erbaue wieder die Mauern Jerusalems! An Schlachtopfern der Gerechtigkeit, an Brandopfern und Ganzopfern hast du Gefallen, dann wird man auf deinem Altar Stiere opfern.“ (Ps 51,18-21) Der Psalmist lehnt die Opfer nicht ab; der Psalm endet ja mit der Aussicht, dass Stiere auf Gottes Altar geopfert werden. Dieses Gebet zeigt aber zugleich, dass es mit dem bloßen Opfer als automatischem, äußerlichen Vorgang nicht getan ist: Einen zerbrochenen Geist will Gott, ein zerschlagenes Herz, tiefe Reue und echte Umkehr. 

Die Pharisäer sind in einer Oberflächlichkeit gefangen. Sie können im Tun Jesu nur den Regelverstoß erkennen. Dieser Blick kann nur das Schlechte sehen, das Anstößige. Ihnen geht es darum, dass äußerlich der Schein gewahrt ist und die Regeln erfüllt werden. Was im Herzen geschieht, scheint gleichgültig. Das Schicksal des sündigen Zöllners und der übrigen Sünder ist ihnen egal. Schlimm ist nicht, dass sie sich innerlich von Gott entfernt haben – schlimm ist nur, dass Jesus sich mit ihnen an einen Tisch setzt. Vor der Gefahr einer solch pharisäischen Geisteshaltung stehen auch wir. Wie oft geht es uns um den Schein? Um das, was andere denken? Um das, was nach Außen hin ordentlich und regelkonform erscheint? Vor Gott zählt das nicht. Vor Gott zählt der zerbrochene Geist, das zerschlagene Herz. Diese Geisteserhaltung eröffnet die Mahlgemeinschaft mit dem Herrn; diese Menschen lädt Jesus zum Essen ein.

Text: Benedikt Bögle

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