News Bild Vom Friedhofskircherl zur Dreifaltigkeitskirche: Amberger Pfarrei feiert 100jähriges Jubiläum
Vom Friedhofskircherl zur Dreifaltigkeitskirche: Amberger Pfarrei feiert 100jähriges Jubiläum

Eine steingewordene Botschaft

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Amberg, 10. Januar 2023

Die Amberger Pfarrei Hl. Dreifaltigkeit kann im Jahr 2023 auf ihr 100-jähriges Bestehen zurückblicken. Ein Blick in die Geschichte dieser Pfarrei eröffnet ein außergewöhnliches Bild von der Pfarrei und ihrer Pfarrkirche.

Peter Seidl hat sich intensiv mit der Geschichte der Pfarrei und der Dreifaltigkeitskirche auseinandergesetzt und dazu in diesem Jahr einen ersten Kirchenwegweiser seiner Art für die Pfarrkirche Hl. Dreifaltigkeit herausgegeben. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums entsteht derzeit auch eine Festschrift mit rund 200 Seiten, an der auch der Stadtarchivar und beste Kenner der Geschichte der Pfarrei und der Dreifaltigkeitskirche entscheidend mitwirkt. Im Vergleich zur spätgotischen Majestät der Basilika St. Martin, den barocken Überschwang der Georgskirche und der Bergkirche und der Leichtigkeit des Rokoko in der Schulkirche, wirkt die Dreifaltigkeitskirche eher schlicht auf den ersten Blick. Die Mischung zwischen stilisiertem Barock und beginnender Moderne erfordert ein bestimmtes Einfühlungsvermögen. „In den Stadtführern von Amberg bleibt die Dreifaltigkeitskirche weitgehend unerwähnt und gilt somit als Aschenputtel unter Ambergs Kirchenbauten“, berichtet Peter Seidl. Dennoch hat die Dreifaltigkeitskirche einige Alleinstellungsmerkmale, denn sie ist die einzige Kirche in Amberg, die nicht nur einer Pfarrei, sondern einem ganzen Stadtviertel seinen Namen gegeben hat. Sie war auch die erste Kirche, die als Ensemble mit angrenzendem Pfarrhaus, Jugendheim und Kindergarten geplant wurde, sodass die sozialen Aspekte des Lebens in räumlicher Nähe am Gotteshaus angesiedelt sind.

Mit dem angrenzenden Friedhof begleitet die Pfarrkirche die Pfarrfamilienmitglieder buchstäblich von der Wiege bis zum Grab. Peter Seidl bezeichnet die Dreifaltigkeitskirche eine „Stein gewordene Botschaft“, die nicht mit dem Geld reicher Gönner verwirklich wurde. Nach seinen Aussagen sei sie als Kirche in einem Arbeiterviertel entworfen worden, in Zeiten von Not, Inflation und politisch-gesellschaftlichen Umwälzungen. Die Dreifaltigkeitskirche gelte als arme Kirche, deren Bau von permanenter Geldnot geprägt gewesen war, denn sie sei mit kleinen und kleinsten Spenden der Pfarrangehörigen finanziert worden. „Als bedrängte Kirche ist sie mit Kunstwerken ausgestattet worden, in einer Zeit des religionsverachtenden Nationalsozialismus“, ergänzt Peter Seidl.

Verdoppelung der Bevölkerung zur Zeit der Industrialisierung

Ein Blick in die Geschichte der Pfarrei zeigt, dass ihre Anfänge viel weiter als 100 Jahre zurückreichen, denn die Dreifaltigkeitskirche hat eine mit dem Dreifaltigkeitskircherl oder auch als Friedhofskircherl bekannt, eine Vorgängerin aus dem Jahr 1516. Sie ist der letzte Kirchenbau aus der vorreformatorischen Zeit und gehörte zum „Mannsiechenhaus“, das vor den Toren der Stadt an der Gabelung der alten Straßen nach Regensburg und Nabburg den männlichen Leprosenkranken, abgesondert von der Bevölkerung, Zuflucht bot. Zwischen 1918 und 1923 erfolgte die Gründerzeit der Pfarrei Hl. Dreifaltigkeit. In früheren Zeiten war der Stadtkern mit den Pfarreien St. Georg und St. Martin bestens abgedeckt. Mit der Anbindung der Stadt an das Eisenbahnnetz von 1859 begann auch die Industrialisierung mit der Ansiedlung der Emailfabrik der Gebrüder Baumann und der Gewehrfabrik. In der sogenannten Gründerzeit zwischen 1871 und 1914 verdoppelte sich die Einwohnerzahl Ambergs auf 25 000.

Die Neubürger waren vorwiegend ärmere Leute aus dem ländlichen Umfeld, die im Südosten der Stadt in den neu errichteten Arbeiterwohnungen unterkamen. Die katholische Kirche musste sich dieser Entwicklung stellen, um die Neubürger nicht an die erstarkende atheistische, sozialistische bzw. sozialdemokratische Bewegung zu verlieren. Nach dem Überwinden einiger Hindernisse lagen alle Genehmigungen zur Neugründung einer Pfarrei aus Rom und vom Bayerischen Kultusministerium im Jahr 1923 vor, sodass Bischof von Henle am 18. Juli 1923 die Stiftungsurkunde für die Pfarrei Hl. Dreifaltigkeit ausstellen konnte. Im November 1923 nahm Pfarrer Andreas Drexler seinen Dienst als Seelsorger und Priester hier auf. „Die neue Pfarrei war gegründet, doch ihr dringendstes Problem zeigte sich jeden Sonntag und mehr noch bei den Hochfesten, denn die zahlreichen Gläubigen sprengten die Platzkapazität im Dreifaltigkeitskircherl, das ursprünglich für die 30 Leprosen ausgerichtet war. Einige Jahre gingen ins Land, bevor dann die Dreifaltigkeitskirche von 1926 bis 1928 realisiert wurde. Die Innenausstattung erfolgte aufgrund der permanenten Geldnot erst 1930 bis 1938“, informiert Peter Seidl. 

Text und Fotos: Adele Schütz/jas