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Gebetswoche für die Einheit der Christen

Papst Benedikt XVI. und die orthodoxen Christen

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Regensburg, 23. Januar 2023

Vom 18. bis 25. Januar begehen wir jedes Jahr die „Gebetswoche für die Einheit der Christen“. Im Hinblick auf diese Gebetswoche ist es gewinnbringend, sich verschiedene Ansprachen und Predigten, die Papst Benedikt XVI. bei seiner letzten Apostolischen Reise nach Deutschland im Jahr 2011 gehalten hat, in Erinnerung zu rufen. Damals kam es in Erfurt zu einer Begegnung des Papstes mit Vertretern des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und in Freiburg im Breisgau zu einer Begegnung Benedikts XVI. mit Vertretern der orthodoxen und der orientalisch-orthodoxen Kirchen. Bereits 2006 war während des Besuchs Benedikts in Regensburg im Hohen Dom St. Peter eine ökumenische Vesper gefeiert worden. Davon zeugt das oben stehende Bild.

 

Benedikt XVI. als leidenschaftlicher Theologe der Ökumene

Friedrich Weber, der damalige Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Braunschweig (2002-2014), hat darauf hingewiesen, dass die Ökumene Papst Benedikt XVI. „wesentliche Anstöße“ (F. Weber, „Es ist seine Kirche und nicht die unsrige“, in: W. Thiede [Hg.], Der Papst aus Bayern. Protestantische Wahrnehmungen, Leipzig 2010, 33) verdankt. Der evangelische Theologe Martin Hailer stellt fest, dass sich das theologische Werk Benedikts XVI. durch „die Stabilität seiner Grundannahmen“ auszeichnet. Insofern sei Joseph Ratzinger ein „positionell verlässlicher Gesprächspartner“ (M. Hailer, Von Joseph Ratzinger zu Papst Benedikt XVI. Aspekte des theologischen Werdegangs, in: W. Thiede, Der Papst aus Bayern, 77). Und der evangelische Theologe Thorsten Maaßen zeigt, wie sehr die ökumenische Dimension das Gesamtwerk Joseph Ratzingers durchdringt. Im Denken des Papstes ist eine „Entwicklung in Kontinuität“ (Th. Maaßen, Das Ökumeneverständnis Joseph Ratzingers, Göttingen 2011, 64) festzustellen; d. h. es zeichnet sich durch unterschiedliche Akzentuierungen aus, die durch eine biographisch oder kirchengeschichtlich neue Situation veranlasst sind. Man wird – so Maaßen – Joseph Ratzingers ökumenischem Denken nicht gerecht, wenn man manche von ihm wahrgenommenen Fehlentwicklungen innerhalb der evangelischen Kirchen und Theologie unberücksichtigt lässt. Maaßen zeigt, dass Benedikt XVI. ein „Theologe mit ökumenischer Leidenschaft“ ist, der sich „während seines gesamten theologischen Schaffens als ein überzeugter römisch-katholischer Ökumeniker erwiesen hat. ... Er ist vorbildlich in seinem Bemühen, kompromisslos eine ehrliche ökumenische Theologie“ (ebd., 366) zu entwickeln. Benedikt XVI. geht es – so Werner Neuer (in: Rudolf Voderholzer [Hg.], Mitteilungen Institut Papst Benedikt XVI., Jahrgang 4, Regensburg 2011, 145) – um eine zukunftsfähige, d. h. nicht nur von Menschen, sondern von Gott bestätigte, geistliche Ökumene, welche der Größe der theologischen Wahrheitsfrage nicht ausweicht und vor allem Gottes Willen zu verwirklichen sucht.

Einigkeit im Fundament des Glaubens

Im Interview während seines Flugs nach Deutschland sagte Benedikt XVI., dass in einer Zeit des Säkularismus die Christen aller Konfessionen gemeinsam die Aufgabe haben, die Botschaft Gottes gegenwärtig werden zu lassen. Im Fundament des Glaubens an den dreifaltigen Gott und bezüglich des Menschen als Ebenbild Gottes „sind wir einig. Und dies der Welt zu zeigen und diese Einheit zu vertiefen, ist wesentlich“ (in: Apostolische Reise Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. nach Berlin, Erfurt und Freiburg 22.-25. September 2011. Predigten, Ansprachen und Grußworte, Bonn 2011, 19) in der gegenwärtigen Phase der Geschichte.

Begegnung des Papstes mit Vertretern der Orthodoxie

Bei der Begegnung mit den Vertretern der Orthodoxen Kirchen in Freiburg betonte der Papst, dass unter den christlichen Kirchen und Gemeinschaften der katholischen Kirche „ohne Zweifel die Orthodoxie theologisch am nächsten“ steht. Katholiken und Orthodoxe haben im Hinblick auf das Bischofs- und Priesteramt die gleiche altkirchliche Struktur bewahrt. Benedikt XVI. wagt zu hoffen, „dass der Tag ... nicht zu ferne ist, an dem wir wieder gemeinsam Eucharistie feiern können“ (ebd., 106). Die katholische Kirche verfolgt „mit Interesse und Sympathie“ die Entwicklung der orthodoxen Gemeinden in Westeuropa, die in den letzten Jahrzehnten einen spürbaren Zuwachs verzeichnet haben. In Deutschland leben heute – so Benedikt XVI. im Jahr 2011 – ungefähr 1,6 Millionen orthodoxe und orientalische Christen. Sie sind ein fester Bestandteil der Gesellschaft geworden, der den Schatz der christlichen Kulturen und des christlichen Glaubens in Europa belebt. Papst Benedikt XVI. begrüßt die Intensivierung der panorthodoxen Zusammenarbeit, die in den letzten Jahren wesentliche Fortschritte erzielt hat, und freut sich, dass in Deutschland im Jahr 2010 eine orthodoxe Bischofskonferenz gegründet wurde. Seit seiner Zeit als Professor in Bonn und besonders als Erzbischof von München und Freising habe er – so Papst Benedikt – durch Freundschaften mit Vertretern der orthodoxen Kirchen die Orthodoxie „immer tiefer kennen- und lieben gelernt“. Die Gemeinsame Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und der Orthodoxen Kirche fördert das gegenseitige Verständnis und trägt zu einer Festigung und Weiterentwicklung der katholisch-orthodoxen Beziehungen in Deutschland bei.

Theologische Annäherungen zwischen Katholiken und Orthodoxen

Ebenso wichtig bleibt – so Benedikt XVI. – die Weiterarbeit an der Klärung theologischer Unterschiede, weil deren Überwindung für die Wiederherstellung der vollen Einheit, um die wir beten, unerlässlich ist. Wir müssen vor allem um das rechte Verständnis der Frage der Vorrangstellung des Bischofs von Rom, des Nachfolgers des hl. Petrus, „weiter geduldig und demütig ringen“ (ebd., 107). Dabei können die Gedanken zur Unterscheidung zwischen Wesen und Form des päpstlichen Primates, die Johannes Paul II. in der Ökumene-Enzyklika Ut unum sint („Dass sie eins seien“, Nr. 95) vorgenommen hat, weiterhin fruchtbare Anstöße geben. Benedikt XVI. blickt dankbar auf die Arbeit der Gemischten Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der Katholischen Kirche und den orientalischen Orthodoxen Kirchen. Die dort erreichten Ergebnisse lassen das Verständnis füreinander wachsen und uns einander näherkommen. In der Gegenwart, in der nicht wenige Menschen das öffentliche Leben von Gott sozusagen „befreien“ wollen, gehen die christlichen Kirchen in Deutschland vom Glauben an den einen Gott und Vater aller Menschen her Hand in Hand den Weg eines friedlichen Zeugnisses für Verständigung und Völkergemeinschaft. Das gemeinsame Engagement der Christen leistet einen wertvollen Beitrag zum Aufbau einer zukunftsfähigen Gesellschaft, in der der menschlichen Person der ihr geschuldete Respekt entgegengebracht wird. Abschließend richtet der Papst den Blick auf Maria, die von den Orthodoxen als „Panhagia“ („Ganzheilige“) und „Hodegetria“ („Wegführerin“) verehrt wird, und erinnert daran, dass die Gottesmutter auch im Westen unter dem Titel „Unsere Liebe Frau vom Weg“ verehrt wird.

Ermutigung zum Glauben

Benedikt XVI. wollte mit seiner Apostolischen Reise die Gläubigen in Deutschland „ermutigen, mit Kraft und Zuversicht den Weg des Glaubens weiterzugehen, der Menschen dazu führt, zu den Wurzeln, zum wesentlichen Kern der Frohbotschaft Christi zurückzukehren. Es wird kleine Gemeinschaften von Glaubenden geben – und es gibt sie schon –, die in die pluralistische Gesellschaft mit ihrer Begeisterung hineinstrahlen und andere neugierig machen, nach dem Licht zu suchen, das Leben in Fülle schenkt“ (ebd., 156). Wo Gott zugegen ist, „da ist Hoffnung und da eröffnen sich neue, oft ungeahnte Perspektiven, die über den Tag und das nur Kurzlebige hinausreichen“ (ebd.). Es gibt – so der Papst im Interview auf seinem Flug nach Deutschland – die „zunehmende Einsicht, dass wir eine Überzeugung brauchen, dass wir eine moralische Kraft in unserer Zeit brauchen, dass wir eine Gegenwart Gottes in dieser unserer Zeit brauchen“ (ebd., 18). Der Papst hat – so der damalige Bundespräsident Christian Wulff am Flughafen Lahr – während seines Aufenthalts in Deutschland „viele Zeichen gesetzt“. Er hat „Orientierung und Maßstäbe vermittelt, die nicht nur bequem sind und die uns allen zu denken geben: den Katholiken und den übrigen Christen genauso wie den Nichtchristen“ (ebd., 153).

Domkapitular Prof. Dr. Josef Kreiml, Bild: altrofoto.de. Das Bild zeigt die ökumenische Vesper während des Besuchs Benedikts XVI. im Hohen Dom St. Peter Regensburg im Jahr 2006.