Wegkreuz

Durch das Kirchenjahr: der Blog zum Sonntagsevangelium

Zeit und Ewigkeit


Zweiter Sonntag nach Weihnachten A – Johannes 1, 1 – 5 und 9 – 14

1Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. 2Dieses war im Anfang bei Gott. 3Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. 4In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. 5Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. 9Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 10Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. 11Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, 13die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 14Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“

Die Leseordnung der Kirche sieht an den meisten Sonn- und Feiertagen des Jahres als erste Lesung einen Text aus dem Alten Testament vor. Diese erste Lesung ist meist im Blick auf das Evangelium ausgesucht. Die Kirche stellt dem Evangelium einen Text aus dem Alten Testament zur Seite, der die Gedanken aus dem Evangelium vorbereitet, unterstreicht oder weiterführt. Damit bietet die Kirche uns immer zugleich eine Deutung der Heiligen Schrift an, wenn wir das Alte Testament im Lichte des Evangeliums lesen – und umgekehrt. 

Am heutigen Sonntag hören wir nochmals – wie bereits am Weihnachtsfest – den Beginn des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott.“ Johannes berichtet nicht von der Menschwerdung Jesu, indem er von Jesu Geburt erzählt. Der Evangelist beginnt vielmehr mit einem theologisch geprägten Text. Seine Absicht ist dabei dieselbe wie bei den Evangelisten Matthäus und Lukas: Sie alle wollen uns zeigen, wer Jesus in Wahrheit ist. Die Antwort des Johannes: Jesus ist das Wort Gottes, das „Fleisch geworden“ ist und „unter uns gewohnt“ hat. Diesen Text nun deutet die Kirche in der ersten Lesung mit einer Stelle aus dem Buch Jesus Sirach (Sir 24,1-2.8-12). Dort spricht die personifizierte „Weisheit“: „Vor der Ewigkeit, von Anfang an, hat er mich erschaffen und bis in Ewigkeit vergehe ich nicht.“ (Sir 24,9).

Das Johannesevangelium will betonen, dass Jesus als das Wort Gottes schon im Anfang war. Wir glauben, wie das große Glaubensbekenntnis sagt, „an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen.“ Jesus ist nicht „geschaffen“, wie wir es sind, wie die ganze Erde es ist. Er ist aus dem Vater „gezeugt“ und ist daher älter als die Zeit, größer als die Schöpfung. Im Johannesevangelium erkennen wir bereits erste Hinweise auf das, was die Trinitätstheologie später formulieren wird: Jesus und der Vater sind nicht völlig identisch. Sie sind zwei göttliche Personen – und doch nur ein Gott. Johannes spricht daher von Jesus als dem „Wort Gottes“, das also nicht einfach identisch ist mit Gott, dem Vater – und doch: „das Wort war Gott.“ 

Etwas ähnliches sagt im Buch Jesus Sirach die personifizierte Weisheit über sich selbst: Sie stammt aus der Ewigkeit, war von Anfang an und wird bis in die Ewigkeit nicht vergehen. Daher liest die Kirche diese Stelle auf Jesus Christus hin: Auch er ist aus der Ewigkeit und bleibt in alle Ewigkeit. Dieses Geheimnis feiern wir an Weihnachten: Dass Gottes Wort Mensch wird. Dieses Wort – vor aller Zeit, aus der Ewigkeit – unterwirft sich der irdischen Zeitlichkeit, wird Mensch und wohnt unter uns. In Jesus Christus begegnen einander Zeit und Ewigkeit.

Text: Benedikt Bögle

(sig)



Nachrichten