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Zur Neuigkeit
Kirche in der Nachbarschaft
Einblick in die Weltkirche
Regensburg, 29. Oktober 2026
Die katholischen Bischöfe Ostafrikas wollen ein Pastoralmodell, das seit mehr als 50 Jahren das kirchliche Leben in der Region prägt, wissenschaftlich untermauern. Die Catholic University of Eastern Africa in Nairobi soll einen eigenen Studiengang über Small Christian Communities entwickeln. Kleine christliche Gemeinschaften gelten in neun ostafrikanischen Ländern als Rückgrat der Pastoral.
Bei der 45. Abschlussfeier der Catholic University of Eastern Africa (CUEA) in Nairobi verkündete Bischof Mark Kadima Wamukoya von Bungoma, Vorsitzender des Universitätsrates, einen neuen Auftrag für die Hochschule. Er erklärte, die Bischöfe der Association of Member Episcopal Conferences in Eastern Africa (AMECEA), dem Zusammenschluss der katholischen Bischofskonferenzen Ostafrikas, hätten die Universität mit der Entwicklung eines Studiengangs zu Small Christian Communities beauftragt.
Der geplante Studiengang soll keine neue Theorie über kirchliche Gemeinschaft entwickeln. Er soll erstmals wissenschaftlich untersuchen, was längst existiert. Wie funktionieren die Gruppen? Wie werden Leiter ausgebildet? Wo gelingt Glaubensweitergabe? Welche Rolle spielen Frauen und junge Menschen? Wie reagieren Gemeinschaften auf Armut, Konflikte und gesellschaftlichen Wandel? Die Universität soll Forschung, Lehre und pastorale Erfahrung verbinden. Ziel ist es, das Modell zu untersuchen und weiterzuentwickeln.
AMECEA umfasst die katholischen Bischofskonferenzen von Eritrea, Äthiopien, Kenia, Malawi, Sudan und Südsudan, Tansania, Uganda und Sambia. Die Organisation wurde 1961 gegründet und dient der gemeinsamen Pastoral in Ostafrika. Zu ihren wichtigsten Einrichtungen gehören die Catholic University of Eastern Africa und das Pastoralinstitut von Ggaba.
Kirchliche Einheit unterhalb der Pfarrei
Die Small Christian Communities gelten innerhalb des Verbundes als eine der bedeutendsten pastoralen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte. Was nun an der Universität erforscht werden soll, ist in vielen ostafrikanischen Pfarreien längst Alltag. Eine Small Christian Community besteht typischerweise aus einer überschaubaren Gruppe von Familien oder Nachbarn. Sie trifft sich regelmäßig in Häusern, manchmal in Schulen oder anderen Einrichtungen. Dort wird gemeinsam gebetet, die Heilige Schrift gelesen und das Evangelium des kommenden Sonntags besprochen.
Zugleich greifen die Gemeinschaften konkrete Sorgen aus dem Alltag auf. Krankheit, Trauer, Armut, Familienprobleme und die Unterstützung von Nachbarn gehören ebenso dazu wie Katechese und Vorbereitung auf das Gemeindeleben.
Der Ausgangspunkt war ein praktisches Problem. Viele Pfarreien Ostafrikas sind flächenmäßig groß. Ein Priester kann nicht jede Familie regelmäßig besuchen. Manche Gemeinden bestehen aus weit voneinander entfernten Dörfern. In schnell wachsenden Städten wiederum leben Tausende Katholiken in einem Pfarrgebiet. Die ostafrikanischen Bischöfe reagierten darauf Anfang der 1970er Jahre mit einem neuen Pastoralmodell. 1973 entstand die Grundidee, 1976 wurde sie zur gemeinsamen pastoralen Priorität.
Die Pfarrei sollte nicht nur eine große organisatorische Einheit bleiben. Sie sollte aus kleineren Gemeinschaften bestehen, in denen Menschen einander kennen und Verantwortung füreinander übernehmen. Die Bischöfe sprachen damals von einer „Kirche in der Nachbarschaft“. Die Kirche sollte dort sichtbar werden, wo Menschen leben. Nicht jede pastorale Aufgabe musste vom Pfarrer ausgehen. Laien übernahmen Gebet, Bibelgespräch, Krankenbesuche, Hilfe für Bedürftige und Aufgaben der Glaubensweitergabe.
Das Modell verbreitete sich schnell. Bereits 2022 waren mehr als 190.000 Small Christian Communities in den neun Ländern des Verbundes aktiv. In vielen Diözesen bilden zehn bis 15 Familien eine solche Gemeinschaft. Mehrere Gemeinschaften bilden eine lokale kirchliche Einheit, aus der wiederum größere Pfarrstrukturen entstehen.
Die Größe der Gemeinschaften ist kein Nebenthema. Bischof Charles Sampa Kasonde von Solwezi in Sambia, damals Vorsitzender von AMECEA, warnte 2024 davor, die Gruppen zu groß werden zu lassen. Nur in einer überschaubaren Gemeinschaft könnten Beziehungen entstehen, in denen Menschen einander tatsächlich kennen und Bedürfnisse wahrnehmen.
Aus der Not wird ein Pastoralmodell
Aus einer Antwort auf Priestermangel und große Entfernungen entwickelte sich mit der Zeit ein eigenes Kirchenverständnis. Die Small Christian Communities schließen nicht einfach Lücken, die wegen fehlender Priester entstanden sind. Die Bischöfe verstehen sie zunehmend als eine Form, in der Kirche selbst gelebt wird.
Beim goldenen Jubiläum 2024 bezeichnete Bischof Wolfgang Pisa von Lindi in Tansania die kleinen Gemeinschaften als einen „neuen Weg, Kirche in Afrika zu sein“. Wenn der Glaube Wurzeln schlagen solle, müsse die Kirche bis in die Familie und die Nachbarschaft hineinreichen. Zum Jubiläum erschien 2026 ein umfangreicher Sammelband mit Beiträgen von rund 23 Autoren, Theologen, Wissenschaftlern und pastoralen Mitarbeitern.
Der Band zeichnet die Entwicklung seit 1973 nach und untersucht Katechese, Bibelarbeit und soziale Verantwortung. Die Herausgeber sprechen von einer pastoralen Innovation, die aus den konkreten Bedingungen Ostafrikas entstanden ist. Kirchliche Struktur verbindet sich dabei mit afrikanischen Traditionen gemeinschaftlichen Lebens. Es ist damit ein gelungenes Modell der Inkulturation des Christentums.
Die Gruppen sollen zugleich Orte sein, an denen Theologie in den Alltag der Menschen übersetzt wird. Der frühere AMECEA-Pastoralkoordinator Emmanuel Chimombo beschrieb ihre Aufgabe so, dass Theologie dort auf die Ebene des täglichen Lebens gebracht werde. Menschen, die gesellschaftlich oder kirchlich an den Rand gedrängt seien, könnten ihre Erfahrungen einbringen und gehört werden.
Bibel, Nachbarschaft und Verantwortung
Typisch für die Gemeinschaften ist das gemeinsame Bibelgespräch. Ein Abschnitt aus dem Evangelium wird gelesen und anschließend mit der eigenen Lebenswirklichkeit verbunden. Die Frage lautet nicht nur, was der Text bedeutet, sondern auch, was daraus für Familie, Nachbarschaft und Gemeinde folgt.
Die Grenzen des Modells werden ebenfalls diskutiert. Nicht jede Gemeinschaft funktioniert gleich gut. Manche bestehen nur noch auf dem Papier. Andere leiden unter schwacher Leitung oder verlieren ihren geistlichen Schwerpunkt. Bereits 2018 warnte der heutige Erzbischof von Daressalam, Jude Thaddaeus Ruwa’ichi, davor, dass manche Gruppen nur noch nominell existierten. Er forderte eine stärkere geistliche und pastorale Erneuerung.
Genau hier setzt der neue Studiengang an. Die Forschung soll zeigen, wo Small Christian Communities tragen und wo sie schwach geworden sind. Eine verbesserte Ausbildung soll die Leitung stärken. Erfahrungen aus unterschiedlichen Ländern sollen wissenschaftlich miteinander verglichen werden.
Afrikanischer Beitrag zur Weltkirche
Die ostafrikanischen Bischöfe betrachten das Modell inzwischen nicht mehr nur als regionale Besonderheit. Beim AMECEA-Plenartreffen im Juli 2026 bezeichnete das Symposium der Bischofskonferenzen von Afrika und Madagaskar die Small Christian Communities als wichtigen afrikanischen Beitrag zur Weltkirche. Sie hätten vieles von dem vorweggenommen, was heute unter den Begriffen Gemeinschaft, Teilhabe und Synodalität diskutiert werde.
Künftig sollen auch digitale und hybride Formen in die Arbeit der kleinen Gemeinschaften einbezogen werden. Besonders junge Menschen sollen auf diesem Weg stärker begleitet werden.
Damit verändert sich auch das Modell selbst. Ursprünglich war es stark an Nachbarschaft und persönliche Begegnung gebunden. Heute sind Familien mobiler. Junge Menschen ziehen in Städte, studieren oder arbeiten weit entfernt. Digitale Kommunikation gehört zum Alltag. Die Bischöfe wollen deshalb auch untersuchen lassen, wie die Grundidee erhalten bleiben kann, wenn sich die Lebensformen verändern.
Text: Peter Winnemöller
Foto: Shutterstock_




