News Bild Weidener Caritas-Experte Dr. Stefan Gerhardinger zum fachlichen Austausch in der Republik Malta / Ehrengast beim Dinner der Staatspräsidentin

Weidener Caritas-Experte Dr. Stefan Gerhardinger zum fachlichen Austausch in der Republik Malta / Ehrengast beim Dinner der Staatspräsidentin

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Sichtlich beeindruckt kam Dr. Stefan Gerhardinger von seinem dienstlichen Aufenthalt in Malta zurück. Im Rahmen des von der Europäischen Union geförderten Caritas-Austauschprogramms CAPSO ist der Leiter der Weidener Beratungsstelle für seelische Gesundheit zweieinhalb Wochen in der Landeshauptstadt Valletta zu Gast gewesen. An zehn Werktagen im Juni lernte er in einem intensiven Programm die soziale Arbeit im südeuropäischen Inselstaat kennen. Sein Fazit: „Die Caritas in Deutschland ist gut und sinnvoll organisiert. Die caritative Idee, soziale Arbeit aus Liebe zum Mitmenschen zu tun, die habe ich bei den Kollegen der Caritas in Malta ganz stark gespürt. Wir haben viel voneinander zu lernen.“

Höhepunkt des Programms für den Gast aus Deutschland war die Einladung zum Dinner bei Marie Louise Coleira Preca, der Präsidentin der Republik Malta. Teilnehmer bei dem abendlichen Empfang waren auch 16 Mitglieder des Malta Community Chest Funds, einer finanziellen Förderungsorganisation für soziale Arbeit. Die Einladung als Ehrengast zeigt laut Gerhardinger den Stellenwert der Arbeit der Caritas auf Malta: Die katholische Kirche ist in der Republik mit einem Katholikenanteil von 97 Prozent bei sozialen Themen erster Ansprechpartner des Staates. Die kirchliche Sozialarbeit ist in Malta stark von ehrenamtlichem Engagement geprägt: In allen Einrichtungen und Diensten ist weit mehr als die Hälfte des Personals ehrenamtlich tätig. Die Caritas als Verband ist in Malta erst seit 1977 organisiert. Soziale Arbeit ist zu großen Teilen durch die Hilfeleistungen der Pfarrgemeinden getragen. Hilfesuchende finden in der Regel dort schnell Unterstützung. Ein System aus Sozialämtern, Jugendämtern und staatlich finanzierten Beratungsstellen wie in Deutschland gibt es in dem kleinsten Land der Europäischen Union nicht. Die größten sozialen Probleme des Landes sind der Drogenhandel und -konsum und die für das verhältnismäßig kleine Land hohe Anzahl an Flüchtlingen.

Zusatzinfo: Das von der Europäischen Union geförderte Austauschprogramm CAPSO (Caritas in Europe – Promoting Together Solidarity) hat zum Ziel, die soziale kirchliche Arbeit zwischen den europäischen Ländern stärker zu vernetzen. Bis Ende 2015 können insgesamt 32 Caritas-Mitarbeiter aus dem gesamten Bundesgebiet für jeweils zehn Werktage die Arbeit der europäischen Nachbarn kennenlernen. Koordiniert wird das Projekt von der Caritas in den Bundesländern Bayern, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Gegenbesuche und längerfristige Kontaktpflege zum Informationsaustausch sind geplant. Das Projekt steht im Rahmen des europäischen Programms für lebenslanges Lernen. Die persönlichen Lernergebnisse der Teilnehmer werden in einer gemeinsamen, europaweiten Datenbank gebündelt. Weitere Mitarbeiter der Caritas Regensburg besuchen in den nächsten Wochen Rumänien und Österreich. Mehr Informationen zum Programm CAPSO: www.caritas-bayern.de/27362.html 

Drei Fragen an Dr. Stefan Gerhardinger 


Herr Dr. Gerhardinger, welche Eindrücke bleiben bei Ihnen nach dem Besuch der Caritas in Malta hängen? 
Der Inselstaat Malta hat weniger Einwohner als die deutsche Caritas bundesweit Mitarbeiter. Das allein zeigt schon die Relationen: Viel weniger Menschen helfen in einem viel kleineren Umfeld. Ganz besonders beeindruckt haben mich die Motivation und das Engagement der Malteser. Sie beklagen zwar die Defizite in sozialem Management und Organisation, sie sind jedoch beeindruckend nah an der Idee der Caritas. Sie arbeiten für die Caritas, weil sie helfen wollen. Schlechtere Bezahlung nehmen sie dafür in Kauf. Die Ausstattung eines kirchlichen Altenheim auf Malta ist für deutsche Standards fast unvorstellbar: Vier-Betten-Zimmer, Nasszelle am Gang, die Bewohner sitzen tagsüber auf den Fluren. Ich konnte mich persönlich davon überzeugen. Aber: Niemand dort hat einen unglücklichen Eindruck gemacht, ganz im Gegenteil. Viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer verbringen Zeit mit den Bewohnern und schenken ihnen menschliche Zuwendung. Das hat mein Gefühl für Wertigkeiten in unserer professionellen Arbeit verändert. 

Verändern diese Erfahrungen Ihre Arbeit an der Beratungsstelle in Weiden?
Auch hierzu habe ich ein konkretes Beispiel vor Augen: In St. Julians, einem Touristenzentrum Maltas, wurde auf Initiative des Augustinerpaters Frater Hillary Tagliaferro eine „Millennium Chapel“ errichtet, ein Ort der Ruhe! Aber dort gibt es an diesem sozialen Brennpunkt der Stadt eine Essens- und Kleidungsausgabe für Bedürftige. Frater Tagliaferro ist an allen sieben Tagen der Woche dort anzutreffen. Rund 15 angehende Psychotherapeuten sind hier mit ihm im ehrenamtlichen Praxiseinsatz. Ganz unauffällig sind diese Berater einfach da. Und wenn jemand mit ihnen reden möchte, kann er das ohne lange Wartezeiten und Anmeldeformalitäten tun. Das ist bei uns nicht so leicht umsetzbar. Die Niedrigschwelligkeit dieses Angebots hat mich aber schon sehr beeindruckt. 

Zehn Tage sind für das Kennenlernen des Sozialsystems eines ganzen Landes nicht viel – wie sieht es mit der Nachhaltigkeit Ihres Besuches aus?
Im nächsten Jahr ist ein Gegenbesuch von Kollegen aus Malta geplant. Mit vielen Caritas-Mitarbeitern werde ich Kontakt halten, besonders zu Paul Vella Haber, dem ehrenamtlichen Caritas-Mitarbeiter, der mein Programm organisiert und mit mir die vielen Besuche in den Einrichtungen gemacht hat. Ich kenne viele Kollegen auf andere Ebene nur persönlich. Da ist es jetzt viel leichter, die europäischen Kollegen um Rat zu fragen oder Kontakte herzustellen. Die Malteser wollen wohl mittelfristig Frauenhäuser einrichten. Da bei uns diese Einrichtungen bereits gut etabliert ist, kann ich da schnell gute Kontakte herstellen. Wir bereichern uns gegenseitig, das ist wunderbar!