„Mit Christus Brücken bauen“ - Der Katholikentag als Ereignis für das ganze Bistum Regensburg - Hirtenbrief zur Fastenzeit von Bischof Rudolf Voderholzer

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Liebe Kinder, liebe jugendliche und erwach­sene Schwestern und Brüder im Herrn!


40 Tage der Vorbereitung auf die Feier der österlichen Geheimnisse

Am Aschermittwoch haben wir die vierzig Tage der Vorbereitungszeit auf das Osterfest begonnen. Die Fastenzeit ist eine religiöse Intensivzeit. Die Kirche ruft uns auf, sie zu nützen, um

 

durch den gezielten Verzicht auf eingefleischte Gewohnheiten oder Suchten eine neue Freiheit zu gewinnen,

unser Glaubens- und Gebetsleben zu vertiefen durch Exerzitien im Alltag, geistliche Lektüre, die Pflege der verschiedenen Gottesdienstformen wie Kreuzweg, Rosenkranz und Passionsandachten,

unseren Blick für die Bedürftigkeit unserer Mitmenschen zu schärfen und Zeichen der Solidarität zu setzen durch die großherzige Unterstützung der kirchlichen Hilfswerke

sowie schließlich und nicht zuletzt durch den Empfang des Bußsakramentes.

 

Auf diese Weise innerlich bereitet, werden wir in fünf Wochen das Hohe Osterfest feiern, Tod und Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus als Höhepunkt des Kirchenjahres und Grund unserer Hoffnung über Grab und Tod hinaus, unserer Hoffnung auf die himmlische Herrlichkeit.

Den vierzig Tagen der Vorbereitung werden wiederum vierzig Tage der besonderen österlichen Festfreude folgen. 40 Tage hindurch ist der auferstandene Herr den Jüngern erschienen, um sie im Glauben an seine siegreiche Auferstehung zu festigen, bevor er zu Gott seinem himmlischen Vater heimgekehrt ist und so den Brückenschlag zwischen Himmel und Erde vollendete. Am 50. Tag nach Ostern – Pfingsten kommt von Pentekoste, griechisch für „fünfzig“ – wird die Sendung des Heiligen Geistes als Geburtsstunde der Kirche gefeiert.

Die Zahl 40 ist dabei jeweils nicht nur eine mathematische Größe, sondern Ausdruck dafür, dass es sich um eine besonders gesegnete Zeit handelt, eine Zeit der Gnade und der besonderen Nähe und Gegenwart Gottes.


Wesen und Zielrichtung des Katholikentags 2014 in Regensburg

Für das Bistum Regensburg, liebe Schwestern und Brüder, sind die beiden 40-Tage-Zeiten in diesem Jahr noch in einer anderen Hinsicht eine Zeit der Vorbereitung und der freudigen Erwartung: Vom Fest Christi Himmelfahrt, vierzig Tage nach Ostern, bis zum darauffolgenden Sonntag – es sind die Tage vom 28. Mai bis zum 1. Juni 2014 – findet in Regensburg der 99. Deutsche Katholikentag statt. Nach 1849, 1884 und 1904 ist das Bistum Regensburg nun zum vierten Mal Gastgeber dieser Veranstaltung.

Ursprünglich und von seinem Wesen her ist der Katholikentag ein Treffen der katholischen Verbände sowie der Gremien und darüber hinaus aller an ihrem Glauben interessierten katholischen Männer und Frauen. Über die Diözesan- und oft auch Ländergrenzen hinweg kommen sie zusammen, um sich gemeinsam im Glauben zu stärken, Gottesdienst zu feiern und sich davon ausgehend der politischen Relevanz ihres Glaubens zu vergewissern. Der Katholikentag möchte Impulse geben und Orientierung vermitteln in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft mit ihren wirtschaftlichen, sozialethischen und kulturellen Fragestellungen.

So unterscheidet sich der Katholikentag von einem Eucharistischen Kongress, aber auch von einer Synode oder einem Konzil. Bei diesen Versammlungen steht die Innenperspektive im Vordergrund; hier wäre der Ort zur Verhandlung strittiger Fragen in Glauben oder Kirchendisziplin. Diese Versammlungen hätten auch – in gestufter Form – die Vollmacht, in solchen Fragen Entscheidungen herbeizuführen. Ein Katholikentag hingegen hat von seiner Geschichte her weniger die Perspektive nach innen, sondern vielmehr nach außen. Im Vordergrund stehen die Fragen: Was haben wir Katholiken positiv zur Gestaltung der Gesellschaft und ihrer Zukunft einzubringen? Wo sind wir das Salz, das unserem Volk und Land und dem Zusammenleben der Menschen Geschmack und Würze verleiht? Wo sind die Wunden, in denen das Salz des Evangeliums vielleicht auch brennen und gerade so seine reinigende und heilende Wirkung erzielen wird?

 

Der Katholikentag 2014 im Kontext geschichtlicher Umwälzungen

Der Katholikentag 2014 steht in geschichtlichen Zusammenhängen: In diesem Jahr jährt sich zum 100. Mal der Beginn des Ersten Weltkriegs, dieser ersten großen humanitären Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Leider war es damals auch den Christen nicht gelungen, die Kräfte des sich entfesselnden Nationalismus zu bändigen, die Spannungen innerhalb eines christlichen Kontinents friedlich zu lösen und so diese Niederlage der Menschlichkeit zu verhindern.

Gott sei Dank dürfen wir dieses Jahr aber auch ein anderes Jubiläum begehen: 25 Jahre friedliche Überwindung des Eisernen Vorhanges, der Europa lange Zeit in zwei Teile zerrissen hatte. Der Fall einer Mauer, ohne Blutvergießen bewerkstelligt und mitgetragen vor allem auch durch das Gebet und das Engagement vieler Christen! Ein Brückenschlag von historischer Tragweite!

Dieses zweite Jubiläum soll beim Katholikentag 2014 in Regensburg im Vordergrund stehen! Ich freue mich sehr, dass dieser Brückenschlag auch in Form einer grenzüberschreitenden deutsch-böhmischen Wall­fahrt am Samstag, den 31. Mai 2014, seinen Ausdruck finden wird.

 

„Mit Christus Brücken bauen“ – Christus die Brücke zwischen Gott und Mensch

Das Leitwort des Katholikentags lautet: „Mit Christus Brücken bauen“. In der Stadt am nördlichsten Punkt der Donau, die als Wasserstraße selbst verschiedene europäische Völker in Ost und West verbindet, haben wir vielfachen Anschauungsunterricht: Brücken überspannen Flüsse und Täler, verbinden getrennte Ufer miteinander und ermöglichen Einigung und Gemeinschaft. Während Mauern trennen und unterbrechen, führen Brücken zueinander, überwinden Distanzen, verkürzen Wege und vermitteln Austausch.

Im Zentrum unseres Glaubens steht die Gewissheit, dass Jesus Christus selbst Brücke ist: Brücke zwischen Gott und Mensch, zwischen Zeit und Ewigkeit, Himmel und Erde. Im Ersten Brief an seinen Schüler Timotheus schreibt der Apostel: „Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: Der Mensch Christus Jesus“ (1 Tim 2,5). Denn, so hörten wir vorhin in der Lesung: „Er [Jesus Christus] hat dem Tod die Macht genommen und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium“ (2 Tim 1,10).

 

Mit Christus Brücken bauen – Christen als Brücken für eine wahrhaft humane Gesellschaft

Wer zu Christus gehört, hat teil an seinem Mittlerdienst. Deshalb verschließt sich die Kirche nicht selbstgenügsam hinter den Kirchenmauern, sondern sie stellt sich in den Dienst an der Einheit der Menschen mit Gott und der Menschen untereinander (vgl. II. Vatikanum, Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ 1) und geht, wie Papst Franziskus nicht müde wird zu betonen, getragen von der Freude des Evangeliums bis an die Ränder der Gesellschaft.

Ich wünsche mir, dass der Katholikentag mit seinen vielen Veranstaltungen gewinnend und überzeugend deutlich macht: Das biblisch-christliche Menschenbild ist die ideale Voraussetzung für den Aufbau und den Erhalt einer humanen und lebenswerten Gesellschaft. Als Ebenbild Gottes ist jedem Menschen eine unzerstörbare Würde geschenkt, die es zu achten gilt von der Zeugung bis zum Tod.

Angesichts aktueller Tendenzen, die Gesetzgebung hinsichtlich der Beihilfe zur Selbsttötung aufzuweichen, müssen wir als Christen die wahre und einzig menschliche Alternative aufzeigen: also alten oder kranken Menschen nicht zu helfen, Hand an sich zu legen, sondern vielmehr ihre Hand zu halten und ihnen in ihren Ängsten vor Schmerz und Einsamkeit beizustehen.

Allen Frauen und Männern, die durch eine Schwangerschaft in Bedrängnis geraten sind, soll erneut, immer wieder und unmissverständlich zugesichert werden: Die Kirche stellt jede nur erdenkliche seelische, materielle und ideelle Hilfe zur Verfügung. Ein Blick in das Internet genügt, um die nächste Caritas-Beratungsstelle zu finden. Die Kirche bedeutet Sicherheit für Mutter, Vater und Kind – für alle Beteiligten. Ich wiederhole: Sicherheit auch für das ungeborene Kind. Denn ihm das Leben zu nehmen, ist keine Lösung, sondern ein Unrecht, das zum Himmel schreit.

Der Katholikentag ist eine gute Gelegenheit, mit neuer Deutlichkeit zu zeigen: Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen, und diese Geschlechterpolarität wird ausdrücklich gutgeheißen. In der gegenseitigen Anziehung der Geschlechter und in der Fruchtbarkeit ihrer Liebe hat der Schöpfergott die Zukunft der Menschheit begründet. Vater-sein-können und Mutter-sein-können sind nicht anerzogene kulturelle Rollenmuster, sondern schöpfungsmäßige Bestimmungen des Menschseins von Mann und Frau. Und so haben auch Kinder das Recht, im Erleben von Vater und Mutter ihr eigenes Geschlecht anzunehmen und ihr Leben als Geschenk Gottes zu verwirklichen. Wenn die staatliche Gesetzgebung Ehe und Familie privilegiert, dann nicht aufgrund der Bevorzugung einer sexuellen Neigung, sondern im Interesse am Fortbestand der Gesellschaft und eines gerechten Miteinanders der Generationen. Ich erwarte mir, dass der Katholikentag in diesem Sinne deutlich seine Stimme erhebt.

Der Katholikentag mit seiner ausdrücklich gesellschaftlichen Zielrichtung soll, so erhoffe ich es, bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, besonders aber bei den jungen Menschen, die auf der Suche nach ihrem Platz in Staat und Gesellschaft sind, auch die Frage wecken: Bin vielleicht ich dazu berufen, mich in einer der demokratischen Parteien unseres Landes zu engagieren und aus christlichem Geist heraus politische Verantwortung zu übernehmen? Dies entspräche dem Auftrag der getauften und gefirmten Weltchristen (so genannter Laien) gemäß der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils, wonach Laienapostolat bedeutet: Durch und mit ihrer beruflichen Kompetenz sollen die getauften und gefirmten Christen in ihren Berufen für das ReichGottes arbeiten.

Noch viele weitere Brückenschläge bieten sich an: zwischen Glaube und Naturwissenschaft, zwischen Ökologie im Sinne der Bewahrung der Schöpfung und Ökonomie, zwischen Kirche und zeitgenössischer Kunst, und vieles andere mehr, ohne dass ich darauf jetzt näher eingehen könnte.

Nur auf einen schon gelungenen Brückenschlag möchte ich nochmals zurückkommen: die deutsch-böhmische Nachbarschaft im Kontext der Überwindung des Eisernen Vorhangs 1989. Am Weißen Sonntag wird in Rom die Heiligsprechung der beiden Päpste Johannes’ XXIII. und Johannes Pauls II. gefeiert werden. Johannes XXIII. hat mit der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils den Prozess der Reform der Kirche aus ihrem Ursprung heraus und der Verheutigung des Glaubens angestoßen. Von Johannes Paul II., dem ersten Papst aus Polen, wurde angesichts der friedlichen Revolution 1989 in Europa gesagt: „Das Schiff des Kommunismus ist vor allem an dem Felsen gestrandet, auf den Christus, der Herr seine Kirche gebaut hat“. Damit kommt exemplarisch die Bedeutung des geistlichen und politischen Wirkens der Christen bei der Neuordnung Europas zum Ausdruck. Bei der Wallfahrt in Neukirchen beim Heiligen Blut am Samstag, 31. Mai, die ich zusammen mit Bischof František von Pilsen anführen werde, greifen wir nicht nur die zahlreichen Initiativen der Völkerverständigung auf, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs entstanden sind. Wir wollen auch um Kraft und Phantasie beten, aus dem Glauben heraus am Weiterbau eines christlichen Europas mitwirken zu können.


Einladung und Dank

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! 
Sie alle, jung und alt, lade ich herzlich zum Katholikentag nach Regensburg ein! Die Fahnenabordnungen der Vereine und Verbände bitte ich mitzuhelfen, das Leichtathletikstadion der Universitätssportanlagen, wo die beiden großen Eucharistiefeiern am 29. Mai und 1. Juni jeweils um 10.00 Uhr stattfinden werden, in einen Freiluftdom zu verwandeln. Für uns Katholikinnen und Katholiken kommt es heute darauf an, Flagge zu zeigen. Wer könnte unsere Bereitschaft besser deutlich machen als Sie, die Vertreterinnen und Vertreter der katholischen Vereine und Verbände? Ebenso herzlich lade ich alle Ministrantinnen und Ministranten ein, in Ministrantenkleidung dabei zu sein. Katholikentage sind immer auch ein Zeichen der zukunftsgestaltenden Kraft des Glaubens. Wer könnte dies besser unter­streichen als Ihr, die jungen Christen?

Seit ein paar Tagen können Sie im Internet das Programm des Katholikentages einsehen. Bitte nützen Sie diese Gelegenheit zur Information (und vielleicht auch den 10%igen Rabatt, der bei einer Anmeldung bis Ende März gewährt wird).

Wenn es Ihnen nicht möglich ist, an allen Tagen den Katholikentag zu besuchen, sind Sie auch herzlich zu Einzelveranstaltungen eingeladen (z.B. zu den großen Eucharistiefeiern zu Beginn und zum Abschluss oder zur Wallfahrt nach Neukirchen beim Heiligen Blut).

Schon jetzt danke ich allen, die mit großem Engagement an der Vorbereitung des Katholikentages mitwirken. Ein besonders herzliches Vergelt’s Gott gilt den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die sich einsetzen für die gastfreundschaftliche Aufnahme und Begleitung unserer Gäste, und allen, die durch ihr Gebet einen unverzichtbaren Beitrag zu einem guten Gelingen leisten.

Liebe Schwestern und Brüder! Lassen wir uns durch die Vorbereitung und die Feier des bevorstehenden Osterfestes im Glauben an Christus den Brückenbauer zwischen Himmel und Erde, Gott und Mensch stärken, um dann beim Katholikentag mit Christus Brücken zu bauen hin zu den Menschen. Dazu erbitte ich Euch und Ihnen allen den Segen des dreifaltigen Gottes, des + Vaters und des + Sohnes und des + Heiligen Geistes.


Regensburg, am 1. Fastensonntag im Jahr des Heils 2014

+ Rudolf
Bischof von Regensburg