News Bild Durch das Kirchenjahr: Das Vaterunser kann die Welt verändern.

Durch das Kirchenjahr: Das Vaterunser kann die Welt verändern.

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… mit Benedikt:

 

17. Sonntag im Kirchenjahr – Lukas 11,1-13

Die christliche Tradition kennt viele unterschiedliche Formen des Gebets. Das Gebet des Einzelnen, im Stillen, ein Zwiegespräch mit Gott. Genauso aber auch das Gebet der Gemeinschaft, das sich etwa in den Fürbitten der Messfeier an den Heiligen Geist richtet. Wir kennen vorformulierte Gebete, den Rosenkranz oder Litaneien. Wir kennen genauso aber auch unterschiedliche „Settings“ des Gebets: Auf dem Weg, bei einem Kreuzweg, vor dem Allerheiligsten bei der Anbetung. Gibt es ein gemeinsames Element all dieses Betens?

Im Evangelium dieses Sonntags betet Jesus und seine Jünger wollen ganz einfach wissen: Wie sollen wir beten? Sie sagen: „Herr, lehre uns beten.“ Die Antwort, die Jesus gibt, ist ein eigentlich ganz einfach gestaltetes Gebet, das wir heute nach seinen Anfangsworten „Vaterunser“ nennen. Jesus aber belässt es nicht bei diesem Gebet, sondern schiebt eine Belehrung seiner Jünger über das Gebet an sich nach. Er lehrt: „Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet.“

Jesus begründet das mit allgemeinen menschlichen Erfahrungen: Wer seinen Freund um ein Stück Brot bittet, wird das doch auch von ihm bekommen – wenn schon nicht aus Güte, dann doch wenigsten wegen der Zudringlichkeit der Bitte. Wer seinen Vater um einen Fisch bittet, wird den doch auch von ihm erhalten. Wenn also schon Menschen so handeln und das Erbetene gewähren, wie viel eher wird dann der gütige Gott so handeln? Bittet, dann wird euch gegeben – hört sich ja eigentlich ganz einfach an.

Nur: Entspricht das der Realität, wie wir sie erfahren? Werden unsere Bitten wirklich erfüllt?

Wer im Sommer ein Fest veranstaltet, wird um gutes Wetter bitten und beten. Selbst wenn das ausbleibt, rüttelt die Erfahrung noch nicht an unserem Gottesbild. Wie aber gehen wir mit den verhungernden Menschen um, die wohl auch um Nahrung, ja, um das tägliche Brot bitten werden? Das wird ihnen nicht gewährt. Wie gehen wir mit den Gefolterten und ermordeten Menschen der Geschichte um, die um ein Ende ihres Leides gefleht haben, und doch weiter ausharren mussten?

Manchmal hört man nun Menschen sagen: Wer seine Gebete nicht erfüllt sieht, hat nur nicht fest genug gebetet. Die letzte Konsequenz dieser Aussage ist pure Menschenverachtung. So viele Leidende haben gebetet, innbrünstig, auf Gott vertrauend – und nichts geschah. Nicht ihr Glaube hatte daran Schuld, nicht ihr Gebet war zu schwach. Das kann unser Gottesbild erschüttern und ich möchte keine allzu einfache Antwort auf dieses Drama menschlicher Existenz geben. Aber vielleicht lohnt sich ein kleiner Blick auf das Modellgebet, das Jesus mit dem Vaterunser seinen Jüngern gab und das wie kein anderer Text zum Gebet des Christentums wurde.

Wer das Vaterunser betet, kann die Welt verändern, weil er sich selbst verändert. Wer sagt: „Vater unser im Himmel“ stellt sich selbst in eine weltweite Solidarität aller Menschen hinein, die sich als Kinder desselben Gottes verstehen dürfen. Wer um das tägliche Brot bittet, lenkt seinen Blick auf all die Menschen, für die diese Bitte bitterer Ernst ist, weil es ihnen eben täglich an diesem Brot fehlt. Wer um die Vergebung seiner eigenen Schuld bittet, plädiert auch an die eigene Vergebungsbereitschaft. Das Vaterunser kann die Welt verändern, weil es den Beter verändert.