News Bild Verleihung der Ehrendoktorwürde der Kardinal-Stefan-Wyszynski-Universität - Dankansprache von Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller

Verleihung der Ehrendoktorwürde der Kardinal-Stefan-Wyszynski-Universität - Dankansprache von Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller

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Magnifizenz,
Spektabilitäten,
Meine sehr geehrten Damen und Herren!

In dieser bewegenden Stunde möchte ich mich ganz herzlich bedanken für die Ehre des Ehrendoktorates, die Sie mir an der Universität Kardinal Wyszynski haben zuteil werden lassen. Ich sage ein herzliches Vergelt’s Gott, wie es im katholischen Bayern guter Brauch ist. Wenn Sie diese Auszeichnung einem katholischen Theologen und Bischof deutscher Nationalität zuerkennen, berühren Sie zwei Ebenen, die wir unterscheiden müssen, die aber in einem übergreifenden Zusammenhang aufeinander bezogen sind. Ich meine zum ersten die nationale Ebene mit der geschichtlich leidvollen Beziehung zwischen dem deutschen und dem polnischen Volk und zum andern die Ebene der universalen Kirche mit der verbindenden Kraft des Glaubens an den dreieinigen Gott, der unser aller Schöpfer und Vater ist. Wer an ihn glaubt, und von der Wirklichkeit und Wahrheit seiner Menschwerdung in Jesus Christus und der Ausgießung seines Geistes der Liebe auf das ganze Menschgeschlecht durchdrungen ist, der weiß, dass es nur eine Zukunft für uns alle auf dem Planeten Erde gibt, eine Zukunft die Respekt, Versöhnung und Freundschaft heißt.

Obwohl Deutschland und Polen der gleichen abendländischen Kulturgemeinschaft angehören und die beiden Völker seit tausend Jahren Nachbarn sind, ja sogar in den Grenzregionen teilweise sich eine Symbiose herausgebildet hatte, ist das Verhältnis zur Nation und zur universalen Kirche asymmetrisch, ja geradezu gegenläufig.

Polen kann sich im Verhältnis zu seinem westlichen und östlichen großen Nachbarn nur als Opfer ansehen, die mit den völkerrechtswidrigen polnischen Teilungen im späten 18. Jahrhundert die nationale, kulturelle und religiöse Identität Polens aufs Schlimmste gefährdet hatten. Die katholische Religion und die polnische Nation wuchsen innerlich so zusammen, dass die Katholizität der entscheidende Erhaltungsfaktor Polens wurde. Zugleich stellt der Katholizismus den Anker dar, mit dem Polen vermittels der Prinzipien von Humanität und Universalität mit der weltweiten katholischen Kirche und der Menschheit überhaupt verbunden blieb. Der polnische Katholizismus kann heute nach der Wiedererstehung der Nation im Jahre 1918 und nach dem doppelten Erlebnis der Befreiung von der deutsch-faschistischen und sowjet-russischen Okkupation in den Jahren 1945 und 1989 zurecht stolz sein auf seine identitätsstiftende Kraft für die polnische Nation ohne dass der katholische Glaube durch eine Art von ideologischer Rechtfertigung eines aggressiven Nationalismus diskreditiert wäre.
Ein deutscher Katholik hat ein ganz anders Verhältnis zu seiner Nation und zur universalen Kirche und über sie zur Menschheitsfamilie, wie es, so meine ich, für einen Polen nicht leicht verständlich ist.

Seit der protestantischen Reformation gibt es keine deutsche Identität mehr, die sich über die gemeinsame Religion definiert. Jahrhunderte lang haben sich die Deutschen durch ihre landsmannschaftliche Zugehörigkeit in dem konfessionellen Territorium definiert innerhalb Deutschlands, das in 300 souveräne Staaten zerfallen war. Die nationale Einigung unter Ausschluss des katholischen Österreich geschah 1871 unter den Vorzeichen des protestantischen Preußens. Die Katholiken- knapp 30% der Reichsbevölkerung- wurden als kulturell-geistig inferior und fortschrittsfeindlich denunziert und wegen ihrer Romtreue als national unzuverlässig verdächtigt. Katholizismus und Deutschsein wurden als Widerspruch hingestellt. Und die Propagandaparole, dass ein Katholik kein guter Deutscher und ein deutscher Untertan nicht katholisch sein könne, zieht sich von Bismarcks Unterdrückungsstrategie im Kulturkampf bis zum Vernichtungswillen Hitlers im Kirchenkampf des Dritten Reiches.

Die Deklassierung der Katholiken im Deutschen Reich Bismarcks und Kaiser Wilhelms II. hat die Sympathien im katholischen Deutschland für die national und religiös bedrängten Polen zumindest im preußisch und russisch besetzten Teil seit dem 19. Jahrhundert begründet.
Um der Aufgabe einer aus den Tiefen des geschichtlichen Raums gewachsenen Identität Deutschlands und Polens gerecht zu werden, darf aber auch die neue demokratische Identität der Deutschen seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland nicht ausgeblendet werden.

Zuerst im Westen und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Gesamtdeutschland hat sich ein neues Selbstverständnis herausgebildet: Wir identifizieren uns mit der pluralistischen Demokratie und machen die Erfahrung einer ungehinderten Gemeinschaft mit den Menschen anderer Nationen in der europäischen Völkergemeinschaft und mit den Glaubensbrüdern in der universalen Kirche.
Kein einziger der heute in Deutschland lebenden Katholiken würde sich wegen seines katholischen Glaubens als schlechter Deutscher empfinden oder verdächtigen lassen. Der Beitrag der Katholiken zu einem deutschen Rechtsstaat ist beträchtlich. Obwohl wir deutschen Katholiken Opfer der Kirchenfeindschaft des atheistischen Nationalsozialismus und des Kommunismus waren, leugnen wir nicht die historische Schuld an den Verbrechen unserer Landsleute: den millionenfachen Mord an den europäischen Juden in deutschem Namen auf polnischem Territorium und das Leid, das von Deutschen Polen zugefügt worden ist. Ebenso wenig können wir als Christen und Mitmenschen gefühllos bleiben gegenüber dem furchtbaren Leid, das unschuldigen Menschen bei der Vertreibung aus ihrer Heimat nach 1945 im Osten des damaligen Deutschlands und im Osten des damaligen Polens zugefügt worden ist. Aber zugleich darf jeder sich von den großen kulturellen Schöpfungen und Leistungen der eigenen Landsleute in Wissenschaft und Kunst, Politik und Wirtschaft bilden und prägen lassen.
Den Katholiken in Deutschland und Polen wächst somit die geschichtliche Chance zu, das historische Gedächtnis der beiden Nationen im Herzen Europas zu reinigen und als freundschaftlich verbundene Nachbarn zum Schrittmacher für ein Europa zu werden, das um die Gefährdung seiner christlichen Wurzeln und damit seiner an den Prinzipien der Humanität ausgerichteten Kultur weiß. Hier kann eine wirksame Gegenkraft gegen die Dekadenz eines öden Materialismus und gegen die Renaissance eines ökonomischen und gar militärischen Neoimperialismus entstehen.

Die Verdienste der deutschen und polnischen Katholiken für die Aussöhnung der Völker in Europa sind unbestritten. Ein Weg führt vom Briefwechsel von 1965 – den Stefan Kardinal Wyszynski mit großer Energie mitgestaltete - mit den berühmten Worten „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung“ bis zur Gemeinsamen Erklärung der beiden Bischofskonferenzen im vergangenen Jahr in Fulda und Breslau (1). Was geschehen ist an wechselseitiger Hilfe und Solidarität, an Initiativen der Versöhnung, familiären Begegnungen, an Jugendaustausch und persönlichen Freundschaften in der Zwischenzeit, ist kaum noch zu überblicken. Man kann es nur dankbar als Geschenk Gottes entgegen nehmen. Vor allem möchte ich auch danken, dass in meinem Bistum viele polnische Priester und Ordensleute segensreich in der Seelsorge wirken und uns in Deutschland über die Durststrecke des Priestermangels hinweghelfen, der dem säkularistisch verkürzten Menschenbild des westlichen Naturalismus angelastet werden muss. Ist es nicht ein Wink der Vorsehung Gottes, dass auf den großen Johannes Paul II. Benedikt XVI. folgte, die beide persönlich befreundet waren und die, jeder in seiner Art, das katholische Polen und das katholische Deutschland von heute verkörpern? (2) Viele sehen zurecht in der Freundschaft der beiden Päpste, die das universale Hirtenamt der Kirche darstellen, das Symbol der polnisch-deutschen Aussöhnung, die in die Zukunft weist.

Das Katholische in beiden Völkern überwindet Grenzen und Schranken. Es verhindert, im Licht der Erlösungstat Christi, ein historisches Aufrechnen und führt Träume von früherer Größe auf das Maß der Realität zurück. Wer um die transzendente Dimension von menschlicher Sünde und göttlicher Gerechtigkeit weiß, der wird nicht um den Preis neuen Unrechtes innerweltlich sich selbst Gerechtigkeit verschaffen wollen. Eine von Menschen selbst hergestellte individuelle und kollektive absolute Gerechtigkeit ist unmöglich. Und keiner kann Sünden vergeben als Gott allein. Und darum steht alles Bemühen um Frieden und Ausgleich, selbst der Einsatz der Kirche als Zeichen und Werkzeug für die Einheit der Menschheit unter eschatologischem Vorbehalt. (LG 1)
Und darum gilt: Zur Erkenntnis der letzten Tiefe historischer Zusammenhänge, mit der Schuld von Menschen und Völkern aneinander, kommen wir nur, wenn die theologische Perspektive zum Tragen kommt: „Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus.“ (Röm 3,23f)
Was Paulus im Hinblick auf Juden und Heiden sagt, das gilt um so mehr für die beiden Bruder-Völker in Polen und Deutschland, die ohne Wiederbegegnung in denselben christlichen Wurzeln herabsinken würden in die kulturelle Bedeutungslosigkeit eines Konsumraumes: „Christus stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet.“ (Eph 2,15f).

Ich möchte mit den Worten des II. Vatikanums schließen, wo in der Konst. Gaudium et spes der Zusammenhang von nationaler Verankerung und universaler Sendung der Kirche entfaltet wird: „Die Einheit der menschlichen Familie wird durch die Einheit der Familie der Kinder Gottes, die in Christus begründet ist, in vielerlei Hinsicht gestärkt und erfüllt.“ (GS 42)
Obwohl die Sendung der Kirche unmittelbar darauf zielt, den Menschen zu Gott hinführen „fließen aus eben der religiösen Sendung Auftrag, Licht und Kraft, um der menschlichen Gemeinschaft zu Aufbau und Festigung nach göttlichem Gesetz hilfreich zu sein.... Da sie weiterhin kraft ihrer Sendung und Natur an keine besondere Form menschlicher Kultur und an kein besonderes politisches, wirtschaftliches oder gesellschaftliches System gebunden ist, kann die Kirche kraft dieser ihrer Universalität ein enges Band zwischen den verschiedenen menschlichen Gemeinschaften und Nationen bilden.“

Am Ende schließlich steht noch einmal der Dank: dass Sie ein Zeichen setzen für die religiöse und kulturelle Verbindung unserer beiden Völker, die seit einigen Jahren zur treibenden Kraft geworden sind für ein sich neu orientierendes Europa, das seine große Zukunft auf das Fundament stellt, das allen Menschen Sinn und Heil schenkt: Jesus Christus, der Sohn der Jungfrau Maria, die Sie verehren als Regina Poloniae und wir im katholischen Süden Deutschlands als Patrona Bavariae.



Anmerkungen:
(1) Umfangreich dokumentiert von der Deutschen Bischofskonferenz wurde die Erinnerung an den 40. Jahrestag des Briefwechsels im Jahr 2005: Vgl. Polnische Bischofskonferenz/Deutsche Bischofskonferenz, Gemeinsame Erklärung aus Anlass des 40. Jahrestages des Briefwechsels von 1965, Fulda 2005; Karl Kardinal Lehmann, Predigt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz beim gemeinsamen Pontifikal-Gottesdienst der Deutschen und Polnischen Bischofskonferenz am 21. 09. 2005 in Fulda.
(2) Als ein Dokument dieser geistlichen Verbundenheit möchte ich die Ansprache Papst Benedikt XVI. erwähnen, die er am 25. Mai 2006 in der Kathedrale von Warschau bei seiner Begegnung mit dem polnischen Klerus gehalten hat: „Ich bin nach Polen gekommen, in das geliebte Vaterland meines großen Vorgängers Johannes Paul II., um ... aus dieser Atmosphäre des Glaubens zu schöpfen, in der ihr lebt.“