Erzbischof Hanna Rahmé

Christliche Nächstenliebe im Konfliktgebiet

Libanon: Kirchen helfen auch Muslimen


Beirut / Regensburg, 1. Juni 2026

Der maronitischen Erzbischof Hanna Rahmé erlebt im Libanon nicht nur neue Spannungen und Leid, sondern an manchen Orten auch unerwartete Begegnungen: Christen und schiitische Muslime seien sich inmitten von Flucht, Angst und Vertreibung nähergekommen. Viele Muslime seien von der Hilfsbereitschaft der Kirche positiv überrascht und berührt.

Hanna Rahmé leitet die maronitische Erzdiözese Baalbek-Deir El-Ahmar. Im Gespräch mit dem internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ (ACN) sagte er: „Die Gewalt, die sich anfangs gegen die Schiiten gerichtet hat, greift inzwischen auch auf Christen über“, erklärte der Erzbischof. Noch immer würden Dörfer angegriffen und Menschen seien gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Zugleich habe die Krise jedoch Erfahrungen ermöglicht, die viele überrascht hätten. Dies ist besonders bemerkenswert, denn die Angriffe gegen Stellungen der schiitischen Hisbollah im Südlibanon stürzen immer mehr auch die Zivilbevölkerung in mancherlei Probleme, in Not und mancherorts ins Elend. 

Betroffen sind Muslime und Christen, da es in der Region einige christlich geprägte Dörfer gibt. Durch die Rolle der schiitischen Hisbollah im Konflikt begegnen sich die Bevölkerungsgruppen teilweise mit Misstrauen. Wie Rahmé berichtete, seien viele Christen überrascht gewesen, als schiitische Muslime sie um Hilfe baten. Dennoch habe die Kirche Hilfesuchende unabhängig von ihrer Herkunft oder Religionszugehörigkeit in Pfarrzentren und Privathäusern aufgenommen. „Wir alle wollen den Terrorismus beenden, aber nicht durch Gewalt“, sagte der Erzbischof. Die internationale Gemeinschaft und die Vereinten Nationen seien aufgerufen, Wege des Dialogs zu fördern und zu begleiten.

„Ohne Jesus hätte ich es nicht durchgestanden“

Rahmé zeigte sich besonders beeindruckt von der Geschichte einer vertriebenen muslimischen Familie. Sie habe große Sorge gehabt, wie sie von Christen aufgenommen würde. Ein Priester habe ihnen jedoch die Türen geöffnet und geholfen, ein neues Leben aufzubauen. Einige Tage später habe der Priester gehört, wie die Tochter zu ihren Eltern sagte: „Es scheint, als seien die Christen freundlich und als würden sie uns wirklich mögen.“ Die Familie habe zuvor offenbar ein anderes Bild von Christen vermittelt bekommen. 

„Wenn Menschen in einem isolierten Umfeld aufwachsen, glauben sie letztlich jede Lüge, die ihnen erzählt wird“, sagte Rahmé. Nach seiner Einschätzung hat der Krieg vielen Menschen die besondere Rolle der Kirche neu vor Augen geführt. „Der Krieg hat vielen Menschen bewusst gemacht, dass es das Charisma der Kirche ist, zu Frieden und Zusammenleben aufzurufen, auch wenn andere Stimmen Gewalt propagieren.“ Neben der Hilfe für Vertriebene versucht die Kirche im Libanon weiterhin, jungen Menschen Perspektiven zu geben.

Mit Unterstützung von „Kirche in Not“ organisiert sie Sommercamps für Jugendliche aus verschiedenen Regionen des Landes sowie für syrische Flüchtlinge. Außerdem fördert „Kirche in Not“ Ordensgemeinschaften, die sich speziell der Jugendarbeit widmen. Dazu zählt zum Beispiel die erst 2019 gegründete maronitische Kongregation „Mönche von Beit Maroun, Diener der Zeder des Libanon“. Die Mönche kümmern sich ebenfalls um Flüchtlinge.

Text: CNA Deutsch

(sig)



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