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Zur Neuigkeit
Prof. Kreiml über Spuren des Heiligen
Das Ganze im Fragment
Regensburg, 27. Mai 2026
Auch in den Lebenswelten von heute gibt es Spuren des Heiligen: Momente, in denen der säkulare Horizont über sich selbst hinausweist, und Erfahrungen menschlicher Selbsttranszendenz, die klar machen, dass das, was ist, nicht alles ist. In Kunst, Literatur, Musik und Architektur lassen sich Aspekte der Fülle erfahren.
Jan-Heiner Tück, geboren 1967, der Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien ist, geht in den „Miniaturen“ seines Buches „Minima Theologica. Spuren des Heiligen heute“ (Verlag Herder, Freiburg 2025) verstreuten Spuren des Sakralen nach, um den Sinn für die kulturelle Präsenz des Heiligen zu schärfen. In seinen 40 kurzen Texten versucht Prof. Tück, anhand bestimmter Alltagsspuren und Reflexionen gleichsam „das Ganze im Fragment“ aufscheinen zu lassen. Unverhofftes Glück, nachdenklich stimmende Unterbrechungen des täglichen Lebens, Erfahrungen der Vergeblichkeit und Einbrüche von Ohnmacht lassen nach einer rettenden Macht fragen.
Michelangelos Pietà – das Kunstwerk eines 24-Jährigen
Nur auf wenige Texte kann im Folgenden eingegangen werden: In der Betrachtung „Der Blick der Gnade“ (Michelangelos Pietà – gesehen mit den Augen von Robert Hupka) berichtet Tück davon, dass der jüdische Fotograph Robert Hupka (1909-2001), der später zur Katholischen Kirche übergetreten ist, 1964/65 die Erlaubnis erhielt, Michelangelos berühmte Skulptur zu fotografieren. Nächtelang hat er die Pietà aus unterschiedlichen Blickwinkeln in jeweils unterschiedlicher Beleuchtung eingefangen. Seine zahlreichen wunderbaren Aufnahmen machen sichtbar, dass „das Kunstwerk des 24-jährigen Michelangelo selbst ein Wunder ist“. Kardinal Christoph Schönborn hat den schon schwerkranken Fotographen, mit dem er befreundet war, 2001 in New York noch einmal besucht. An der Wand des Zimmers hing ein Bild mit dem Gesicht der Pietà. Am Ende des Besuchs und in dem klaren Bewusstsein, ein für allemal Adieu sagen zu müssen, sagte der Kardinal, auf das Gesicht der Pietà an der Wand verweisend: „Wenn nun bald der Augenblick kommt, wo du gehen musst, dann wirst du sehen, wie sie ihre Augen öffnet – und du wirst sehen, wie es sich anfühlt, von ihr angeschaut zu werden“ (Tück, S. 22).
Schätze der Tradition
In seinem Text „Anwalt des Unzeitgemäßen“ (S. 180-186) weist Jan-Heiner Tück darauf hin, dass Botho Strauß „zu den wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“ gehört. In seinen Aufzeichnungen ist Strauß „als wacher Diagnostiker hervorgetreten, der einen Sinn für die brachliegenden Schätze der Tradition, aber auch eine punktgenaue Wahrnehmung für die Risse im Gehäuse der Immanenz hat“ (Tück, S. 180). Strauß ist ein transzendenzsensibler Schriftsteller, „der das Unaussprechliche als mitlaufende Dimension nicht nur der Wirklichkeit, sondern auch der Sprache im Blick hat“ (ebd., S. 181). Die soziologischen Theorien der westlichen Moderne, dass mit dem Fortschritt von Wissenschaft und Technik die Quellen der Religion versiegen würden, sind selbst in die Krise geraten. Die Bindekraft der Kirchen schwindet zwar und der gesellschaftliche Individualismus setzt den religiösen Gemeinschaften zu. Dennoch flackert Religion auf in den vielfältigen Suchbewegungen von Menschen, die sich mit ihrer „transzendentalen Obdachlosigkeit“ nicht abfinden wollen. Botho Strauß spricht von „sakramentaler Identität“. In seinem Werk „Die Fehler des Kopisten“ (1997) schreibt der Schriftsteller: „Unwahrscheinlicher als Jesus Christus ist nichts. Einen tieferen Glauben als den christlichen kann auch heute kein Mensch erlangen.“
Verstörende Jenseitswelten von Hieronymus Bosch
In der Gallerie dell`Accademia von Venedig hängen inmitten venezianischer Meister vier Bilder von Hieronymus Bosch (1450-1516): endzeitliche Skizzen, die ausloten, was nach dem Tod kommen könnte. Bosch nähert sich dem dunklen Geheimnis des Todes. Die Jenseits-Bilder von Hieronymus Bosch stammen aus einer anderen Zeit. Sie setzen einen markanten Kontrapunkt zum „anything goes“ spätmoderner Lebenswelten heute. Es ist nicht egal, was wir tun und was wir lassen. Der eschatologische Horizont, den Bosch an der Schwelle zur Neuzeit so plastisch-verstörend aufreißt, ist inzwischen weithin verblasst. Geblieben ist die Sehnsucht nach Gerechtigkeit – gerade für die Opfer und Marginalisierten. Die Ambivalenz der Moderne besteht darin, dass die Fortschrittsgeschichte in Wissenschaft und Technik, das Licht der Aufklärung mit einem dunklen Schatten der Ausbeutung und Schuld verbunden ist. Der Hochmut der Moderne kommt vielleicht am stärksten darin zum Ausdruck, dass sie das letzte Gericht, die Aussicht auf ein himmlisches Paradies in die Zukunft umgebogen hat. Karl Marx wollte das „Reich Gottes ohne Gott“ (Hans Maier) durch eine klassenlose Gesellschaft heraufführen, und seine Anhänger haben bei dem Versuch, das Paradies auf Erden zu errichten, höllische Zustände geschaffen. Heute versprechen die Propheten des Transhumanismus, erst der Maschinenmensch habe ein Kraut gegen den Tod.
Das letzte Bild Rembrandts
Warten, wenn warten sinnlos scheint. Der Messias soll schon so lange kommen, dass man sich daran gewöhnt hat, dass er nicht kommt. Ruhig zitiert man die Propheten und ihre Verheißungen – bleibt aber ohne innere Unruhe, dass das Unberechenbare eintrete. Man richtet sich lieber ein in der Welt, überlässt sich Tag für Tag der Chronologie des Kalenders. Die apokalyptische Glut ist erloschen. Alt, aber voller Erwartung sind die biblischen Figuren Simeon und Hanna – Gestalten des Wartens mit messianischem Klang, die im Gedächtnis der Kirche aufbewahrt sind. Sehr viel liegt hinter, fast nichts mehr vor ihnen. Und dennoch haben sie nicht aufgehört, auf die Zukunft zu setzen. Als ein junges Paar aus Galiläa zum Jerusalemer Tempel kommt, um die Bestimmungen des Gesetzes (Tora) zu erfüllen, wird dem greisen Simeon gezeigt, was er so lange ersehnt hat. Ganz außer sich spricht er die Worte: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen.“ Das letzte Bild, das man bei Rembrandt (1606-1669) auf der Staffelei gefunden hat, ist dieser Szene gewidmet. Es trägt schlicht den Titel „Simeon im Tempel“. Auch Rembrandt hat, als er die Szene malt, einiges hinter sich. Früh hat er als Maler Erfolge gefeiert, früh hat er aber auch die Bitternisse des Lebens erfahren. Alt, allein, hochverschuldet – und doch nicht ganz ohne Hoffnung verbringt er die letzten Jahre in Abgeschiedenheit. Die Furchen im Gesicht, die melancholisch gebrochenen Augen in den späten Selbstporträts zeigen die Spuren von Leid im Leben. Aber das letzte Bild (vgl. S. 192), das nur fast fertig geworden ist, macht klar, dass es unter der Asche des Lebens messianische Glut gab, dass Rembrandt nicht aufgehört hat, in Stille zu warten auf eine Brücke hin auf die andere Seite des Lebens – hin zu Licht und Herrlichkeit.
Erweiterung des Horizonts
In einer abschließenden Reflexion nimmt Jan-Heiner Tück Bezug auf den Brief von Papst Franziskus „über die Bedeutung der Literatur in der Bildung“ (2024). Lesen weitet den Horizont, schult die Sprache, bricht Vorurteile auf, fördert die Fähigkeit zur Empathie, unterläuft Polarisierungen, macht mit anderen Epochen bekannt und regt die Vorstellungskraft an. – Die vorliegenden „Miniaturen“ von Prof. Tück sind eine wahre Schatztruhe theologischer und literarischer Bildung. Sie zeigen, wie fruchtbar theologisches Nachdenken werden kann, wenn es sich auf echte menschliche Erfahrungen einlässt.
Text: Domkapitular Prof. Dr. Josef Kreiml, Leiter der Hauptabteilung „Orden und Geistliche Gemeinschaften“ im Bistum Regensburg
(kw)




