News Bild Pontifikalamt anlässlich des 100jährigen Standortjubläums der Brauerei Bischofshof

Pontifikalamt anlässlich des 100jährigen Standortjubläums der Brauerei Bischofshof

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Im Frieden von Münster und Osnabrück wurde im Jahre 1648 ein europäischer Bürgerkrieg beendet, der den Hauptschauplatz Deutschland völlig verwüstet hatte. Der Dichter Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen hat in seinem „Simplizissimus“ den Schrecken und Leiden einer geschun-denen Bevölkerung ein Mahnmal für die Nachwelt hinterlassen.

Bei seinem Amtsantritt fand der neue Fürstbischof Franz Wilhelm Graf von Wartenburg (1649-1661) sein Hochstift in einem religiös und wirtschaftlich katastrophalen Zustand vor. Der wegen seiner großen Verdienste um die geistliche Erneuerung seiner Diözese zur Kardinalswürde erhobene Oberhirte gründete 1649 beim Bischofshof eine Brauerei. Heute würden wir sagen: Er wollte Arbeitsplätze schaffen und mit dem finanziellen Ertrag die materiellen Voraussetzungen für Seelsorge, Verkündigung und Priesterausbildung verbessern.

An diesem Sonntag gedenken wir der Gründung unserer Brauerei Bischofshof vor 360 Jahren und besonders der Verlegung des Brauereigebäudes an seinen jetzigen Standort vor 100 Jahren. In der Verbindung mit der ältesten Klosterbrauerei der Welt bilden Bischofshof und Weltenburg ein öko-nomisch respektables Unternehmen mit Niederlassungen und Geschäftsbeziehungen in Europa, Asien und Lateinamerika. Mit der Freude, dass viele Arbeitsplätze gesichert werden können, verbindet sich auch der berechtigte Stolz auf das internationale Renommee der beiden Brauereien, die Stadt und Bistum Regensburg zugute kommen.

Wenn sich heute unter ganz anderen politischen und ökonomischen Bedingungen ein so profanes Unternehmen wie eine Bierbrauerei im Besitz einer Diözese befindet, dann stellt sich der wache Zeitgenosse die Frage nach der Rechtfertigung einer solchen Verknüpfung von Kirche und Wirt-schaftsunternehmen. Hat die Kirche nicht den Auftrag, die Menschen zu Gott zu führen, der hoch erhaben ist über unser Alltagstreiben, während auf der anderen Seite Wirtschaft und Politik mit ihrem Profitstreben und Machtgebaren oft Anlass zur Sünde sind? Überdies hat Bier mit Alkohol zu tun und wir wissen alle, dass Alkohol auch großes Unheil anrichten kann. Wäre es da nicht an der Zeit, dass sich die Kirche aus diesem Bereich zurückzieht? Sollte sie sich nicht an die Spitze jener stellen, die jede Form von alkoholhaltigen Getränken verbieten wollen? Würden nicht Sünde und Unheil aus der Welt geschafft werden, wenn man nur jeden Anlass zur Verführung vermeidet?
Mit diesen Fragen sind wir unversehens in eine theologische Debatte eingetreten. Vielleicht ist es aber auch gut, sich den Unterschied zwischen einer katholischen und einer gnostisch-puritanischen Interpretation des Christentums wieder klar vor Augen zu stellen.

Letztere hat eine Sichtweise auf Religion und Frömmigkeit, die die Welt und die Leiblichkeit des Menschen als Gefahr ansieht für das Verhältnis zu Gott, das sich dieser Meinung nach ausschließlich im Bereich des Geistigen, Idealen und Innerlichen abzuspielen hat. Der Mensch soll rein sein von aller Befleckung durch den Umgang mit der sinnenhaften und materiellen Welt.

Der christliche und katholische Glaube hingegen geht von der Zuwendung Gottes zur Welt aus: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut“ (Gen 1,31). Die Sünde besteht nicht im sinn- und maßvollen Umgang mit den geschaffenen Dingen, sondern entspringt vielmehr einem willentlichen Widerstand gegen Gott. Sie manifestiert sich in der Instrumentalisierung der materiellen Welt als Mittel zum Eigennutz. Sünde zeigt sich überall dort, wo die Sozialpflichtigkeit des Eigentums verletzt wird. Sie wird sichtbar, wenn die Talente und Fähigkeiten, die Gott uns zum Nut-zen der anderen verliehen hat, nicht eingefügt werden in das bonum commune, das Gemeinwohl.
Gegen das Überspannte einer weltfeindlichen Frömmigkeit sagt der Apostel in seinem 1. Brief an Timotheus: „Sie verbieten die Heirat und fordern den Verzicht auf bestimmte Speisen, die Gott doch dazu geschaffen hat, dass die, die zum Glauben und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangt sind, sie mit Danksagung zu sich nehmen. Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird; es wird geheiligt durch Gottes Wort und durch das Gebet“ (1 Tim 4,3ff.). Die in der Ehe gelebte geschlechtliche Gemeinschaft des Leibes, des Lebens und der Liebe stammt aus der Schöpfungsordnung und nimmt teil an dem übernatürlichen Verhält-nis Christi zur Kirche, seiner Braut. Darum ist die Ehe ein Gnaden vermittelndes Sakrament und ein Heil anzeigendes und vermittelndes Zeichen.

Zur Vermeidung von Missverständnissen sei an dieser Stelle betont: Der Priesterzölibat und die Ordensgelübde haben nichts mit einem Heiratsverbot oder einer Abwertung der christlichen Ehe zu tun. Sie stellen vielmehr eine im Evangelium begründete charismatische Lebensform dar. Christen antworten in voller Freiheit auf einen besonderen Ruf des Herrn. Sie stellen sich voll und ganz in den Dienst der liebenden Hinwendung Christi zu seiner Kirche. Jesus sagt dazu: „Wer das erfassen kann, der erfasse es“ (Mt 19,12), weil nur der geistliche Mensch die übernatürliche Gnadenordnung von charismatischer Ehelosigkeit und sakramentaler Ehe erfassen kann.

Was die Speisen und Getränke angeht, so sind sie uns von Gott gegeben als Mittel zur Erhaltung unseres leiblichen Daseins, aber auch zum Aufbau der Gemeinschaft im gemeinsamen Mahl. Sie dienen der leibhaftigen Erfahrung von Lebensfreude, die uns zusteht im Blick auf Gott, unseren Schöpfer und Erlöser. Über den Wein sagt die Heilige Schrift, dass er uns von Gott gegeben ist, weil er unser Herz erfreut (vgl Ps 104,15). So sind das Brot mit seinem Wohlgeschmack und der Wein – somit alle festen und flüssigen Speisen – nicht notwendige Übel, sondern Zeichen des Wohlwollens Gottes uns Menschen gegenüber und somit Anlass zum Dank. Wir wollen essen und trinken und Mahl miteinander halten, sie aber nicht wie die vernunftlosen Geschöpfe voller Gier und Unbeherrschtheit verschlingen. Deshalb sind auch Getränke mit alkoholischem Anteil erlaubt und ohne schlechtes Gewissen zu bebrauchen, solange unser Verhalten vom Dank an Gott gelenkt ist. Dabei sollen wir uns an der Tugend der temperantia orientieren: nämlich in allem Anstand, Zucht und Maß bewahren und niemals die Selbstbeherrschung verlieren. Wir dürfen uns nie von Gier und Sucht leiten lassen, damit wir nicht zu Sklaven unserer Triebe, Antriebe und Leidenschaften werden. Damit würden wir uns in unserer gottebenbildlichen Würde aufgeben, unsere geistige, seelische und leibliche Gesundheit schwer gefährden und die Gemeinschaft in Ehe, Familie und Gesellschaft zerstören.

Unsere Antwort auf den schädlichen und manchmal auch schändlichen Gebrauch irdischer Güter ist darum nicht die Abwertung und Verteufelung irdischer Dinge oder ein Welt verachtender Aszetismus. Wir brauchen uns nicht von Miesmachern und Kostverächtern das Leben versauern zu lassen. Auf der andern Seite haben wir nichts zu tun mit den Nihilisten, die frivol und zynisch sagen: „Lasst uns fressen und saufen; denn morgen sind wir tot“ (1Kor 15,32). Für uns ist der innere Zusammenhang der geistlichen Güter maßgebend, aber auch der weltlichen Güter, die wir beide der Liebe Gottes verdanken.
Deshalb sind christlich gesprochen Gebet und Arbeit die beiden Seiten einer Medaille. Gottorientierung und Weltverantwortung, Sorge um das ewige Heil, aber auch um Arbeit und Brot gehören ebenso zusammen wie die leibliche Gesundheit und die soziale Gerechtigkeit. Ähnliches finden wir im schulischen Bereich, wo Werte vermittelnde, musische, künstlerische und naturwissenschaftliche Fächer zusammengehören. Ebenso dürfen radikale Theozentrik des Menschen und seine Weltverantwortung aus christlicher Einstellung in Politik, Wirtschaft und Friedensarbeit nicht voneinander getrennt werden.

Die Grundausrichtung der katholischen Frömmigkeit ist von der Schöpfung und der Inkarnation her positiv, Welt bejahend, jenseits aller Weltverachtung oder Weltverfallenheit. Jesus Christus, das fleischgewordenen WORT Gottes, ein Mensch in unserem Fleisch und Blut ließ sich gern einladen zur berühmten Hochzeit von Kana. Es hat weder die Hochzeitsgäste wegen ihres für manche sehr anstößig hohen Weinkonsums getadelt, noch hat er Wasser in den Wein gegossen. Vielmehr hat Jesus das Wasser dieser Welt in den Wein des Gottesreiches verwandelt, das in seiner Person schon gegenwärtig ist. Er verweist uns in der natürlichen Freude über die Gaben, die wir mit Bedacht genießen, auf das himmlische Hochzeitsmahl. An ihm nehmen wir jetzt schon teil im eu-charistischen Opfermahl der heiligen Messe.

Kirche und Wirtshaus, Gottesverehrung und geselliges Beisammensein mit Speis und Trank sind Ausdruck bayerischer Kultur – gewachsen aus christlichem Glaubensempfinden und katholischer Frömmigkeit. Gut katholisch sagen wir mit dem Apostel: „Nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird“ (1Tim 4,5). Amen.