Futuristische Kirche

Friedensappell zum Jahrestag von Hiroshima und Nagasaki

Einblick in die Weltkirche


Regensburg, 19. August 2026 

In Japan fallen das Gedenken an die Kapitulation und das Hochfest der Aufnahmen Mariens in den Himmel auf denselben Tag. Auch an die Abwürfe der Atombomben wird in diesen Tagen gedacht. Die Kirche in Japan feiert in diesen Tagen eine Friedensdekade. 

Der Erzbischof von Tokio und Präsident der Katholischen Bischofskonferenz Japans, Kardinal Isao Tarcisio Kikuchi, hat am 15. August in der St. Marienkathedrale von Tokio vor einer Politik gewarnt, die Menschenleben gegen Sicherheit aufrechnet. Der Kardinal predigte in der Heiligen Messe zum Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel. In diesem Jahr erinnert Japan an den 81. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs. Mariä Aufnahme in den Himmel fällt in Japan zugleich auf das Datum der Kapitulation am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Für japanische Katholiken verbinden sich an diesem Tag zwei Erinnerungen. Da ist die Hoffnung auf die Vollendung des Menschen in Gott. Daneben steht die Erinnerung an den Krieg, der mit einer bitteren Niederlage endete, an die beiden Atombomben, die das Land trafen, und an tote Zivilisten und zerstörte Städte. Die Heilige Messe in Tokio schloss die jährliche Friedensdekade der katholischen Kirche in Japan ab, die um die Jahrestage der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki begangen wird.

Königin des Friedens

Kikuchi sagte nach einem Bericht auf LiCAS, wahrer Friede könne nicht dort bestehen, wo es als hinnehmbar gelte, andere für den eigenen Vorteil zu opfern. LiCAS News ist ein katholisches Nachrichtenportal mit Schwerpunkt Asien, das über Kirche, Religion, Menschenrechte, soziale Konflikte und gesellschaftliche Entwicklungen vor allem in asiatischen Ländern berichtet.

Der Erzbischof verband in seiner Predigt den Friedensgedanken mit der Gottesmutter Maria, die in der katholischen Tradition auch als Königin des Friedens verehrt wird. Er sagte, Friede wachse aus der Achtung vor dem Leben und vor der Würde jedes Menschen. Leben müsse ohne Ausnahme geschützt werden, vom Anfang bis zum Ende. Auch die Würde des Menschen gelte ohne Ausnahme. Sie sei eine Gabe Gottes. Der Kardinal wandte sich damit gegen jede Ordnung, die Schwache oder Fremde ausgrenzt.

Kikuchi sprach seine Botschaft in eine Zeit, in der Japan erneut über Sicherheit, Aufrüstung und die Auslegung der pazifistischen Nachkriegsordnung diskutiert. Die japanische Verfassung verzichtet in Artikel 9 ausdrücklich auf Krieg als souveränes Recht des Staates. Zugleich haben sich in den vergangenen Jahren die Linien der Sicherheitspolitik auch für das Inselreich verschoben. Die Regierung Japans verweist auf Bedrohungen in der Region. Die Bischöfe mahnen, die Lehren der Vergangenheit nicht zu vergessen.

Botschaft zur Friedensdekade

Bereits am 10. Juli hatte Kardinal Kikuchi im Namen der Bischofskonferenz eine Botschaft zur Friedensdekade veröffentlicht. Darin rief er dazu auf, die Erinnerung an Krieg, Verwundete, Tote und zerstörte Natur neu ins Herz einzugraben. Der Blick auf die Vergangenheit solle nicht im Gedenken stehen bleiben. Er solle zur Prüfung der Gegenwart führen. Die Botschaft der katholischen Bischöfe zählt die Kriege und Konflikte in der Ukraine, im Sudan, in Myanmar und im Nahen Osten einschließlich Gaza auf. Jeder dort Verwundete und jeder dort gewaltsam Getötete, betonen die Hirten, sei ein Mensch wie wir, geschaffen nach dem Bild Gottes.

Die japanischen Bischöfe stellen diese Erinnerung in den Kontext politischer Entwicklungen im eigenen Land. Kardinal Kikuchi nennt die veränderte Auslegung von Artikel 9, nach der unter bestimmten Bedingungen kollektive Selbstverteidigung erlaubt sei. Er verweist zudem auf steigende Verteidigungsausgaben, die Stationierung von Raketen mit größerer Reichweite und die verstärkte Präsenz der Selbstverteidigungsstreitkräfte auf den Nansei-Inseln im Südwesten Japans.

Gedenken an Hiroshima

Auch die Ausfuhr tödlicher Waffen sei unter bestimmten Bedingungen möglich geworden, beklagt der Erzbischof. Die japanischen Bischöfe fragen, ob eine schrittweise Erosion des pazifistischen Geistes und militärische Aufrüstung ohne ausreichende öffentliche Debatte wirklich zum Frieden führen könne. Die Friedensdekade der Kirche in Japan beginnt jedes Jahr am 6. August, dem Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, und reicht über den 9. August, den Jahrestag von Nagasaki, bis zum 15. August, dem Tag der japanischen Kapitulation.

In diesem Jahr stand sie erneut unter dem Eindruck der Kriege in der Welt. Für Japans Katholiken ist Friedensarbeit nicht nur ein politischer Beitrag. Sie ist tief in der Geschichte der Christen in Japan verwurzelt. Die katholische Mission begann 1549 mit dem Jesuiten Franz Xaver. Im 16. Jahrhundert wuchs die Kirche zunächst rasch. Jesuiten, später auch andere Orden, gründeten Gemeinden, Schulen und Einrichtungen. Christliche Daimyō, getaufte Feudalherren, unterstützten die Mission in einigen Regionen des Landes.

Später folgte eine Zeit radikaler Verbote und schwerer Verfolgung. Unter Toyotomi Hideyoshi begann die Unterdrückung. Während des Tokugawa-Shogunats wurde sie verschärft. Kirchen wurden zerstört, Missionare ausgewiesen, Christen verfolgt und hingerichtet. Nach dem Tod des letzten Missionars in Japan im Jahr 1644 konnten Gläubige ihren Glauben nur noch im Geheimen weitergeben. In der Region Nagasaki entstanden Gemeinschaften verborgener Christen. Sie bewahrten Gebete, Taufriten und Erinnerungen an Leben und Lehre der Kirche über mehr als zwei Jahrhunderte ohne Priester. Erst 1865 offenbarten sich Nachfahren dieser Christen in der Oura-Kathedrale von Nagasaki wieder einem katholischen Missionar. Die Geschichte dieser verborgenen Christen gehört heute zum Gedächtnis der Kirche in Japan.

Verfolgung und Randstellung

Auch diese Erinnerung gibt den Worten aus Tokio Gewicht. Die Kirche musste selbst Verfolgung und gesellschaftliche Randstellung schmerzhaft kennenlernen. Sie spricht aus einer Minderheitenerfahrung, denn Katholiken sind in Japan bis heute eine kleine Gemeinschaft. Ihre Stimme ist in dem buddhistisch und schintoistisch geprägten Land öffentlich nicht laut. Ihre Erinnerung an Märtyrer, an verborgene Laiengemeinden und an eine Nation, die im 20. Jahrhundert Opfer- und Tätergeschichte zugleich tragen musste, gibt ihrem Wort Gewicht. Nagasaki ist historisch die am stärksten christlich geprägte Stadt in Japan.

In seiner Predigt am 15. August verwies Kikuchi auf die Bilder trauernder Familien in Kriegsgebieten. Christen dürften solche Bilder nicht als fremde Tragödien betrachten. Man solle ihren Schmerz ins eigene Herz aufnehmen. Hinter dem Beifall für kriegerische Reden und militärische Aktionen stünden Menschen, denen Kinder, Eltern und Angehörige gewaltsam genommen worden seien. Auch Papst Leo XIV. kommt in Kikuchis Friedensbotschaft vor. 

Päpstliche Friedensappelle

Der Papst hatte bei einer Friedensbegegnung in Kamerun im April zu echter Umkehr aufgerufen. Er sprach von einem Weg der menschlichen Geschwisterlichkeit. Kikuchi zitierte auch den Satz des Papstes, die Welt werde von wenigen Tyrannen verwüstet, aber von vielen solidarischen Brüdern und Schwestern zusammengehalten. Für die japanischen Bischöfe ist Friedensarbeit kein außenpolitisches Randthema. Sie gehört für sie zur Evangelisierung. Erzbischof Kikuchi greift dabei eine Linie auf, die in Japan seit Jahrzehnten eng mit der Erinnerung an Hiroshima und Nagasaki verbunden ist. 

Papst Johannes Paul II. sagte 1981 in Hiroshima, Krieg sei Werk des Menschen. Der Satz wird in der diesjährigen Botschaft der Bischöfe ausdrücklich aufgegriffen. Er steht neben der Frage, was aus dem Schwur der Menschheit geworden sei, nach den Schrecken der Kriege niemals wieder denselben Weg zu gehen. Frieden, so der Erzbischof von Tokio, bedeute nicht die Bereitschaft, Opfer einzupreisen. Frieden beginne mit der Anerkennung jedes Lebens. Er beginne im Wort. Er beginne im Alltag. Die Bischofsbotschaft fordert die Menschen dazu auf, Worte der Liebe statt Worte der Macht zu wählen und damit eine Zivilisation der Liebe zu nähren.

Text: Peter Winnemöller
Foto: Shutterstock



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