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Zur Neuigkeit
Prof. Kreiml über Sinnvakuum und Sinnsuche
Sehnsucht nach Wahrheit
Regensburg, 26. Oktober 2026
Bringt das Sinnvakuum der jungen Generation gerade in Zeiten der Krise ein neues Interesse an Religion hervor? Zum Thema „Wiederkehr der Säkularisierung?“ hat Jan-Heiner Tück, der an der Universität Wien Professor für Dogmatik ist und im Oktober 2026 von Papst Leo XIV. in die Internationale Theologische Kommission berufen wurde, ein beachtenswertes Buch veröffentlicht.
Die Beiträge dieses ersten Bandes der „Communio Edition“ diskutieren das Verhältnis von Religion, Glaube und Gesellschaft und bieten unterschiedliche Deutungen des im Umbruch befindlichen religiösen Feldes. Dabei entsteht ein facettenreiches Panorama an Positionen: Einige Autoren betrachten die religiöse Indifferenz als Herausforderung für Theologie und Kirche, andere sehen erste Anzeichen einer Renaissance des Christentums, wieder andere entwickeln Orientierungsangebote im religiösen Transformationsprozess der Gegenwart. Der Band „Wiederkehr der Säkularisierung?“ stellt den Auftakt zu einer Reihe von Publikationen dar, die von der Redaktion der Internationalen Katholischen Zeitschrift „Communio“ herausgegeben werden.
Signifikante Verschiebungen
In seinem „Präludium zu einer vielstimmigen Debatte“ stellt der Herausgeber fest, dass die Säkularisierungsthese, die das Absterben von Religion meinte prognostizieren zu können, selbst in eine Krise geraten ist. Denn es gibt vitale, durchaus säkularisierungsresistente Formen von Religion, die häufig auch außerhalb der Kirchen gedeihen. Seit den 1980er Jahren machte die Formel von der „Wiederkehr der Religion“ die Runde, die heute durch die Diagnose einer wachsenden religiösen Indifferenz allerdings in Zweifel gezogen wird. Eine intergenerationelle Langzeitperspektive zeigt signifikante Verschiebungen. Stehen wir an einer Schwelle, weil das Sinnvakuum der jungen Generation ein neues Interesse an Religion gerade in Zeiten der Krise hervorbringen wird? Die Positionen sind vielstimmig. Manche diagnostizieren ein langsames Verebben nicht nur der kirchlich vermittelten, sondern auch der neuen Formen von Religion und sprechen von einer wachsenden religiösen Indifferenz, ohne auszuschließen, dass es hier und da punktuelle Neuaufbrüche gibt.
Das Transzendenzvermögen des Menschen
Der erste Teil des Bandes bietet grundsätzliche Positionierungen: Der Berliner Soziologe Hans Joas erinnert an die Komplexität der globalen Situation. Lineare Diagnosen, die eine fortschreitende Säkularisierung oder gegenläufig eine klare Revitalisierung von Religion behaupten, erweisen sich als korrekturbedürftig, wenn man die unterschiedlichen regionalen Großräume genauer in den Blick nimmt. Der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück fragt, wie Kirche und Theologie auf die tektonischen Verschiebungen des religiösen Feldes reagieren können. Er betont, dass das Transzendenzvermögen zum Menschsein des Menschen gehört. Statt die semantischen Potentiale des Glaubens unter der Devise der Anschlussfähigkeit an moderne Denkweisen vorschnell anzupassen, gilt es – so Tück mit Hinweis auf den Schriftsteller Botho Strauß – „die heiligen Texte wieder zu lesen und die rituellen Praktiken zu pflegen“ (S. 29). Jürgen Habermas warnt vor einer semantischen Aufweichung des Religionsbegriffs. Religion solle „an einen theistischen Gottesbegriff gebunden bleiben, der die Hoffnung auf Erlösung und den Glauben an Auferstehung begründen könne“ (S. 35). Es ist sinnvoll, Menschen aus dem Stimmengewirr und Bildgeflacker der beschleunigten Lebenswelten herauszuführen und ihnen Gegenzeiten der Stille anzubieten, in denen die Sehnsucht nach einem die Immanenz überschreitenden Sinn aufbrechen kann.
Auf Vollendung hin erschaffen
Im zweiten Teil des Buches geht es um Jan Loffelds Diagnose der religiösen Indifferenz (in seinem Buch „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“, Freiburg 2024): Die Luzerner Theologin Ursula Schumacher stellt infrage, dass die Diagnose der religiösen Indifferenz Anlass zur Revision der theologischen Anthropologie bietet. Selbst wenn es immer mehr Menschen gibt, die sich als religiös gleichgültig bezeichnen, bedeutet dies nicht, dass sie keine verborgene Sehnsucht nach Gott in sich trügen. Der bleibend gültige Kern einer „Sehnsuchtsanthropologie“ liegt in dem Anliegen, „theologische Denkräume dafür offenzuhalten, dass Gott den Menschen auf die eschatologische Vollendung hin erschaffen hat“ (S. 83). Der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf kommt zu dem Ergebnis, die Wirklichkeit sei vielschichtiger und widersprüchlicher als in allzu eindeutigen Aussagen über fortschreitende Säkularisierung behauptet wird. Jürgen Kaube warnt vor einer Bagatellisierung des alarmierenden Schwundes des kirchlichen Gottesglaubens und sucht der „Religion der Gleichgültigen“ auf die Spur zu kommen.
Neue Suche nach Wahrheit
Im abschließenden Teil der Publikation werden „Kontrastwahrnehmungen“ dokumentiert: Im Blick auf Skandinavien meint der Trappist und Bischof Erik Varden, es gebe „nichts mehr zu säkularisieren“. Angesichts des gähnenden Sinnvakuums stellt der Bischof bei jungen Menschen ein vitales Interesse am Glauben fest. Bischof Varden, der Vorsitzende der nordischen Bischofskonferenz, sieht Anzeichen für „eine tektonische Bewegung“. Bei vielen Menschen ist „eine neue Sehnsucht und eine neue Suche nach Sinn, nach Kriterien, nach Gemeinschaft, nach Wahrheit“ (S. 153) im Gang. – Neben den Überlegungen der genannten Autoren enthält der Band weitere, höchst interessante Beiträge. Jan-Heiner Tück hat in seiner Publikation gewichtige Stimmen versammelt, die den gegenwärtigen theologischen Diskurs sehr bereichern.
Text: Domkapitular Prof. Dr. Josef Kreiml, Leiter der Hauptabteilung Orden und Geistliche Gemeinschaften im Bistum Regensburg
(kw)
Weitere Infos
Buch: Jan-Heiner Tück [Hg.], Wiederkehr der Säkularisierung? Der Streit um die religiöse Indifferenz, Freiburg 2026




