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Zur Neuigkeit
Christus nach Indien bringen
Einblick in die Weltkirche
Regensburg, 3. September
Wie kann Mission in einem Land gelingen, das einerseits eine apostolische Tradition hat, in dem Christen aber zugleich eine Minderheit sind und verfolgt werden? In Indien trafen sich franziskanische Missionare zu einem Symposium am Grab des Apostels Thomas.
In Chennai hat im August das erste asiatische franziskanische Missionssymposium stattgefunden. Chennai liegt an der Südostküste Indiens im Bundesstaat Tamil Nadu. Die Stadt hieß früher Madras und ist für die indische Kirche besonders wichtig, weil dort nach alter Überlieferung das Grab des Apostels Thomas verehrt wird.
Bischöfe, Ordensleute, Laienfranziskaner, Diözesanpriester und Vertreter der Päpstlichen Missionswerke berieten unter dem Leitwort „Announcing Christ in Asia Today with St. Francis of Assisi“, wie die Verkündigung des Evangeliums in Asien heute aussehen kann. Chennai beherbergt die Santhome-Basilika, die über dem Grab des Apostels Thomas errichtet wurde. Thomas, so die Überlieferung, brachte das Christentum im Jahr 52 nach Indien und starb dort als Märtyrer.
Thomas und Franziskus
Das Symposium verband zwei Linien, die zeitlich weit auseinanderliegen und doch inhaltlich zusammengehören. Die apostolische Erinnerung Indiens rückt den heiligen Thomas in den Fokus. Die Frage der Franziskaner heute ist, wie Mission in unserer Zeit ohne Macht, Besitzdenken und fertige Antworten aussehen kann.
Das Treffen fand im Rahmen mehrerer Jubiläen statt. Die franziskanische Familie begeht 2026 den 800. Jahrestag des Transitus des heiligen Franziskus, also seines Todes und Hinübergangs zu Gott. Zugleich fallen der 100. Weltmissionssonntag, der 110. Jahrestag der Päpstlichen Missionsunion und das 50-jährige Bestehen der internationalen franziskanischen Zeitschrift TAU in dieses Jahr. Organisiert wurde das Symposium von der Asian Franciscan Mission, einer Initiative der Päpstlichen Missionsunion, des Franciscan Institute for Asian Theological Studies und der Zeitschrift TAU. Die Tage endeten mit einer Missionswallfahrt. Die Teilnehmer feierten die Heilige Messe am Grab des heiligen Thomas und besuchten franziskanische Missionsorte in Chennai.
Menschen mit Christus verbinden
Bischof Ambrose Pitchaimuthu von Vellore, Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Indien, eröffnete das Symposium. Asien, so der Bischof, brauche keine Missionare, die mit allen Antworten kämen. Asien brauche Brüder und Schwestern, die den Menschen Christus bringen. Verkündigung des Evangeliums ist hier nicht als Import fertiger Lösungen gedacht. Sie setzt Gegenwart, Nähe und eine geschwisterliche Weise voraus, Christus sichtbar zu machen.
Für Asien ist diese Unterscheidung entscheidend. Der Kontinent ist religiös dicht, kulturell vielstimmig und politisch verschieden. Christen leben in vielen Ländern als Minderheit. In einigen Staaten werden sie misstrauisch beobachtet, in anderen offen bedrängt oder verfolgt. Zugleich treffen christliche Missionare auf alte religiöse Traditionen inmitten moderner Metropolen. Armut und Migration gehören dazu, digitale Jugendkultur und ökologische Konflikte. Wer in Asien Christus verkünden will, spricht nicht in einen glaubensleeren Raum. Die Gottesfrage ist auf diesem Kontinent allgegenwärtig und drückt sich in teils sehr alten religiösen oder spirituellen Kulten aus.
Vorbild Franziskus
Franziskus kann hier ein großes Vorbild sein. Der Heilige aus Assisi steht nicht einfach für eine kirchliche Strategie oder ein Programm. Entäußerung, Armut mit den Armen, Einfachheit und Klarheit machen es möglich, dass der Poverello den Asiaten unserer Tage als Bruder begegnet. Sein Sonnengesang ist wie für die Menschen heute geschrieben. Er spricht von der Schöpfung nicht als Material, sondern als Mitgeschöpf. Bruder Sonne, Schwester Mond, Bruder Feuer, Schwester Wasser. Auch im Jahr nach dem 800. Jahrestag des Sonnengesangs und im Jubiläumsjahr seines Todes ist diese Sprache aktuell. Franziskus spricht die Welt als Bruder und Schwester an. Er sieht die Schöpfung nicht als Besitz.
Das Symposium griff diese franziskanische Spur auf. Mission in Asien soll von Christus herkommen und in der Haltung des Minderseins geschehen. Das franziskanische Wort „minor“ meint nicht Minderwertigkeit, sondern bewusste Kleinheit. Es ist eine Haltung gegen Klerikalismus, Dominanz und religiösen Stolz. Darum gehörten zu den Themen des Treffens auch die Rolle franziskanischer Frauen, die Perspektive von Brüdern und die Beiträge des franziskanischen Laienordens. Mission darf sich nicht auf Priester und Ordensmänner verengen. Sie wird als gemeinsame Sendung gesehen.
Besonderes Gewicht hat hierbei die Thomas-Tradition Indiens. Die Christen in Indien führen ihren Ursprung nicht erst auf die europäische Kolonialzeit zurück. Nach alter Überlieferung kam der Apostel Thomas selbst nach Indien, zunächst an die Malabarküste im heutigen Kerala. Dort entstanden christliche Gemeinden, die später als Thomaschristen bekannt wurden. Sie bewahrten eigene liturgische und kirchliche Traditionen, besonders in ostsyrischer Prägung. Die Syro-Malabarische und die Syro-Malankarische Kirche sehen ihre Wurzeln bis heute in dieser apostolischen Überlieferung.
Sankt Thomas
Die Santhome-Basilika steht nach kirchlicher Tradition über dem Grab des Apostels. Sie verweist zudem auf zwei weitere Orte in der Stadt, die mit Thomas verbunden werden. Den St. Thomas Mount, wo er nach der Überlieferung den Märtyrertod erlitt, und Little Mount, wo er gebetet und sich verborgen haben soll. Für ein Missionssymposium ist diese Topographie mehr als Kulisse. Die Teilnehmer berieten in der Stadt, in der die Kirche Indiens ihre apostolische Frühgeschichte verortet.
Indien war nicht einfach ein später Empfänger westlicher Glaubensausbreitung. Es gehört nach seiner eigenen kirchlichen Erinnerung zu den alten christlichen Ländern. Noch bevor die großen europäischen Missionsbewegungen begannen, gab es in Südindien Gemeinden, Liturgie, Bischofsverbindungen, Handel, Sprache und Glaubensüberlieferung.
Später kamen Portugiesen, Franziskaner, Jesuiten, Dominikaner und andere Orden. Sie prägten die Kirche neu, brachten aber auch Konflikte, Latinisierung und koloniale Spannungen. Die indische Kirche trägt deshalb mehrere Schichten christlicher Erinnerung in ihrem Gedächtnis. Neben apostolischer Herkunft und östlicher Liturgie gibt es auch lateinische Mission, koloniale Verwundungen und heute die Erfahrung, als Christen eine Minderheit zu sein.
Der mongolische Kardinal Giorgio Marengo, selbst Missionar der Consolata und Apostolischer Präfekt von Ulaanbaatar, brachte einen weiteren Akzent ein. Er hob die Beziehung als Grundlage der Mission hervor. Das Sein müsse vor dem Tun und Haben stehen. Liebe sei die Sprache Gottes. Evangelisierung wecke die Fähigkeit zu lieben. Die Kirche müsse zeigen, dass Christus nahe ist.
Christen in der Minderheit
Das ist auch angesichts der Lage in Indien wichtig. Christen sind dort eine kleine Minderheit. In mehreren Bundesstaaten stehen sie unter dem Druck von Anti-Konversions-Gesetzen, Misstrauen und Vorwürfen angeblicher Zwangsbekehrung. Kirchliche Schulen, Krankenhäuser und Sozialarbeit geraten immer wieder in den Verdacht, hinter Hilfe stehe heimliche Mission. Offene und verdeckte Verfolgung sind für Christen dort Alltag.
Der Gang zum Grab des Apostels Thomas fasste diese Aspekte zusammen. Thomas steht im Evangelium für den Zweifler, der die Wunden Christi sehen will und dann bekennt: „Mein Herr und mein Gott“. In Indien ist er der Apostel, der nach Osten ging, das Evangelium brachte und dessen Erinnerung dort weiterlebt. Franziskus ist der Heilige, der in den Wunden des Aussätzigen Christus erkannte und später selbst die Wundmale trug. Zwischen Thomas und Franziskus konnte in Chennai eine lebendige Verbindung entstehen. Mission, so könnte man es zusammenfassen, beginnt immer bei Wunden.
Bei den Wunden Christi einerseits. Bei den Wunden der Armen wird sie konkret. Bei den Wunden der Geschichte gilt es, sie auszuhalten, ohne sie zu verdrängen. Das Symposium in Chennai hatte einen größeren Horizont als eine innerfranziskanische Feier. Es ging um die Gestalt der Kirche in Asien. Im Zentrum stand eine Verkündigung, die Christus nennt und zugleich den Menschen zuhört.
Text: Peter Winnemöller
Foto: Shutterstock




