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Durch das Kirchenjahr: Charakterfragen

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… mit Benedikt:

 

Achter Sonntag im Jahreskreis – Lukas 6,39-45

Die Natur ist Gottes Schöpfung. Klar, diesen Satz werden wir alle unterschreiben und spätestens die Enzyklika „Laudato sí“ von Papst Franziskus hat das wortgewaltig allen Christen ins Gedächtnis gerufen. Und doch finden wir alle gewisse Erscheinungen dieser von Gott gemachten Natur gut, andere weniger gut. Jeder mag Rosen – wer mag ihre Dornen? Jeder mag schöne und niedliche Tiere, kaum jemand Ungeziefer. Die Natur ist, was sie ist: Eine Kellerassel kann nicht ändern, dass sie eben das ist, ein Dornenstrauch kann sein Wesen auch schwerlich leugnen.

Aber wie steht es mit uns Menschen? Sind auch wir an unser Wesen gebunden? Haben auch wir einen Charakter, der nicht mehr veränderbar ist? Und überhaupt: Wie steht es um unseren Charakter? Diese Fragen stellt Jesus im Evangelium dieses Sonntags. Noch immer belehrt er in der „Feldrede“ seine Jünger und sagt sehr grundsätzliche Dinge. So etwa den sehr berühmten Satz: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“ Dieser Satz ist wohl deswegen so berühmt, weil sich wirklich jeder Mensch – vielleicht mit ganz wenigen Ausnahmen – davon angesprochen fühlt.

So sind wir Menschen eben. Wir sehen die eigenen Fehler entweder gar nicht oder spielen sie herunter. Was andere falsch machen, wissen wir nicht nur ganz genau, sondern gefallen uns bestens in der Rolle, es ihnen fortwährend mitzuteilen. Können wir an diesem Wesen überhaupt etwas ändern? Jesus sagt nun etwas, das eigentlich ganz anders klingt. Zunächst: So wie man einen Baum an seinen Früchten erkennt, ist es auch bei den Menschen. Klar, wenn ein Apfelbaum nur verkümmerte oder gar keine Äpfel trägt, kann man sich schon denken, dass da irgendetwas nicht stimmt. So auch beim Menschen: Manchmal kann man ja wirklich anhand von Aussagen den Charakter eines Menschen bestimmen. Oder bildet es sich zumindest ein.

Wie mit den Bäumen, so sei es auch bei den Menschen, sagt Jesus: „Von den Disteln pflückt man keine Feigen und vom Dornenstrauch erntet man keine Trauben.“ Soweit so klar. Überträgt man dieses Bild auf den Menschen, müssen wir aber erschrecken. Es scheint ja fast, als stünde immer schon fest, was wir sind: Distel oder Dornenstrauch, Feigenbaum oder Weinstock. Wer einmal Distel ist, kann nie Früchte hervorbringen – wer schlecht ist, ist es eben? So hört sich das an – denn Distel und Dornenstrauch werden eben nicht entscheiden können, ob sie künftig doch lieber ein schöner, fruchttragender Baum sein wollen.

„Dornenstrauch“. Ich glaube nicht, dass Jesus dieses Wort zufällig gewählt hat. Er hätte ja stattdessen auch „Unkraut“ sagen können. Der Dornenstrauch nämlich spielt schon einmal eine Rolle – als Mose im brennenden Dornbusch dem lebendigen Gott begegnet. Mose: Ein Mörder. Gemessen am Wort Jesu eigentlich ein Verlorener. Und doch Sprachrohr und Werkzeug Gottes. So wie viele andere Menschen in der Bibel, denen man kaum durchgehende Charakterstärke nachsagen kann: David, Jona, Petrus, Paulus. Gemessen an ihren Früchten konnten diese Herrschaften wenigstens zeitweilig nur sehr wenig bieten. Der Mensch kann sich also ändern. Ein erster Schritt wäre, auf die Balken im eigenen Auge zu schauen und weniger auf die Fehler der anderen. Das ist wahre Charakterstärke.