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Warum spirituelle Durststrecken zum Erwachsenwerden dazugehören
Religiöse „Pubertät“
Bonn/Regensburg, 19. Oktober 2026
Das Leben in den Zwanzigern ist ein tagtäglicher Hürdenlauf irgendwo zwischen Freiheitsdrang, Gefühlschaos, Selbstwerdung und melancholischer Verstimmung, die von jenen Kindertagen träumt, als man sich über all dies noch keine Gedanken machen brauchte. Und als ob dies nicht schon genug wäre, erscheint es Young Faith-Autor Simon gerade als Christ so, als wären etliche dieser Etappen auch mit spirituellen Durststrecken verbunden.
Bonn/Regensburg, 19. Oktober 2026
Das Leben in den Zwanzigern ist ein tagtäglicher Hürdenlauf irgendwo zwischen Freiheitsdrang, Gefühlschaos, Selbstwerdung und melancholischer Verstimmung, die von jenen Kindertagen träumt, als man sich über all dies noch keine Gedanken machen brauchte. Und als ob dies nicht schon genug wäre, erscheint es Young Faith-Autor Simon gerade als Christ so, als wären etliche dieser Etappen auch mit spirituellen Durststrecken verbunden.
Gerade die Frömmigkeitsformen, die bisher immer etwas in mir zum Klingen bringen konnten, verstummen oder verblassen zur reinen Äußerlichkeit. Ein ndermal, ganz unverhofft und plötzlich, wird eine religiöse Praxis bedeutend, die ich zuvor kaum beachtete, wenn nicht sogar belächelte.
Dieser Prozess des ständigen Verwerfens und Findens ist derart anstrengend, dass ich mich von Zeit zu Zeit in einen zentralen Gedanken Ratzingers Theologie flüchte, nach dem alle theologische Erkenntnis in einem kindlichen Gottvertrauen kumuliert. Und da ist sie schon wieder, die Melancholie, die Sehnsucht nach der Kindheit, in der alles noch so einfach war.
Hartmut Rosa entwirft in seinem Hauptwerk „Resonanz“ eine Soziologie der Weltbeziehung, die mir auch zur Erhellung unserer Gottesbeziehung fruchtbar zu sein scheint. Die aus der Physik entlehnte Metapher der „Resonanz“ drückt dabei diesen momenthaften, unverfügbaren vibrierenden Draht zwischen Subjekt und einem anderen (der „Welt“) aus. Im Resonanzgeschehen wird etwas in uns zum Klingen gebracht – ein Bild, das eine erfüllte Freundschaft, einen erholsamen Spaziergang, ein gutes Gebet sehr gut zu beschreiben vermag. Anders als es der physikalische Begriff impliziert, kann Resonanz nicht einfach willentlich hergestellt werden. Resonanz ereignet sich also nicht im Modus des Habens, sondern dem des Seins. Und doch gibt es – so Rosa – bestimmte Umstände, welche Resonanz befördern oder verhindern. Erstere Daseinsformen, welche solche Erfahrungen wiederholt ermöglichen, nennt Rosa Resonanzachsen.
Das Verstummen der Resonanzachsen
Das Erwachsenwerden (insbesondere die Pubertät) wird dadurch charakterisiert, dass eben die kindlichen Resonanzachsen verstummen. Als notwendige Folge erlebt der Mensch Entfremdung, eine Beziehung der Beziehungslosigkeit. Diese Entfremdung ist aber zugleich notwendige Bedingung, um sich eigenständig und individuell wieder auf die Suche nach Resonanz zu machen. Entfremdung und Resonanz stehen im Erwachsenwerden miteinander in produktiver Dialektik.
Übertragen auf das Glaubensleben ergibt sich zunächst, dass Ratzinger mit seiner Hochschätzung kindlichen Glaubens durchaus einen Punkt macht. Schon im Kindesalter können sich resonante Gottesbeziehungen ausbilden und dennoch verlangt es die Individuation dieser Beziehung, dass es dabei zu Entfremdungserfahrungen, also spirituellen Durststrecken kommt. Dies erst ermöglicht es, sich neue Resonanzoasen in der Gottesbeziehung zu erschließen. Ob es selbst entlang dieser Resonanzachsen tatsächlich zu Resonanzerfahrungen kommt, bleibt dabei stets unverfügbar. Dies macht wohl keine biblische Gebetsform so deutlich wie die der Klage. Sie ist der ringende Ausdruck des religiösen Pubertierens, einer Suche nach Resonanz, die nur Entfremdung findet.
Text: Simon Hoffmann/Young Faith
(kw)

Weitere Infos
Gedankenstrich ist ein neues Format von Young Faith, in dem abwechselnd vier junge Leute Texte zu aktuellen Themen verfassen, die sie beschäftigen.
Simon Hoffmann studiert im siebten Semester Katholische Theologie an der Universität Regensburg. Neben seinem Studium ist er als Organist in der Pfarrei Herz Jesu in Weiden tätig, wo er die musikalische Gestaltung der Liturgie mitverantwortet. Theologie begreift er nicht als rein akademische Disziplin, sondern als Frage, die mitten im Alltag gestellt und gelebt werden will.




