News Bild Kirchweih 2021. Eine Predigt von Prälat Helmut Huber
Kirchweih 2021. Eine Predigt von Prälat Helmut Huber

Die Gefahr einer „Problemtrance“

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„Ein Haus voll Glorie schauet“. Ein schönes altes Bekenntnis- und Prozessionslied. Was fühlten Sie, als wir dies gesungen haben?
„Wem geht (dieses Lied) noch, ohne eine gewisse Beklem­mung, über die Lippen?“ so fragte der bekannte Jesuit Andreas R. Batlogg vor wenigen Wochen in CiG (37/2021).
Unsere Kirche wird zurzeit nicht „voll Glorie“ gesehen. Wenig Positives wird über sie berichtet. Auch eine Folge der fürch­terlichen Misere durch priesterliche Missetäter und des miss­lichen Umgangs von Kirchenleitungen mit diesem Dunkelfeld. Viele haben in unsere Kirche kein Vertrauen mehr. Und viele verlassen sie auch – auch zu ihrem eigenen Schaden.

Vor ziemlich genau 100 Jahren wurde das Gegenteil erlebt. Der berühmte Romano Guardini hat es so ausgesprochen: „Ein religiöser Vorgang von unabsehbarer Tragweite hat einge­setzt: Die Kirche erwacht in den Seelen.“  (Es werde begriffen:) dass die Kirche nicht unfrei mache, sondern im Gegenteil die volle Freiheit zum Ganzen des Daseins gebe; dass sie nicht den Charakter der Einschränkung habe, sondern der Fülle.

Heutzutage sehen dies viele anders – sehr viele: schon lange ist von einer winterlichen Zeit der Kirche die Rede. Es ist ja nicht so, dass erst seit 2010 mit dem Bekanntwerden des Umfangs von sexuellem und Macht-Missbrauch über unsere katholische Kirche hergezogen wird. Das hat sich nur aufgegipfelt.

Schon länger fällt es nicht schwer, „die Kirche“ in den Medien zu kritisieren; sie für „rückständig“, „dialogunfähig“ oder „reformunwillig“ zu erklären.
Und etliche Vorwürfe treffen ja auch zu. Skandale gab es immer wieder und gibt es nach wie vor, unglückliche Personalien, Fehlentscheidungen mit weitreichenden Wirkungen. Und jetzt noch die neuen Nachrichten über den Missbrauchsskandal in Frankreich.

Aber mir scheint die Gefahr gegeben, dass wir in eine Art Problemtrance geraten: viele sehen an der Kirche fast nur noch die Probleme, das Dunkle. Das ist aber ebenso verkehrt, wie es falsch ist, in einem Menschen oder bei sich selbst nur die dunklen Seiten zu sehen und nicht mehr das Gute.

Ich lasse mir die Freude an der Kirche nicht nehmen. Ich verdanke ihr den Glauben, der aufrichtet und tröstet, eine wunderbare Perspektive für das Leben; die Nähe zu Jesus Christus.
Die Kirche trägt das Wort Gottes durch die Zeit. Ohne sie (die orthodoxen und reformatorischen eingeschlossen) würde der heilsame Strom, der von Jesus ausgeht, bald versiegen. Die Kirche erinnert inmitten der säkularen Welt, dass das Sichtbare nicht alles ist – nicht einmal das Entscheidende.
Sie hält das Wissen von der Barmherzigkeit Gottes lebendig, die uns in Jesus begegnet ist und immer neu begegnet.
Sie erinnert an das ewige Ziel. Sie gibt den Impuls, „den gewöhnlichen Alltag auf Gott hin zu leben“ (Ratzinger). Lehrt, Gott „im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Evangelium). Damit hält sie auch den Himmel offen.

Durch die Kirche und ihre Glieder, auch durch die meisten ihrer Repräsentanten, geschieht so viel Gutes: Armen in allen Ländern wird geholfen – auch dort, wo sie verfolgt wird; Traurige werden getröstet. Und viele imponierende Personen hat sie hervorgebracht, auf die wir stolz sein können – Heilige, die auch von den Missetätern nicht verdeckt werden können.

Die Kirche ist doch ein Haus voll Glorie: einer Glorie, die Gott macht. Sie ist ja nicht aus sich heraus Licht. Sie hat nur das Licht Gottes zu reflektieren, das durch Jesus in der Welt leuchtet – wie der Mond das Licht der Sonne reflektiert.
Sie trägt (wie die Dichterin Gertrud von le Fort – auch vor ca. 100 Jahren – gesagt hat) „Purpurfäden, die sind nicht auf Erden gespon­nen“.

Und dabei ist sie durch ihren geschichtlichen Weg „ver­beult“ (wie Papst Franziskus oft sagt); verbeult durch Konflikte und durch Sünden ihrer Akteure.
Auch Romano Guardini hat vor 100 Jahren gesagt: „von der Kirche kann nur reden, wer unter ihr leidet. Ich glaube, in dem Maß versteht man sie, oder wenig­stens vieles an ihr, als sie einem das Kreuz des Lebens ist. …… . Ich sehe die furcht­baren Unzulänglichkeiten; aber ich rede mit Zuversicht von ihrem Guten. Manchmal ist’s mir, als löge ich. Aber es ist nicht wahr.“

In dieser „winterlichen Zeit der Kirche“ (Karl Rahner) muss Kirche jedoch wieder in den Seelen erwachen! Sonst stirbt sie dort. Den lautlosen Auszug haben viele längst voll­zogen, selbst manche derjenigen, die nach wie vor in die Kirche kommen. Inhaltlich, thematisch trauen sie der Kirche und ihren Hierarchen nicht mehr viel zu.

Damit die Kirche in den Seelen erwachen kann, muss sie ihren Kern zeigen: die Frage nach Gott – nach der Rettung der Menschen – die Gegenwart des Auferstandenen. Sie muss mehr ein geistiges „Haus des Gebets für alle Völker“ (Jesaja 1. Lesung) werden. Darum muss es bei aller Erneuerung gehen. Strukturen sind dann zu verändern, wenn sie dieser Botschaft im Wege stehen.

Damit Kirche in den Seelen erwachen kann, müssen wir (wir!) annehmen, was die Lesung gesagt hat. „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen. ……. damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch …. in sein wunderbares Licht gerufen hat.“

Wir sind die Kirche: die lebendigen Steine, hoffentlich lebendige Steine.

Wir müssen uns identifizieren mit dieser Kirche, mit ihren Stärken und Schwächen. Das ist wichtig; das ist wichtig! Die Kirche ist wie wir, stark und schwach. – und doch „ein Haus voll Glorie. –erbauet auf Jesus Christ allein. Wenn sie auf ihn nur schauet ….“

 

Prälat Helmut Huber ist Kanoniker des Kollegiatstifts Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle. Die Predigt hielt er am Kirchweihfest 2021 in der Regensburger Stiftspfarrkirche St. Kassian.

Titelbild: Stiftspfarrkirche St. Kassian © Kollegiatstift Unserer Lieben Frau zur Alten Kapelle, Regensburg.