Carl Oesterley: Jesus und seine Jünger

Durch das Kirchenjahr: der Blog zum Sonntagsevangelium

Personalausweis des Christen


Vierter Sonntag im Jahreskreis A – Matthäus 5,1 – 12a

„In jener Zeit, 1als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf den Berg. Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm. 2Und er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach: 3Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. 4Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. 5Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben. 6Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden. 7Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. 8Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen. 9Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. 10Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich. 11Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. 12aFreut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.“

In der Bergpredigt entwirft der Herr eine Art „Regierungsprogramm“ des Himmelreiches. Jesus spricht über die Menschen, denen das Himmelreich gehören wird. Es sind die Armen, die Trauernden, die Sanftmütigen, diejenigen, die nach Gerechtigkeit hungern, die Barmherzigen und die Menschen reinen Herzens, die Friedensstifter und die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, schließlich auch die Geschmähten um Jesu willen. Ihnen gehört das Himmelreich und Jesus ruft diesen Menschen zu: „Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.“

Jesus hat die Seligpreisungen nicht direkt als moralischen Imperativ formuliert. Er sagt nicht: „Ihr sollt sanftmütig sein, ihr sollt Frieden stiften.“ Doch gleichzeitig entwirft Jesus einen Katalog jener Werte, die das Himmelreich ausmachen. Die Währung des Reiches Gottes sind eben nicht Macht, Einfluss, Reichtum und Gewinn. Gott wendet sich in erster Linie jenen zu, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Wenn wir nun Teil dieses Gottesreiches werden wollen – hier auf Erden, aber auch in der kommenden Welt – sind wir natürlich gut beraten, auf diese Merkmale des Himmelreiches zu hören und sie in unserem Leben umzusetzen. 

Papst Franziskus hat in seinem Schreiben „Gaudete et exsultate“ („GE“) die Seligpreisungen als „Personalausweis des Christen“ bezeichnet (GE 63). Die Geisteshaltungen der Seligpreisungen machen den Christen aus. In diesem Sinne handelt es sich eben doch um moralische Aufforderungen: Wir sollen alles tun, „selig“ – das heißt: „heilig“ – zu werden; den Weg dazu hat Jesus beschrieben. Bei einem Teil der Seligpreisungen erscheint uns das vielleicht auch ganz eingängig. Natürlich können wir allen tun, in unseren sozialen Beziehungen Frieden zu stiften statt Zweitracht, barmherzig mit jenen zu sein, die uns gegenüber schuldig werden, sanftmütig Widrigkeiten zu ertragen. Andere Seligpreisungen können uns schon mehr herausfordern. Was ist denn, könnten wir fragen, wenn wir nun mal eben nicht trauern, nicht um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, nicht um Jesu willen geschmäht werden, nicht arm sind vor Gott? 

Papst Franziskus hat hierzu in „Gaudete et exsultate“ ebenfalls eine Deutung vorgelegt. Wir können alles tun, um zu Menschen der Seligpreisungen zu werden: Etwa, wenn wir Leid und Krankheit von uns selbst oder anderen nicht einfach übertünchen, sondern ernst nehmen. Papst Franziskus schreibt: „Mit den anderen zu trauern wissen, das ist Heiligkeit.“ (GE 76). Auch wenn wir nicht materiell arm sind, kann doch unsere Geisteshaltung entscheidend sein: Sind wir den irdischen Dingen gegenüber indifferent oder hängen wir an ihnen, als würden sie die Welt ausmachen? (vgl. GE 67ff.). 

Wir können jeden Tag aufs Neue versuchen, mehr und intensiver Menschen der Seligpreisungen zu werden. Wir dürfen diese Wort Jesu als Kompass des Himmelreiches und damit auch unseres Lebens verstehen, als Richtschnur, als „Personalausweis“ des Christen. Unser Leben soll einlösen, was wir in der Taufe bereits geworden sein: Ein Teil am Leib Christi, ein Teil damit auch des gegenwärtigen und kommenden Himmelreiches.

Text: Benedikt Bögle

(sig)



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