News Bild Vom Allgäu nach Afrika: Aus dem Tagebuch einer Missionarin auf Zeit
Vom Allgäu nach Afrika: Aus dem Tagebuch einer Missionarin auf Zeit

Veronikas Mission - Teil II

Home / News

Masaka/Ruanda, 16. November 2022

Veronika Wetzel ist 22 Jahre alt und stammt aus Waltenhofen im Oberallgäu. Sie beschreibt es als Kindheitstraum, als „Missionarin auf Zeit“ zu wirken. „Mein Wunsch war bereits damals, nach Afrika zu gehen. Meine Motivation für dieses Jahr war und ist vor allem durch das Mitleben im Konvent in meinem Glaubensleben zu wachsen, durch die Konfrontation und den Austausch mit einer anderen Kultur zu lernen, meine eigenen Perspektiven zu hinterfragen …“. Seit Anfang September ist sie nun tatsächlich als „Missionarin auf Zeit“ in Ruanda bei den Pallotinerinnen. Regelmäßig nimmt uns Veronika mit auf ihre Reise und berichtet in den nächsten 12 Monaten über ihre Erfahrungen und Gedanken bei diesem außergewöhnlichen Einsatz für die Menschen und die katholische Kirche. Hier folgt ihr zweiter Tagebucheintrag.
 

Mit den Kindern beim Spielen in der Vorschule nach dem Unterricht.

Ein Hauch von Heimat

Ich fahre mit dem Motorrad-Taxi zurück zu den Schwestern. Bevor wir die Abbiegung nach Masaka erreichen, weiß ich schon, wo wir hinmüssen, es fühlt sich fast so vertraut wie nach Hause fahren an. Wie schnell man sich an einem fremden Ort zu Hause fühlen kann, wie schnell man sich an bisher ungewohnte Lebensbedingungen gewöhnt, überrascht mich. Seit zwei Monaten bin ich jetzt hier, die sich einerseits schon wie eine Ewigkeit anfühlen, die andererseits aber super schnell vergangen sind. Inzwischen habe ich mich eingelebt, weil ich jetzt einen festen Alltag habe: Ich stehe um 6:15 Uhr auf, frühstücke, bete, gehe in die Vorschule, esse Mittag bei den Schwestern und montags, dienstags und donnerstags unterrichte ich dann in der Grundschule im englischen Zweig Kunst. Danach mache ich meistens noch Sport, lese, mache mein Abendgebet und gehe ins Bett.

Für den Besuch einer polnischen Hilfsorganisation hat die St. Vincent Pallotti-Schule Masaka ein beeindruckendes Programm auf die Beine gestellt: Von Karate-Kampfkünsten, einer Modenschau bis hin zu einem Chemie-Experiment war alles geboten.

Spontane Prüfungen

Was mir das Einleben ein bisschen erschwert hat: Ich wurde in der Vorschule in ziemlich vielen verschiedenen Klassen eingesetzt. Zuerst war ich in der Mittelstufe (bei den 3-/4-Jährigen), in der es drei Klassen gibt, und habe vor allem in zwei Klassen Englisch unterrichtet, jetzt bin ich in erster Linie in der oberen Stufe (bei den 4-/5-Jährigen), wo ich Hausaufgaben vorbereite und korrigiere und Plakate gestalte, und gebe in der mittleren Stufe Kunstunterricht, damit die Kleinen erst einmal lernen, wie man einen Stift hält – was den Kunstunterricht etwas schwierig macht. In der Grundschule war inzwischen auch die erste Testwoche – das heißt, in einer Woche werden in jedem Fach und in jeder Klasse Tests geschrieben. Meine „Mit-Freiwillige“ Emma und ich haben das aber erst an dem Tag erfahren, an dem die Tests begonnen haben – also mussten wir beide für Kunst und Musik spontan Tests zusammenstellen, die wir dann auch benoten mussten. Man lernt hier definitiv Spontaneität und Flexibilität.

Batwa-Frauen tanzen bei der Schuleröffnung der neuen Grundschule der Pallottinerinnen in Ruhango.

Was mich nachdenklich gemacht hat …

Der Alltag wechselt sich bei den Schwestern mit vielen Festen ab – neulich haben wir Schwester Dominique aus Polen verabschiedet, die nach 40 Jahren im Kongo nach Frankreich entsendet wird. Auch viele Gäste kommen und gehen bei den Schwestern. Zuletzt waren sechs Mitarbeiter von einer polnischen Hilfsorganisation hier, die teilweise die Schulgebühren von Kindern finanziert, die sich den Schulbesuch sonst nicht leisten könnten. Für den Besuch der Polen hat die Schule ein breites Programm auf die Beine gestellt: Erst wurden die Gäste musikalisch von der Schulkapelle begrüßt, dann mit ruandischer Trommel-Musik, im Chemie-Labor hat ein Lehrer ein Experiment vorgeführt, danach haben die Schüler die Besucher in den Museums-Raum geführt, wo die traditionelle Lebensweise der Landsleute nachgestellt wird. Die Karate-Akademie hat ihre Kampfkünste präsentiert, der Fashion-Design Workshop eine Modenschau veranstaltet und die Tanz-Akademie einen Flashmob aufgeführt. Der Tag hat mich mit einem zwiegespaltenen Gefühl zurückgelassen: Einerseits war ich wirklich beeindruckt von dem Programm und stolz auf die Schüler, insbesondere, weil ich wusste, dass das Programm erst am Tag vorher zusammengestellt wurde. Und es hat mich echt dankbar gemacht, dass ich an dieser tollen Schule mitarbeiten darf.   

Am einzigen kirchlich anerkannten Wallfahrtsort Afrikas in Kibeho.

Aber andererseits fand ich das Auftreten der Hilfsorganisation zumindest fragwürdig: Die Mitarbeiter haben viele Fotos mit den Kindern gemacht – mit Kindern, zu denen sie keine Beziehung haben, deren Namen sie nicht einmal kennen. Fotos, die sie nur als großzügige Wohltäter dastehen lassen, die bedürftigen Kindern helfen. Außerdem haben sie eine Kamera von Nikon als Geschenk mitgebracht – für die Firma sollten die Kinder dann in einem Video sagen, warum sie gern fotografieren und sollten direkt damit Bilder machen – auch um Videos für Nikon zu bekommen. Offensichtlich exzellentes Wohltätigkeitsmarketing für die Firma. Und das ganze Programm hat letztendlich auch ein bisschen wie eine große Show gewirkt, die aufgeführt wurde, um die Geldgeber aus Europa zu beeindrucken und zu zeigen, dass es gut investiertes Geld ist, das für die Schule ausgegeben wird. Auch wenn ich die an sich durchaus sinnvolle Arbeit der Organisation nicht abwerten möchte – eine Begegnung auf Augenhöhe war der Besuch nicht.

Von Marienerscheinungen, Kässpatzen und der Deutschen Botschaft

Danach durfte ich die Hilfsorganisation ein paar Tage lang begleiten, was neben weiteren Momenten, die ich kritisch gesehen habe, viele interessante Begegnungen und Eindrücke ermöglicht hat. Emma und ich waren bei der Eröffnung einer neuen Schule der Schwestern in Ruhango, haben dort auch ein Dorf der Batwa-Leute besucht, die traditionell von der Herstellung von Töpferwaren und von Landwirtschaft leben. Sie wohnen normalerweise am Rand von Dörfern in einer kleinen Siedlung mit einfachen Häusern wohnen, die maximal aus zwei Räumen bestehen. Außerdem waren wir am einzigen kirchlich anerkannten Marienwallfahrtsort Afrikas in Kibeho, wo wir sogar eine der Frauen getroffen haben, die eine Marienerscheinung hatte. Danach haben wir noch das King’s Palace Museum besucht, wo die traditionelle Lebensweise des Königs nachgestellt wurde – und wie er während der Kolonialzeit gewohnt und gelebt hat. Um uns mit anderen Freiwilligen aus Deutschland über unsere Erfahrungen auszutauschen, waren Emma und ich außerdem bei einem Treffen der Deutschen Botschaft in Ruanda, bei dem wir sogar den Botschafter getroffen haben und ich etwas über die deutschen Entwicklungsprojekte in Ruanda erfahren konnte. Auch wenn ich die vielen neuen Eindrücke hier genieße, war es schön, ein Stück Deutschland, ein Stück Heimat bei dem Treffen zu erleben. Ein Stück Heimat haben Emma und ich uns auch nach Ruanda geholt, indem wir Kässpatzen für die Schwestern gemacht haben. Ohne Spätzlehobel eine Herausforderung, aber nicht unmöglich. Wir haben den Teig einfach durch eine Käsereibe gestrichen.

Mit meiner "Mit-Freiwilligen" Emma bei der deutschen Botschaft.

Das Größte sind die kleinen besonderen Momente im Alltag

Aber die wertvollsten Erfahrungen sind für mich die scheinbar kleinen Momente im Alltag. Zum Beispiel hat sich neulich ein Vater von einem Kind in der Vorschule bei mir bedankt, dass ich die Kinder so gut erziehe, weil ich sehr darauf geachtet habe, dass die Kinder ihre Stühle aufräumen und sich anständig von der Klasse und mir verabschieden. Weil ich anfangs etwas frustriert war, weil die Kinder nicht sonderlich gut auf mich gehört haben und ein paar Eltern sich beschwert haben: Zum Beispiel, weil ich die Stühle der Kinder aufgeräumt habe und sie das nicht selber machen mussten oder die Kinder teilweise ihre Schulpullis in der Schule vergessen haben, hat mich die Wertschätzung umso mehr gefreut und ermutigt.

Kühe sehen hier anders aus ...

Ein anderes Highlight: In der Klasse, in der ich anfangs am meisten war, gibt es einen Jungen mit einer geistigen Behinderung, der sich mit dem Lernen sehr schwertut und auch oft nicht richtig versteht, was man ihm sagt. Im Französischunterricht hat der Lehrer ihn dann ermutigt, dass er einen Sticker bekommt, wenn er es schafft, die Selbstlaute, die an der Tafel standen, vorzulesen. Nachdem er es ein paar Mal nicht geschafft hat, hat es dann irgendwann doch geklappt – und die ganze Klasse hat applaudiert und sich mit ihm gefreut.

Lesen Sie hier Veronikas Tagebuch, Teil I.

Text und Fotos: Veronika Wetzel und privat/jas