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Gedanken zum Advent. Von Hagen Horoba

Warten auf das vollbeladene Schiff

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Regensburg, 12.06.2022

 

»Markt und Straßen stehn verlassen,
still erleuchtet jedes Haus,
sinnend geh‘ ich durch die Gassen,
alles sieht so festlich aus«

Joseph von Eichendorff hat in dem Gedicht Weihnacht (vollständig hat es vier Strophen) beschrieben, wonach sich viele sehnen: Mit seiner Weihnachtsromantik klingt es für mich wie ein „I am dreaming of a white Christmas“ aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch so fern sind mir seine Gedanken gar nicht – wenigstens waren sie es nicht in den letzten beiden Jahren, als Märkte und Straßen zur Advents- und Weihnachtszeit verlassen blieben und sich vieles im Stillen abspielen musste und gefeiert wurde.

Heuer ist nun wieder alles „wie früher“ und so kommt auch ein Stück Normalität in unseren vorweihnachtlichen Alltag zurück. Und was noch viel schöner ist: Endlich können nach 2 bitteren Jahren Chöre und Orchester, Sängerinnen und Gesangsensembles wieder Menschen mit adventlichem Gesang und weihnachtlicher Musik erfreuen – wie haben wir das vermisst!

Die Advents- und Weihnachtszeit ist für mich und viele andere eine Zeit der Lieder und der Musik. Viel Romantik und Kitsch ist sicher auch mit dabei, aber wie wohltuend ist es, das „Jauchzet, frohlocket“ aus Bachs Weihnachtsoratorium zu hören oder so manche Weise aus England: Der Komponist John Rutter hat uns in den letzten Jahrzehnten wunderbare Chormusik und Arrangements geschenkt, bei denen einem das Herz aufgeht.

Wundert es da, dass einer der ältesten geistlichen Gesänge in deutscher Sprache ein Advents- und Weihnachtslied ist? Auch wenn bis heute nicht möglich ist, seine Urgestalt zweifelsfrei zu ermitteln und auch nicht geklärt ist, wo das Lied entstanden ist: Für mich gehört das Lied „Es kommt ein Schiff, geladen“ zu den schönsten Liedern im Übergang vom Advent zur Weihnachtszeit.

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein‘ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

Der Anker haft‘ auf Erden
da ist das Schiff am Land.
Das Wort will Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren;
gelobet muss es sein.

Der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts geschriebene Text beginnt mit der Aussage „Es kommt“. Das ist mehr als unsere Ungeduld – „Es soll etwas kommen…“ – und unsere gleichzeitige Angst – „Es kommt selten etwas Gutes hinterher…“. Vielmehr wird im Takt von langsamen Ruderschlägen ausgebreitet, was sich schon ereignet hat und was aller Welt – auch unserer Welt heute – Hoffnung und Zuversicht schenken will: Das Kind, „Gottes Sohn voll Gnaden“ kommt in diese Welt. Zwar in einem Stall, aber doch so, dass damit eine Fülle verbunden ist: „bis an sein’ höchsten Bord“. Zugleich passt das Bild vom vollgeladenen Schiff für mich gut in diese Zeit, die so beladen ist mit Sorgen, Nöten und Zukunftsängsten. Schwer und langsam steuert das Schiff – nennen wir es Menschheit – durch diese Tage und Wochen. Wie viel Ballast kann es noch tragen? Kommt es weiter voran oder läuft es auf den Grund?

Die eingängige Melodie klingt wie eine Antwort: Im strengem Takt tauchen die Töne wie Ruder ein; ruhig und geduldig wird die „teure Last“ durch die Wellen getragen. Aber dann, in der dritten Zeile einer Strophe nimmt die Melodie mit einem Mal Fahrt auf, sie steigt in schnellerem Tempo in die Höhe, dann nehmen sich die Ruder wieder zurück, und die neue Strophe beginnt.

Für mich drückt das Lied eine Gewissheit aus, eine Sicherheit. Es ist das Heilige, das in die Welt kommt, das Wunder Gottes und seine Zärtlichkeit in der Ankunft (Advent) Jesu Christi.

 

Ein Impuls von Hagen Horoba, Leiter des Informations- und Besucherzentrum DOMPLATZ 5 am Dom St. Peter in Regensburg

(jw)