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Durch das Kirchenjahr: Wer ist glücklich?

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… mit Benedikt:

 

17. Februar 2019 – 6. Sonntag im Jahreskreis

Armut und Reichtum sind ein wichtiges Thema geworden. Die Spanne zwischen beiden wird immer größer. Während Europa im Reichtum schwelgt, müssen andere Kontinente dafür bezahlen. Armut ist die soziale Frage überhaupt. Armut ist ein Skandal, unter dem so viele Menschen leiden: Sie schuften für ihren Lebensunterhalt, gehen an ihre Grenzen und darüber hinaus und dennoch reicht es nicht für ein einigermaßen angenehmes Leben, ja vielleicht nicht einmal für eine ansatzweise ergiebige Mahlzeit. Armut ist natürlich kein modernes Phänomen. Schon immer waren Menschen arm – und so beschäftigt sich auch Jesus mit dieser Frage.

Dieser Sonntag stellt uns die Seligpreisungen vor Augen. „Selig“ preist Jesus dort verschiedene Menschen. Das griechische Wort könnte man auch mit „glücklich“ übersetzen: Glücklich die Armen, Hungrigen, Weinenden und Verfolgten. Diese Worte Jesu sind paradox. Wer arm ist und Hunger hat, ist doch gerade nicht glücklich. Wer verfolgt wird, ist in aller Regel nicht glücklich, sondern unglücklich und leidet unter seiner Situation. Warum sagt Jesus das?

Die Seligpreisungen haben einen Bezug zur Zukunft. „Freut euch und jauchzt an jenem Tag, denn siehe, euer Lohn im Himmel wird groß sein.“ An jenem Tag sollen sich die Genannten freuen – und deshalb sind sie schon jetzt selig oder glücklich. Der Lohn wird so groß sein, dass man schon heute von glücklichen Armen und Hungrigen sprechen kann. Man fragt sich doch, wie die Volksmenge damals auf diese Worte reagiert hat. Stellen Sie sich vor, Sie begegnen einem Bettler und begrüßen ihn mit den Worten: „Du Glücklicher!“ Man würde Sie für zynisch halten oder für dumm oder sogar für böse. Einem armen Menschen so etwas zu sagen!

Natürlich, Jesus bezieht das auf die Zukunft. Er weiß wohl, wie es den ausgegrenzten Menschen dieser Welt geht. Und doch scheinen diese Seligpreisungen einen sehr alten Vorwurf an das Christentum zu bestätigen: Das Christentum – vielleicht ja sogar jede Religion – vertröstet auf die Zukunft. An den konkreten Umständen dieser Welt ändert das aber nichts. Der Arme hat durch die Botschaft Jesu nicht mehr zu essen, sondern allerhöchstens ein wenig mehr Hoffnung, dass sich das Blatt eines Tages wenden möge.

Stimmt dieser Vorwurf an das Christentum? Ja und Nein. Ja, weil Jesus natürlich auf das Ende der Welt und auf den Himmel verweist. Er „vertröstet“ auf eine bessere Welt. Aber gleichzeitig ist der Kern der guten Nachricht vom Reich Gottes immer auch eine Botschaft an die Gegenwart. Das Reich, von dem Jesus kündet, ist schon angebrochen, wenngleich noch nicht vollendet. Das ist die revolutionäre Botschaft des Christentums. Mitten unter uns, unsichtbar, beginnt schon eine neue Welt zu wachsen. Die großartige neue Realität beginnt schon, hier und jetzt, langsam, Stück für Stück.

Das ist die politische Dimension des Christentums. Wer die Worte Jesu hört und versteht, dass die Armen seine erste große Liebe sind, kann den Verhältnissen dieser Welt nicht gleichgültig gegenüberstehen. Aber das Christentum ist nicht nur Politik. Wo Gott aus der Rechnung gestrichen wird, wird aus Religion politische Agenda. Ohne den Ausblick auf das Ende der Zeiten können die Seligpreisungen nicht gelesen werden.

Die Spanne zwischen Arm und Reich wird größer. Das ist ein Skandal, gegen den sich gerade auch das christliche Gewissen wenden muss. Wenn wir die Worte Jesu ernst nehmen, wird diese Spanne zwischen reichen und armen Menschen immer bleiben – nur wird sie sich drehen, am Ende der Zeiten, wenn die einen lachen, die anderen aber wehklagen.