Kemnath, 29. März 2025
„Diese Ereignisse haben eine heilende und befreiende Bedeutung für die gesamte Menschheit bis zum Ende der Welt. Sich dieser Bedeutung wieder neu bewusst zu werden, das ermöglicht der Besuch der Kemnather Passion.“ Bischof Dr. Rudolf Voderholzer war ganz angetan von dem, was er gerade gesehen und erlebt hatte. Denn die Premiere der Kemnather Passion war eine äußerst gelungene Inszenierung der Leidensgeschichte Jesu. Auch Erzbischof Dr. Nikola Eterović, der Apostolische Nuntius in der Bundesrepublik Deutschland, war unter den Ehrengästen. Er überbrachte Grüße von Papst Franziskus.
Was hat dem Botschafter des Vatikans gefallen? „Alles, diese Stimmung, die hat jeden gefangen genommen. Die Aufführung erinnert uns an das Leiden Jesu, aber auch an die Stärke unseres Glaubens. Wir kennen alle diese Geschichte und heute hat sie uns eingenommen. Das ist die ewige Geschichte und sie ist heute sehr aktuell.“ Bischof Rudolf fand die Darstellung „überzeugend und ergreifend“. Er lobte die schauspielerische Leistung, Bühnenbild, Technik, Beleuchtung, aber auch Regie und Inszenierung. „Was mir heuer besonders aufgefallen ist, ist auch der meditative Charakter, die Zeiten der Betrachtung der Stille, die dann durch die entsprechende Choralbegleitung gefüllt wird, wodurch dann das, was man gesehen hat, sich setzen kann und das Nachdenken darüber angeregt wird.“ Nach ihren Gruß- und Dankesworten trugen sich Erzbischof Nikola und Bischof Rudolf ins Goldene Buch der Stadt Kemnath ein.
Thomas Linkel, seit 2013 künstlerischer Gesamtleiter und Regisseur, will das Passionsgeschehen glaubwürdig darstellen: „Historisch fundiert, mit emotionalen und spirituellen Aspekten, mit einer gewissen künstlerischen Interpretation. Damit werden die Zuschauer berührt und zum Nachdenken angeregt“, so Linkel. Die Musik spielt eine zentrale Rolle im Kemnather Passionsspiel. Sie verstärkt die emotionale und spirituelle Wirkung und hilft dem Publikum, sich mit dem Geschehen zu identifizieren. Anna-Maria Beck leitete den 90 Mitglieder starken Passionschor, Anton Hubert führte das Ensemble Arco an und Benjamin Schallwig brillierte auf dem Piano. Die musikalischen Werke umfassten bekannte Kirchenlieder und Stücke von Bach, Brahms und Haydn.
Zweieinhalb Stunden dauert das Passionsspiel. Zweieinhalb Stunden, in der die Zuschauer ganz in das Passionsgeschehen eintauchen. Eine Zeit, die die knapp 900 Besucher in der voll besetzten Stadthalle extrem ruhig beiwohnten. Eine Zeit, in der sie das Leiden Jesu Christi, die Diskussionen im Hohen Rat, das Verhalten der Jünger und vieles mehr in realistischer Weise und ganz anschaulich erlebten. Eine Zeit, die die Zuschauer am Ende begeistert applaudieren ließ. Es fällt schwer, einzelne Mitwirkende besonders herauszustellen. Stellvertretend seien Roland Krauß als Jesus, Nicole Besold als Maria, Martin Nickl als Judas, Siegfried Schiedlofsky als Kaiphas und Harald Plank als Pilatus genannt. Dazu natürlich Spielleiter Thomas Linkel, die Musikleiter und die städtischen Projektmanagerinnen Carolin Böckl und Dr. h.c. Sissy Thammer. Doch alle rund 260 Mitwirkenden jeden Alters auf und hinter den Kulissen und in der Musik verdienen höchsten Respekt. Jüngste Mitwirkende war übrigens die kleine Pia, geboren im Dezember 2024, die mit ihrer Mama Katrin im Volk auftrat.
Geschichte der Kemnather Passion
Die Anfänge liegen im 17. Jahrhundert, als das geistliche Volksschauspiel im Zeichen barocker Frömmigkeit seine Blüte erlebte. Die Leidensgeschichte Jesu Christi wurde im 17. und 18. Jahrhundert als „Charfreytag-Comedie“ in Kemnath dramatisch präsentiert. Bald aber sah die kirchliche Obrigkeit das Spiel durch „Verstöße gegen Gesetz, Zucht und Sitte“ mit Sorge. Es wurde im Jahr 1763 verboten und nach etlichem Ringen mit den Bürgern und der Regierung von Amberg 1766 durchgesetzt. Erst 1983, anlässlich des 750jährigen Bestehens der Stadt Kemnath, wurde die barocke Spieltradition wieder wachgerufen. Die Passion wird alle fünf Jahre unter großer Beteiligung der Bevölkerung aufgeführt.
Text: Peter Pirner
Fotos: Bernd Schönfelder
(jas)