Klaus Hottinger stürzt das Kreuz bei Stadelhofen.

Christenfeindlichkeit in Europa wächst rasant

Intoleranz nicht unterschätzen


Wien / Regensburg, 6. August 2026

Angriffe auf Christen und christliche Einrichtungen in Europa nehmen nach aktuellen Berichten spürbar zu. Handelt es sich letztlich um vereinzelte Straftaten? Welche Rolle spielen gesellschaftliche Entwicklungen, politischer Extremismus und islamistischer Terror? Und wird das Ausmaß des Problems von Politik und Öffentlichkeit ausreichend wahrgenommen? Christian Peschken sprach darüber für CNA Deutsch mit Anja Tang, der Geschäftsführerin der Beobachtungsstelle für Intoleranz gegenüber und Diskriminierung von Christen in Europa (OIDAC) in Wien.

Frankreich verzeichnet nach offiziellen Regierungsangaben einen massiven Anstieg antichristlicher Straftaten, auch in Deutschland häufen sich Brandanschläge und Kirchenschändungen. Erleben wir derzeit eine neue Qualität der Christenfeindlichkeit in Europa – oder wird dieses Problem bislang unterschätzt?

Christenfeindliche Straftaten in Europa sind ein Phänomen, das für viele Menschen nach wie vor nicht in das gewohnte Bild Europas passt. Lange Zeit wurde das Thema deshalb kaum wahrgenommen. Ich denke, das ändert sich heute. Zum einen ist das Problembewusstsein in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Durch die Arbeit von OIDAC Europe und anderer Organisationen, die christenfeindliche Vorfälle systematisch dokumentieren, hat das Thema zunehmend Eingang in politische Debatten und internationale Institutionen gefunden. Dass die OSZE im vergangenen Jahr erstmals eine eigene Leitlinie zu christenfeindlichen Hassverbrechen veröffentlicht hat, zeigt, dass dieses Problem inzwischen auch auf internationaler Ebene ernst genommen wird.

Zum anderen beobachten wir in mehreren europäischen Ländern tatsächlich eine besorgniserregende Zunahme christenfeindlicher Straftaten. Frankreich verzeichnete im jüngsten Regierungsbericht einen Anstieg von über 70 Prozent bei personenbezogenen Angriffen auf Christen. In Deutschland warnten die katholische Bischofskonferenz und andere betroffene christliche Gruppen angesichts von Brandanschlägen, Schändungen und zerstörten Kirchen vor einer neuen Eskalation des Kirchenvandalismus. Und in Polen zeigte eine aktuelle Studie, dass nahezu die Hälfte der befragten katholischen Priester innerhalb eines Jahres verbale oder körperliche Aggressionen erlebt hat.

Immer wieder stehen bei Anschlägen auf Kirchen oder Christen islamistische Motive im Raum – etwa beim vereitelten Anschlag auf Notre-Dame oder bei Grabschändungen mit islamistischen Parolen. Welche Rolle spielt der Islamismus tatsächlich für die wachsende Christenfeindlichkeit in Europa, ohne dabei Muslime pauschal unter Verdacht zu stellen?

Uns ist bei dieser Frage eine differenzierte und evidenzbasierte Betrachtung besonders wichtig. Bei der Mehrzahl der christenfeindlichen Straftaten in Europa handelt es sich um Angriffe auf Kirchen oder religiöse Einrichtungen. Gerade in diesen Fällen bleiben die Täter häufig unbekannt, weil die Aufklärungsquote bei Vandalismus und Brandstiftungen sehr niedrig ist. Deshalb gibt es keine belastbaren Hinweise darauf, dass Kirchenvandalismus überwiegend islamistisch motiviert ist. Pauschale Zuschreibungen sind hier weder hilfreich noch belegbar.

Gleichzeitig wäre es ebenso falsch, islamistisch motivierte Christenfeindlichkeit zu unterschätzen. So waren einige der schwersten Angriffe auf Christen und Kirchen in den vergangenen Jahren islamistisch motiviert, etwa der Terroranschlag auf eine Kirche in Algeciras, bei dem ein Küster getötet und vier weitere Menschen verletzt wurden.

Auch bei personenbezogener Gewalt finden sich entsprechende Beispiele. Besonders betroffen sind christliche Konvertiten aus dem Islam sowie arabischsprachige Christen, die sich in der Glaubensverkündigung engagieren. Diese Gruppen erleben immer wieder Bedrohungen und tätliche Angriffe. Der islamistisch motivierte Mord an dem assyrischen Christen Ashur Sarnaya in Lyon im vergangenen Herbst hat diese Gefahr auf tragische Weise sichtbar gemacht. Auch der kürzlich bekannt gewordene Angriff auf einen christlichen Konvertiten in einer Asylunterkunft in Regensburg zeigt, dass solche Fälle keine Einzelfälle sind. Die neue OSZE-Leitlinie zu christenfeindlichen Hassverbrechen hebt deshalb ausdrücklich hervor, dass christliche Konvertiten eine besonders vulnerable Gruppe darstellen und daher besonderer Aufmerksamkeit und eines besonderen Schutzes bedürfen. Diese Empfehlung sollte in Europa konsequenter umgesetzt werden.

Während antisemitische Straftaten in Deutschland detailliert statistisch erfasst werden, existiert keine vergleichbare offizielle Erhebung zu antichristlichen Hassverbrechen. Führt diese unterschiedliche Datenerfassung dazu, dass Christenfeindlichkeit politisch und gesellschaftlich weniger wahrgenommen wird?

Die deutsche Statistik zu politisch motivierter Kriminalität verfügt grundsätzlich über die gleichrangingen Kategorien für antisemitische, islamfeindliche und christenfeindliche Straftaten. Das Problem liegt daher weniger in der Struktur als in der Erfassung und Methodik, die Straftaten nur dann wertet, wenn sie politisch motiviert sind.

Gerade bei Angriffen auf Kirchen fehlt diese Einordnung als politisch motivierte Tat häufig, obwohl die religiöse Motivlage offensichtlich ist. Wird beispielsweise eine Christusstatue enthauptet oder eine Bibel verbrannt, wird dies oftmals nur als Sachbeschädigung registriert, obwohl solche Symbolhandlungen nach den Kriterien der OSZE durchaus als Hassverbrechen zu werten sind.

Hinzu kommt, dass bei Behörden häufig ein gewisser religiöser Analphabetismus besteht. Bei dem erwähnten Angriff auf einen christlichen Konvertiten in Regensburg etwa erklärte der Polizeibericht, dass religiöse Motive nur eine nachrangige Rolle gespielt hätten, weil die Täter alkoholisiert waren. Solche Bewertungen zeigen, dass religiöse Tatmotive häufig gar nicht ernsthaft geprüft werden.

Besorgniserregend ist außerdem, dass die Bundesregierung trotz dieser bekannten Erfassungsprobleme bislang laut eigenen Angaben keinen Handlungsbedarf sieht, die Dokumentation christenfeindlicher Straftaten zu verbessern. Überraschenderweise wächst jedoch gleichzeitig das gesellschaftliche Problembewusstsein. Eine repräsentative Umfrage letztes Jahr zeigte, dass fast jeder zweite unter 30-jährige Deutsche – und mehr als die Hälfte der Muslime im Land – christenfeindliche Einstellungen in Deutschland als weit verbreitet wahrnimmt.

Kirchen werden geschändet, angezündet oder verwüstet – häufig scheint die öffentliche Empörung jedoch deutlich geringer auszufallen als bei Angriffen auf andere Religionsgemeinschaften…

Im politischen Umfeld hält sich teilweise bis heute die Vorstellung, dass Hassverbrechen oder Diskriminierung nur Minderheiten treffen können. Christen werden dagegen häufig pauschal als gesellschaftliche Mehrheit wahrgenommen. Dass Angehörige einer historisch prägenden Religion dennoch Opfer gezielter Gewalt oder Diskriminierung werden können, passt deshalb für viele Menschen nicht in ihr Weltbild.

Gibt es Ihrer Ansicht nach in Europa einen gesellschaftlichen ‚blinden Fleck‘, wenn Christen Opfer von Hass werden?

In Teilen der politischen Linken führt zudem eine Kategorisierung der Gesellschaft in vermeintliche Täter- und Opferkollektive dazu, dass Übergriffe gegen Christen ausgeblendet oder relativiert werden, da Christen als Teil des Täterkollektivs wahrgenommen werden. Dass das tödliche Attentat auf Asuhr Sarnaya außerhalb Frankreichs fast keine mediale Aufmerksamkeit erhalten hat, ist eines der erschreckenden Beispiele für dieses Phänomen. Dabei sollte im Menschenrechtsschutz der einfache Grundsatz gelten, dass jeder Mensch zu schützen ist. Denn weder eine zahlenmäßige Mehrheit noch eine historische Rolle schließen aus, Opfer von Hasskriminalität zu werden.

Was müsste aus Sicht von Politik, Sicherheitsbehörden und Kirchen jetzt konkret geschehen, um Christen besser zu schützen?

Ein wichtiger erster Schritt wäre die Einrichtung eines EU-Koordinators für die Bekämpfung christenfeindlicher Gewalt und Diskriminierung – parallel zu den bereits bestehenden Mandaten für Antisemitismus und antimuslimischen Hass. Dass eine solche Stelle trotz zahlreicher Forderungen aus Parlament, Wissenschaft und Zivilgesellschaft bis heute nicht geschaffen wurde, verdeutlicht, dass hier weiterhin ein politischer Nachholbedarf besteht. Darüber hinaus braucht es eine bessere Datenerhebung, mehr Sensibilität bei Polizei und Justiz sowie eine engere Zusammenarbeit mit Kirchen und betroffenen Gemeinschaften. Gerade christliche Konvertiten und Christen mit Migrationshintergrund verfügen häufig über Erfahrungen, die in politischen Debatten bislang viel zu wenig berücksichtigt werden.

wie kann verhindert werden, dass die notwendige Debatte über Christenfeindlichkeit in ideologische Grabenkämpfe oder pauschale Schuldzuweisungen abgleitet?

Entscheidend ist, dass Christenfeindlichkeit nicht ideologisch vereinnahmt wird. Weder hilft es, sämtliche Vorfälle vorschnell einer bestimmten Tätergruppe zuzuschreiben, noch darf das Problem aus politischen Gründen relativiert werden. Nur eine evidenzbasierte Diskussion ermöglicht wirksame Maßnahmen. Die neue OSZE-Leitlinie erinnert außerdem daran, dass Hassverbrechen nicht im luftleeren Raum entstehen. Deshalb tragen auch politische Debatten, mediale Narrative und gesellschaftliche Einstellungen Verantwortung dafür, ob Vorurteile verstärkt oder abgebaut werden. Letztlich geht es beim Schutz von Christen vor Diskriminierung und Gewalt nicht um ein parteipolitisches Thema, sondern um eine menschenrechtliche Frage. Genau dieser Anspruch sollte auch die politische Debatte leiten.

Text: CNA Deutsch

(sig)



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