St. Peter in Rom, stilisiert, Papst Leo XIV.

Papst Leo XIV. erlässt seine erste Enzyklika

Magnifica humanitatis


Regensburg, 26. Mai 2026

Es ist die ersten Enzyklika aus der Feder des Papstes Leo XIV. Sie trägt den Titel „Magnifica humanitas“, der wie üblich bereits den Kern des Inhalts berührt. Am Pfingstmontag wurde das Lehrschreiben, dessen durchaus optimistischer Titel „großartige Menschheit“ bedeutet, in Rom veröffentlicht. Die wichtigsten Passagen daraus hat Vatican News zusammengefasst.

Die von Gott geschaffene GROSSARTIGE MENSCHHEIT steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen. Jede Generation erbt die Aufgabe, die eigene Zeit zu gestalten, damit die Geschichte zu einem Ort reifen kann, an dem die Würde jedes Menschen gewahrt, Gerechtigkeit gefördert und Geschwisterlichkeit ermöglicht wird. (1) 

Wir möchten in Dialog mit allen Männern und Frauen unserer Zeit treten, mit denen wir die Ereignisse, Fragen und Wünsche der Menschheit teilen. Wir wollen gemeinsam mit ihnen neue Wege zur Verwirklichung des Gemeinwohls und zur Förderung eines würdigen Lebens für alle finden. (2)

Die Soziallehre (der Kirche) ist kein statisches Begriffsgefüge, sondern ein lebendiges Korpus an Wahrheiten, der die Berufung der Menschheit zu einem erfüllten und gerechten Leben bewahrt und auslegt. (3)

Die Technik ist an sich nicht als eine menschenfeindliche Kraft zu betrachten (…). Heute sehen wir uns jedoch mit einer neuen Situation konfrontiert, in der die Macht und Omnipräsenz neuer Technologien die Struktur des täglichen Lebens durchwirken, Entscheidungsprozesse prägen und die kollektive Vorstellungswelt tiefgreifend beeinflussen… (4)

Wir durchleben eine rasante Übergangsphase, einen „Epochenwandel“, in dem – während einige um die Zukunft der neuen Technologien wetteifern und andere sich eingehend mit ihnen auseinandersetzen – die meisten Menschen in einer Art Wartestellung verharren, aus der Ferne beobachten und einfach hoffen, dass alles gut gehen wird. Genau aus diesem Grund stellen sich unserem Gewissen entscheidende Fragen, denen wir uns nicht länger entziehen können: Wohin gehen wir? Auf welches Ziel wollen wir uns ausrichten? Welche Richtung sollen wir als Menschheit und als Völker einschlagen? (6)

Technologie kann heilen, verbinden, bilden und unser gemeinsames Haus schützen, aber sie kann auch spalten, ausgrenzen und neue Ungerechtigkeiten hervorbringen. Abstrakt betrachtet ist sie per se weder eine Lösung für die Probleme der Menschheit noch ein Übel. Konkret betrachtet aber ist sie nicht neutral, weil sie die Züge derer annimmt, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen. (9)

Vermeiden wir (…) die Vergötterung des Profits, die die Schwachen opfert; die Einförmigkeit, die Unterschiede nivelliert; den Anspruch einer einzigen – auch digitalen – Sprache, die in der Lage ist, alles, sogar das Geheimnis der Person, in Daten und Leistung zu übersetzen. Dies ist die Gefahr der Entmenschlichung – bei der Gestaltung der Zukunft Gott auszuschließen und den Anderen auf ein Mittel zu reduzieren – eine uralte und immer neue Versuchung, die heute technische Gestalt annimmt. (10)

(Wir sollten) die Begrenztheit und Schwäche des Menschen akzeptieren, ohne sie als einen Fehler zu betrachten, der korrigiert werden müsste. (12)

In der Zeit der Künstlichen Intelligenz, in der die Menschenwürde aufgrund neuer Formen von Entmenschlichung in den Hintergrund zu treten droht, haben wir die dringende Pflicht, zutiefst menschlich zu bleiben und liebevoll jenes großartige Menschsein zu bewahren, das uns geschenkt ist und das in Christus in seiner ganzen Fülle offenbar wurde, und das keine Maschine in seiner Pracht jemals ersetzen kann. (15)

An alle katholischen Gläubigen, an alle Christen, an alle Männer und Frauen guten Willens richte ich einen eindringlichen Appell: Scheuen wir uns nicht, uns auf der Baustelle unserer Zeit die Hände schmutzig zu machen. (16)

Die Kirche betrachtet all jene, die aufrichtig nach Wahrheit, Güte und Schönheit« suchen, als Weggefährten und als wertvolle Verbündete bei der Verteidigung der Würde jedes Menschen und bei der Bewahrung der Schöpfung. (23)

Das Verständnis von Wahrheit als Geschenk, das es miteinander zu teilen gilt, und nicht als Besitz, den man für sich beansprucht, befreit die Kirche von der Versuchung, Formen ihrer Präsenz nachzutrauern, die auf Macht beruhen. (25)

Die Soziallehre der Kirche (zeigt sich) mit ihrem authentischsten Gesicht: nicht als Handbuch von anzuwendenden Prinzipien und Normen, sondern als Weg gemeinschaftlicher Unterscheidung. Sie entsteht aus der Begegnung zwischen der ewigen Wahrheit des Evangeliums und den Fragen der Geschichte. Sie lässt sich von den Zeichen der Zeit Fragen stellen. Sie nährt sich durch den Beitrag der Wissenschaften, der Kulturen und der menschlichen Erfahrungen. (27)

Solange es in der Welt Völker gibt, die von einer menschenwürdigen Entwicklung ausgeschlossen sind, kann sich die christliche Gemeinschaft nicht damit begnügen, abstrakt den Frieden zu verkünden; sie wird vielmehr zulassen müssen, dass das Evangelium – ausgehend von denen, die am Rande stehen – jene wirtschaftlichen und politischen Strukturen beurteilt, die – wie Johannes Paul II. (…) sagen sollte – zu regelrechten »Strukturen der Sünde« werden können, damit kein Mensch und kein Volk in den Entwicklungsprozessen als entbehrlich behandelt wird. (36)

Von seinem Wesen her auf Beziehung ausgerichtet, ist jeder Mensch von Gott daraufhin erdacht und gewollt, in Gemeinschaft mit ihm, mit den anderen und mit der Schöpfung zu treten. Seine Würde hängt nicht von seinen Fähigkeiten, seinem Reichtum oder der Position ab, die er einnimmt, noch von den richtigen oder falschen Entscheidungen, die er trifft… (50)

Der Wert des Menschen hängt nicht davon ab, was er leistet oder produziert, und es gibt Rechte, die allen allein aufgrund der Tatsache zustehen, dass sie Menschen sind. Keine menschliche Macht kann diese rechtmäßig verweigern oder willkürlich einschränken. (51)

Keine Sünde, kein Versagen, keine Demütigung, kein Ausschluss kann den grundlegenden Wert eines menschlichen Lebens schmälern, das Gott gewollt und ins Dasein gerufen hat. Die grundlegende Würde jedes Menschen kann daher weder erworben noch verdient werden und muss auch nicht erst bewiesen werden. (52, 53)

Die Menschenrechte sind unantastbar, denn diese wohnen der menschlichen Person und ihrer Würde inne. Folglich sind sie universal und unveräußerlich. (…) Das erste dieser Menschenrechte ist das Recht auf Leben, von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende, ohne das es unmöglich ist, irgendein anderes Recht auszuüben. (55)

Es reicht nicht aus, mit Worten zu bekräftigen, dass Männer und Frauen die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben; dies muss sich in konkreten Entscheidungen niederschlagen, in den Gesetzen, im Zugang zu Arbeit, Bildung, gesellschaftlichen und politischen Verantwortlichkeiten sowie in der Art, wie die Gesellschaft den Beitrag der Frauen wahrnimmt und wertschätzt. (57)

(Das Gemeinwohl) entspricht weder der Summe der Vorteile der Einzelnen noch der Schnittmenge ihrer Partikularinteressen; es ist ein größeres Gut, das allen gehört und das nur gemeinsam aufgebaut, vermehrt und bewahrt werden kann. (60)

Es ist eine Illusion zu glauben, dass es ausreiche, nach dem eigenen Fortschritt zu streben, um zum Wohl aller beizutragen, ohne sich wirklich um andere kümmern zu müssen. (61)

Wenn die Politik auf eine langfristige Perspektive verzichtet und sich auf kurzfristige Kalküle oder sterile Polarisierungen beschränkt, dann verliert das Sprechen über das Gemeinwohl an Glaubwürdigkeit und Ungleichheiten sowie soziale Spaltungen nehmen zu. (63)

Jeder Versuch oder jedes Vorhaben, eine Nation auszulöschen oder zu unterwerfen, ist zutiefst unmoralisch und daher inakzeptabel. (64)

Zu den Gütern, die universal für alle bestimmt sind, müssen wir heute auch die neuen Formen des Eigentums zählen: Patente, Algorithmen, digitale Plattformen, technologische Infrastrukturen, Daten. In einem Kontext, in dem der Reichtum der Nationen immer mehr von Wissen und Technologien abhängt, entsteht ein neues Ungleichgewicht, wenn diese Güter ohne angemessene Teilhabe und Zugangsmöglichkeiten in den Händen weniger konzentriert bleiben… (67)

Bei Entscheidungen, die Wirtschaftsströme und digitale Plattformen betreffen, wie auch bei der Steuerung von Daten und Algorithmen darf man nicht zulassen, dass wenige Akteure die Prozesse alleine lenken. (72)

Wir sind einander nicht einfach nahe, sondern einander anvertraut, damit ein jeder, soweit er kann, Verantwortung für das Leben und die Wunden des Bruders und der Schwester übernimmt. Solidarität entsteht gerade dann, wenn wir beschließen, dem, was unserem Nächsten widerfährt, nicht gleichgültig gegenüberzustehen. (74)

Solidarität verlangt, dass Entscheidungen in Bezug auf Daten, Algorithmen, Plattformen und Künstliche Intelligenz nicht nur den unmittelbaren Vorteil einiger weniger berücksichtigen, sondern auch die Auswirkungen auf die Gesamtheit der Völker und auf künftige Generationen. (76)

Für die christliche Gemeinschaft ist soziale Gerechtigkeit eine konkrete Form der Nachfolge Jesu und der Treue zu seinem Evangelium (…), denn die Art, wie wir uns den Geringsten nähern und mit ihnen umgehen, wird konkret zum Maßstab für unsere Beziehung zu Gott und zu unseren Brüdern und Schwestern. (…) Soziale Gerechtigkeit erkennt man an der Fähigkeit einer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Ordnung, allen – und insbesondere den Schwächsten – ein wahrhaft menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, ohne dass jemand zurückgelassen wird. (77)

Eine gerechte soziale Ordnung im digitalen Zeitalter ist eine, die allen einen gleichberechtigten Zugang zu Chancen garantiert, die Jüngsten und die Fragilsten schützt, Hass und Desinformation bekämpft und die Nutzung von Daten und Technologien einer öffentlichen Kontrolle unterwirft, damit nicht der bloße Profit zum Maßstab wird, sondern die Würde eines jeden Menschen und das Wohl der Völker. (80)

Entwicklung ist menschlich, wenn sie den Menschen und nicht die Anhäufung von Gütern in den Mittelpunkt stellt und wenn sie auch die Völker betrifft, nicht bloß Einzelpersonen. Gerechtigkeit verlangt die Anerkennung der sozialen Rechte und der Rechte der Völker und schließt die Verantwortung gegenüber denen ein, die nach uns kommen werden. Daher ist eine Entwicklung nicht menschlich, die den Konsum einiger erhöht, indem sie Kosten und Schäden auf andere abwälzt, oder die ganze Regionen auf untergeordnete Rollen festlegt und sie daran hindert, ihr Potenzial zu entfalten. (83)

Es ist kein wahrer Fortschritt, wenn der Wohlstand einiger weniger gesteigert wird, während Ökosysteme zerstört, Kosten auf die schwächsten Gemeinschaften abgewälzt oder die Lebensbedingungen derer beeinträchtigt werden, die nach uns kommen. (84)

Technologische Innovationen – einschließlich der Künstlichen Intelligenz – sind nicht neutral: Sie können Teilhabe und Gerechtigkeit fördern oder Ungleichheiten, Kontrolle und Ausgrenzung verstärken. Deshalb müssen sie anhand einer entscheidenden Frage bewertet werden: Tragen sie wirklich dazu bei, dass Menschen und Völker an Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit wachsen, im Respekt vor unserem gemeinsamen Haus und den künftigen Generationen? (85)

Gerechtigkeit bedeutet im Inneren der Kirche, die Beziehungen und Strukturen von jenen Verzerrungen zu befreien, die Ungleichheit, Undurchsichtigkeit und Machtmissbrauch hervorrufen. In dieser Hinsicht gehört es wesentlich zu einem Weg der Gerechtigkeit, dass den Opfern von geistlichem, wirtschaftlichem, institutionellem, sexuellem Missbrauch, von Machtmissbrauch und Missbrauch des Gewissens Gehör geschenkt wird; dies umfasst auch eine Anerkennung des Schadens, gerechte Wiedergutmachung und Prävention. (89)

Wenn technologische Entwicklung ohne eine angemessene ethische und soziale Reifung voranschreitet, kann es geschehen, dass die Mittel mehr werden, ohne dass die Menschlichkeit in gleichem Maße mitwächst. Das führt zu einem „Mehr-Haben“, aber nicht zu einem „Mehr-Sein“. (94)

Sogenannte Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet. Sie haben auch kein moralisches Gewissen. (99)

Damit KI die Menschenwürde achtet und wirklich dem Gemeinwohl dient, müssen die Verantwortlichkeiten jederzeit klar sein: angefangen bei jenen, die die Systeme entwerfen und trainieren, bis hin zu jenen, die sie nutzen und ihnen konkrete Entscheidungen anvertrauen. (105)

Wenn man zur Vorsicht, zu strengen Kontrollen und manchmal auch zu einer Verlangsamung bei der Einführung der KI aufruft, bedeutet das nicht, gegen den Fortschritt zu sein, sondern eine verantwortungsvolle Sorge um die Menschheitsfamilie zu zeigen. (106)

Eine moralischere KI nützt nichts, wenn diese Moral von wenigen bestimmt wird. Was wir brauchen, ist eine Politik, die präsenter ist, die in der Lage ist, dort zu bremsen, wo alles immer schneller wird, und die Räume zu schützen, in denen Gemeinschaften noch mitwirken und Fragen stellen können. (107) 

Wie es bei jeder großen technologischen Wende der Fall ist, so neigt auch die KI dazu, vor allem die Macht derjenigen zu stärken, die bereits über wirtschaftliche Ressourcen, Kompetenzen und Zugang zu Daten verfügen. Unter dem Gesichtspunkt des Gemeinwohls und der allgemeinen Bestimmung der Güter wirft dieses Phänomen ernsthafte Bedenken auf: Kleine, sehr einflussreiche Gruppen können Informationen und Konsum lenken, demokratische Prozesse konditionieren und die wirtschaftliche Dynamik zu ihrem eigenen Vorteil beeinflussen. Dies steht im Widerspruch zur sozialen Gerechtigkeit und Solidarität unter den Völkern. (108)

KI zu entwaffnen bedeutet, sie der Logik des bewaffneten Wettbewerbs zu entziehen, der heute nicht mehr nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und kognitiver Natur ist. Bei diesem Wettrennen geht es um den leistungsfähigsten Algorithmus und die größte Datenbank, um einen geopolitischen oder kommerziellen Vorsprung gegenüber allen anderen zu festigen. Entwaffnen bedeutet, diese Gleichsetzung von technischer Macht und dem Recht zu herrschen aufzubrechen. Entwaffnen bedeutet nicht, auf die Technologie zu verzichten, sondern zu verhindern, dass sie den Menschen zu beherrscht. (110) 

Technologische Innovationen – einschließlich der Künstlichen Intelligenz – sind nicht neutral: Sie können Teilhabe und Gerechtigkeit fördern oder Ungleichheiten, Kontrolle und Ausgrenzung verstärken. Deshalb müssen sie anhand einer entscheidenden Frage bewertet werden: Tragen sie wirklich dazu bei, dass Menschen und Völker an Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit wachsen, im Respekt vor unserem gemeinsamen Haus und den künftigen Generationen? (85)

Für einen Algorithmus ist ein Fehler etwas, das korrigiert werden muss; für einen Menschen kann er der Beginn einer tiefgreifenden Veränderung sein. Die Zukunft eines Menschen ist nicht berechenbar. Sie ist seiner Freiheit anvertraut, die durch die unerschöpfliche Gnade Gottes erhoben wird, sowie den Beziehungen, die er pflegt. (128)

Die schöpferische Vernunft des Menschen ist eine Gabe, die Leiden lindern und neue Möglichkeiten eröffnen kann. Allerdings muss sie auf das Gemeinwohl, auf Gerechtigkeit, auf die Sorge für die Schwachen und für die Schöpfung ausgerichtet bleiben. In diesem Sinne besteht die wahre Alternative nicht zwischen Begeisterung und Angst, sondern zwischen zwei Arten etwas aufzubauen: zwischen einem Fortschritt, der den Menschen und den Völkern dient, oder einem Fortschritt, der sie einer Logik der Macht unterwirft. (129)

Desinformation hat nicht erst mit der KI begonnen, findet in ihr jedoch einen wirkungsvollen Verstärker. Die Möglichkeit, Inhalte, Bilder und Videos zu manipulieren, setzt die Bürger einseitigen oder irreführenden Sichtweisen aus. (132)

Diejenigen, die über gewaltige technische und wirtschaftliche Ressourcen verfügen – und damit auch über viele personelle Ressourcen, mit denen sie sich einbringen können –, verfügen über eine beträchtliche Fähigkeit, kulturelle Veränderungen herbeizuführen und letztlich eine bedeutende Zahl von Menschen zu beeinflussen: hinsichtlich der Frage, was wahr ist in Bezug auf den Menschen und die Welt, den Sinn des Lebens, die Familie und sogar Gott. Dies ist reine Macht ohne Wahrheit, die anderen auf subtile oder offene Weise aufzwingt, was sie als wahr ansehen sollen. (133)

Die Suche nach der Wahrheit ist ein wesentlicher Bestandteil der Demokratie (…). Wenn die Frage nach dem, was wahr ist, ihre Bedeutung verliert und an ihre Stelle ein Pragmatismus tritt, der sich mit dem begnügt, was nützlich oder wirksam zu sein scheint, wird das demokratische Leben schwächer. (134)

Die Wahrheit ist ein Gemeingut und nicht das Eigentum derer, die Macht oder Sichtbarkeit besitzen. (137)

Mit Scham haben wir miterlebt, wie schmerzhafte Wahrheiten auch über Mitglieder der Kirche und über kirchliche Wirklichkeiten ans Licht kamen. Insbesondere einige Journalisten, denen die Wahrheit am Herzen liegt, haben eine wesentliche Rolle dabei gespielt, Ungerechtigkeit und Missbrauch ans Licht zu bringen. (…) Wachsamkeit und Transparenz sind jedoch in erster Linie eine schwerwiegende Verantwortung der Kirche selbst, und wir dürfen nicht darauf warten, dass andere uns zwingen, uns mit unbequemen Wahrheiten über uns selbst auseinanderzusetzen. (138)

Die Erziehung zum Umgang mit KI bedeutet daher auch, zu lernen, wann und wofür man sie nicht einsetzen sollte. Die Geschwindigkeit und Leichtigkeit, mit der man eine Antwort oder eine Zusammenfassung erhält, birgt die Gefahr, den Wunsch nach dem Stellen von Fragen zu ersticken. (140)

Zu früh über ein eigenes Mobiltelefon zu verfügen und es ohne Aufsicht durch Erwachsene zu nutzen, kann junge Menschen noch verletzlicher werden lassen und Abhängigkeiten fördern, indem sie Isolation, Mobbing und Cybermobbing ausgesetzt werden und unter Druck geraten, intime Bilder oder sensible Daten weiterzugeben. (141)

Die Schule braucht nicht der Geschwindigkeit der digitalen Welt nachzujagen, sondern sollte das anbieten, was die digitale Welt allein nicht geben kann: gemeinsame Zeit für das Lernen und verlässliche Beziehungen. (147)

Es ist sicherlich wünschenswert, dass die Technologie den Menschen von einigen besonders beschwerlichen, monotonen oder gefährlichen Tätigkeiten entlastet und die menschliche Tätigkeit auf intelligente Weise unterstützt, doch muss der Schutz der Arbeitsplätze und die unersetzliche Rolle des Menschen die allgemeine Regel bleiben. Das Streben nach höheren Gewinnen kann keine Entscheidungen rechtfertigen, die systematisch Arbeitsplätze opfern, weil der Mensch Ziel und nicht Mittel ist… (152)

In diesem Wandel reicht es nicht aus, erst zu reagieren, wenn Arbeitsplätze verschwinden. Es ist notwendig, den Wandel im Voraus zu gestalten. Ein gangbarer Weg besteht zunächst darin, soziale Kriterien für Innovationen festzulegen… (156)

Die Risiken der neuen Technologien zeigen sich auf dem Arbeitsmarkt besonders deutlich. Aus diesem Grund muss man sich vor Augen halten, dass wirtschaftliche Freiheit nicht absolut ist, sondern stets am Gemeinwohl und an der Würde jedes Menschen gemessen werden muss. (157)

Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte zeigen, dass es in den Wirtschafts- und Finanzkrisen stets die Armen sind, die den höchsten Preis zahlen, während sich Theorien, die automatisches allgemeines Wohlergehen versprechen, häufig als illusorisch erweisen. (158)

Zu glauben, dass neue Technologien automatisch allen zugutekommen, bedeutet, eine offensichtliche Tatsache zu ignorieren: Wenn nicht bereits bei der Konzeption von Veränderungen die Vermeidung neuer und weiterer Ungleichheiten im Vordergrund steht, führt der technologische Fortschritt automatisch zu strukturellen Ungleichheiten. (161)

Das Streben nach sozialer Gerechtigkeit sollte nicht als ein von der Schaffung von Wohlstand getrenntes Thema betrachtet werden, als ob die Wirtschaft lediglich Wohlstand schaffen und die Politik erst danach eingreifen sollte, um ihn zu verteilen. Im Gegenteil: Die Gerechtigkeit betrifft alle Phasen der Wirtschaftstätigkeit. (162)

Wohlstand trägt nur dann zum Aufbau und zur Festigung des Friedens bei, wenn er weit verbreitet, inklusiv und nachhaltig ist. (162)

Die Familie ist ein fragiles soziales Gut, das unmittelbar von den wirtschaftlichen und technologischen Umwälzungen betroffen ist, die die Arbeitswelt verändern (…). Kurzfristig mag es vorteilhaft erscheinen, die Arbeitskosten zu senken oder die finanzielle Effizienz zu maximieren, doch langfristig untergräbt dies die Grundlagen des Zusammenlebens: Während technologische Erfolge gefeiert werden, erodiert die Struktur der Gesellschaft nach und nach, wie wenn sie von einem geräuschlosen Virus befallen wäre. (166)

Es ist dringend erforderlich, einen Umgang mit Technologien zu fördern, der die innere Freiheit stärkt: Erziehung zu digitaler Zurückhaltung, Schutz von Minderjährigen und Bekämpfung von Modellen, die aus der Verletzlichkeit anderer Nutzen ziehen. (170)

Körper werden verletzt, verstümmelt und verbraucht, damit der Rechenfluss nicht zum Stillstand kommt. (…) Der Kampf gegen die neuen Formen der Sklaverei ist eine entscheidende Bewährungsprobe für das ethische Urteilsvermögen im Hinblick auf KI und den digitalen Wandel. (173.174)

Es ist unvermeidlich, tiefen Schmerz angesichts des enormen Leidens und der Demütigung zu empfinden, die die Sklaverei für so viele Menschen bedeutete und ein Gegensatz zu ihrer grenzenlosen und vom Herrn unendlich geliebten Würde war. Dafür bitte ich im Namen der Kirche aufrichtig um Vergebung. (176)

In unseren Tagen zeigt der Kolonialismus ein neues Gesicht. Er beherrscht nicht mehr nur Körper, sondern eignet sich Daten an und verwandelt das persönliche Leben in verwertbare Informationen. Ganze Gebiete, insbesondere jene mit geringerer geopolitischer Bedeutung und größerer struktureller Anfälligkeit, werden derzeit von einer neuen Logik der Ausbeutung durchzogen. (178)

Wenn die Technik zum absoluten Maßstab wird, läuft der Mensch Gefahr, als Daten, als Rädchen in einer Maschine oder als Ware behandelt zu werden; wenn die Technik hingegen im Rahmen eines weisheitlichen Horizonts angenommen wird, kann sie zu einer Chance für Wachstum, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit werden. (180)

Wenn wir die globalen Dynamiken betrachten, erkennen wir immer deutlicher die Ausbreitung einer Kultur der Macht, die aus Polarisierung und Gewalt besteht. (185)

Ohne eine lebendige Erinnerung an die Schrecken des Krieges besteht die Gefahr, dass politische Entscheidungen auf der Grundlage von Machtkalkülen getroffen werden, ohne Weitblick für die langfristigen Folgen. (191) 

Heute ist es – unbeschadet des Rechts auf legitime Verteidigung, die im engsten Sinne zu verstehen ist – wichtiger denn je, die Überwindung der Theorie des „gerechten Krieges“ zu bekräftigen, die allzu oft herangezogen wird, um alle möglichen Kriege zu rechtfertigen. (192)

Wir dürfen die enormen wirtschaftlichen Interessen hinter dem Krieg nicht ignorieren. Die Rüstungsindustrie und die Länder, die Waffen liefern, profitieren von einem Markt, der gerade dank der Konflikte gedeiht. (193)

Es ist viel einfacher, einen Krieg zu beginnen, als ihn zu beenden, und doch spielt die Auseinandersetzung mit der Konfliktprävention nach wie vor eine dramatisch untergeordnete Rolle. (195)

Es existiert kein Algorithmus, der Krieg moralisch vertretbar machen könnte. KI mindert nicht die dem bewaffneten Konflikt innewohnende Unmenschlichkeit; sie kann ihn lediglich schneller und unpersönlicher machen, die Schwelle für den Rückgriff auf Gewalt senken und Verteidigung in operative Vorhersage verwandeln… (198)

Jede Technologie, die es einfacher macht, anzugreifen, ohne das Gesicht des anderen zu sehen, senkt die moralische Schwelle des Konflikts. (199)

Die Stärke des Völkerrechts wird durch das vermeintliche „Recht des Stärkeren“ ersetzt, und seine Mittel – von den für Kriegsverbrechen zuständigen Gerichten bis hin zu den Gerichten, die Streitigkeiten zwischen Staaten schlichten sollen – werden oft umgangen oder geschwächt, was verheerende Folgen für die politische Kultur und das Zusammenleben hat. (202)

Wir leben in einer Zeit bemerkenswerter geistiger und kultureller Blindheit. Ein falscher Pragmatismus ermutigt uns, die Wurzeln der Erinnerung zu kappen, als ob es möglich wäre, eine Art „neue Schöpfung“ zu begründen, die von der Vergangenheit losgelöst ist. (204)

Eine Welt im permanenten Kriegszustand zu schaffen, ist ein Übel, und es ist bei seinem Namen zu nennen. Diese Art, die Wirklichkeit, in der wir leben, zu beschreiben, mag düster oder pessimistisch erscheinen, doch ich halte sie für eine notwendige Mahnung. (210)

Wir interpretieren die Gegenwart nicht als ein feststehendes Schicksal, sondern als ein Feld, das der persönlichen und gemeinschaftlichen Umkehr offensteht. Und wir glauben an die Kraft des Reiches Gottes, das sich aus einem winzigen Senfkorn entwickelt, das, einmal gesät, sprießt und wächst (vgl. Mk 4,26–32). Während uns der Lärm des Tumults umgibt, wächst das Gute in aller Stille aus der Erde. (210)

Christen sehen die Finsternis und benennen sie beim Namen, doch sie verharren nicht dabei, sie zu betrachten: Sie kennen das Licht und wissen, dass die Finsternis es nicht erfasst hat und es nicht besiegen kann (vgl. Joh 1,5). Aus diesem Grund dienen sie dem Guten auch dort, wo der Schmerz das letzte Wort zu haben scheint… (211)

Die Zivilisation der Liebe entsteht nicht aus einer einzigen, spektakulären Geste, sondern aus der Summe kleiner und beharrlicher Taten der Treue, die als Bollwerk gegen die Entmenschlichung dienen. (213)

Wir müssen alle eine Gewissenserforschung hinsichtlich der Worte, die wir verwenden, der Vorurteile, von denen sie durchdrungen sind, und der offenen oder versteckten Aggressivität, die in ihnen steckt, vornehmen. (214)

Es gibt Situationen, in denen wir, um menschlich zu bleiben, unser Zögern ablegen und Stellung beziehen müssen. Es gibt Konflikte, bei denen es nicht richtig ist, neutral zu bleiben, und es nicht ausreicht, zu glauben, dass man „kein Komplize ist“. Angesichts von Bombenangriffen auf Zivilisten, Angriffen auf Krankenhäuser, Schulen oder lebenswichtige Infrastruktur sowie Gewalt, die Kinder trifft, sehen wir uns mit Skandalen konfrontiert, die die Menschheit selbst verwunden. Deshalb können wir nicht auf der Ebene von abstrakten Analysen verharren. (216)

Diejenigen, die den Namen Gottes benutzen, um Terrorismus, Gewalt oder Krieg zu legitimieren, verraten sein Antlitz: Im Namen der Religion zu kämpfen bedeutet in Wirklichkeit, die Religion selbst anzugreifen. (223)

Was den Menschen rettet, ist die göttliche Liebe, die bis zum tiefsten Punkt seiner Geschichte hinabreicht und sie von Grund auf erneuert. Daher lade ich als ein Glaubender unter Glaubenden dazu ein, im Antlitz des Sohnes eine großartige Menschlichkeit zu betrachten, die auch das Zeitalter der KI erhellt. (232,233)

Kein noch so ausgeklügeltes Computersystem erschafft ein Herz, das sich hingibt, oder ein Gewissen, das das Gute erkennt. Auch wenn die Maschinen in ihrer Effizienz überragend sind, bleibt das Zentrum der Geschichte ein menschliches Antlitz, das danach verlangt, angesehen zu werden. Dieses menschliche Antlitz ist die Fülle, auf die die Geschichte zuläuft. (233)

Die Wahrheit, die wir nicht verlieren dürfen, ist die Wahrheit über Gott und über den Menschen, wie Christus sie uns offenbart hat. Wir müssen eine individualistische und technische Sicht auf den Menschen aufgeben, die so tut, als bestünde die Wirklichkeit nur aus Materie, die man nach egoistischen Interessen – sowohl einzelner als auch von Gruppen – formen kann. (237)

Wir alle müssen uns dazu erziehen, in der digitalen Welt menschlich zu bleiben. Dies ist ein integraler Bestandteil der Erziehung zum Glauben und zu einem guten Leben im Sinne des Evangeliums. Wir müssen uns dazu erziehen, die digitale Welt als einen neuen Kontinent zu betrachten, dem das Evangelium zu verkünden ist- (238)

Pflegen wir Beziehungen! (…) Ich lade dazu ein, an Orten und Zeiten festzuhalten, wo die physische Anwesenheit zählt: am gemeinsamen Tisch, an der christlichen Gemeinschaft, die sich versammelt, am Besuch bei einsamen Menschen und am Dienst an den Armen. (239)

(Wir sollten) in der Zeit des digitalen Wandels keine resignierten Zuschauer sozialer und kultureller Brüche sein, keine bloßen Kommentatoren der Ruinen, sondern Frauen und Männer, die sich an die Baustellen der Geschichte begeben – Forschungslabore, Technologieunternehmen, Schulen, Medien, Institutionen, lokale Gemeinschaften –, um das wieder neu zu errichten, was zusammengebrochen ist, und das zu schützen, was gefährdet ist. (241)

In der demütigen Treue des Alltags kann auch das Zeitalter der KI zu einer Zeit werden, in der der Heilige Geist die Zivilisation der Liebe in unserem Leben zur Reife bringt. Der Herr macht weiterhin alles neu und hält jeder Epoche die Möglichkeit offen, im Licht der Menschwerdung zu einer Geschichte des Heils zu werden. (245)

Text: Vatican news

(sig)

Die Zahlen in Klammern entsprechen dem jeweiligen Abschnitt der Enzyklika. Den gesamten Wortlaut finden Sie auf vatican.va.



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