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Zum Synodalen Weg der Bistümer in Deutschland

Kritische Bemerkungen zum „Orientierungstext“

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Regensburg, 05.10.2022

Der am 3. Februar 2022 beschlossene „Orientierungstext“ des Synodalen Weges, der als theologischer Grundlagentext der ganzen Veranstaltung zu gelten hat, enthält – mit unseriöser Berufung auf die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils – tendenziöse und zum Teil falsche Behauptungen. „Keine Interpretationsakrobatik kann aus `Lumen Gentium´ herauslesen, was der Orientierungstext aus diesen Stellen ableitet“ (Prof. Karl-Heinz Menke, in: „Welt und Kirche“ vom 29.09.2022, S. 5). Kein einziger Satz aus „Lumen Gentium“ (Nr. 36) lässt sich „auch nur ansatzweise als Beleg für eine Teilnahme aller Getauften am Amt des Leitens, des Heiligens und des Lehrens interpretieren“ (S. 5).

Christus allein ist die Selbstoffenbarung Gottes

Vollkommen falsch ist folgende Aussage des „Orientierungstextes“ (§ 45): „So ereignet sich im Glaubenssinn der Gläubigen immer wieder neu eine Selbstmitteilung Gottes.“ Dagegen ist zu sagen: Christus allein ist die Selbstmitteilung Gottes. Schrift und Tradition interpretieren dieses Ereignis. Die sog. „Zeichen der Zeit“ können zu einem tieferen Verständnis von Schrift und Tradition beitragen. Sie sind aber niemals eine neue Selbstmitteilung Gottes. Darin sind sich alle christlichen Konfessionen einig. Dessen ungeachtet erklärt der „Orientierungstext“ des Synodalen Weges den Glaubenssinn der Gläubigen „zum Empfänger stets neu sich ereignender Offenbarung und zugleich zum Kriterium des Wahrheitsgehaltes von Schrift und Tradition“ (K.-H. Menke, S. 6). Der „Orientierungstext“ tendiert auch zu einer Verkehrung des Verhältnisses der Menschwerdung Christi und der Inspiration durch den Heiligen Geist. Die Offenbarung erfolgt – so der Grundlagentext des Synodalen Weges – „nicht mittelbar durch das Geschehen der Inkarnation und deren apostolische Bezeugung, sondern durch unmittelbare Eingebungen des Heiligen Geistes“ (Menke, ebd.). Der „Orientierungstext“ versucht, die sakramentale bzw. apostolische Vermittlung der in Christus offenbar gewordenen Wahrheit durch „geistgewirkte Unmittelbarkeit“ zu umgehen.

Kein gespanntes Verhältnis kirchlicher Autoritäten zum Lehramt

Der Umgang des „Orientierungstextes“ (§ 29) mit kirchlichen Autoritäten zeichnet sich durch Unverfrorenheit aus. Da heißt es z. B.: Die Kirchenlehrerin Katharina von Siena hat mit ihren Briefen an den Papst gezeigt, dass das „Fühlen mit der Kirche“ auch „eine konstruktive Kritik am Verhalten des Lehramtes nicht ausschließt.“ Die von keinem Historiker bezweifelte Wahrheit ist folgende: Die Briefe der heiligen Katharina haben die Verlagerung der päpstlichen Residenz nach Avignon kritisiert, nirgendwo aber „das Verhalten des Lehramtes“. Die Autoren des „Orientierungstextes“ behaupten auch, Thomas von Aquin habe aufgrund seiner innovativen theologischen Kraft „auf Kriegsfuß mit dem Lehramt gestanden“. Richtig ist: Seine Aristoteles-Rezeption führte zu einem Konflikt zwischen Dominikanern und Franziskanern. Ein gespanntes Verhältnis zum kirchlichen Lehramt kann man dem Aquinaten „sicher nicht andichten“ (Menke, S. 7)

Glaubensverständnis und Lebensform

Einen der zentralen Ausgangspunkte des Synodalen Weges bildet die unbestreitbare Tatsache, dass zentrale Gehalte des christlichen Glaubens bei vielen Menschen – außerhalb wie innerhalb der Kirche – auf Unverständnis stoßen. „Die entscheidende Frage ist jedoch, welche Lebensformen diesem Unverständnis zugrunde liegen“ (Prof. Ludger Schwienhorst-Schönberger, in: „Welt und Kirche“, S. 3). Dieser Gesichtspunkt wird im „Orientierungstext“ nicht thematisiert. Verstehen und Nicht-Verstehen sind abhängig von konkreten Lebensformen. Der „Orientierungstext“ geht „völlig undifferenziert davon aus, dass alle getauften und gefirmten Christen mit den Gaben des Heiligen Geistes reichlich beschenkt sind und folglich in Sachen des Glaubens gleichberechtigt mit allen anderen Gliedern der Kirche mitreden dürfen“ (ebd., 4). Für das Selbstverständnis der Moderne ist – so Schwienhorst-Schönberger – „das Kriterium der Kompetenz und nicht das der Zugehörigkeit entscheidend.“ Insofern bleibt der Synodale Weg hier – entgegen seinem Selbstverständnis – weit hinter der Moderne zurück.

Herausforderungen an die Pastoral

Bei den vom „Orientierungstext“ bemühten „Zeichen der Zeit“ geht es um Herausforderungen an die Pastoral, nicht um eine Neuformulierung der Glaubenslehre. Nach „Lumen Gentium“ (Nr. 12) ist der „Glaubenssinn“ übernatürlich und keinesfalls mit empirisch feststellbaren Auffassungen der Gläubigen zu verwechseln. „Er entsteht aus dem Glaubensgehorsam, in dem das Wort Gottes in der Lehre der Kirche in Ehrfurcht und Vertrauen aufgenommen wird“ (Prof. Andreas Wollbold, in: „Kirche und Welt“, S. 12). Ohne die Berücksichtigung dieser Charakteristika führt der Versuch, aus dem „Glaubenssinn“ eine Art Korrektiv zur geltenden Lehre zu machen, an der Auffassung des Zweiten Vatikanums vorbei. Im „Orientierungstext“ bleibt „nur noch ein Rumpf von Lehramt. Seine Letztverbindlichkeit, seine Autorität und sein Anspruch auf Glaubensgehorsam werden wortreich abgeschwächt“ (ebd.). Die Folgen einer solchen theologischen Grundlegung des Synodalen Weges sind Verweltlichung statt Selbstevangelisierung. Eine unvoreingenommene Analyse des „Orientierungstextes“ zeigt, dass sich die Theologie – sprich: einflussreiche Vertreter der heutigen Universitätstheologie – „nicht bloß über die Tradition, sondern auch über das Lehramt der Kirche“ (Prof. Berthold Wald, ebd., S. 15) stellen wollen. Das Ergebnis dieses Versuches ist „eine Verweltlichung der Kirche und ihres Glaubens“ (A. Wollbold).

 

Text: Domkapitular Prof. Dr. Josef Kreiml (Ansprechpartner für den Synodalen Weg im Bistum Regensburg) / (jw)
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