dr. Christoph Meixner sitzt am schreibtisch

Dr. Christoph Meixner ist neuer Leiter des Sudetendeutschen Musikinstituts

Musikalische Brücke im Herzen Europas


Regensburg, 20. Januar 2026

Seit Oktober 2025 steht das Sudetendeutsche Musikinstitut (SMI) unter der Leitung von Dr. Christoph Meixner (*1969). Das beim Bezirk Oberpfalz angesiedelte Institut, das im April 1991 seine Arbeit aufgenommen hat, blickt auf eine nunmehr 35-jährige Geschichte zurück. Zugleich markiert das Jahr 2025 einen historischen Einschnitt: 80 Jahre nach der Vertreibung der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien sieht sich das SMI mit neuen inhaltlichen, gesellschaftlichen und strukturellen Herausforderungen konfrontiert.

Die Kernaufgaben des Instituts – Erforschung, Sammlung, Dokumentation und Förderung der sudetendeutschen Musikkultur – bleiben unverändert. Dennoch erfordern der fortschreitende Verlust der Erlebnisgeneration, veränderte Formen der Erinnerungskultur, internationale Netzwerke sowie technologische Entwicklungen wie Digitalisierung, soziale Medien und Künstliche Intelligenz neue konzeptionelle Ansätze. Bereits in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit hat sich Dr. Meixner intensiv mit der strategischen Weiterentwicklung des Instituts befasst.

Vernetzung und neue Perspektiven

Obwohl Dr. Meixner aufgrund seiner sudetendeutschen Wurzeln mit den zentralen Einrichtungen und Akteuren vertraut war, eröffnete sich ihm mit Amtsantritt „netzwerkmäßig eine riesige Welt“ sudetendeutscher Vereine, Stiftungen und Institutionen „mit viel Input“. Diese Vielfalt an Kontakten versteht er als große Chance, die Arbeit des SMI künftig noch stärker in überregionale und internationale Zusammenhänge einzubetten.

Ein zentrales Anliegen des neuen Institutsleiters ist es, das Sudetendeutsche Musikinstitut nach außen deutlich sichtbarer zu machen. Den Auftakt bildet die Einführung eines neuen Logos mit klarer symbolischer Aussage. Auf Grundlage des Erscheinungsbildes des Bezirks Oberpfalz entwickeln sich aus den farblichen Elementen – Blau für Verwaltung, Gelb für Heimatpflege, Kultur und Bildung – eine Klammer beziehungsweise eine Brücke. Aus dem gelben Quadrat werden die Spitzen des Regensburger Doms abstrahiert und zu einem „M“ für „Musikinstitut“ geformt. Damit wird nicht nur der Standort Regensburg betont, sondern auch die historische Rolle der Stadt, die seit dem 10. November 1951 Patenstadt der Sudetendeutschen Volksgruppe ist.

„Ich möchte das Sudetendeutsche Musikinstitut noch stärker überregional platzieren, denn Sudetendeutsche gibt es ja nicht nur in Bayern und in Regensburg, sondern auch in vielen anderen Orten und Ländern“, unterstreicht Meixner.

Eine musikwissenschaftliche Brücke im Herzen Europas

Mit dem neuen visuellen Auftritt verbindet sich eine programmatische Neuausrichtung, die Meixner unter das Leitmotiv „Eine musikwissenschaftliche Brücke im Herzen Europas“ stellt. Durch seine wissenschaftliche Arbeit, umfangreiche Sammlungen und vielfältigen Bestände versteht sich das SMI als verbindendes Element zwischen unterschiedlichen kulturellen Räumen – insbesondere zwischen Deutschland und Tschechien.

Zwar bestehen seit Mitte der 1990er Jahre institutionelle Partnerschaften, etwa mit dem Musikwissenschaftlichen Institut der Masaryk-Universität Brünn. Viele dieser Kontakte waren jedoch stark an einzelne Personen gebunden, die inzwischen nicht mehr aktiv sind. Ziel ist es nun, Beziehungen zur jüngeren Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aufzubauen und neue Fragestellungen zu entwickeln.

„Wir brauchen letztendlich eine neue Art der Erinnerungskultur, weil die Erlebnisgeneration weitgehend weg ist“, erläutert Meixner. Dabei richtet sich der Blick auch auf die ehemaligen Siedlungsgebiete, in denen heute Menschen leben, die kaum Kenntnis von der historischen Bedeutung ihrer Region haben. „Auch da muss man ran und sagen: ‚Schaut mal, was da alles Tolles da war.‘ Nicht um zu zeigen, dass dies was Fremdes ist, sondern es vielleicht identitätsstiftend für heute sein kann.“

Erinnerungskultur und transkulturelle Forschung

Für den Institutsleiter ist es wichtig, den Begriff der Erinnerung neu zu denken. Neben subjektiven Zeitzeugenberichten und persönlichen Erlebnissen gewinnt eine stärker distanzierte, wissenschaftliche Perspektive an Bedeutung. In diesem Zusammenhang erscheint ihm der Begriff „Musikland Böhmen-Mähren“ als transkultureller Raum besonders geeignet.

„Dies ist für mich jetzt das Betätigungsfeld, in das ich in Zukunft noch mehr reinschauen möchte, auch auf großflächige Entwicklungen und als ein transkulturelles Laboratorium in der Mitte Europas.“ Gemeint sind die jahrhundertelangen kulturellen Wechselwirkungen, gegenseitigen Einflüsse und Abgrenzungsprozesse, die diese Region geprägt haben. „Unsere klassische Musik in Europa wäre ohne die Praxis der musikalischen Bildung und die lebendige Musikpflege in Böhmen und Mähren eigentlich nicht möglich“, so Meixner.

Forschung zu Musik unter politischen Systemen

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Aufarbeitung der musikalischen Entwicklungen während der Zeit des Eisernen Vorhangs. Die Jahrzehnte des Kommunismus in der Tschechoslowakei und der DDR führten zu spezifischen Rahmenbedingungen für Komponisten und Musiker: politische Vorgaben, Einschränkungen der künstlerischen Freiheit und ein offiziell nicht anerkanntes sudetendeutsches Selbstverständnis.

„Da gab es den Begriff ‚Vertriebene‘ nicht offiziell, höchstens im familiären Rahmen. Welche Auswirkungen hat das auf die Musik? All das gilt es vielleicht zu untersuchen“, beschreibt Meixner. Besonders interessant sei das Spannungsfeld zwischen persönlicher Identität und öffentlicher Unsichtbarkeit. Solche Fragestellungen sollen künftig auch in Fachtagungen thematisiert werden.

Projekte, Archive und internationale Kooperationen

In Kirchen der ehemaligen böhmisch-mährischen Regionen wurden während der sozialistischen Zeit vielfach historische Notenbestände konfisziert. Diese werden nun wiederentdeckt, katalogisiert und wissenschaftlich ausgewertet. Das SMI ist aktuell Projektpartner bei der Wiederaufführung einer Messe des Benediktiner-Paters Maurus Haberhauer (1746–1799), eines Zeitgenossen Mozarts. Das Projekt unterstreicht die Rolle des Instituts als gefragter Kooperationspartner.

Parallel dazu werden die archivischen Grundlagen weiter ausgebaut. Geplant ist die Anschaffung eines professionellen Archivscanners mit Buchwippe und moderner Archivsoftware in Zusammenarbeit mit der Kultur- und Heimatpflege des Bezirks. Ziel ist es, Bestände künftig auch über Portale wie Archivportal-D oder die Deutsche Digitale Bibliothek zugänglich zu machen.

Publikationen, Lehre und Veranstaltungen

Die Ergebnisse der Forschungsarbeit sollen verstärkt in Vorträgen, Konzerten und Publikationen sichtbar werden. Neben einer stärkeren Eigenpräsenz – auch mit einer geplanten eigenständigen Homepage – steht die Aktualisierung zentraler Referenzwerke im Fokus. Das zweibändige „Lexikon zur deutschen Musikkultur Böhmen Mähren Sudetenschlesien“ soll in einer überarbeiteten, digitalen Fassung erscheinen. Auch ältere Datenbanken, etwa zu Rundfunkaufnahmen der Ersten Tschechoslowakischen Republik, sollen neu aufbereitet werden.

Die enge Zusammenarbeit mit der Universität Regensburg spielt dabei eine wichtige Rolle. Dr. Meixner wird im Sommersemester eine Lehrveranstaltung zum deutschsprachigen Musiktheater um 1800 anbieten. Die Nähe zu Hochschulen dient zugleich der Gewinnung wissenschaftlicher Hilfskräfte und dem Wissenstransfer im Umgang mit Archivalien. Konzerte und Vortragsveranstaltungen im Festsaal des Bezirks Oberpfalz, künftig auch in der Weinschenk-Villa sowie beim jährlichen Sudetendeutschen Tag bleiben eine tragende Säule der Institutsarbeit – ebenso Kooperationen in Tschechien.

Qualität der Musik im Mittelpunkt

Bei aller historischen und identitätsbezogenen Einordnung betont Meixner die künstlerische Qualität der Musik. „Mir ist klar, dass man da auf einer Rasierklinge sitzt. Aber ich glaube, wir tun den Leuten Gutes, wenn man sie eher von ihrer kompositorischen, von ihrer Identität als Musiker und Komponist, von ihrer Identität als Künstler betrachtet.“ Die sudetendeutsche Prägung sei ein wichtiger, aber nicht alleiniger Aspekt. Das weitreichende Netzwerk des SMI umfasst unter anderem das Collegium Carolinum, den Verband deutscher Archivarinnen und Archivare, den Bayerischen Musikrat sowie Kontakte zur UNESCO im Kontext des immateriellen Kulturerbes. „Es ist doch das Entscheidende, dass wir die ganzen Teilthemen zur böhmisch-mährischen Musiklandschaft wie Mosaiksteinchen wieder als Inhalt der musikalischen Bildung definieren“, fasst Meixner zusammen.

Mit Ausstellungen, Sonderpreisen – etwa im Rahmen von „Jugend musiziert“ – und weiteren Projekten in Planung stellt sich das Sudetendeutsche Musikinstitut unter neuer Leitung zukunftsorientiert auf, ohne seine historischen Wurzeln aus dem Blick zu verlieren.

Hinweis: Der Antrittsvortrag von Dr. Christoph Meixner als neuen Leiter des Sudetendeutschen Musikinstituts unter dem Titel: „Zwischen Hoffnung und Vernichtung – Böhmische Musik im KZ Buchenwald“ findet am Freitag, 23. Januar 2026, um 19 Uhr, im Festsaal des Bezirks Oberpfalz (Ludwig-Thoma-Str. 14, Regensburg) statt.

Text und Fotos: Markus Bauer

Weitere Infos

Dr. Christoph Meixner 
(geb. 1969 in Passau) ist seit Oktober 2025 Leiter des Sudetendeutschen Musikinstituts in Regensburg. Er bezeichnet sich selbst als „Regensburger von Passauer Geburt“, da seine Eltern bereits zur Zeit seiner Geburt in Regensburg lebten. Seine familiären Wurzeln reichen nach Böhmen: Der Vater wurde 1941 in Saaz geboren; dessen Brüder überlebten das Massaker von Postelberg im Jahr 1945. Diese Familiengeschichte prägt Meixners historisches und kulturelles Selbstverständnis.

Seine musikalische Ausbildung begann früh bei den Regensburger Domspatzen, denen er ab der dritten Klasse angehörte. Am Gymnasium der Regensburger Domspatzen legte er 1989 das Abitur ab. Nach dem Wehrdienst studierte er Musikwissenschaft und Geschichte an den Universitäten Regensburg und Ferrara und schloss das Studium mit dem Magister ab. 2003 promovierte er mit einer Dissertation zum Thema „Das Musiktheater in Regensburg im Zeitalter des Immerwährenden Reichstages (1623–1806)“ bei Prof. Dr. Detlef Altenburg.

Bereits während des Studiums war Meixner als studentische Hilfskraft tätig. Von 2003 bis 2010 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent am Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar. Anschließend leitete er bis September 2025 das Hochschularchiv und das Thüringische Landesmusikarchiv Weimar an derselben Hochschule.

Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagiert sich Dr. Meixner seit vielen Jahren ehrenamtlich in zentralen Musik- und Kulturinstitutionen. Er war von 2016 bis 2025 Vizepräsident der Mitteldeutschen Barockmusik, von 2020 bis 2024 Präsident des Landesmusikrats Thüringen, ist seit 2018 Vorstandsmitglied (Schriftführer) der deutschen Arbeitsgruppe von RISM und seit 2022 Mitglied im Bundesfachausschuss „Kulturelle Vielfalt“ des Deutschen Musikrats.

Darüber hinaus leitete er in Weimar über elf Jahre einen Kirchenchor und wirkte regelmäßig als Sänger in Chören mit. Mit dem Wechsel an das Sudetendeutsche Musikinstitut kehrt Dr. Christoph Meixner nach Regensburg zurück und bringt seine langjährige wissenschaftliche, archivfachliche und kulturpolitische Erfahrung in die neue Leitungsaufgabe ein.



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