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Misereor: Schuldenkrise im Globalen Süden eskaliert

Bildung, Gesundheit und soziale Sicherheit in Gefahr


Aachen/Regensburg, 30. April 2026

In vielen Ländern des Globalen Südens spitzt sich die Schuldenkrise dramatisch zu – mit unmittelbaren Folgen für Millionen von Menschen. Staaten, die bereits heute einen großen Teil ihrer Einnahmen an ausländische Gläubiger abführen müssen, geraten zunehmend an den Rand des finanziellen Kollapses.

44 Länder sind laut dem kürzlich veröffentlichten Schuldenreport 2026 von einer sehr hohen Auslandsschuldenlast betroffen. Weitere 25 Staaten gelten als hoch belastet, 15 weitere stehen am Rande einer kritischen Entwicklung. „In besonders betroffenen Ländern fließen mehr als 15 Prozent der Staatseinnahmen in den Schuldendienst – in Angola sogar 60 Prozent, im Senegal 39 Prozent“, erklärt Malina Stutz vom Entschuldungsbündnis erlassjahr.de. „Das bedeutet konkret: Geld, das für Schulen, Krankenhäuser oder Infrastruktur dringend gebraucht wird, geht stattdessen an ausländische Gläubiger.“

Zum Vergleich: In Deutschland liegt dieser Anteil bei lediglich rund zwei Prozent.

Krieg und steigende Preise verschärfen die Lage dramatisch 

Die Lage verschärft sich weiter. „Zu der ohnehin hohen Verschuldung kommen jetzt die Folgen des Kriegs am Golf hinzu“, warnt Misereor-Experte Benjamin Rosenthal. Steigende Energie- und Lebensmittelpreise setzen die Haushalte zusätzlich unter Druck, während Kapital abfließt und Kredite teurer werden. „Für viele Staaten wird es damit noch schwieriger, grundlegende Leistungen für ihre Bevölkerung aufrechtzuerhalten.“

Wie dramatisch die Situation ist, zeigt das Beispiel Libanon: Das Land weist gemessen an seinen Einnahmen den weltweit höchsten Schuldendienst auf und ist zahlungsunfähig. „Die Menschen haben bereits durch die Finanzkrise ihre Ersparnisse verloren“, so Rosenthal. „Der Krieg in der Region verschärft die Lage weiter – für viele geht es inzwischen ums nackte Überleben.“

Private Gläubiger profitieren, während Krisen verschleppt werden 

Eine Entspannung ist nicht in Sicht. Öffentliche Gelder für Entwicklungsländer sind zuletzt deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig vergeben private Gläubiger Kredite – wenn überhaupt – nur noch zu sehr hohen Zinssätzen, insbesondere an ohnehin stark verschuldete Staaten. „Das verschleppt Krisen, statt sie zu lösen, und treibt Länder tiefer in gefährliche Abhängigkeiten“, warnt Stutz.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Die internationale Schuldenarchitektur ist weiterhin auf die Interessen der Gläubiger ausgerichtet und bietet keine wirksamen Instrumente zur nachhaltigen Entschuldung. Selbst Länder wie Ghana, Sambia, Sri Lanka oder Suriname bleiben trotz Umschuldungen hoch belastet.

Internationale Schuldenordnung versagt als Krisenlösung 

„Notwendige Reformen werden seit Jahren blockiert – auch von Deutschland und der EU“, kritisiert Rosenthal. „Das ist angesichts der aktuellen Lage nicht länger hinnehmbar.“ Gefordert wird ein grundlegender Systemwechsel: verbindliche Verfahren zur Schuldenstreichung, deutlich mehr öffentliche Investitionen und eine Abkehr von einem Entwicklungsmodell, das einseitig auf private Finanzierung setzt.

„Schuldenerleichterungen sind kein Akt der Gnade“, betont Rosenthal. „Sie sind eine Voraussetzung für Stabilität, Entwicklung und ein menschenwürdiges Leben.“

Text: Silke Schötz / misereor

(SSC)

Weitere Infos

Der Schuldenreport von erlassjahr.de und Misereor analysiert jährlich die globale Verschuldungslage und zeigt politischen Handlungsbedarf auf – der in diesem Jahr dringlicher ist denn je.



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