Kardinal Pizzaballa

Kardinal Pizzaballa, Jerusalem, appelliert an Christen weltweit

„Wir haben hier eine Mission“


Jerusalem / Regensburg, 16. Februar 2026

Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, hat dem Sender EWTN ein exklusives Interview gegeben, in dem er die Instabilität der politischen Lage speziell für die Christen im Heiligen Land als Katastrophe benennt. Seine Prognose ist mehr als düster. Zu Beginn des Gesprächs gab er indessen eine berührende Schilderung von seinem persönlichen Erleben an den Orten, in denen Gott selbst als Mensch auf Erden wirkte. In Jerusalem sprach Pizzaballa mit EWTN-Korrespondent Rudolf Gehrig, und er rief die Christen weltweit dazu auf, trotz aller Widrigkeiten wieder zu den Wirkungsstätten Jesu Christi zu pilgern.

Eminenz, vielen Dank, dass wir hier bei Ihnen in Jerusalem sein dürfen. Sie leben seit 1990 im Heiligen Land. Sie feiern die Heilige Messe in dem Land, in dem Jesus Christus die Eucharistie eingeführt hat. Sie predigen dort, wo er gepredigt hat. Sie laufen auf demselben Boden wie er. Wie hat diese ganz konkrete Nähe zur Menschwerdung Christi Ihre Beziehung zu Jesus beeinflusst?

Es stimmt, ich bin vor Jahrzehnten hierhergekommen, und es war sehr bewegend, an den heiligen Stätten zu sein, weil alles neu für mich war. Die Menschwerdung wird ganz konkret, weniger abstrakt, weniger theoretisch. Sich dann vorzustellen, dass am Heiligen Grab, in der Geburtsgrotte, in der Grotte von Nazareth oder am See Genezareth Jesus einst hier gewandelt ist, gesprochen und Wunder gewirkt hat, besonders wenn man das Dorf Kapernaum betritt – das hat mir geholfen, der Heiligen Schrift näher zu kommen. Es half mir auch, die Sakramente, insbesondere die Eucharistie, mit der Zeit auf eine andere Weise zu leben. Klar, man kann sich mit der Zeit auch daran gewöhnen. An alles kann man sich gewöhnen.

Wie ist es mit den Menschen?

Was mir noch geholfen hat, immer tiefer in das Konzept der Menschwerdung einzutauchen und diese Beziehung zu Jesus in meinem Leben konkret und tief werden zu lassen, ist auch die Begegnung mit den Menschen hier. Das müssen nicht unbedingt Christen sein. Ich habe Juden und Muslime getroffen, die natürlich von Jesus gehört haben, ihn aber nicht als Gott annehmen. Und sie haben Fragen über die Menschwerdung gestellt, aber nicht kritisch, sondern als Freunde. Für sie ist die Menschwerdung Gottes etwas, das schwer zu akzeptieren ist. Das alles hat mir dabei geholfen, diese Erfahrung der physischen, konkreten, menschlichen Begegnung in mir zu erneuern.

Was ist Ihr Lieblingsort hier im Heiligen Land?

Wie gesagt, es gibt viele Orte. Es hängt immer etwas von meiner Stimmung ab. Manchmal ist es Gethsemani, manchmal das Heilige Grab und so weiter. Aber den Ort, den ich immer liebe, das ist der See Genezareth. Dort gibt es keine Kirchen, nichts, nur den See und den Strand.

Warum gefällt Ihnen das so gut?

Weil es authentisch ist. Es ist unberührt. Dort gibt es nur dich, den Ort und Jesus.

Heute sind wir in Jerusalem. Welche Bedeutung hat diese Stadt besonders für uns Christen?

Jerusalem ist das Herz. In gewisser Weise fasst es die gesamte Geschichte der Offenbarung zusammen. Es ist der Ort, an dem die wichtigsten Ereignisse unseres Glaubens stattfanden und zu einem Symbol für die Kirche wurden. Die Bibel, die Heilige Schrift, beginnt mit einem Garten. Aber das letzte Buch der christlichen Bibel, das Buch der Offenbarung, handelt von Jerusalem, dem himmlischen Jerusalem, das herabkommt. Es ist das Bild für die Kirche. Vergessen Sie auch nicht, dass an Pfingsten die Kirche in Jerusalem entstanden ist, wo alle Völker versammelt waren, alle Sprachen, vereint durch den Heiligen Geist. Juden, Araber und so weiter. Sie alle haben sich untereinander verstanden. Die letzten beiden Kapitel aus dem Buch der Offenbarung sind eine sehr schöne Beschreibung des Lebens der Kirche. Darin wird Jerusalem zum Symbol für all das.

Jesus Christus selbst hat die heiligen Schriften der Thora auf Hebräisch gelesen. Sie kennen die Sprache sehr gut und haben unter anderem dabei geholfen, eine hebräische Version des Römischen Messbuchs herauszugeben. Welche Bedeutung hat diese Sprache für die Liturgie?

Oh, das war eine sehr interessante Erfahrung, das Messbuch auf Hebräisch herauszubringen. Der Reichtum der christlichen, in unserem Fall der katholischen Liturgie, ist nicht immer leicht zu übersetzen, weil die semitischen Sprachen immer sehr konkret sind. Daher war es nicht einfach, die philosophischen und theologischen Konzepte in einigen Gebeten des Messbuchs zu übersetzen, aber es war auch sehr interessant zu sehen, dass viele der Ausdrücke nicht nur in der Bibel, sondern auch in der hebräischen Liturgie, der jüdischen Liturgie, zu finden sind. Es war spannend zu sehen, wie man den christlichen Glauben in die hebräische Sprache einfließen lassen kann.

Christen sind heute die größte Religionsgemeinschaft der Welt und über die ganze Welt verteilt. Aber hier im Heiligen Land – dem Geburtsort der Kirche, dem Geburtsort des Christentums – gibt es vergleichsweise nur sehr wenige Christen. Wie würden Sie die Situation der Christen hier beschreiben?

Also, erstens ist es kein Drama, dass wir nur wenige sind, dass wir die zahlenmäßige Minderheit sind. Ich denke, das gehört zur Vorsehung. Die Christen können keine Macht haben. Die Stärke der Christen hier ist das Zeugnis, das Bekenntnis. Wenn man Macht hat, ist es viel schwieriger, Zeugnis für den authentischen, christlichen Glauben und das Evangelium abzulegen. Dennoch ist es wichtig, die christliche Präsenz hier aufrechtzuerhalten. Das Leben der Christen hier wird von Tag zu Tag komplizierter. Wir sind über das ganze Land verstreut, von Israel bis Gaza, in Palästina, im Westjordanland und natürlich in Jerusalem. Die Herausforderungen hängen auch mit der politischen Situation zusammen, die echt problematisch ist, weil wir keine politische Macht haben. Es ist Fakt, dass die politische Instabilität – um es mal euphemistisch auszudrücken – eine Katastrophe ist.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen?

Was wir erleben, wirkt sich auf das Leben aller aus, besonders auf das der Christen, da wir nur wenige sind und von den verschiedenen politischen und sozialen Behörden ein bisschen vernachlässigt werden. Das Wegbleiben der Pilger aufgrund der politischen Lage wirkt sich vor allem in der Region Bethlehem und in Jerusalem aus. Das betrifft aber nicht nur das Leben vieler christlicher Familien. Der Konflikt verhindert die Wiedervereinigung von Familien, die in Bethlehem und Jerusalem leben. Es gibt viele Probleme, die mit der politischen Lage zusammenhängen. Für Christen wird es manchmal schwierig, wenn sie an ihre Zukunft denken. Wir können hier leben, sagen sie. Aber was ist mit unseren Kindern? Wir wollen nicht, dass sie das durchmachen müssen, was wir durchgemacht haben. Ich kann ihnen keinen Vorwurf machen. Aber ich sage ihnen immer wieder, dass wir hier eine Mission haben. Wir haben die Berufung, den christlichen Glauben an dem Ort lebendig zu halten, an dem Jesus geboren wurde, gestorben und auferstanden ist.

Sie haben sich kürzlich mit Papst Leo XVI. in Rom während des Konsistoriums getroffen. Was haben Sie dem Heiligen Vater über das Heilige Land erzählt?

Ich habe mit ihm meine Sorge um das Leben aller, nicht nur der Christen hier im Heiligen Land, geteilt. Meine Sorgen um das politische Chaos, in dem wir leben, und darum, dass es schwierig ist, eine klare Vision, eine politische Vision zu erkennen. Wir müssen konkret, sozial und religiös sein. Wir sehen, wie wichtig es ist, eine Vision für die Zukunft dieses Landes zu haben. Es ist die Pflicht der Kirche, sich klar dazu zu äußern. Und was ich aus dem Konsistorium mitgenommen habe, ist vor allem eine sehr klare Solidarität für das, was wir erleben, aber auch die Bitte an uns, ihnen dabei zu helfen, um auch für sich selbst eine Vision zu entwickeln. Wir sind eine Minderheit, aber wir sind lebendig.

Aber gibt es Momente, in denen Sie sich von der Weltkirche im Stich gelassen fühlen – oder zumindest einsam?

Im Stich gelassen? Nein. Einsam zu sein ist Teil unserer Realität. Aber im Stich gelassen? Nein. Ich meine, es gibt hier viele Projekte, die wir ohne Unterstützung der Weltkirche nicht betreuen könnten: Schulen, Krankenhäuser und vieles mehr. Aber wir müssen ganz ehrlich sein: Wir brauchen die Pilger! Pilgerfahrten sind Teil unserer Identität hier, aber viele Menschen haben wegen der Situation Angst davor, hier her zu kommen, auch wenn es keinen Grund zur Angst gibt. Aber „verlassen“ fühlen wir uns nicht, nein.

Sie haben die großen Herausforderungen erwähnt, mit denen Sie hier konfrontiert sind. Es gibt den Krieg in Gaza, viele Christen wandern ab und es gibt immer wieder Gewalttaten. Wie reagiert die Kirche darauf?

Wir haben nur eins: das Wort. Also müssen wir darüber reden. Natürlich müssen wir uns auch bei den politischen Behörden und allen Beteiligten einbringen, um die ständige Verschlechterung der Situation zu stoppen. Aber für uns ist es wichtig, klar zu benennen, wie die Lage ist. Das klappt nicht immer. Manchmal werden wir auch missverstanden. Aber das gehört zum Leben dazu. Es ist wichtig für die ganze Welt, aber auch für unsere Gemeinschaft, zu sehen, dass ihre Hirten da sind, sie verstehen und ihnen nahe sind.

Da wir über die Abwanderung der Christen reden: Wenn es so weitergeht, gibt es in ein paar Jahren vielleicht gar keine Christen mehr im Heiligen Land. Haben Sie eine Idee, wie man diesen Trend noch stoppen kann?

Ich höre seit Jahrzehnten von Abwanderung, aber wir sind immer noch hier. Also ich bin zuversichtlich. Natürlich gibt es das Problem der Emigration. Wir müssen realistisch sein. Aber wir werden nicht verschwinden. Die Hauptgründe für die Abwanderung hängen mit der politischen Lage, den religiösen und politischen Spannungen, der Wirtschaft und so weiter zusammen. In dieser Hinsicht können wir das Problem nicht lösen. Wir müssen also sehr realistisch sein. Wir können hier und da mit etwas Unterstützung, mit der Schaffung von Arbeitsplätzen und einigen Wohnungsbauprojekten helfen. Aber das kann das Hauptproblem der Abwanderung nicht lösen. Natürlich müssen wir auf die Vorsehung vertrauen. Weitere Gründe sind die Sorge um die Zukunft, die Einsamkeit, wie wir bereits gesagt haben. Daher ist es wichtig, präsent zu sein, Mut zu machen und Einheit und Brüderlichkeit in der Gemeinschaft zu schaffen.

Sie laden weiterhin Pilger ein, hierher zu kommen. Ist es unter den gegenwärtigen Umständen wirklich sicher, ins Heilige Land zu reisen?

Es ist sicher. Die Orte, an denen wir derzeit Probleme haben, wie in Gaza, werden von den Pilger ohnehin seit Jahrzehnten nicht mehr besucht. Aber Bethlehem, Jerusalem, Nazareth, der See Genezareth, all diese Orte sind absolut sicher. Pilgerfahrten sind sicher. Und die Menschen hier, Juden, Muslime und Christen, werden sich sehr freuen, die Pilger zu empfangen.

2033 steht ein weiteres großes Jubiläum an. Dann feiert die Kirche den 2000. Jahrestag der Auferstehung Jesu Christi. Bereiten Sie sich schon darauf vor?

Noch nicht. Wir haben gerade erst ein Jubiläum hinter uns (lacht). Aber wir müssen uns überlegen, was wir machen wollen. Es wird wichtig sein, das nicht nur wir Katholiken uns vorbereiten, denn wir sind hier nicht die einzigen Christen. Dieses Jubiläum betrifft alle Christen. Daher wäre es wichtig, zusammenzuarbeiten, um auf eine andere Art das Jubiläum zu feiern.

Das Heilige Land wird auch als „das fünfte Evangelium“ bezeichnet. Welchen Rat würden Sie einem Christen geben, der zum ersten Mal das Heilige Land besucht?

Das Heilige Land ist das fünfte Evangelium. Ich nenne es auch eine Art „achtes Sakrament“, weil es Ihnen hilft, eine konkrete Erfahrung der Begegnung mit Jesus, der Menschlichkeit Jesu, zu machen. Aber Sie müssen sich darauf vorbereiten. Es gibt kein Ereignis ohne bestimmten Ort. Wenn Sie also den Ort besuchen, begegnen Sie dem Ereignis. Bereiten Sie sich also darauf vor, indem Sie die Passage aus dem Evangelium lesen, die Sie an diesem Ort besuchen werden. Es ist ein Moment, in dem Sie sich auf Ihre Beziehung zu Jesus konzentrieren und in dem Sie auch verstehen, wie weit Sie von Jesus entfernt sind. Wenn es eine Pilgerreise ist, dann sollte die Reue über Ihre Sünden, die Beichte und ein Neuanfang mit dabei sein.

Eminenz, Sie sind der Hirte einer Herde, die täglich Gewalt, Angst und Unsicherheit erlebt, aber einen tiefen Glauben ausstrahlt. Was haben Sie von den Ihnen anvertrauten Menschen über Hoffnung gelernt? Was haben die Menschen hier über das Kreuz bereits verstanden, was wir anderen noch lernen müssen?

Zuerst mal müssen wir die Bedeutung des Kreuzes nicht verstehen, es wird uns ja ständig auferlegt (lacht). Das Kreuz und die Hoffnung sind Teil des Lebens eines jeden Menschen hier. Hoffnung kommt nicht von innen. Das ist die christliche Sichtweise auf die Hoffnung. Wir suchen Hoffnung oft für uns selbst in uns selbst. Doch wenn man Hoffnung in sich selbst sucht, wird man sie nicht finden, weil in uns nur Sorgen, Ängste und alles andere sind. Die christliche Hoffnung kommt von außen. Sie heißt Jesus. Der auferstandene Jesus ist unsere Hoffnung. Hoffnung ist dort, wo wir der Auferstehung begegnen, in Jesus und den Sakramenten. Aber auch, wenn man Menschen sieht, die bereit sind, ihr Leben für andere hinzugeben, besonders in dieser gewalttätigen Situation, die wir in Gaza, im Westjordanland und in Israel erleben. Hoffnung ist dort überall, wo man Menschen begegnet, die trotz allem bereit sind, ihr Leben zu riskieren, um aus Liebe etwas für andere zu tun. Das sind diejenigen, die die Bedeutung von Ostern verstanden haben, jene, die ihr Leben aus Liebe hingeben. Und das finde ich überall in Gaza, überall in unseren Gemeinden. Das ist die Quelle unserer Hoffnung. Denn man muss der Hoffnung begegnen. Und so begegnen wir ihr.

Text: CNA Deutsch

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