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Zur Neuigkeit
Über Argumente für den Glauben
Die Gottesfrage bei Robert Spaemann
Regensburg, 26. August 2026
Zu jenen Denkern deutscher Sprache, deren Stimme weit über die akademische Welt hinaus gehört wurde, gehörte der Philosoph Robert Spaemann (1927-2018). Mit seinen Publikationen und Vorträgen fand er internationale Beachtung. Robert Spaemann verstand Philosophie als eine „Lehre von dem, was immer ist“ (zitiert nach: H.-G. Nissing [Hg.], Grundvollzüge der Person, München 2008, S. 125). Die höchste Form der Philosophie ist für ihn – mit dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) gesagt – „die Frage nach dem, was in Wahrheit ist“ (ebd., S. 126). Diese Frage der Philosophie wird für gewöhnlich unter dem Titel „Metaphysik“ verhandelt. Falls der Mensch darauf verzichten sollte, „das Ganze zu denken“, hätte das den Verlust seiner Würde zur Folge.
Der Glaube als höchste Form der Rationalität
Spaemann weist darauf hin, dass es eine „atheistische Atmosphäre“ gibt, die „tendenziell die Organe für die unsichtbare Welt zum Absterben bringt“ (R. Spaemann, Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne, Stuttgart 2007, S. 239). Der Glaube steht jedoch nicht im Gegensatz zur Rationalität. „Er ist vielmehr die höchste Form von Rationalität“ (ebd., S. 254). Und Spaemann fährt fort: „Die Rückgewinnung einer direkteren und elementareren Weise, die Gehalte des christlichen Glaubens auszudrücken, könnte dazu führen, auch die elementareren Wahrheiten unserer menschlichen Lebenserfahrung wieder zur Sprache zu bringen. Das christliche Dogma könnte damit in einer technisch-wissenschaftlichen Zivilisation zur Zuflucht der Menschlichkeit des Menschen werden“ (ebd., S. 258).
Gegen die „Kritik als herrschende Daseinsform“
Robert Spaemann hat seine Philosophie wiederholt als „Zeitgeistkritik“ und als „Theorie der Moderne“ bezeichnet. Mit dem Philosophen G. W. F. Hegel versteht er den „sich vollbringenden Skeptizismus“ als eine Skepsis, die sich am Ende gegen sich selbst wendet. In einem Zeitalter, das im Wesentlichen bestimmt ist durch Kritik und in dem alles „Bejahen“ fast ein Schimpfwort geworden ist, wendet sich Spaemanns kritische Mentalität gegen die „Kritik als herrschende Daseinsform“. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Bemerkung Martin Walsers in seinem Roman „Muttersohn“: Professor Augustin Feinlein, der zweite Protagonist in diesem Roman, sagt: „Wörter für mein Glaubensgefühl gibt es nicht mehr, weil die Wörter alle dressiert sind auf Unglauben, auf Aufklärung und so weiter“ (zitiert nach: Friedhelm Hofmann [Hg.], Herder Thema „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst im Spiegel der Künste“, Freiburg 2015, S. 29).
Die Verdrängung der Gottesfrage
Der Fortschritt der modernen Wissenschaften trägt wesentlich dazu bei, die Frage nach Gott zu verdrängen. Das hängt einerseits zusammen mit der raschen Entwicklung des Bereichs des Machbaren, der uns das rauschhafte und irrige Gefühl der Unendlichkeit gibt, andererseits mit der immens wachsenden Geschwindigkeit der Veränderung unserer Lebensverhältnisse. Dadurch wird unsere Aufmerksamkeit so stark auf die immer neue Anpassung an die diesseitige Wirklichkeit fixiert, dass die Frage nach „dem Grund und dem Sinn des Ganzen“ als etwas erscheint, was wir uns nicht mehr leisten können. Mit den tatsächlichen Aussagen der Wissenschaften hat diese Entwicklung jedoch nichts zu tun.
Keine wissenschaftlichen Argumente gegen Gott
Von den Wissenschaften selbst wurde bisher kein einziges ernsthaftes Argument gegen den Gottesglauben vorgebracht, sondern nur von einer sog. „wissenschaftlichen Weltanschauung“, die der Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951), einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, den „Aberglauben der Moderne“ nennt. Der Fortschritt der Wissenschaften hat den Gottesglauben nicht deshalb zurückgedrängt, weil die Wissenschaften irgendein Argument gegen Gott vorgebracht hätten. Der Grund für dieses Zurückdrängen des Gottesglaubens ist eher ein psychologischer. Der wissenschaftliche Fortschritt hat einen „Verblüffungseffekt“. Er übt Faszination aus und erweckt den Eindruck, dass Wissenschaft alles erklären werde. Dieser Gedanke ist jedoch absurd. Die Erwartung, dass Wissenschaft alles erklären kann, wäre gleichbedeutend mit der Erwartung beim Sehen eines Filmes, dass der Film am Ende sich selbst erklärt und damit den Projektor überflüssig macht. Die Alternative kann niemals lauten: Wissenschaftliche Erklärbarkeit der Welt oder Gottesglaube. Sie kann nur lauten: Resignation der Vernunft oder Gottesglaube. Der Glaube an Gott ist der Glaube an einen Grund der Welt, der „für sich selbst durchsichtig und so sein eigener Grund ist“ (J. Kreiml, Schritte über uns hinaus, in: ders. [Hg.], Die Person – ihr Selbstsein und ihr Handeln. Zur Philosophie Robert Spaemanns, Regensburg 2016, S. 133). Nur die Gründung des Denkens in unvordenklichem Licht rechtfertigt – wie es auch der Philosoph Friedrich Nietzsche gesehen hat – das Vertrauen in unsere Vernunft. Glaube und Vernunft sind keine Gegensätze. Vielmehr beruht Vernunft selbst auf einem Glauben. Sogar der Zweifel „setzt Gott voraus. Denn er setzt voraus, dass es einen Wahrheitsraum gibt, der nicht identisch ist mit dem Raum unseres Bewusstseins. Diesen Raum aber gibt es nur, wenn es Gott gibt“ (H.-G. Nissing [Hg.], Grundvollzüge der Person, S. 136).
An die Existenz Gottes glauben
Das „Gerücht von Gott“ liegt überall, wo es Menschen gibt, gleichsam in der Luft. In der griechischen Philosophie wird es „erstmals begrifflich gedacht. In Israel verliert es erstmals seinen Charakter des Gerüchts und wird zu einer gemeinschaftlichen Glaubenserfahrung“ (R. Spaemann, Rationalität und Gottesglaube, in: Internationale Katholische Zeitschrift 34 [2005], S. 489). Es gibt freilich auch die atheistische Antwort und die agnostische Position („Was wahr ist, lässt sich nicht erkennen“). Diese beiden Antworten, so falsch sie auch sind, verdienen nach Spaemanns Überzeugung den Respekt, den menschliche Überzeugungen als solche verdienen – nicht weil sie wahr sind, sondern weil Menschen sich mit ihnen identifizieren. Die heute weithin verbreitete, meist nicht klar artikulierte Ansicht, die Antwort auf die Gottesfrage sei nicht so wichtig, alles andere sei eigentlich wichtiger, und es lohne sich nicht, Zeit für das Nachdenken über Gott aufzuwenden, verdient nach Spaemanns Überzeugung jedoch „keinen Respekt“.
Grund zur Dankbarkeit?
Was würden wir – so argumentiert Spaemann – von einem Menschen halten, der aus einer verzweifelten Lage gerettet und dem Leben zurückgegeben wird und über dem ein Füllhorn von Wohltaten ausgeschüttet wird, der aber kein Interesse hat, der Frage nachzugehen, ob das Ganze Zufall oder das heimliche Geschenk eines liebevollen Menschen ist? Stellen wir uns vor, ein derart Beschenkter würde sagen: Diese Frage interessiert mich nicht. Was ich habe, habe ich, und ob dahinter die Liebe eines Gebers steht, ist mir egal, denn ich würde ihm sowieso nicht danken. Was würden wir von einem solchen Menschen halten? Ein Mensch verdient nur dann Achtung, wenn er den Wunsch hat, dankbar zu sein – sofern es für den Dank einen Adressaten gibt. Ein solcher Mensch möchte auch klagen können, wenn es dafür einen Adressaten gibt. Das tiefste Motiv für einen Menschen, die Frage nach Gott zu stellen, steht wohl in Zusammenhang mit der Möglichkeit, danken zu können und aus dem Dank, mit dem sich auch die Freude verbindet, leben zu können.
Umkehr der Perspektive: der Mensch als „Idee Gottes“
Die Fähigkeit des Menschen zur Gottsuche ist in der Vernunft angesiedelt. Mithilfe der Vernunft kann der Mensch seine Umwelt überschreiten und sich auf die „Wirklichkeit selbst“ beziehen. „Glauben, dass Gott existiert, heißt glauben, dass er nicht unsere Idee, sondern dass wir seine Idee sind“ (R. Spaemann, Rationalität und Gottesglaube, S. 491). Glaube bedeutet: Umkehr der Perspektive, Bekehrung. Wenn Gott existiert, dann ist seine Existenz wichtiger als unsere Existenz. Dies wissen zu können, macht die Würde des Menschen aus, die ihn von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Ein Blick in die Geschichte der Menschheit zeigt die immense Bedeutung des Versuchs von Menschen, ihre Überzeugung von der Existenz Gottes durch rationale Spurensuche zu stützen. Mit Recht lässt der Philosoph Blaise Pascal (1623-1662) Gott zum Menschen sagen: „Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht schon gefunden hättest.“ Im Hinblick auf die Gottesfrage haben die Glaubenden immer versucht, ihre intuitive Gewissheit durch rationale Gründe zu festigen und zu rechtfertigen.
„Autobiographie in Gesprächen“
In seinen philosophischen Reflexionen betont Robert Spaemann, man könne gegen das Dasein Gottes „durchaus ernsthaft argumentieren“. Allerdings würde dies „eine Art Abdankung des Denkens“ bedeuten. Wenn wir Gott aus dem Spiel lassen, wenn wir so tun, als ob es Gott nicht gäbe, „dann bricht das Denken zusammen“ (R. Spaemann, Über Gott und die Welt. Eine Autobiographie in Gesprächen, Stuttgart 2012, S. 62), dann geht das Denken in einer radikalen Skepsis unter. Der Atheismus bewegt sich intellektuell unter dem Niveau von Philosophien, die auf einer theologischen Grundlage stehen. Das Argument gegen den christlichen Glauben ist „als solches immer schwach“ (ebd.). In seiner existentiellen Wendung fasst Robert Spaemann seine Überlegungen so zusammen: „… mein Leben ist eine vorübergehende Episode im Universum. Wichtig ist, was immer ist. Die Mönche bezeugen durch ihren Gesang und durch die Form ihres Alltags das, was immer ist. Sie bezeugen es als den, der immer ist. Ohne das, was sie bezeugen, wäre das, was jetzt ist, also auch die Episode dieses Lebens, ebenso wie das Leben aller anderen, ohne Bedeutung. Es hätte, wenn die Erinnerungen erloschen sind, nicht einmal mehr den Status der Vergangenheit“ (ebd., S. 17).
Text: Domkapitular Prof. Dr. Josef Kreiml, Leiter der Hauptabteilung „Orden und Geistliche Gemeinschaften“ im Bistum Regensburg
Foto: c-BillionPhotos.com_AdobeStock
(chb)




