News Bild Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz - Gottesdienst mit Reinhard Kardinal Marx

Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz - Gottesdienst mit Reinhard Kardinal Marx

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Am zweiten Tag der Frühjahrstagung der Deutschen Bischofskonferenz feierten die rund 70 Kardinäle und Bischöfe am Morgen einen Gottesdienst in der Basilika St. Emmeram. Zahlreiche Gläubige, darunter viele Schülerinnen und Schüler aus den katholischen Schulen in Regensburg, waren in das Gotteshaus gekommen, um die Heilige Messe mitzufeiern. Reinhard Kardinal Marx zelebrierte den Gottesdienst:

Liebe Mitbrüder,
liebe Schwestern und Brüder,
vor wenigen Wochen starb der ehemalige tschechische Staatspräsident Václav Havel. Er war ohne Zweifel ein großer Intellektueller, Politiker und auch Gottsucher, wie wir aus den Zeugnissen von Menschen wissen, die mit ihm im Gefängnis waren. Auch sein Verhalten den Christen und der Kirche gegenüber ließ das erkennen. Natürlich war die Gestalt von Václav Havel seit dem Prager Frühling und der „Charta 77“ uns politisch aufmerksamen Zeitgenossen nicht unbekannt, aber seine besondere intellektuelle und geistige Kraft wurde mir erst deutlich in seiner großen Rede, die am 15. Oktober 1989 in der Paulskirche in Frankfurt verlesen wurde aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Václav Havel. Er selbst war noch in Haft und der Schauspieler Maximilian Schell trug an seiner Stelle diese beeindruckende Rede vor. Es waren ja turbulente Wochen und Monate des Umbruchs. Es gärte in den noch kommunistischen Ländern. Václav Havel überschrieb seine Rede mit dem Titel: „Ein Wort über das Wort“.

Er beginnt mit einem Hinweis auf den Anfang des Johannes-Evangeliums: „Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1). Aber dieser Satz wird bei ihm nicht problematisiert wie in Goethes Faust. Dort muss Faust bei seinem
Übersetzungsversuch das Wort sofort verändern zur Tat: „Im Anfang war die Tat!“ (Faust I, 1237) Für Václav Havel steht das Wort in seiner ganzen Wirkmächtigkeit da. In eindringlichen Worten beschreibt er, was Worte und Sätze vermögen: Regime stürzen und beunruhigen, Menschen in Bewegung setzen, aber auch Angst und Schrecken verbreiten, Gewalt hervorrufen und Missverständnisse produzieren, Revolutionen in Gang bringen und Throne einstürzen lassen. Worte können gewaltige Wirkungen haben. Die ganze Rede Havels ist gekennzeichnet vom Vertrauen in die Wirkmächtigkeit des Wortes. Sie ist aber auch eine Aufforderung, mit dem Wort sorgsam umzugehen und dieses Wort immer wieder zu reinigen, damit es nicht in sein Gegenteil verkehrt wird. Er zeigt diese Gefahr auf an den Worten Freiheit und Frieden, Solidarität und Sozialismus - wirkmächtige Worte, die aber auch zu Instrumenten der Unterdrückung, ja der Gewalt werden können. Und er nennt die Worte großer Denker und Revolutionäre, auch die Worte Christi, die Kraft entfalten und missbraucht werden können – und wurden.

Auch im heutigen Abschnitt aus dem Jesaja-Buch ist von der Wirkmächtigkeit des Wortes die Rede, von der Kraft des Wortes Gottes, das wirkt und Kraft entfaltet. Wenn schon menschliche Worte, wie Václav Havel in seiner Rede ausführt, ungeheure Wirkungen entfalten können, wie viel mehr das Wort Gottes? Wie schwach ist unser Glaube, wenn wir der Wirkung seines Wortes so wenig zutrauen? Denn es ist doch wahr: das Wort Gottes, das in Jesus Christus Mensch geworden ist, hat ja die Welt zutiefst verändert und geprägt. Es ist die Quelle immer neuer Bewegungen, Aufbrüche, Veränderungen. Es ist das wirkmächtigste Wort, das jemals ausgesprochen wurde. Wenn menschliche Worte Revolutionen bewirken können, dann ist das Wort Gottes in gewisser Weise von noch größerer explosiver Kraft, wenn wir nur glauben. Ja, unser Glaube ist manchmal schwach und ängstlich. Aber dieses Wort kann nicht zum Schweigen gebracht werden, auch durch uns und unseren Kleinglauben nicht.

Gott spricht, und das fordert uns in einer ungeheuren Weise heraus, denn der Mensch muss sich zu diesem Wort verhalten, sich entscheiden. Und so ruft das wirkmächtige Wort Gottes nach Antwort und diese Antwort ist unser Glaube. In besonderer Weise drückt sich dieser Glaube im Gebet aus. Das Gebet ist ja kein Monolog, sondern ein Dialog. Im Gebet sprechen wir nicht über Gott, sondern mit Gott. Deswegen gehört das Gebet zur Mitte der christlichen Existenz. Ohne Gebet können wir im Grunde nicht das Wort Gottes als Anrede an uns verstehen, dieses Wort bleibt dann ohne Wirkmacht, ohne Folgen. Es ist wie beim sakramentalen Geschehen. Das Sakrament kann zwar gültig gespendet werden, aber wenn die Gabe des Heils nicht wirklich angenommen wird, wenn es nicht zur wirklichen innerlichen, personalen Begegnung kommt, kann es sich nicht entfalten. Diese sakramentale Begegnung ist ja ohne das Wort Gottes nicht denkbar, und ohne Antwort wirkungslos. Diese Antwort nennen wir Gebet.

Deswegen ist ein Schlüssel der Evangelisierung und auch der neuen Evangelisierung die Einführung ins Gebet, die Anleitung zum Beten. Denn der Glaube beginnt ja nicht damit, dass wir bestimmte Sätze und Wahrheiten erkennen, sondern dass uns bewusst wird, dass Gott
redet und uns anspricht und dass dieses Wort eine Person ist, Jesus Christus - eine Person, die auf Antwort wartet, und diese Antwort gebe ich im Gebet. Dann kann sich die Kraft dieses Wortes in mir erschließen und mich hineinführen in die große Welt des Glaubens, wie er sich in der Erfahrung des Volkes Gottes geäußert hat und weiter äußert. Die wichtigste Hinführung zum Gebet wird uns in der zentralen Predigt Jesu, der Bergpredigt, geschenkt. Genau im Zentrum dieser Predigt steht das „Vater unser“. Schon die Kirchenväter haben deshalb das „Vater unser“ eine Zusammenfassung des ganzen Evangeliums genannt.

Wer sich diesem Gebet Jesu anschließt, für den wird deutlich, wer dieser Gott ist, der in Jesus zu uns spricht. Da ist eigentlich ein Missbrauch des Wortes ausgeschlossen, denn dieses Gebet führt in die Mitte des Denkens und Handelns und Betens Jesu selbst. Das „Vater unser“, wenn es denn langsam und ehrfürchtig gebetet wird, reinigt unser Denken und unser Herz. Es hilft uns, das Wort Gottes nicht mit unserm Plappern und Reden zu überdecken,
sondern selbst durch unser Zeugnis dieses Wort hörbar und sichtbar zu machen. Die Übergabe des „Vater unser“ war und ist in der Hinführung Erwachsener zur Taufe ein ganz besonderer Ritus. Das war schon so am Anfang der Kirche. Und auch die Katechismen haben immer wieder das „Vater unser“ als zentrales Gebet entfaltet. Aber wir dürfen uns nicht in falscher Weise an das „Vater unser“ gewöhnen, es darf nicht zum routiniert gesprochenen Gebet für alle Fälle werden. Es ist das Gebet aller Gebete, ein größeres, schöneres, wichtigeres Gebet gibt es nicht. Keine Sakramentenkatechese dürfte eigentlich auf eine intensive Hinführung zum Gebet des Herrn verzichten. Nur so kann es unsere wirkliche Antwort auf Gottes Wort und Ruf werden und sein. Es ist das eigentliche Gebet der Evangelisierung. Im Beten des „Vater unser“ bezeugen wir die Wirkmächtigkeit des Wortes Gottes, realisieren Gottes Gegenwart, sind offen für das Kommen seines Reiches, wenden uns dem Nächsten zu im Geist der Vergebung und erfahren uns als Brüder und Schwestern des einen Vaters im Himmel. So wird eine neue Wirklichkeit möglich, denn indem ich bete „dein Wille geschehe“, willige ich ein, dass es so sei. Das Wort des Gebetes als Antwort auf Gottes Wort schafft neue Realitäten. Václav Havel hat von der Wirkmächtigkeit menschlicher Worte gesprochen. Wie viel mehr können wir überzeugt sein, dass Gottes Wort auch heute, hier und jetzt uns ergreifen, verändern, die Welt bewegen, ja umwälzen kann. Unser Dienst als Kirche ist, dieses Wort hörbar zu machen, es zu bezeugen und besonders im Gebet des „Vater unser“ die Kraft dieses Wortes zu bekennen Und wie sehr dürfen wir vertrauen, dass sein Wort uns, die Kirche, immer neu bewegen und erneuern kann. Dann erkennen wir: das „Vater unser“ gehört zu den wirkmächtigsten Worten der Menschheitsgeschichte.
Amen.